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Die Wahrheit · 1912-11-15 · Heft 44 (15.11.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 44 (15.11.1912)
Date
1912-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 44. Vierten Duma nicht mehr so-recht paßt. Sollte also bald in diesen ungewissen kriegsgestimmten Zeilen die äußere Politik Rußlands eine etwas überraschende Wendung nehmen, so wird auch diese letzten Endes der Wahlentrechtung der, Juden zugute kommen. Daß das Projekt auf Aufhebung der Rayonbeschränkungen nunmehr als begraben gelten darf, und an .seiner Statt das Berbäudlerprojekt aus Ausschließung der Juden aus dem Heere ans Licht, gelangen wird, ist . so gut wie sicher. Geändert hätte aber daran auch der Erfolg zweier oder dreier jüdischer Kandidaturen nicht das mindeste. * * Bürgermeister Gaynor von New-Aork, dessen Brandrede gegen die Juden noch in frischer Erinnerung und zu einem energischen Proteste der New-Iorker Judenschaft führte, hat vor kurzem den Juden ein Loblied gesungen, allerdings mit der offenbaren Absicht, bei seinen Zuhörern für den mittlerweile zum Präsidenten gewählten Kandidaten der demokratischen Partei Stimmung zu machen. Bei einer Einweihung eines jüdischen Waisenheimes, zu welcher Bürgermeister Gaynor geladen war, hielt er folgende Rede: „Diese große Versammlung beweist wieder einmal, welch ungemeines Interesse die Juden an ihren Armen und Unglücklichen nehmen. Als seinerzeit das erste Häuflein Juden nach New-Iork kam, verlangte Peter Stuyvesant die Stellung von Bürgschaften, daß die Armen' derselben Stadt nicht zur Last fallen würden. Diesem Versprechen haben die Israeliten der Stadt seither uachgelebt. Hätte der Mann Geschichte gekannt, würde er ein solches Verlangen nicht gestellt haben, denn schon das Alte Testament erzählt uns, wie sich die Juden ihrer Witwen und Waisen anuahmen. Ich muß Ihnen aber dazu gratulieren, daß Sie ins Land gezogen sind, je weiter weg von der Großstadt, um so besser für das Heranwachsende Geschlecht. Der schlimmste Ort zum Aufziehen von Kindern ist denn doch die Stadt. Hoffentlich folgen bald alle Waisenhäuser der Stadt diesem Beispiel! Als ich > durch die Anstalt ging, ist mir besonders etwas ausgefallen, das mich mit Freude erfüllt hat. Ich habe gesehen, daß die Kinder auch Handfertigkeitsunterricht erhalten. Etwas für die Hand, das ist, was wir brauchen. Den Kopf nur mit allerlei Wissen anfüllen, genügt nicht, führt am Ende direkt zum Verbrechen, sehr häufig, jedenfalls zUm Elend. Mit Freuden habe ich des weiteren wahrgenommen, daß hier auch der Landbau. betrieben wird, und ich wünschte, dies würde noch in viel größerem Mäßstab geschehen. Es wird gewöhnlich behauptet, der Jude verstehe nichts von. der Landwirtschaft. Nichts ist unrichtiger, als das. Die Geschichte beweist, daß das jüdische Volk ein ackerbautreibendes war. Nur dadurch, daß ihnen so viele Jahre verboten war, Land zu besitzen, sind sie davon abgekommen, und es wäre gut, wenn der Strom der hier anlangeuden Israeliten nach den Landgebieten abgelenkt werden könnte. Doch die Anstalt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder zu „standhaften Juden und getreuen amerikanischen Bürgern" zu erziehen, wie einer der Redner erklärte. Ein guter Bürger übt sein Wahlrecht ans. Da darf ich nun sagen, daß die Juden nie geschlossen gestimmt haben, dies würde ihnen auch sehr schaden. Das jüdische Votum war immer geteilt. Israeliten bekleiden hohe Aemter in unserer Stadt, aber keiner dieser Äemteriuhaber könnte sagen, daß er das jüdische Votum auf sich vereinigt.hätte. Ich - darf denn auch behaupten, daß hier keine Vorurteile gegen die Juden bestehen, wie wir sie in so vielen anderen Ländern finden. Tatsächlich wären auch keine Gründe dafür vorhanden. Von Ihnen haben wir die erste Idee des Monotheismus erhalten, und das soll Ihnen hoch angerechnet sein. Und wenn ich meine Bibel lese, muß ich mir immer wieder bewußt werden, daß jede Zeile derselben, im Alten wie im Neuen Testament, von Juden niedergeschrieben wurde. Ich hoffe, Sie werden mit Ihrem neuen Unternehmen Erfolg