Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 45 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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. Seite 6. Die Wahrheit Nr. 45. uns dem Kultus. dem Religionsrmterrichte und der -Wege unserer rituellen Einrichtungen hingeben, aber unter den gegebenen Verhältnissen habe der Kulmsvorstand doch noch eine weitere Wicht, er habe sich nicht an die Grenzen der ihm durch das Gesetz festgelegten Kompetenzen zu halten; es sei niemand da, der für uns Inden eintrere, der Vorstand muß daher die ihm durch das Gesetz vorgeschriebenen Befugnisse überschreiten und muß für unsere Glanbensbrüder und für unsere Gemeinden überall dort das Wort führen, wo es eben von anderer Seite geführt werden sollte, aber nicht geführt wird. Das war damals zur Zeit des hereinbrechenden oder schon hereingebrochenen Antisemitismus und diese meine Anschauung hat tatsächlich auch im Vorstand Anklaug gefunden; denn unmittelbar nachdem ich in den Vorstand eingetreten war, habe ich eine große Denkschrift vorgelegt, über alles das, was wir Inden an Verfolgungen, an Präteriernngen, an Gesetzwidrigkeiten zu leiden haben. Diese Denkschrift liegt heute noch im Archiv der Knltnsgemeinde, sie ist damals tatsächlich dem betreffenden Minister überreicht worden und ganz wirkungslos war die Sache doch nicht. Und wenn Ihnen, meine hochverehrten Herren, in dem jetzigen Wahlaufrufe wieder als Wicht des Vorstandes angegeben wird, daß er für unsere verfolgten, gequälten nnd präterierten Glanbensbrüder eintrele, so vermisse ich in diesem Aufrufe nur ein Wort, daß es darin heißen sollte „wie bisher" oder „wie seit jeher". Denn das alles hat der Gemeindevorstand seit zwanzig Jahren tatsächlich geübt und er wird in diesem Sinne und in diesem Geiste auch weiter seine Tätigkeit fortsetzen. Und noch in anderer Richtung gestatten Sie mir, meine hochverehrten Herren, dem Aufrufe, den Sie ja wahrscheinlich aus den Zeitungen kennen werden, eine Ergänzung beizufügen. Es ist ja selbstverständlich, daß eine Wiener Knltnsgemeinde. wie schon der Name' sagt, in allererster Linie dem Kultus sich -zu widmen nnd alle damit verbundenen religiösen und rituellen Einrichtungen zu schaffen nnd zu pflegen hat. Das alles ist ja selbstverständlich, nnd — sollte man glauben — überflüssig, das alles einem Aufrufe an die jüdische Wählerschaft noch hinzuzufügen. Aber die Mißverständnisse, welche das bekannte Wort „Religion ist Privatsache" bei uns gefunden hat nnd bei dem Umstande, als die Aufgabe des Knltnsvorstandes nach einer anderen Richtung, die ich bereits früher ermähnt habe, so außerordentlich betont wird, und gerade in der heutigen Zeit doch für notwendig gefunden wird, halte ich es auch für notwendig. daß in einem Aufrufe, in welchem Kandidaten für die Wahl in den Knltusvorstaud empfohlen werden, zu allererst nahe gelegt werde, daran zu deuken> daß für einen Knltusvorstand die Aufgabe gegeben ist, und die Pflicht, die religiösen Einrichtungen zu wahren und zu fördern. (Lebhafter Beifall.) Meine sehr verehrten Herren! Ich will Sie nicht länger ermüden, ich glaube vielmehr mit diesen Worten bereits die Richtung angedeutet zu haben, welche ich in den 24 Jahren, seitdem ich im Kultusvorstande zu wirken die Ehre habe, eingehalteu und eigentlich in einem allerdings beschränkteren Kreise —: möchte ich sagen — schon seit langen, langen Jahren vorher für unsere Gemeinde und die Judenschaft im allgemeinen betätigt habe. Es ist der gerade Weg. den ich wandelte, das ist der Weg, den ich auch weiter wandeln werde und solange mein Körper, mein Herz und mein Kopf mir beistehen, so lange will und werde ich mein Bestes für das Wohl unserer Gemeinde und für das Wohl unserer Glaubensbrüder, für unser armes, gequältes und verfolgtes Volk beitragen, umsomehr, als mancherlei dafür spricht, daß gerade jetzt ein entschiedenes und kräftiges Eintreten, vielleicht mehr als je. erferderlich sein wird. Hiemit. meine sehr verehrten Herren, schließe ich meine Kandidatenrede. (Großer Beifall und andauerndes Händeklatschen.) Ich werde jetzt der Reihe nach die Herren auf die Tribüne rufen, welche als Kandidaten sich vorstellen wollen und dann werde ich den Herren, welche zu Anfragen das Wort wünschen oder sonstige Wünsche ans dem Herzen haben, das Wort erteilen. Vorher möchte ich noch bekanntgeben, daß — wie die