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Die Wahrheit · 1912-11-22 · Heft 45 (22.11.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 45 (22.11.1912)
Date
1912-11-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die solcher Fall von Zwangstaufe, in welchem es dem Vertreter der Eltern des getauften - Kindes, Vizepräsidenten der Krakauer Kultusgemeiude Dr. Rafael Landau, gelungen ist, ein Urteil zu erwirken, durch welches das Kloster verpflichtet wird, das . Kind herauszngebeu. Und da die Oberin des Klosters diesem Urteil nicht entsprechen wollte, begab sich Dr. Landau, der sich schon feit vielen Jahren in dankenswerter Weise dieser Angelegenheit, annimmt, zum Erzbischof Sapieha in Audienz, um ihm die ganze; Sachlage zu unterbreiten und um seine Intervention zu bitten. Der Erzbischof sprach über dys Gehörte seine Entrüstung aus und erklärte ganz kategorisch, daß gerichtliche Urteile auch von einem Kloster unbedingt respektiert werden müssen und daß demzufolge das betreffende Kind auf Grund des Urieiles den Eltern überantwortet werden müsse. Die Stellungnahme des Erzbischofs ist von großer Bedeutung, da sie sehr geeignet ist. dazu beizntrageu, daß der Raub jüdischer Mädchen zum Zwecke der Taufe im Kloster der Felizianeriunen allmählich ein definitives Ende finden wird. Man ist in der öffentlichen Meinung Galiziens der Ansicht, daß die Felizianerinneu, welche den Landes- und Reichsgesetzen bisher den Respekt versagten, sich den Anordnungen ihres Kirchensürsten vielleicht doch nicht widersetzen werdet!. * * Der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin läßt uns folgende Mitteilung zugehen: Durch den Krieg auf dem Balkan ist in die jüdischen Gemeinden der kriegführenden Staaten, namentlich in Bulgarien und der Türkei, fehr großes Elend eingezogen. Schon die Unterhaltung derjenigen Familien, deren Ernährerunter die Fahnen gerufen worden sind, erfordert große Opfer. Die Schrecken und Verheerungen des Krieges haben aber weiterhin — befonders in der Türkei — über viele Tausende von Juden Unheil und Verderben gebracht. Aus den dringlichen Bittgesuchen, die dem Hilfsverein der deutschen Inden täglich in großer Zahl zngehen, ist die Not dieser unglücklichen Opfer des Krieges, die. mit Weib und Kind, alles im Stiche lassend, aus ihren Wohnstätten haben flüchten müssen, ersichtlich und der Hilfsverein hat dementsprechend gemeinsam mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. unverzüglich eine geeignete Hilfsaktion in die Wege geleitet.. Zur Linderung der ersten Not sind 10.000 Frcs. zur Verfügung gestellt morden. Da die vorhandenen Mittel gegenüber den umfangreichen Anforderungen nicht genügen, bittet er alle Frennde feiner Bestrebungen um möglichst reichliche Beiträge für diesen Zweck. Ueber die Schrecken des Krieges und die Leiden, die der Krieg befonders auch über unsere Glaubensgenossen auf dem Balkan gebracht hat. gibt auch nachfolgender Brief, der noch vordem Falle Salonikis an ein Mitglied des Vorstandes des Hilfsvereines gerichtet worden ist, beredte Auskunft: «... Die Worte fehlen mir. um Ihnen die Schrecken und die Not der Zeiten, die wir durchleben, zu schildern. Saloniki macht den Eindruck einer Stadt in Trauer. Unsere Gemeinde, die durch die ökonomische Krise aller ihrer Mitglieder seit dem türkisch-italienischen Kriege bereits verarmt ist. befindet sich jetzt, seitdem der Balkankrieg mit allen feinen Greueln zmn Ausbruch gekommen ist. in der allerelendesten Lage. Die Stadt selbst sieht aus. wie ein großer Friedhof. Wir Inden stehen vor der ungeheuren Ausgabe, solidarisch Hilfe zu leisten und sind doch völlig unfähig, sie zu erfüllen. Es handelt-sich zunächst um die bedürftigen Familien der israelitischen Soldaten, die ohne Mittel zurückgeblieben sind und die buchstäblich Hungers sterben müssen, wenn ihnen nicht Hilfe gebracht wird. Dazu kommt die große Schar eingewanderter Juden, die vor dem Kriege aus dem Innern geflohen sind und mit jedem Zuge ankommen. Es sind Arme, Greise, Frauen, Kinder. Kranke, ganze Familien aus Karaferia, Jstip. Uesküb usw., die ihr Hab und Gut im Stiche gelassen haben. Es ist ein namenloses Elend mit seinem ganzen Gefolge von Schrecken. Trauer und Hilflosigkeit: Und es konimen alle Tage mehr. Wir sind schon überschwemmt; das Publikum gibt; es opfert sich ans, denn es