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Die Wahrheit · 1912-11-15 · Heft 44 (15.11.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 44 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 44. Die Wahrheit Seite 9. .ÄieHumanität, mit der Gottesfurcht die Menschenliebe geschwunden. Mil dem alten Glauben ist auch die alte Zeit entwichen, da noch die frommen Inden drei Gebote , als die höchsten an- -iahen: „Gastrecht üben. Kranke pflegen und zum Grabe hin die Toten mit Gebeten begleiten." Immer seltener werden die Ghettolypen, zu denen auch der Krankenbesucher (Ne^vaksr) zählte, ein Titel, welcher früher das höchste Lob bedeutete, das einem Mitgliede der Gemeinde gespendet werden konnte. Dieser wackere Mann bestiß sich der Ausübung jener wahrhaften Wohltätigkeit, bei der man auf keine Vergeltung rechnet und betrieb vdiese Liebespsticht mit einer gewissen Kunst, mit der peinlichsten Vor- und Umsicht. Er kam und ging zur Zeit, sprach nie ein unbedachtes Wort. das den Kranken beunruhigte und bemeisterte sogar jeden Gesichtsansdrnck, der diesen wegen seines Zustandes hätte beängstigen können. Seine sympathische Erscheinung üble einen geheimnisvollen Zauber ans, gleich jenem, wunderbaren Stein, den der Patriarch Abraham am Halse trug und dessen Anblick jeden Kranken heilte. Er bannte durch seine unterhaltenden Reden, seine angenehme Gesellschaft, die Todesgedanken und 'Todesfurcht, welche Kranke oft hegen. Durch die zartsinnige 'Aufmerksamkeit, die er dem Kranken, dem Aermsten der Armen, .zuteil werden ließ wandelte er das Krankenlager in ein Ruhebett um. Unser wehleidiges Geschlecht aber begnügt sich mit der Erkundigung nach dem Befinden und entschlägt sich der heiligen 'Pflicht, deren persönliche Erfüllung dem Besuchenden manchen geistigen Gewinn bieten dürfte. Denn das Verweilen in der 'Nähe der Kranken lehrt Entsagung und Selbstüberwindung. Der Anblick krs Schmerzes reinigt und läutert, veredelt und versittlicht. Aber selbst die Vorsteher des Vereines für Krankenbesuch (Bikur Oholim) üben in arger Verkennung der Bedeutung dieser .Institution ihr Amt nicht persönlich aus. Die Rabbiner, welche fast' überall Lehrer sind, deren Zeit von Unterrichtsstunden ansgefüllt ist. können diese Pflicht nicht, wie es sich gebührte, in den Bereich ihrer priesterlicheu, seelsorgerischen Tätigkeit ziehen. Manche wollen sich im Studium der Gotteslehre, welche alle guten Taten aufwiegt, nicht stören lassen, obwohl sie zur Zeit, da es gilt, ein gutes Werk zu üben, die Forschung des Gesetzes unterbrechen dürfen (Ps. 119, 128). wie ja dem Kranken zuliebe inanche rituelle Verordnung (Orach Chaiim C. 278, 328, 678) außer Kraft gesetzt wurde. So wird die Uebnug dieses Liebeswerkes. „dessen Früchte der Mensch in diesem Leben genießt und dessen Gotteslohn ihm als Kapital für das Jenseits anfbewahrt bleibt", arg vernachlässigt. Und keiner fühlt sich berufen, an diese religiöse Pflicht zu erinnern und den Weg zum Kranken, den Gottesweg, zu zeigen. Als einst ein Schüler R. Akibas erkrankte, von den Gelehrten aber nicht besucht wurde, ging R. Akiba selbst zu ihm, lüftete, reinigte die finstere Wohnung, brachte dessen Lagerstätte in Ordnung, so