Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 43 (8.11.1912)
- Date
- 1912-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit. dlr. 43. Sprache unschuldig iu der deutschen Schule Jahre verlieren müssen und darüber oft nicht nur die weitere Lernlust verlieren, sondern auch sittlich verkommen, denn „Müßiggang ist aller Laster Anfang". Für solche Kinder wäre es daher eine Wohltat. so lange eine tschechische Privatschnle besuchen zn können, bis die deutsche Sprache so weil erlernt wurde, daß das Kind mit Nutzen eine deutsche Schule besuchen kann. Die Tschechen sind erfahrungsmäßig viel zu klug und praktisch, um die ihnen so nötige deutsche Sprache in Wien nicht erlernen zu wollen. Auch die bestehenden Gesetze stellen es Vereinen frei. Privatschulen zu gründen und zu erhalten. Nachdem Privatschulen viel Geld kosten, ist auch nicht zn fürchten, daß die Tschechen Wien mit tschechischen Privatschnlen überschwemmen werden. Doch Christlichsoziale und Deutschradikale scheinen Unrecht nicht zn fühlen, sobald sie es selbst nicht erleiden und gaben dem Tschechenführer im Abgeordnetenhause, Dr. Kramarsch, Anlaß, ihr Vorgehen scharf zu charakterisieren. Nach Dr. Kramarsch wurde die Komensky-Schule auf der Landstraße „inroher und hinterlistiger Weise gesperrt". Er nennt die Wiener Patentchristen „Barbaren". Den bekundeten Haß gegen tschechische Kinder nennt Dr. Kramarsch „moralische Perversität". Aufrechte Wiener Juden haben keine Ursache, die Wiener Stadtvertretung in Schutz zu nehmen. R. L. Die Wahrheit. Zur Revision des Hilsnerprozefses. Polna. der Schandfleck der österreichischen Justiz, läßt wieder von sich hören. Die Wahrheit vom Hilsnerprozeß, die in Polna eingesargt wurde, scheint in dem für sie von österreichischen Richtern geschaufelten Grabe keine Ruhe mehr zn Haben. Ist es die schwer geprüfte, aus Gram über das Unglück ihres Sohnes frühzeitig in die Polnaer Erde versenlte Mutter Hilsners. welche der Wahrheit keine Rnhe gibt nnd sie zwingt noch einmal vor den Menschenrichteru hinznlreten, um die Unschuld ihres Kindes zn verkünden, oder ist die neueste Meldung aus Polna iu der Hilsnerasfäre ein ezba eloMm, ein Gotteszeichen? Ueber Prag wird nämlich ans Polna Folgendes mitgeteilt: In Polna hat der dort wohnhafte, im Jahre 1872 geborene Fabriksfchnhmacher Faustinek (Augustin) Smejkal im Schanklokal der Bozena Heller sich als Täter des an der Agnes Hrnza begangenen Mordes bekannt. Er kam vom Bezirksgericht, wo er wegen eines Eigentumsvergehens einvernommen wurde, und erklärte, nachdem er für 18 Heller Schnaps getrunken hatte: „Ich werde jetzt eingesperrt und da soll es gleich ordentlich geschehen. Es drückt mich schon lange, es zn sagen: Ich habe die Agnes Hrnza erschlagen." — Auf die Frage der Frau Heller, warum er dies getan habe, antwortete er: „Weil sie nicht gut getan hat." — Auf die weitere Frage, womit er sie erschlagen habe, erwiderte er : „Mit der Faust auf einen Hieb." ZeUgen dieser Aenßernngen waren: die Bauern Vojtech Rossicky und Havlicek vulgo Lauda aus Dobrutow bei Polna. der Polnaer Einwohner Rudolf Parik. Frau Bozena Heller, die Schustersgattin und Bedienerin Josefa Prozarova in Polna und Alfred Aufrecht in Polna. Der letztere erstattete die Strafanzeige bei der Gendarmerie.-worauf Smejkal verhaftet und dem Bezirksgericht Polna eingeliefert wurde. Nach erfolgter Verhaftung erklärte die Gattin des Smejkal, Marie, geborene Skala, vor mehreren Personen, ihr Mann habe zn Hause schon seit Jahren wiederholt erklärt, daß er die Agnes Hruza totgeschlagen habe. Die Untersuchung wird wohl erst ergeben, ob es sich um ein ernstes Geständnis handelt. Nicht den eifrigen Nachforschungen der Jury im Hilsnerprozeß hat diese Nachricht, welche wir letzte» Sonntag in den Wiener Zeitungen gelesen haben, ihr Entstehen zn verdanken, weil doch selbst unsere jüdischen Fürsorger und Ehrenretter in der letzten Zeit, und überhaupt nach dem Tode der Mutter Hilsners ganz vergessen haben, daß