Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 44 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 44. Wohl kannst du in deiner Sprache dich erheben, dich erbauen, aber die Nähe der Gottesherrlichkeit, die Boten des Höchsten, welche dich die selbstlose Hingabe an das höchste, hehrste und heilige Ideal der 'Uanro kakdauscko lehren, dich dazu begeistern, bleiben dir sern. Ist doch jedes einzelne Wort unserer ' Tefillo besonde rs erwogen, b e s o n d e r s geprüft. Keine Uebersetzung, und sei sie die beste, kann in uns d i e Gesühle auslösen, welche der Urtext in uns erweckt; sind doch manche Worte, manche Ausdrücke und viele Gedanken darin enthalten, welche sich in keine Sprache übertragen lassen. Docb, so wird heute vielfach gefragt, nachdem die heutigen, jüdischen Generationen der hebräischen Sprache nicht mächtig sind und sie demzufolge die Tefillo zum großen Teile gar nicht verstehen, so wäre es eigentlich besser, wenn wir die uns verständlichen Sprachen benützen würden, da wir beim Lesen der hebräischen Tefillo ja gar keine Andacht haben können und das gedankenlose Beten in einer fremden Sprache geisttötend und einschläsetitd wirkt und wir doch schließlich mit der Tatsache der Unkenntnis der hebräischen Sprache rechnen müssen. Ich glaube, aus der eben erwähnten geschichtlichen Reminiszenz die Antwvrt auf diese Frage zu stnden. Auch zu Esras Zeiten war es Tatsache, daß die heilige Sprache bei einem großen Teile der Inden vergessen war, auch damals verstanden sie besser die verschiedenen Landessprachen. Aber weit entfernt davon, die Inden in persisch-griechisch-babylonisch Betende zu teilen oder eine solche Teilung zu begünstigen, schuf er in seinen hebräischen Gebeten einen ehernen Felsen mitten im stürmischen Meere des Völkerwerdens und -Vergehens, mitten in der Stnrmstut der Völker- und Nationenwanderungen, auf welche sich die Juden aller Zeiten, aller Länder und aller Sprachen versammeln können, ohne in die tosende Tiefe des Verschwindens geschleudert, zu werden. Und diese Vereinigungssestnng hat sich trefflich bewährt. Nationen kamen und gingen, Religionen erschienen und verschwanden, die Welt hat ein anderes Aussehen erhalten, die Menschen sind anders geworden, aber der Jude, welcher sich zu Gott wendet, spricht noch heute dieselbe Sprache wie sein Urahn. Und sollte er nicht verstehen, was er betet, so eile er ins Lehrhaus. Hat dich Schlaffheit im jüdischen Fühlen, im jüdischen Denken, im jüdischen Sprechen' erreicht, so eile dorthin, wo du dich belehren lassen kannst, was es heißt, Jude zu sein, w i e ein Jnde sein soll. Unsere Tefillo, nuferere jüdische Tefillo. unsere jüdische Kwoneh. die uns seit Jahrtausenden umschließt, die durch die Sprache der Tauro kakdauscho das einigende Band ist, welches unsere Bruder im Norden und Süden, in Ost und West seit den fernsten Zeiten umschließt, sollen wir anfgeben, weil wir zu lässig sind, uns dieselbe zu erschließen? Wir selbst werden vergehen, die Tefillos werden ewiglich dauern; wenn wir längst nicht mehr auf Erden weilen werden, so werden unsere Enkel noch dieselben Worte sprechen, in welchen wir zu unserem Vater gebetet haben. Als Jeruscholajim von Nebukadnezar erobert wurde, als die Römer es zerstörten, da sprachen unsere Väter k,08okann kakand68ok. Als' in Spanien die Scheiterhaufen lohten und in Deutschland die Inden zu Tausenden hingeschlachtet wurden, da traten die todesmutigen Märtyrer ihren letzten Gang an. indem sie sprachen: Al kakaul jisgadal. Und über alles möge erhaben, gesegnet, geheiliget und groß werden der Name des Königs aller Könige, der Heilige, gelobt sei er. Und so möge durch uns dein Name geheiliget werden vor aller Welt. Und trotz Folter, trotz Scheiterhaufen, trotz aller Verfolgung sagten sie: Olemi lesckabeack. „Uns obliegt es. zu preisen den Herrn der Welt, Anerkennung zu geben dem Schöpfer." Und diese herrlichen Gebete, die unsere Väter in den Tod begleiteten, welche ihnen Mut und Stärke verliehen haben, die grausigsten Qualen zu ertragen, diese herrlichen Tefillos. welche unmöglich übersetzt, die nur gefühlt werden können, sollen wir hingeben, nur. weil wir zu bequem sind, unserer großen Vergangenheit und unserer großen Zukunftsaufgabe gerecht zu werden? Und wenn wir so