leidet gleichfalls unter der schrecklichen Krise". Wahrheit. Nr. 45. Infolge der immer netten Schreckeilsmeldttngen. die aus allen Teilen der-kriegführenden.Staaten kommen,. hat der Hilfsverein der deutschen Juden gemeinschaftlich mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. die erste Räte für. das Hilfswerk auf 25.000 Frcs. zu erhöhen beschlossen. . Gegenüber der Größe des Elends, das von Tag zu Tag wächst, ist auch diese Summe nur sehr geringfügig. Daher werden alle Glaubensgenossen gebeten, weitere reichliche Spenden-für die Opfer des Balkankrieges einzusenden. Die Geldsendungen sind zu senden an: Kommerz- und Diskontobank. Depositenkaffe C, Berlin,' Charlottenstraße 47 oder an den Vorsitzenden des Hilfsvereines der deutschen Inden, Herrn Dr. James Simon, Berlin, Tiergärtenstraße 15 a und an den Präsidenten der Großloge für Deutschland U. O. B. B., Herrn Geheimrat Timendorfer, Taubenstraße 16/18. * -r- * Angesichts der Wahrscheinlichkeit, daß Salonichi, welches bekanntlich ungefähr zwei Dritteile jüdische Bevölkerung hat, in Zukunft unter griechischer Verwaltung stehen wird, ist eine offiziöse Preßstimme über die Stellung Griechenlands zu den Juden höchst bemerkenswert. Anlaß hiezu gaben Gerüchte über eine angeblich feindselige Haltung der Spaniolen in Salonichi gegen die Griechen, die die Agence d'Athönes kategorisch dementierte. Gleichzeitig stellte sie fest, daß Griechenland umsomehr auf die Sympathie und den Patriotismus der Israeliten rechnet, als es eines der ersten Länder war, das den Israeliten volle Gleichberechtigung gewährt hat. Uebrigens hat der König bei seiner letzten Fahrt durch Thessalien in Trikala im' Hause eines israelitischen Notabeln gewohnt, und Griechenland ist der einzige Staat des Orients, wo Israeliten im Staatsdienste, auch als Richter, tätig sind. * * * ■ Wie die „Frankfurter Zeitung" mitteilt, hat der Vorsitzende des Moskauer Industriellen, Gushon, an den Ministerpräsidenten eine Eingabe über die Judenverfolgungen gerichtet, die manche höchst bemerkenswerte Aenßerungen enthält. Die Eingabe perweist zunächst darauf, daß sich in letzter Zeit die Fälle von Ausweisungen jüdischer Handwerker und Kauflente aus den Städten der „inneren Gouvernements" und den Dörfern des Ansiedlungsbezirkes außerordentlich vermehrt haben. Inden, die seit Jahrzehnten unbehelligt unter den Augen der Behörden, lebten, wurden ausgewiesen und oft noch ihre Ware konfisziert. Die Behörden legen die Gesetze immer zu nngnnsten der Inden aus, stützen sich auf tdie oft widerspruchsvollen Senatsinterpretativnen und auf ihre eigene Willkür. Wenn aber lang ansässige Kaufleute ausgetrieben werden, so bedeutet dies für die ganze Volkswirtschaft und namentlich die Interessen der Kaufmannschaft eine sehr ernste Gefahr. Die Eingabe will die rechtliche und politische Seite der Frage nicht prüfen, umso dringender aber auf den Schaden Hinweisen, der auch der russischen Industrie durch die juden, feindlichen Maßnahmen droht. In den vertriebenen Juden verlieren Handel und Industrie begabte und erfahrene Vermittler, sie erleiden aber auch einen unmittelbaren Sachschaden, da die Zahlungen hex Vertriebenen oft eingestellt, zum mindesten aber verzögert werden. Vor allem bedeutet die Konfiskation der Waren jüdischer Kauflente gewöhnlich eine Schädigung des Lieferanten, der sie auf Kredit geliefert hat. Abgesehen von der Ausweisungspolitik hat die Verwaltung in den letzten Jahren auch außerordentliche Maßnahmen zur Beschränkung der Reisetätigkeit jüdischer Kauflente getroffen, die gesetzlich das Recht haben, jedes Jahr zu Geschäftszweckeu sich einige Monate lang außerhalb des Ansiedlnngsbezirkes aufznhalten. (Die Dauer des Aufenthaltes hängt von der Höhe der von dem jüdischen Kanfmanne bezahlten Gildensteuer ab.) Vor allem sucht man ihnen den Aufenthalt auf den Dörfern unmöglich zu machen, wo die Inden oft ihre Waren einkanfen müssen. So hat der Moskauer Gouverneur vor anderthalb Jahren verboten, die Juden auch nur einige Stunden außerhalb der Städte bleiben zu lassen. Der Bericht weist ferner auf die Einschränkungen hin, die der Gouverneur von Nishnh-Nowgoryd gegen die an der Messe beteiligten Inden traf und auf die vor einigen Monaten erlassenen Bestimmungen über die Registrierung der Dauer des

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