daß er infolge dieser liebevollen Behandlung bald genas. Mit tief empfundenem Danke für diese Opferwilligkeit sprach der Genesende zu R. Akiba: „Lehrer, du hast mich neu belebt!" Daraufhin hielt R. Akiba -einen Vortrag, in welchem er den Gedanken ansführte: wer nicht Kranke besucht, sündigt so, als hätte er einen Mord be- .gangen. Denn nichts quält den Patienten mehr als das Gefühl 'der Verlassenheit. Weltvergessen gleich dem Einsiedler, in die Krankenstube -gesperrt, dem Grübeln über seinen Zustand überlassen, macht -er sich noch selbst den Vorwurf, daher diese Gleichgiltigkeit der 'Nebenmenschen, diese Unfreundlichkeit der Umgebung, durch sein ungeselliges Wesen selbst verschuldet habe. Doch möge er sich über diese Teilnahmslosigkeit mit dem königlichen Säuger trösten, von dem ja auch Freunde, Bekannte nitb Genossen zur Zeit seiner Krankheit sich fernhielten, obwohl er stets gegen sie liebevoll und menschenfreundlich gehandelt, bei ihren Leiden sich durch Fasten abhärmte, für sie beständig betete, „als wäre es -ein Freund und Bruder, als galt es der Trauer um die Mutter, so betrübt und gebückt ein her ging." 'Diese Klagen des Psalmisten über erfahrenen Undank, welche vielen seiner Leidensgefährten aus der Seele gesprochen sind, iverden Balsam auf ihre Wunden streuen und ihren Unmut verscheuchen. Aber die Psalmen werden nicht bloß Beruhigung wegen der Vereinsamung dem Kranken gewähren, sondern ihm auch den Freund vollständig ersetzen. Und wenn nach dem Aussprüche der Weisen der Besuch eines Altersgenossen ein Sechzigstel der Krankheit entzieht, so werden die Psalmen, diese wahren Freunde der Leidenden, durch die geistige Erhebung, welche sie ihm bereiten, die Krankheit um einen bedeutend größeren Teil vermindern, „Denn der Geist pflegt den Mann zur Zeit der Krankheit, ist aber dieser gesunken, was vermag ihn aufzurichten?" (Sprüche 18, 14). Aus ihnen schöpft er heitere, die Genesung fördernde Ruhe, das sicherste Heilmittel, die Hoffnung auf Besserung und unerschütterliches Vertrauen auf Gott, der die gebrochenen. Herzen heilt und ihre Wunden verbindet. Au dem Vorbilde des königlichen Dulders erhebt sich seine Seele über die Anfechtungen und Gebrechen des kurzen Daseins hinweg zum Ewigen, Unendlichen. Er lobt Golt. „der Tag für Tag uns erträgliche Leiden anfbürdet, uns aber auch die Hilfe, die Ansgänge weist, die selbst über den Tod uns hinwegführen". Wer gleich dem Psalmisten die bangen, düsteren Stunden in qualvollen Nächten mit Psalmengebeten zngebracht, unter Betrachtungen über dieselben die Tagesdümmerung sehnsüchtig erwartet hatte und am Morgen durch die gewonnene Fülle des Glaubens sich nenbelebt. gestärkt und gekräftigt fühlt, an diesem haben die Psalmen ihre wunderbare Heilkraft bewiesen. (Schluß solgt.) Uerschiedeue Nachrichten. Wien. (Vorlesungen am Wiener B e t-H am i d r as ch.) Herr Dr. Ariuaud Kami u k a ist von seiner Palästina-Reise znrückgekehrt und beginnt nächsten Mittwoch seine Vorlesungen am Bet-Hanudrasch, welche wie in früheren Jahren, wie folgt statrfinden: Jeden Mittwoch 7—8 abends: Maimonides, Religionsphilosophie (More Nebnchim, HI). Jeden Donnerstag 6—7: Talmud, Traktat Sanhedrin. Wien. Freitag - A