Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 43 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Seite b. Nr. 43. Sanaa ein, verhafteten alle angesehenen Männer mib warfen sie ins Gefängnis, wobei sie ihnen mit dauernder Haft drohten, falls sie die Steuer für 40 Jahre nicht entrichten würden. Erst auf Einsprache des Generals Jzzet Pascha ließ Imam Jahja die Gefangenen frei, die granfamen Verfolgungen wurden jedoch immer heftiger fortgesetzt. Um die Lage richtig zu erfassen, muß man sich daran erinnern, daß die Juden, wie bereits gesagt, während der ganzen Zeit, in der die türkische Regierung im Nordjemen dominierte, und insbesondere während des langjährigen Geplänkels mit dem Imam Jahja treu zur türkischen Regierung hielten. Dabei hat aber die Regierung für die Juden im Jemen blutwenig getan, das Schlimmste für die Juden war es aber, daß man bei dem Friedensschluß mit dem Imam ihrer nicht gedachte. Um diesen Zuständen abznhelfen, ist in hiesigen jüdischen Kreisen der Gedanke aufgetaucht, die jemenitischen Juden nach Palästina zu verpstanzen, und so sind bereits etwa 1300 Familien ans dem Nordjemen hier eingewandert. Wenn auch Palästina noch lange nicht jene hohe Stufe der Entwicklung in Landwirtschaft und Industrie, deren es fähig ist, erreicht hat, so kann das Land nach und nach immerhin auch wirtschaftlich als, Zufluchtsstätte für die 10.000 bis 12.000 Seelen aus dem Nordjemen, die am meisten verfolgt werden, dienen. In den hiesigen jüdischen Kolonien in der Stadt wie auf .dem Lande finden große Sammlungen und Wohltätigkeitsveranstaltungen zum Besten der bedrängten jemenitischen Juden statt.' Es sind bereits ansehnliche Beträge gestiftet worden. Die Juden Palästinas betrachten ihr Hilfswerk in erster Linie als nationale Sache. Dabei haben sie es nicht leicht, denn ihre Hilfeleistung ist für sie mit enormen Kosten verbunden, wenn man bedenkt, daß nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung vom Nordjemen sich zur Auswanderung nach Palästina anschickt. Jeder Jude verkauft dort . sein Hab und Gut, so gut es gehen mag. In Fällen, in denen die Nichtjnden ihnen nichts abkaufeu wollen, lassen sie ihre Habseligkeiten zurück und kommen vollständig verarmt hier an. Eine ganze Reihe rein jüdischer Ortschaften im Jemen soll bereits völlig verlassen fein. Die schwierigste Frage bei dieser Masseneinwandernng ist für die hiesigen Inden die der Unterbringung, in den jüdischen Kolonien macht sich ein furchtbarer Wohnungsmangel fühlbar. Aus diesem Grunde soll sich der „Jüdische Nationalfonds" entschlossen haben, zum Bau von Jemenitenwohnnngen einen größeren Betrag beizusteuern, auch in Holland will man, wie in hiesigen jüdischen Kreisen verlautet, zu diesem Zweck eine größere Altion unternehmen. Gelingt es. die einwandernden Juden des Jemens, deren Umgangssprache das Hebräische ist, in der richtigen Weise hier anzusiedeln, so würde es für diese eine Erlösung aus schlimmster Not bedeuten, znaleich für die jüdische Kolonisation in Palästina aber von allergrößtem Nutzen sein. Die Lösung der Jemenfrage würde somit sehr viel zur Stärkung des Judentums in Palästina beitragen." Die Sprache nnserer Gebete. Vom Salomon Löwy, Hamburg. Seitdem der Mensch, der schwache, sterblicheStanbgeborene, gefühlt hat, daß der Schöpfer der Welt, der Vater des Alls, ihm nahe ist, nah ist seinem Herzen, nah ist seinen Gedanken, nah ist seinen Bitten, aber nur d a n n ihm nahe ist, wenn der Mensch sich ihm nahe fühlt, ist die Tesilloh, das Aussprechen der menschlichen Hoffnungen und Wünsche, menschlicher Gedanken ihm zum Rettungsanker in der Zeiten der Nol, des Sturmes, des Dranges und der Unbill geworben. Verzweiflung faßt beit Menschen, der die Nähe des Allerbarmenden nicht kannte, als Elend über ihn hereinbrach, rasender Schmerz überwand ihn, ringsum Unbill und Ungemach, kein Ausweg zu finden — der Herzschlag stockte ob des ungeheuren, nicht zu fassenden Elendes, ohnmächtig mußte er den kommenden Ereignissen entgegeublicken, ohne helfen, ohne Vorbeugen, ohne lindern zu können. Da entrang sich seinem gepreßten Herzen ein Seufzer, Tränen stürzten ans seinen-Augen und