gewissenlos wären, unserer Trägheit und unserer Indolenz unsere herrlichen Tefillos zu opfern, hätten wir vielleicht mehr Andacht, mehr Andächtige? Blicken'wir hin, zu jenen Kreisen, die diesen Sprung gewagt haben, welche das Judentum dadurch retten wollten, indem sie alles Jüdischebegruben, die ihre Tefillos in allen Landessprachen halten, wo sind ihre.Andächtigen? Mit wenigen Ausnahmen sind ihre Tempel leer und auch der prächtigste Orgelklang lockt keine Beter mehr. Dafür haben die Kinder dieser Judenlnmsretter tätigst verlernt, ein hebräisches Wort zu sprechen, auch jenes Lekeruak'-Wort, das das erste Lallen des jüdischen Kindes ist und welches die jüdischen Brüder ihren scheidenden Genossen mit' h i n ü b e r gaben. Indem sie das Judentum durch Konzessionen zu erhalten suchten, haben sie es gerade dadurch in ihren Kreisen getötet. Die kürzlich zu Ende gegangenen Jomimkanauroim mit ihrem Schatze jüdischer Tefillos, jüdischer Kwonaus und jüdischer Poesie, haben uns doch mit in dein Kreis des Jüdischsein gezogen. Halten wir das Errungene fest, lassen wir die Herzensstärkung und Gemüterhebnng. welche bieder Tefillo geweihten Tage uns brachten, nicht verflüchtigen. Eine Mischna in Rausch haschono erzählt uns: „Die Neumondsbestimmuiig wurde ursprünglich durch Flammenzeichen auf den Bergen den Bewohnern kundgemacht. Mau begann damit beim Oelberge, der Wächter am nächsten Berge setzte sie fort und so weiter bis zum Grenzgebirge bei Babel. Dort blieb der,, welcher das Feuer unterhielt, so lange, bis jeder Jude dort die Fackel genommen hatte nnd sie zum Zeichen, daß er verstanden hatte, am Hausdache stehend, geschwungen hatte, sodaß die Judeustädte einem Flammenmeer glichen." Lassen auch wir die Begeisterung, welche die Sprache- Jernscholajims in uns anslöst, weiter leuchten, weiter zünden bis die- Juden des ganzen Exils flammende Begeisterung empfangen. Eine Kette Opfermut, Begeisterung verbinde Zion mit den entferntesten Kindern. Lesen und lernen wir die Thora, die Tefilla in ihrer Sprache, die das starke, unauflösliche, Zeiten und Zonen verbindende Band für uns Juden ist. Lassen wir uns nicht durch den Hohn der Lässigen, durch den Spott der Trägen irre machen unsere Tefillos, unsere Gedanken, unser Handeln möge immer, für alle Zeiten jüdisch, und n n r jüdisch sein. Durch uns werde der Name des Allmächtigen geheiligt! Wenn wir das Gesagte nun resümieren, folgt darausr Rechtlich wäre es dem Einzelnen gestattet, die Tefillo in der ihm verständigen Sprache zu sprechen, jedoch nur. wenn er gar nichts Hebräisch versteht. Auch der Gesamtheit stünde dieses Recht zu. da es jedoch Gott sei'Dank unmöglich ist. daß: ein jüdischer Zibbur so tief sinke, daß die Vätersprache nicht mehr gebraucht werden könnte, so ist praktisch von dieser Erlaubnis kein Gebrauch zu machen. Außerdem ist es religiöse Vorschrift, in den Zeiten des Religionszwanges nnd des überhandnebmenden Abfalles auch keinen, an sich noch so unwesentlichen' Gebrauch zu ändern. Nun, wenn für uns hoffentlich auch die Zeiten des Religionszwanges vorbei sind, Zeiteudes Abfalles vomVäterglauben, von der Vätersitte sind es leider doch, die wir miterleben. Lasfen wir daher nicht fahren unser heiliges Gut! Halten wir hoch unsere Lehre, unsere Sprache mrserer Tefilloh! Berauben wir uns nicht dieser herrlichen Perlen. Wo fänden wir noch ein so herrliches Gebet, wie Hnssans tauksl und weseorew, wo ein innigeres wie das Hasckkiwenu, adaun aulom, jigdal? Die Anzahl ließe sich ins Ungemessene steigern. Wenn andere Religionen ans unserem Gebetbuche geschöpft haben, so müssen wir mit umso zäherer Inbrunst die ursprünglichen Tefillaus festhalten, bis dann unsere alte Vätersprache Ausdruck aller Wesen, aller Geschöpfe werden wird. „Denn ich werde umwandeln, spricht Haschem. die Sprache der Völker in Lauterkeit, daß sie anrufen Gott und ihm alle dienen." Die Psalmen als Grbannngsleklnre - sin Kranke.*) Die jüdische Kardinaltugend, der Krankenbesuch, gerät nach und nach ganz in Vergessenheit. Mit der Religiösität ist auch Dieses Thema, behandelt Dr. Frankl-Grün in einem Anhänge znn zweiten Psalmenausgabe, welche allen Vorstehern zur Verwendung in.den Synagogen, Bibelschulen, Krankenhäusern und humanitären Vereinen, bestens empfohlen wird.