Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 44 (15.11.1912)
- Date
- 1912-11-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Beite 4. Die Wahrheit. Nr. 44. Aus der Woche. Der leidenschaftliche und manchmal in häßliche Formen ansarleude Kampf, der in den vorangegangenen Jahren bei den Wahlen in den Wiener Kullnsvorstand zutage trat, hat schon mit Rücksicht darauf, daß der Friede als eines der höchsten Güter in jedem Gemeinwesen gellen muß. wiederholt den Wunsch nach einer Verständigung zwischen Majorität und Minorität laut werden lassen, aber jedesmal mußten die angebahnten Verhandlungen ^infolge nnansgleichbarer D-fferenzen, die schließlich oft nur persönlicher Natur waren, resnltatlos abgebrochen werden.' Heuer ist es nun endlich gelungen, durch Ansstellitng einer gemeinschaftlichen Liste, in welcher zwei zionistische Kandidaten Ausnahme fanden, den langersehnten Frieden herbeizufnhren, und so dürste die am 24. d. M. stattfindende Wahl ziemlich ruhig und glatt verlausen. Da aber in beiden Lagern die Wünsche nicht restlos aufgegangen sind und trotz des Kompromisses es beiderseits noch Unzufriedene gibt, die durch Uebelwolleude verstärkt werden könnten, ist es Pflicht aller jener, denen der Friede in der Gemeinde wirklich am Herzen liegt, am Wahltag ihre Stimmen für die Kompromißliste abzngeben. Allerdings ist der Abschluß des Kompromisses nicht ohne Opfer seitens der Majorität zustande gekommen. Um die Ueberlassnng zweier Mandate an die Minorität zu ermöglichen, mußten vielleicht berechtigte und bei früheren Wahlen bereits gebilligte Aspirationen einzelner Bezirke ans ein Vorstandsmandat für diesmal lvieder znrückgestellt werden und nicht zn unterschätzen ist auch das persönliche Opfer, das eines der jüngsten Vorstandsmitglieder. Herr Dr. Anselm Halpern, dem Frieden brachte, indem eraus eine Wiederwahl verzichtete und dadurch für den zweiten Kompromißkandidaten Platz machte. Herr Dr. Anselm Halpern hat sich während seiner kurzen Wirksamkeit im Kultusvorstande so vielfache Sympathien erworben, daß wir einem allgemeinen Wunsche Ansdruck zu geben glauben, wenn wir die Erwartung aussprechen, daß das Scheiden Dr. Halperns aus dem Kultusvorstande kein dauerndes bleiben-wird. Mittwoch, den 13. d. M. ist eine der vornehmsten und edelsinnigsteu Frauen Wiens, Frau Ernestine Thor sch. die Witwe des Bankiers Philipp Thorsch, nach kurzer Krankheit gestorben. Ihr Hinscheiden bedeutet nicht nur für ihre Familie und den intimen Freundeskreis einen unersetzlichen Verlust, sondern auch viele Fernstehende betrauern in ihr die immer bereite Helferin in Not und Unglück. Die Verblichene, die vor einigen Jahren die als dringend empfundene, aber mangels der nötigen Geldmittel immer hinausgeschobene Erweiterung des Alrersversorgungshauses der Wiener israelitischen Knltnsgemeinde durch eine munifizente Spende ermöglichte, zeichnete sich durch hohe Bildung, seinen Kunstsinn, ein selten ausgeglichenes Wesen und wahre Herzensgüte ans. In ihrer schlichten Art, die jeden äußeren Schein vermied, wirkte sie im stillen und immer ungenannt zum Wohl und zum Besten ihrer Mitmenschen. Nie klopfte ein würdiger Bedürftiger vergeblich an ihre Türe, und sie half immer, wo es not tat. und im Sinne ihres verstorbenen Mannes spendete sie in den letzten Jahren große Summen für gemeinnützige Zwecke und Wohltätigkeitsanstalten. An ihrer Bahre erfüllt alle, die ihr nahe gestanden sind, und jene, denen sie Gutes getan hat. tiefste Trauer. - * * * Daß die preußische Regierung einen Juden, und mag seine wissenschaftliche Kapazität noch so unbestritten und anerkannt sein, zu einer ordentlichen Professur nicht zuläßt, selbst auf die Gefahr hin, daß hiednrch ein wissenschaftliches Interesse verletzt wird, das zeigt ihre Haltung in der.Frage der Nachfolgerschaft Hermann Cohens an der Marbnrger Universität, die im „Franks, isr. Familieublatt" folgende treffende Charakteristik erfährt: Die Annalen der systematischen Zurücksetzung der. Juden durch die preußische Regierung sind wieder um ein folgenschweres, bedeutsames Ereignis reicher geworden, und die deutsche Judenheit steht wieder einmal vor einem Faktum unzweideutiger, antisemitischer Gesinnung der obersten-Behörden.' Der Fall gewinnt noch darum au Bedeutung, weil-.'es sich