Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 44 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Leite ö. Nr. 44. eines Großrabbiners vornehmen, der die Eignung besitzen wird, den jüdischen Geineinden als Führer und Ratgeber in dieser Reorganisation vorzustehen. Als wichtiges Ergebnis der Aktion des Verbandes ist jedoch die Gründung jüdischer Frauenvereine in Tripolis auzusehen, welche schon in dieser kurzen Zen hervorragende soziale Arbeit leisten. Eine ihrer Schöpfungen ist die jüdische Patronage in Tripolis, welche sich zur Aufgabe gestellt hat, einerseits die verlassenen und armen Kinder einer regelmäßigen Erziehung zuzuführeu, andererseits die dem Elementarunterricht entwachsenen jüdischen Kinder mir nützlichen Gewerben vertraut zu machen. Alle diese Aktionen werden, wie nicht anders zu erwarten war, von den Jliden in Italien moralisch und materiell in weitestgehender Weise gefördert. * * * . Der Kriegsberichterstatter des „Pesti Naplo“ erzählt von einer tapferen Tat eines jüdischen Leutnants in der bulgarischen Armee, die zur Folge hatte, daß ein Jude zum erstenmale zrrm Major befördert wurde. Der Sachverhalt ist folgender: . „Die in Bulgarien lebenden spaniolischen Juden, die durch fanatische Intoleranz ans ihrer Heimat gejagt wurden und in dem einst unter türkischer Herrschaft stehenden Balkanstaat freundliche Aufnahme gefunden haben, nehmen auch mit Begeisterung ihren Teil an dem Befreiungskämpfe ihres Vaterlandes. Es ist eine Tatsache, daß Tausende jüdischer Soldaten im Zeichen des Kreuzes gegen den Halbmond kämpfen; aber trotz alledem ist ihre Begeisterung im Kriege „gegen die Unterdrücker der makedonischen Christen" eine ungeteilte. Man erzählt sich eine interessante Episode von der Tapferkeit eines jüdischen Soldaten. Wie bekannt, gibt es in der bulgarischen Armee — trotz ihrer hervorragenden Beteiligung an dem großen Schlachtzng gegen Serbien, wo bekanntlich der Battenberger seine ganze Armee mit dem Beispiel der jüdischen Makkabäer aneiserte — keinen Inden, der es über den Leutnantsrang gebracht hätte. Dies mag vielleicht damit begründet sein, daß sich die Juden nicht zu stark nm diese Laufbahn gekümmert haben. Bei der Schlacht nm Mustafa Pascha hatte eine überaus zahlreiche feindliche Abteilung das durch einen jüdischen Leutnant und von einem Major geführte Bataillon überrascht. Der Major wollte ihm, als er sich von der feindlichen Uebermacht an allen Seiten rettungslos eingeschlossen sah, das ihm vertraute Militär übergeben, als der jüdische Leutnant seine Soldaten mit einer flammenden Ansprache begeisterte und mit „Napred" (Vorwärts) gegen den Feind znm Sturm führte. Er hat den eisernen Ring mit seinen Lenten durchbrochen. Er kam mit dieser Abteilung zur Hauptarmee, wo er sofort zum Major befördert wurde. Er ist der erste Major der siegreichen bulgarischen Armee." * * * Wie die in höheren Regierungskreisen Englands eingeführte „Pall Mall Gazette" zn berichten weiß, steht die Ernennung des Mr. Lionel Abrahams znm Nachfolger des jüngst verstorbenen Staatssekretärs im Ministerium für Indien bevor. Mr. Abrahams, der längere Zeit hindurch in diesem Amte als Vizesekretär tätig war, ist bereits seit 20 Jahren Beamter dieses Departements imb war früher Finanzsekretär in demselben. Vor fünf Jahren war er auch Mitglied der Kommission für die indische Bahnadministration und indisches Finanzwesen. Er gilt heute als bedeutender Kenner des indischen Administrationswesens. * * •I* Aus Petersburg wird der N. I. K. berichtet: Immer unerklärlicher und widerspruchsvoller wird die Haltung der Untersuchungsbehörde in der Jnstschinsky-Affäre. Seit den Enthüllungen Brasul-Bruschkowskis glaubt in Rußland kein Mensch mehr ernsthaft an die ^Schuld des armen Beilis, und selbst die blutrünstigen „Verbändler" und schwarzen Hundertschaften waren eine Zeitlang recht kleinlaut geworden und rechneten mit der Freilassung Beilis. Der Umstand, daß das Justizministerium den Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschkewitsch, nach Kiew' entsandte, um eine „ergänzende Untersuchung" vorzunehmen und die Angaben Brasnls und Kraßowskis nachzuprüfen, schien darauf