Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 45 (22.11.1912)
- Date
- 1912-11-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45. Die Wahrheil Seite 5. Aufenthaltes jüdischer Kaufleute und ihrer Angestellten außer, dem Ansiedlungsgebiet. Auch diese Bestiinmungen haben sich zu ' neuen Beschränkungen der Bewegungsfreiheit Heransgebildet. Der Bericht weist darauf hin, daß solche Beschränkungen großer Teile der Bevölkerung für das ganze Reich verderblich sein müssen. Nach der amtlichen Statistik bilden die Juden ein Viertel der städtischen Bevölkerung im ganzen europäischen Rußland und sogar ein Drittel der ganzen Kaufmannschaft. Im Nordwesten steigt dieses Verhältnis noch bedeutend. Da die Juden in Rußland die Funktion von Vermittlern zwischen dem Hersteller und dem Verbraucher aller Waren ansüben, haben sie im Nordwesten, Süden und Südwesten, wo sie zahlreich vertreten sind, diese Funktion fast ausschließlich in ihren Händen. Die künstliche Fernhaltung der im Handel tätigen Bevölkerung vom Mittelpunkte der Industrie bedeutet daher einen gewaltigen Verlust nicht nur für die jüdischen Kansteute. sondern für die viele Millionen zählende nichtjüdische Bevölkerung des Ansiedlungsbezirkes, die ihren ganzen Warenbedarf aus jüdischen Händen bezieht und auch für die von der Großindustrie abhängigen Klassen, die einen bedeutenden Teil ihrer Arbeitsprodukte durch Vermittlung von Juden ans den Markt bringen. Die Bewegungssreiheit der jüdischen Kansteute einschräuken heißt den Blutkreislauf in einem lebenden Körper unterbinden. Die Gesellschaft der Moskauer Industriellen, die zur Wahrung der Interessen der russischen Industrie berufen ist, hält es für seine Pflicht, auf diese Verhältnisse hinznweisen, die zwar schon lange bestehen, die aber in der letzten Zeit eine äußerst drückende Gestalt angenommen haben. Viele jüdische Firmen haben sich infolge der unerträglichen Lage aufgelöst. Zum mindesten fordert die Gesellschaft einen Aufschub im Vollzug weiterer Ausweisungen, da die Realisierung der Ernte das ganze geschäftliche Leben anregt und in diesem Augenblick die Störung besonders schwer empfunden wird. Ferner wünscht sie die Zulassung aller-Juden zu allen Messen auch zu der von Nishny-Nowgorod, während der ganzen Dauer der Messe, und die Aufhebung der Kontrolle der Geschäftsreisen jüdischer Kansteute. -i- * Bisher sind in die neue russische Reichsduma drei jüdische Abgeordnete gewählt worden. In Kowno wurde der frühere jüdische Abgeordnete Friedmann wiedergewählt.. In Kurland wurde Dr. Gurewitz und in Lodz Dr. Bomasz gewählt. Die letztgenannten zwei Abgeordneten sind in der breiten jüdischen Oeffentlichkeit wenig bekannt, haben sich aber im jüdischen Leben ihrer Wohnorte erfolgreich betätigt. Die Wiener Knllnvnmlstei». Das vom Zentralwahlkomitee mit denZionisten abgeschlossene Kompromiß schien das allgemeine Interesse an den heurigen Knltuswahlen stark herabgesetzt zu haben und so zeigte die erste vom Knltusvorstande Montag, den 17. d. M. im Beethovensaale veranstaltete offizielle Wählerversammlnng einen auffallend schwachen Besuch und auch die zionistische Wählerversammlung, die anfangs der Woche stattfand, brachte, abgesehen von den jugendlichen Statisten, nur sehr wenige wirkliche Wähler auf. Mit der Nähe des Wahltages begann aber das Interesse zu wachsen und so erfreute sich die zweite offizielle Wählerversammlnng im Hotel Guth nicht nur eines sehr starken Besuches, sondern sie bot auch in einzelnen Momenten der Debatte ein höchst bewegtes Bild, das von dem früheren Jndifferentismus sich vorteilhaft abhob. Leider kam es im späteren Verlaufe der Debatte infolge Provokationen oppositioneller Wortführer zu höchst bedauerlichen Tumulten, die den Vorsitzenden zum Schließen der Versammlung veranlaßte. Im Nachstehenden der Bericht über die Versammlung im Beethovensaale: Präsident Dr. Alfred Stern: Ich habe die Ehre, die heutige Wählerversammlung zu eröffnen und Sie, meine hochgeehrten Herren, namens des Vorstandes auf das herzlichste zu begrüßen. Der Bericht des Vorstandes über die beiden letzten Verwaltnngsjahre ist in Ihren Händen und ich halte es nicht für angezeigt, denselben zu verlesen, zumal ich denke, daß Sie alle diesen Bericht über die Tätigkeit