haben." Ist der gegen die Inden des Mittelalters eicho b eu e Uorwnrfd es M ach ers noch haltbar? Es scheint nichts schwerer, als Geschichtslügen ansznrotten. Ihre Pflanzstätte ist die Schule, von der ans sie umso leichter ihren Weg machen, je drastischer sie vorgetragen werden. Was erscheint nun begründeter, als die mittelalterlichen JndeN der Unmoralität in Geldgeschäften anznklagen! Ihr den Zeitgenossen fremdes Wesen läßt, es einlenchten, daß sie in diesen nur Ausbeutnngsobjekte sahen, die von ihnen erlittenen'Verfolgungen werden zn Ausbrüchen gerechten Zornes über unredliches Gebühren gestempelt, der Begriffswechsel des Wortes „Wucher" wird weiter nicht beachtet, so scheinen alle Tatsachen oberflächlich betrachtet für eine Schuld zn sprechen, die, wenn man die begleitenden Umstände mit in Rechnung zieht, so gnt wie in nichts zerrinnt.' Dazu bedarf es keiner seichten Apologetik, sondern nur der unparteiischen Betrachtung des Werdeganges der Juden im Wirtschaftsleben. Bisher fehlte es an einer Untersuchung, welche speziell den einzigen den Inden des Mittelalters zugänglichen Erwerbszweig zum Gegenstände hatte. Denn meist wurde er im Komplex der politischen, sozialen und rechtlichen Stellung der Inden mehr illustrativ und kursorisch als erschöpfend behandelt. Insbesondere wurden die meist nur den Theologen zugänglichen hebräischen Quellen, deren Studium im allgemeinen den Historikern und Volkswirtschaftlern fernliegt, nicht herangezogen, obwohl gerade aus ihnen zur Klärung der Frage wertvolles Material gewonnen werden konnte. Denn was sonst an archivalischem Stoff zutage gefördert wurde, mußte naturgemäß den Charakter der Einseitigkeit an sich haben. . Diese Lücke schließt nun eine in den von Max Gering herausgegebenen „Staats- und sozialwissenschaftlichenForschnngen" erschienene Dissertation (Heft 152). für deren streng historische Methode schon der Ort der Ausgabe bürgt. Sie heißt: „Der Geldhandel der deutschen Inden während des Mittelalters bis znm Jahre 1350, ein Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter" (Verlag von Dnnker & Hnblot in Leipzig, 1910) und hat den Rabbiner Dr. Moses Hoffmann znm Verfasser. Er beginnt mit einer kurzen Darstellung des Anteiles der Juden am Grundbesitz und Handel, der gemeinhin leicht übersehen wird, gleichwohl er der Isolation der Inden im Gelderwerb vorausging und beweist, daß von einer „objektiven Eignung der Inden znm Kapitalismus", wie sich Sombart, scheint's in Unkenntnis dieser Publikation, die er nirgends erwähnt, ansdrückt, nicht die Rede sein kann, weil sie höchstens die Verhältnisse geschaffen haben, ein Terminus, der ebenso gut ans die Nichtjnden mit gleichem Berufe angewandt werden kann. Die Erklärung, warum die mittelalterlichen Juden sich nicht normaler in die wirtschaftliche Struktur der Bevölkerung eingliedern konnten, ist in ihrer Vogelfreiheit, derentwegen sie nach mobilem Besitz streben mußten, und in der Gegnerschaft jüdischen Grundeigentums durch die Kirche gegeben, welche sich der Schwierigkeiten, ihren Zehnten zn erlangen, entheben wollte. Also nicht eine besondere Vorliebe, sondern Zwang ließ die Inden sich, ausschließlich dem Geldgeschäfte widmen, bei dem sie umso krasser auffallen, weil sie nunmehr keinen anderen Erwerb hatten. Daher kommt es, daß man für das Mittelalter die Begriffe Jude und Wucher für untrennbar verbunden hält. Und dies, trotzdem sie diese wirtschaftliche Position nicht allein besetzt hielten. Der wahre Schverhalt wird durch den Umstand verdeckt, daß die Kirche hartnäckig die Naturalwirtschaft erhalten wissen wollte, aber dennoch nicht an der Schwelle einer neuen Zeit die Entwicklung aufhalten konnte, wodurch „die" Juden allein ihre Darlehensgeschäfte offen betrieben", „ihren gesetzmäßig bestimmten Zins frei nehmen durften, während die. anderen Geldgeber durch die kirchliche Gesetzgebung, welche das Zinsnehmen unter die schwerste geistliche Strafe stellte-, gezwungen waren, ihre Geschäfte zu verdunkeln und zu verschleiern, um das wirtschaftlich unhaltbare Verbot zu umgehen". - ,

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