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Die Wahrheit · 1912-11-08 · Heft 43 (8.11.1912) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 43 (8.11.1912)
Date
1912-11-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion 1111b Administration: Wie». II,, Nvvaragasse 27 Telephon: Redaktion 5509(1V. Anabhängige Heikfchnft für jüöische Gerngsprei»: Äanzjähtig.K 14.— Halbjährig.K 7.— Administration 4988II. ft. k. üsterr. Nostsvarkasta- Scvcct-ttonio Nr. 100.918. Ailtercheu. Für .K 10 ~ jhUcvatc: Die viermal geivaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kr ei tag. Für Ausland: Abonnementsnnd Jniertions- <U»»zlährig.S Mark betröge find in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ t> Rubel oder 10 Frei» |lr. 48. Wien. 8. November 002 Inhalt: Ich mache mir meine Gesetze selbst. — Die Wahrheit. — Auswanderung der jemenitischen Inden nach Palästina.— Die Sprache unserer Gebete. — Schire beth Jossef. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Sabbathlichter". „Ich mache mir meine Gesetze selbst". sLueger.j In Oesterreich haben sich die Judenfeinde eine neue Methode znrechtgelegt, ihre jüdischen Mitbürger um jene Vorteile zu prellen, welche ihnen die geltenden Gesetze behufs Genuß der .staatsbürgerlichen Rechte einräumen. Sie verschafften sich durch List und Gewalt und. durch Aufstachelung der Rasseninstinkte der Massen die Majorität in allen politischen Vertretungs- und Verwaltungskörpern, besonders in Wien und Niederösterreich, und führten die Gesetze überall dort, wo sie die Macht dazu erlangt hatten, skrupellos zum Nachteile der Inden aus, wenn auch dem Geiste dieser Gesetze dadurch Gewalt angetan wurde. Beispiele zur Erhärtung dieser Behauptungen ' lassen sich unschwer massenhaft anführen. Es soll zu diesem Behnfe nur aus die immer mehr auftretende Tendenz hin gewiesen werden, die Juden trotz Eignung aus staatlichen und Landeswie städtischen Beamtenstelleu abzudrängen und von solchen Anstellungen ansznschließen. Ebenso stirbt die jüdische Lehrerschaft in jenen öffentlichen Schulen aus, wo ihnen die Gesetze den Zutritt zu Lehrerstellen — am Papiere sichern. Freilich werden außer den Juden auch noch unzählige Arier von den autonomen Verwaltungskörpern vergewaltigt, besonders dann, wenn sie sich unterfangen, freiheitlich und fortschrittlich gesinnt zu sein. Die Regierung, welche allezeit ans die Zustimmung der Majorität der Reichs- und Landesvertretnngen angewiesen ist, duckt sich und dnlde^solche tendenziöse Ausführungen der Gesetze, so lange die L-pitze sich scheinbar nur gegen schwache, machtlose Teile des Volkskörpers richtet. Die verantwortlichen Leiter der obersten Verwaltungsstellen sollten aber denn doch die Tragweite und Gefahr solcher Lammsgeduld bedenken. Kann die Achtung vor den bestehenden Gesetzen und vor ihren ausführenden Organen innerhalb der breiten Volksmassen dadurch gestärkt und aufrecht erhalten werden, wenn Tausende mündiger und die öffentlichen Vorkommnisse beobachtender Staatsbürger beispielsweise erfahren, daß städtische Beamte der Parteinahme für politische Vereinigungen, ja, der Ungesetzlichen Machination bei Wahlen öffentlich augeklagt und — überwiesen werden und sich kein Finger rührt, um dieselben dafür zur Rechenschaft zu ziehen? Bedenkt man nicht, daß man durch solche Vorkommnisse systematisch Gesetzlosigkeit und Anarchie vorbereiten kann? : Tatsächlich kann man bereits Aeußernngen unter dem Volke massenhaft hören, wie: „Das Gesetz ist ein geduldiger Papierfetzen", „Nicht das Gesetz, sondern die Macht entscheidet in Oesterreich", „Wer die Macht hat, der behält zum Schluß auch Recht". Ist der alte Wahrsprnch: „Justitia regnorum fundamentnm“ denn schon ganz in Vergessenheit geraten? Kein Land ist in jüngster Zeit so reich an öffentlichen Verwaltnngsskandalen gewesen als Oesterreich und es sei zu diesem Behnfe nnr an die massenhaften Lehrerbeschwerden gegen ungerechte Einreihungen und Beförderungspräterierungen, sowie an die massenhaften Beschwerden von Wählern anläßlich der Wahl erinnert. In letzter Zeit macht sich wieder ein solcher Wiener Berwaltungsskandal betreffs der privaten Komensky-Schule rat 3. Bezirke bemerkbar, welcher nicht nur die Dreistigkeit der Wiener Gemeindebehörden, sondern auch die nnzeitige Schwäche und Zaghaftigkeit der Negierung offenbart. Es ist einfach lächerlich, wenn ein Wiener befürchtet, eine tschechische Privatschule könne das Wiener Deutschtum gefährden. Da waren die früheren liberalen Lenker der österreichischen Geschicke doch ungleich bessere Psychologen. Der slawische Zufluß nach Wien war damals noch mächtiger als heute und doch wurde Wien nicht tschechisiert, sondern die Kinder und Enkel der Zugereisten wurden — überzeugte Deutsche. Die Führer der Deutschen führen daher oft slawische Namen und nach einem Berichte über die Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 29. Oktober 1912 wurden den heute nurdeutschen Abgeordneten Dr. Schreiner und Wedra die Rufe: „Sie Renegat" zugerufen und auch der Wiener Führer der Deutschnationalen. Dr. Waber, zeugt unverkennbar — slawische Gesichtszüge. Solange man den Juden kein Unrecht zusügte, waren auch diese — überzeugte Deutsche und gingen in verhältnismäßig größerer Masse als gegenwärtig — zur Taufe. Gerade der eröffnete Kampf gegen Juden und Tschechen in Wien führte die genannten Volksschichten zu ihrem alten Stammesbewußtsein zurück. Das Traurigste ist aber dabei die Tatsache, daß das Rechtsbewußtsein des Volkes Schaden leidet. Gegen Juden und Tschechen sei alles erlaubt, meint man, und gar mancher sonst korrekter Arier fürchtet sich heute, begangenes Unrecht Unrecht zu nennen, wenn es Inden oder Tschechen traf, um nicht Vorwürfen, wie Judenkuecht. Angehöriger der Jndenschutztruppe, Verräter des eigenen Volkstumes, Abtrünniger u. dgl. ausgesetzt zu sein. Wer als öffentlicher Lehrer an Wiener Volksschulen gewirkt hat, der weiß aus Erfahrung, daß jährlich Hunderte von Kindern zugereister Tschechen wegen UnkenntMs der deutschen

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