hinzudeuten. daß die oberste Jnstizbehörde des Reiches die auf die Feststellung eines „Ritualmordes" abzielende Tätigkeit des früheren Untersuchungsrichters denn doch zn blamabel fand und den in allen juristischen Kreisen des In- und Auslandes als Justizskandal empfundenen Beilrs-Prozeß liquidieren wollte. Nachdem nun Maschkewitsch plötzlich für viele Wochen ans Kiew verschwunden war, erfährt man jetzt, daß er in Petersburg den Professor der Theologie Troinitzky und einen bekannten antisemitischen Popen Pranaitis anfgefordert hat, sich gutachtlich zu äußern, ob der Talmud und das kabbalistische Schrifttum des Mittelalters Stellen enthielten, die auf den rituellen Gebranch christlichen Blutes durch die Inden schließen lassen! Das Gutachten von Professor Troitzky soll bereits vorliegen und das Vorhandensein derartiger Hinweise entschieden verneinen. Wie die „Nowoje Wremja" zu berichten weiß, setzt jedoch Maschkewitsch die Nachforschungen nach dieser Richtung fort und läßt zu diesem Zwecke — die kabbalistischen Handschriften der kaiserlichen Akademie in Petersburg studieren. Der Ritualmordprozeß soll also zur höheren Ehre der russischen Justiz ntid zu Nutz und Frommen der „staalserhalrenden" Parteien in der gegenwärtigen Wahlkampagne nm jeden Preis weilergefühil werden. * * * lieber den Wahlraub, der an den Juden Rußlands bei der Wahl der vierten Duma verübt wurde, gehl dem „Israelit" folgender Bericht zu: Der Wahlkomödie letzter Akt geht in Rußland zu Ende. Sie hat sich zu einer Tragödie gestaltet für alle, die dte Hoffnung auf ein Obsiegen des Rechtes im Zarenreiche noch nicht aufgegeben hatten. Das vierte russische Parlament wird ein durch und durch reaktionäres sein, reaktionärer als die drei früheren, reaktionärer als man selbst nach allen vorhergehenden Erscheinungen und trüben Vorzeichen erwarten durfte. Die vierte Duma wird, soweit sich die Wahlresultate bis jetzt absehen lassen und sofern sie nicht durch unvorhergesehene Fülle noch ein Korrektiv erhalten sollten, vollständig judenrein sein. Die Leiter der politischen Geschicke in Rtißland, die trotz der in den Amlsnrknnden registrierten Tatsache von der jüdischen Stimmenmehrheit in Wilna, Kowuo. Warschau, Lodz und dem gesamten jüdischen Rayon dieses Kunststückchen fertig gebracht haben, dürfen den traurigen Ruhm für sich in Anspruch nehmen, sich als Meister der „nationalen" Politik bewährt zu haben. Der materielle tatsächliche Verlust der Inden ist dabei nicht allzu hoch eiuzuschätzeu. Was war nach den von ihnen voransgeworseneu Schatten von den Wahlergebnissen für die Inden überhaupt noch zn erwarten? Und was wäre nach Lage der Dinge von einer jüdischen Miniatnrfraktion in der Duma für die jüdische Rechtslage zn erhoffen? Die ersten beiden russischen Parlamente zählten 17 reip. 13 jüdische Deputierte. In ihre Periode fallen die von der Negierung teils direkt inszenierten teils nur begünstigten Oktober-Pogrome. In der dritten Dnma wagten sich die zwei jüdischen Abgeordneten nur selten hervor. Und taten sie es, so gab dieses Hervortreten Anlaß zu den wildesten Attacken gegen Juden und Judentum. Kann unter diesen Umstünden das Fehlen einer jüdischen Vertretung im Taurischen Palaste noch als besonderes Unglück betrachtet werden? Es hat sich aber bei dieser Gelegenheit wieder einmal so recht gezeigt, wie unter der in Rußland beliebten Politik der Ausschließung und Ausrottung nicht allein die Juden, sondern auch die anderen Völker des weiten Reiches bitter seufzen. Durch die überall mit großer Konsequenz durchgeführte Wahlentrechtung der Juden verloren alle auf dem Boden der Verfassung stehenden Parteien, selbst die regierungsfreundlichen Oktobristen, an Stimmkraft, die den Hetzern und Scharfmachern in den Kreisen der Nationalisten zugute kam. So wird ein Mann wie Alexander Gutschkow, einer der besten Parlamentarier Rußlands, in die Duma, wo er bisher als Führer der Oktobristen dem Staate glänzende Dienste leistete, nicht mehr zurückkehren. Man spricht bereits mit voller Entschiedenheit von einem Rücktritte des Ministerpräsidenten Kokowzew und des Ministers des Aenßern Sassanow, deren Politik der Versöhnung zn der