hier nicht nur um ein jüdisches, sondern '.auch um ein allgemein wissenschaftliches, allgemein philosophisches und darum allgemein kulturelles Interesse handelt: der Fall betrifft die Nachfolgeschaft Hermann Cohens an der Marbnrger Universität. Hermann Cohen zählte zn den wenigen jüdischen ordentlichen Professoren aus jener guten alten Zeit, da die deutschen Juden noch nicht so stark unter der antisemitischen Zurücksetzung zn leiden hatten. Nun, da er weggeht, scheint sich die Regierung zn beeilen, auch diesen Stuhl mit einem Nichtjnden zn besetzen, und hat so einen Straßburger Privatdozenten als Nachfolger Cohens berufen. Nun ließe sich, wenn es sich um den gewöhnlichen .Fall des Abganges eines Professors handelte, nichts logisch Begründetes gegen diese Berufung sagen. Die Regierung muß ja keinen Juden berufen. Scheinbar also liegt hier gar keine Zurücksetziliig vor. In Wahrheit aber ist es anders. Denn hier handelt es sich um etwas ganz Besonderes: Hermann Cohen ist kein gewöhnlicher Philosophieprofessor, sondern Begründer einer ganzen Schule, der in der modernen Philosophie rasch berühmt gewordenen „Marbnrger Schule". Diese „Marbnrger Schule" zu erhalten, ist eine Pflicht, die für eine verständnisvolle Behörde ganz selbstverständlich sein sollte, und es ist auch gar nicht daran zu zweifeln, daß die preußische Regierung diese Pflicht erfüllt hätte, wenn sie nur einen geeigneten Kandidaten gesunden hätte. Nun gibt es zwar auch einen geeigneten. Kandidaten, ja, er ist eigentlich der einzige Kandidat: Ernst Cassirer, der verständnisvolle und bedeutende Schüler Cohens. Da aber kommt der Haken: ©ruft Cassirer ist Jude. Also, was schert uns „Marburger Schule" und das Interesse der Philosophie, der Mann ist Jude, es nützt alles nichts, der Mann wird übergangen. Hier liegt der Fall so klar wie selten sonst. Daß hier ein wichtiges, philosophisches, kulturelles Interesse geschädigt wird, ist klar, uut> Paul Natorp hat es nochmals öffentlich erklärt daß Ernst Cassirer der befähigte Mann wäre, die „Marbnrgers Schule" fortznsetzen, wird niemand, der die Werke dieses Denkers kennt, bestreiten, und Paul Natorp hat ihn auch öffentlich als den einzigen geeigneten Kandidaten bezeichnet! wenn er also trotz alledem nicht berufen wird, so ist es klar, daß dies seines Jndentumes wegen geschieht und Paul Natorp hat dies auch öffentlich angedentet. An der Znverläfsigkeit und Aufrichtigkeit aber eines Mannes von dem Range Panl Natorps als Mensch wie als Philosoph kann wahrlich kein Zweifel gehegt werden. Die preußische Regierung wird sich auch nicht' ans ‘ das scheinbar schlagende Argument berufen können, die Fakultät habe die Berufung eines Psychologen — der berufene Privatdozent ist es — gewünscht mtö sie habe nur den Wunsch der Fakultät erfüllen wollen. Panl Naioip weist nach, daß die Fakultät ihr Votum nicht so aitsgefaßt wissen wollte, daß Ernst Cassirer nicht berufen werden sollte; vielmehr haben sie nur ihren Wunsch zum Ausdruck bringen wollen, daß endlich auch ein Psychologe an die Marbnrger Universität käme und dies hätte ja durch Schaffung einer besonderen psychologischen Professur bewirkt werden können. Nein, alle Verschleierungen können hier nicht den wahren Tatbestand verhüllen. Und Tatsache bleibt es, daß hier eine Pflicht der Pietät gegen einen Mann von der Bedeutung Cohens, eine Pflicht der Erhaltung einer originellen philosophischen Schule, eine hohe kulturelle Pflicbt verletzt worden ist und alles nur aus dem einen Grunde: Ein Jude soll nicht Professor werden. Die deutsche Judenheit aber, und mit ihr alle gerecht Gesinnten, werden diesen Fall der preußischen Regierung als einen neuen schweren Makel anrechneri müssen. * * * Der Verband, der jüdischen Gemeinden im Königreiche Italien versendet soeben einen Bericht über die Tätigkeit des Verbandsvorstandes in den letzten Monaten. Diesem interessanten Berichte entnehmen wir die Mitteilung, daß der Verband seine Tätigkeit Nunmehr auf das neueste italienische Reichsland Tripolis und Eyrenätka erstreckt habe und dort bereits bedeutende Erfolge anfweisen kann. Abgesehen davon, daß die jüdischen Gemeinden in Tripolis ans dem besten Wege sind, sich zn organisieren und die nötigen Wohlfahrtseinrichtungen zn schaffen, werden sie demnächst auch die Wahl