geehrte Versammlung schon wissen wird — Herr Dr. Anselm H a l p e r n erklärt hat, daß er nicht mehr für den Vorstand kandidiere. Ich selbst habe ihn, der ein sehr eifriges Mitglied des Vorstandes war, dazubewegen versucht, er nnöge seine Kandidatur aufrecht erhalten. Er lehnte jedoch aus verschiedenen Gründen ab. Wenngleich seine Tätigkeit im Vorstände nur zwei Jahre gedauert hat, sind wir ihm doch Dank für dieselbe schuldig. (Lebhafte Zustimmung.) Nun bitte ich Herrn Kollegen H off m a n n das Wort zu ergreifen. :; Emanuel Hoffmanrr: Meine sehr geehrten Herren! Nach den Ausführungen unseres hochverehrten Präsidenten, neben dem ich mich seit zirka 20 Jahren dem Dienste der Knltnsgemeinde widme, möchte ich darauf verweisen, daß ich vor der Einverleibung der Vororte in Währing 16 Jahre hindurch als Präsident der damaligen selbständigen Knltnsgemeinde, soweit es in meinen Kräften lag. mein bestes Können in den Dienst unserer Gemeinde gestellt habe. Ich bin kein Redner, sondern ein — Arbeiter. Wenn Sie mir wieder Ihre Stimme geben wollen, so wird es mir eine besondere Ehre und ein großes Vergnügen sein, auch weiterhin für unsere Gemeinde zu arbeiten. Ich bitte Sie deshalb um Ihre Stimmen. (Lebhafter Beisall.) Vizepräsident Dr. Gustav Kohlt: (Mit anhaltendem Beifall begrüßt.) Meine sehr verehrten Herren! Ich danke Ihnen vor allem für den freundlichen Empfang und glaube mich ganz kurz fassen zu dürfen. Ich diene der Gemeinde seit dem 1. Jänner 1885, d. i. seit 27 Jahren. Wenn man in dieser Zeit nicht nur schon ein Programm entwickelt, sondern auch zur Ausführung gebracht hätte, so wäre das eine sehr böse Sache. Ich selbst bin auch kein Jüngling mehr und dürfte mich in den letzten Jahren meines Lebens nicht mehr ändern. Wenn Ihnen die Tätigkeit, die ich bisher entwickelt habe, genehm ist und wenn Sie diese meine Arbeit als mein Programm anznsehen belieben, stelle ich mich auch für die weitere Zukunft gerne zur Verfügung. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Professor Dr. Josef Pollak: (Lebhaft begrüßt.) Ich, meine verehrten Herren, kann mich nicht, wie meine Vorredner, auf eine 24 jährige oder gar ans eine 27-jährige Tätigkeit im Vorstand berufen, wiewohl auch ich schon ein alter Jude bin. Ich stehe seit 6 Jahren im Dienste der Knltnsgemeinde. Als ich mich Ihnen das erstemal vorstellte, haben Sie mich von meiner bernflichen Tätigkeit ans gekannt nnd manche wußten auch, daß ich mit ganzem Herzen den Interessen des Judentums nachgehe. Sie haben mich gewählt, weil Sie meinem Versprechen glauben konnten, daß ich stets ein aufrechter Jude war und es bleiben werde und daß ich meine Kräfte besonders jenem Teile der Agenden in der Gemeinde zuwenden werde, der mir zunächst liegt, nämlich den Wohltätigkeitsanstalten,' dem Spital und dem Versorgnngshans. (Beifall.) Ich kann mit Genugtuung sagen, daß ich mein Versprechen vollauf erfüllt habe, daß ich zu den ' fleißigsten Mitgliedern des Vorstandes gehöre und seit 4 Jahren im Vertreter-Kollegium sitze. (Neuerlicher Beifall.) Ueber meine Tätigkeit kann ich. ohne unbescheiden zu sein, wohl sagen, daß ich an dein Emporblühen unseres Spitals wohl einen kleinen Anteil habe, insofern, als ich nach dem Tode des um das Spital so hochverdienten Hofrates Professor O s e r das Referat über die Besetzung der Direktorstelle nnd zweier Primarärzte im Spital inne hatte. Ich kann mit besonderer Befriedigung konstatieren, daß es ein glücklicher Tag für die Gemeinde und das Spital war, als über meinen Vorschlag Professor Fleisch m a int zum Direktor nnd später die Dozenten B r a n n und B r e n e r zu Primarärzten erwählt wurden. Es war das nicht nur ein Segen für unsere Patienten, die außerordentlich liebevolle und in jeder Richtung erstklassige Arzte bekommen haben, das war auch für die Finanzen der Knltnsgemeinde ein großer Gewinn, denn trotz der großen Teuerung, unter welcher-'wir alle heute zu leiden haben, ist es gelungen, im Spital dem Schmerzenskind und zugleich dem Glanzpunkte Unserer Einrichtungen das Gleichgewicht zu erhalten. Wir müssen 250.000 Kronen jährlich Zuschuß, ansgeben, aber trotz der vermehrten Frequenz der Anstalt war eine Erhöhung dieser Subvention nicht möglich. In jüngster Zeit habe ich auch meinen Anteil an den Arbeiten, für das neu zu errichtende 'Kinderspital, was gerade jetzt bei dessen Gründung von größter