die zuckende Lippe stammelte: Ach Gott, ach Gottk Und siehe da — dieses kleine Wörtchen lutbeite seinen Schmerz, glättete die Wogen seiner Verzweiflung, ihm ward's, als ob die Zukunft nicht.mehr so düster, so gefahrdrohend blickte. Zuversicht zog in das gepeinigte Herz — das kurze Gebet hatte es bewirkt. „Nah ist Gott den ihn Rufenden, die nach ihn in Wahrheit rufen." Die Gottesuähe, welche die Gedrückten und Elenden umgibt, welche die ihn Anrufenden umringt, die ihn in Wahrheit anrufen, hat ihn getröstet, die Macht der Tefillo hat dies Wunder bewirkt. Doch hier wäre nur vom Gebete des einzelnen Individuums, das in seinen Wünschen und Bitten, in seinem Beten und Flehen sich auch nur als Einzelperson fühlt, gesprochen. Wir wollen heute aber behandeln, welche Sprache unsere Gebete, die Gebete des jüdischen Volkes, die Tefillo jedes einzelnen von uns, der sich eins mit seinem Volke, eins mit seinen Glaubensbrüdern weiß, führt, welche Sprache unsere Gebete führen s o l len. Maimonides bemerkt im 1. Perek der Hilchos Tesilloh, Halacha 1: Es ist ein Gebot der heiligen Thora, täglich zu beten, denn so heißt es: „Dienet dem Ewigen mit ganzem Herzen". Herzenshiknst, das ist die Dfillah!" Die Anzahl der Gebete und die hiefür bestimmten Zeiten sind in der schriftlichen Lehre nicht festgesetzt. Diese Halacha, welche der Rambam hier fixiert, ist geeignet, das so oft benützte Schlagwort von der Einsetzung der Gebote au die Stelle der Opfer richtig zu kennzeichnen. Immer wurde und wird noch in den Kreisen, welche dem positiven und werktätigen Judentum fernstehen und die sich so sehr als Bannerträger des wahren, echten Judentums girieren, der Satz bis zum Ueberdrusse wiederholt, daß die späteren Rabbinen, als ihnen der blutige Opserknlt der Thora —• man beachte dies schöne Wort — nicht mehr in den Rahmen der Zeit paßte, denselben in Gebete umwaudelten. Diese Kreise messen eben alles nach ihrem Maßstabe und glauben sich dann durch ihre ewigen Reformen und immerwährenden Umwandlungen des Gottesdienstes im Tempel — in der Familie hat Gott schon lange keinen Zutritt mehr — als Nachfolger und Erben unserer großen Rabbonim. Dem tritt die emgangs erwähnte Halacha entgegen, die bündig feststellt, daß schon in der schriftlichen Lehre die Pflicht des Gebetes deutlich fixiert sei und dieselbe nicht erst nach Zerstörung des Heiligtums normiert worden ist. Diese Einrichtung bestand schon zu den Zeiten Mosches. Bloß die Anordnung der Gebetszeiten und die Abhandlttngen über den Opferdieust wurden an Stelle des letzteren eingeführt. In der 4. Halacha desselben Pereks setzt Maimonides fort: Als Jisroel durch Nebukadnezar exiliert wurde und in der persischen und syrischen Umgebung die heilige Sprache verlernte, speziell die Jugend der Väter Sprache nicht mehr mächtig war. verfaßte Esra und sein Gerichtshof die 18 Benediktionen, die ersten drei Segenssprüche als Gotteslob, die letzten drei als Gottesdank und die mittleren als Ausdruck der Bitte sowohl des Einzelnen als auch der Gesamtheit, damit auch die, die nicht korrekt hebräisch sprechen, diese Gebete und Bitten in einer lauteren und edlen Sprache zu beten vermögen. Um diese Stelle genau würdigen zu können, versetzen wir uns indie Zeit der Gebetsabfassung zurück. Israel war siebzig Jahre lang in Babylonien gewesen. Wohl waren sie ferne ihrer Heimat, wohl hatten auf den Schlachtfeldern viele ihr Leben lassen müssen, wohl war die Selbständigkeit verloren, doch der neue Herrscher behandelte seine neuen Untertanen nicht schlechter als seine alten eigenen. Die Juden waren vollberechtigte Bürger des Staates geworden, ja viele erreichten — wie uns bekannt ist — hohe Stellungen am Hofe, denn damals gab es kein „Toleranzedikt" und keine Verfassung, welche die Gleichheit der Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens gewährleistete. Die Inden fingen an, sich ganz als Babylonier und Perser zu fühlen. „Babel war ihr Jerusalem". Sie verschwägerten sich mit den Einwohnern des Landes, vergaßen jüdische Sprache und jüdisches Wesen. Sie wollten eben ganz als moderne, aufgeklärte, babylonische „Staatsbürger jüdischer Konfession" gelten.