noch irgendwo in einem Weltteile ein Hilsner lebt und nicht wissend wofür, zwischen Kerkermanern schmachtet. Und warten mußten sie erst, bis wiede ein Polnaer Schnstergeselle zu ihnen kam, sie anfrüttelte, und ihnen zürnst: Hilsner i st u n s ch u l d i g n n d mit ihm d i e v o n n i ch ls w ü r d i g e n Ve r läu m d e r n ve r dä ch t i g t e Ehre des jüdischen Volkes, weil ich, Augustin Smejkal, die Agnes Hruza erschlagen habe. Allerdings fehlte dem Schnhmachergesellen Smejkal lange der Mut dazu, mit das, was er jahrelang zn Hanse vor seiner Frau eingestanden und bereut hat, auch vor der Oeffentlichkeit zn gestehen, erst eine Maß Schnaps brachte ihn dahin, daß er sein Herz anch vor Fernerstehenden ausschnttete nnd vor fremden Zengeu eingestand, den Mord an Agnes Hrnza begangen zu haben. Einer der Zeugen, vor welchen Angnstin Smejkal sich des Mordes beschuldigte, erstattete die Anzeige bei der Gensdarmerie, worauf Smejkal verhaftet und dem Bezirksgerichte Polna eingeliefert wurde. Die Gattin des Smejkal erklärte nach erfolgter Verhaftung, ihr Mann habe zn Hanse schon seit Jahren wiederholt erklärt, daß er Agnes Hrnza totgeschlagen habe. Es wird gewiß niemandem einfallen, zu verlangen, daß man etwa den Hilsner gleich enthafte nnd den Smejkal in seine Kerkerzelle stecke. Auch wir sind nicht so naiv, aber es hat seine vollste Berechtigung, wenn wir jetzt nochmals daran erinnern, daß die größten juridischen Autoritäten wiederbolt in entschiedenster Weise sich gegen das Urteil im Hilsnerprozeß ausgesprochen haben und wenn schon das unparteiische Gutachten so hervorragender Rechtsgelehrter nicht genügte, die Schuld Hilsners iu Zweifel zu ziehen, so soll doch jetzt das klare, Geständnis von Smejkal Grund genug sein, daß die kompetenten - staatlichen Faktoren dem wiederholt gestellten gerechtem Verlangen nach Revision des Hilsnerprozefses nunmehr entgegenkommen. Wir kennen zwar die Mittel und Wege der Polnaer Bluthunde, deren sie sich anch diesmal bedienen werden, mit der Wahrheit Gewalt anzntnn. Smejkal war besoffen, und wenu das nicht nützen sollte, so gibt es, Gott sei Dank und Lob, ein, Steinhof auf dieser Welt und Smejkal ist —verrückt lt. s. w. Der Rechtsplan -von der Strozzi- und Josefsgasse im Wiener achten Bezirke ist uns ganz klar, aber wir hoffen trotzdem, daß die Gerechtigkeit in Oesterreich noch nicht verwaist ist und erteilen Seiner Exzellenz Herrn Dr. Hochenbnrg, dem, derzeitigen Justizminister, das Wort. Augustin Smejkal hat gesprochen, jetzt Herr Jnstizminister, sprechen Sie nnd — sprechen Sie die Wahrheit! _; ■ Josef Grob. Answandernng der jemenitischen Inden nach Palästina. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" bringt folgenden Bericht ans Haifa: „Der Friedensschlnß zwischen der Türkei und dem langjährigen Rebellen Imam Jahja — das sogenannte Jemenabkommen — hat eine interessante und für Palästina sehr bedeutsame Folge: die Inden des Jemen wandern massenhaft nach Palästina aus. Während der Kümpfe zwischen dem Imam nnd den Türken haben die Juden des Jemen: stets treu zur türkischen Regierung gehalten. Deshalb haben sie jetzt, wo der Imam durch das Abkommen selbständiger Fürst geworden ist, seitens des Jmans Jahjas unter den schrecklichsten Verfolgungen zu leiden, sodaß ihre Lebeusbedingnugen geradezu unerträglich geworden sind. Die Juden haben zwar zu allen Zeiten viel von seiten der mohammedanischen Bevölkerung erdulden müssen, aber ihre jetzige Lage soll besonders im Nordjemen unhaltbarer denn je sein. Gegenwärtig wird von den dortigen Juden eine außerordentliche Steuer von 1000 Reale (1400 Frank) pro Jahr erhoben. Hiemit nicht genug, . forderte der Imam Jahja in Sanaa von den Juden die Steuernvon 40 Jahren, d. h. fürall die Zeit, in der dort die Türkei herrschte, was er: damit begründete, daß das Land nun ihm gehöre. Da die Juden nicht zahlen konnten, es handelte sich um etwa 140.000. Frank, drangen die Leute des Imam Jahja iu das Judenviertel vow