bend-Vorträqe. auch Frauen zugänglich, am Bethamidrasch „Talmud-Thora, II., Malzgaffe 16. Freitag, den 15. November 1912: Herr Prof. A n t s ch e r l: „Die geschichtlichen Ereigmffe des Monats K'slew". Freitag, den 22. November 1912: Herr Rabbiner H. Schenk: „Die Psalmen". Beginn jedesmal um halb 8 Uhr abends. Wien. (Indische Toynbeehalle. XX., Othmargaffe 46.) Beginn der Borträge: An Wochentagen */2 8 Uhr. Samstag, sowie an Sonn- und Feiertagen 7 Uhr abends. Eintritt frei für jeden Erwachsene». Bortrags-Programm für die Zeit vom 16. November 1912 bis 22. November 1912: Samstag, den 16. November. Konzert, Arrangement Frau Elsa F r e u n d - F n n k. Sonntag, 17. November. „Jaroslaw Brchliöky", Dr. H e r r m a n n. Montag, den 18. November. Lireratnr-Zyklns, zweiter Abend. Dienstag, den 19. November „Das Judentum im I. nachchristlichen Jahrhundert". Dr. Mor. Kanfmann. Mittwoch, den 20. November. „Die Inschriften des Jndenfriedhofes in der Seegaffe", Dr. Beruh. W a ch st e i n. Donnerstag, den 21. November, „Zeitgemäße Erziehnngsbedürfniffe", Direktor Viktor Zwilling. Freilag, den 22. November, Bibelvortrag. Wien. (B e k l e i d u n g s f e st'!. Der Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israel. Konfeffion. H., Ferdinandsstraße 22. veranstaltet Sonntag, den 17. November, präzise 3*/2 Uhr nachmittags, im Festsaale des „Hotel Continental", II.. Taborstraße 4. das übliche Bekleidungsfest. Mit Rücksicht auf das große Elend unter der armen jüdischen Bevölkerung hat der Verein im heurigen Jahre eine ungewöhnlich große Anzahl von Bekleidungen durchgeführt. Die Zuteilung der Kleider an die Schützlinge erfolgt in diskreter Weise schon mehrere Tage vor dem Bekleidnngsfeste, das dem Vorstande alljährlich Gelegenheit bietet, zahlreiche Gönner und Mitglieder des Vereines zu begrüßen und weitere Kreise über die Tätigkeit desselben zu informieren. Wie». lieber die Vermählung des Freiherr» Alfons von Rothschild wurde folgende Vermählungsanzeige ansgegeben: Alfons Freiherr von Rothschild, Dr. zur., k. u. k. Oberleutnant i d R. des Dragonerregiments Friedrich Franz YI. Großherzog von Mecklenburg- Schwerin Nr. 6, gibt hiemit geziemende Nachricht von seiner bevorstehenden Vermählung mit Miß Clarice Adelaide, Tochter des Mr. Edmund S e b a g- Montefio re nnd weiland seiner Gemahlin Mrs. Julia Sebaq- Montefiore. Die Trauung findet am Mittwoch den 20. d. M. um 2 Uhr nachmittags in der Zeniralsynagoge, Great Portlandstreet, London, statt. Eine gleiche Vermählungsanzeige wurde auch von der Familie der Braut ansgegeben. Wien. Herr Isidor L ö w i t, Kantor nnd Chordirigent der türk. Gemeinde, feiert mit seiner Gattin Frau Josefine Löwit, geb. Albachary, am 20. d. M. die silberne Hochzeit. Wien. (Die erste Zahnärztin in Wien.) Seitdem in Oesterreich die Frauen znm Studium der Medizin zngelaffen wurden, ist bereits eine Anzahl von Aerztinnen auf verschiedenen Gebieten der Heilkunde tätig. Nunmehr hat auch der erste weibliche Zahnarzt, die gewesene Sekundarärztin des Wiedener Krankenhauses Dr. Martha Wolf, Aerztin an der von der Oesterreichischen Gesellschaft für Zahnpflege in den Schulen

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