des Vorstandes zur Kenntnis genommen haben werden. Wenn ich aber aus diesem Tätigkeitsberichte doch einiges hervorheben soll, so ist es besonders das Moment, daß wir in diesen zwei Jahren, seitdem wir uns das letztemal znsammengefnnden haben, eine Anzahl hochansehnlicher und schätzenswerter Mitglieder dieser unserer Gemeinde durch den Tod verloren haben. (Die Versammlung erhebt sich von den Sitzen.) Wie Sie alle wohl wissen, ist Herr David Ritter von Gutmanu, dessen Namen mit so vielen unserer Gemeinde- und Wohltätigkeitsanstalten sowie auch mit unserer Gemeinde selbst unvergänglich verknüpft ist, dahingeschieden. Aber ganz besonders har er sich — wie Ihnen wohl zur Kenntnis gekommen ist — auch noch durch eine Spende, welche er wenige Wochen vor seinem Tode zur Gründung eines jüdischen Kinderspitales gemacht hat. ein dauerndes Andenken in unserer Mille erworben. Ein weileres treues Mitglied hat der Vorstand in der Person des Herrn Max Frank verloren, der einer der ausgezeichnetsten Referenten für unser Budget war. das bekanntlich nicht gar so leicht anfzufassen ist. In Freiherrn Albert von Rothschild hat unsere Gemeinde einen Gönner verloren, der noch kurze Zeit vor seinem Hinscheiden — und ich darf wohl sagen über meine Initiative — durch eine große, hochherzige Schenkung eine Vergrößerung unseres Spi:ales ermöglicht hat. Dieses nächst dem Spital befindliche Haus wurde dann adaptiert und für Spitalzwecke eingerichtet. Einen schmerzlichen Verlust hat die Gemeinde ferner durch das Ableben des Herrn Bernhard P o l l a k von P a r n e g g erlitten, der allerdings nur kurze Zeit dem Vorstande und dem Vertreterkollegium augehört hat. Weiters möchte ich noch erwähnen des Architekten Jakob Modern, der — wie Sie alle wohl wissen — wenn auch nicht im Gemeiudevorstande, doch als Vorstandsmitglied des Bethansvereinesfür den VIII. Bezirk sich für unsere Gemeinde namhafte Verdienste erworben bat. Speziell als Mitglied des Bankomitees der Knltusgemeinde hat er sich um diese besonders verdient gemacht, da er wirklich mit ganzem Herzen und seinem ganzen Können für die Interessen unserer Gemeinde gearbeitet hat. Noch möchte ich erwähnen, daß vor kurzem eine sehr verdienstvolle Frau aus dem Leben geschieden ist, Frau Regine Land eis, die sich in außerordentlich werktätiger Weise der armen, verlassenen, jüdischen Kinder angenommen hat. Schließlich soll eines verdienten, ehemaligen Mitgliedes des Vorstandes, des Herrn Hofrat k. k. Hafenbaudirektors Taussig, nicht vergessen werden, der infolge seiner Krankheit schon vor Jahren aus dem Vorstände geschieden ist. Ich hätte eigentlich noch dieses 24a8bcir Isssollovaarig in mehreren Punkten zu ergänzen, denn wir haben leider noch eine weitere Reihe teurer Gemeindemitglieder verloren und Sie, meine hochverehrten Herren, haben durch Erheben von den Sitzen schon bekundet, daß wir ihnen allen in diesem Kreise ein trenes Andenken bewahren werden. Ich befinde mich heute hier in einer eigentümlichen Lage, denn es ist meine Aufgabe, als Präsident der Knltusgemeinde dieser vom Vorstand einberufenen Versammlung zu präsidieren, andererseits habe ich mich Ihnen heute auch in meiner Eigenschaft als Kandidat für den Vorstand vorzustelleu. Es ist dies ein sonderbarer Fall, daß ich gleichzeitig präsidieren und kandidiren muß, aber ich werde mich dieser Doppelausgabe so gut oder vielleicht auch so schlecht als es geht, zu entledigen trachten. Vielleicht ist es auch ein sonderbarer oder wenigstens sehr seltener Fall, daß ein Mann wie ich. noch im 82. Lebensjahre als Kandidat für eine öffentliche Korporation vor einer Wähler? Versammlung erscheint. Aber, ich glaube, bezw. ich halte mich verpflichtet, die Tage oder Jahre, welche mir noch von Gott beschieden sind und so lange mein Körper es erlaubt, so lange mein Herz für meine Glaubensbrüder so warm schlägt und meine geistigen Fähigkeiten mehr oder weniger beisammen sind, dem Dienste meiner Glaubensgenossen zu widmen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Seit 24 Jahren gehöre ich dem Vorstande unserer Gemeinde an und als ich vor 24 Jahren in einer Versammlung ungefähr um dieselbe Zeit vor die Wähler unterer Gemeinde l hintrat, da sagte ich: „Es ist eine sehr schöne Sache, daß wir