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Die Wahrheit · 1912-11-01 · Heft 42 (1.11.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 42 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42. Die Wahrheit Seite II. Oesterr.-imgar. Kantoreu-Uerein. . Montag, den 28. Oktober, halb 7 Uhr abends, fand unter idem Vorsitze des Präsidenten I. Bauer eine Vorstandssitzung des Oesterr.-nllgar. Kantoren-Vereines statt, an welcher der gesamte Vorstand, mit Ausnahme eines durch eine dringende 'Reise verhinderten Vorstandsmitgliedes, teilnahm. Anwesend waren: B a n e r, D ü n m a n n, F r i e. d l ä n d e r, G r o b, Iurberge r, Kauf m a n n, K o h n, Morgen st e r n, M o s e n b e r g e r, Schleifer, Schlesinger, S ch o r r, S e r e b r e n i k. Entschuldigt: Basse r. Der Vorsitzende begrüßte die Versammlung und gab seiner Freude darüber Ansdruck, daß der Vorstand so voll-; zählig der Einladung Folge geleistet habe. Er erblicke hierin eine gute Vorbedeutung, daß der Vorstand sich nunmehr in einträchtiger und ernster Arbeit der Lösung jener Fragen .zuwenden werde, die das Interesse des Vereines und der gesamten Berufsgenossenschaft zu fördern geeignet sind. Hierauf widmete er anläßlich des ersten Jahrzeiltages des verstorbenen Präsidenten, kaiserl. Rat Oberkantor Josef Singer, demselben Worte pietätvollen Gedenkens, die von der Versammlung stehend angehört wurden. Anknüpfend an die Verlesung des Protokolles der letzten Sitzung brachte der Vereinssekretär zur Kenntnis, daß der in letzter Sitzung vorgelegte Rechenschaftsbericht von den gegenwärtigen Kontrolloren B a s s e r und Rosenberger, sowie von dem früheren Kontrollor Bassel einer genauen Prüfung unterzogen und richtig befunden wurde. Hierauf wurde der Rechenschaftsbericht vom Vorstande einstimmig genehmigt. Der vom Sekretär vorgelegte Bericht über die erfolgten Mahnungen wegen rückständiger Mitgliedsbeilräge gab Anlaß -zu eingehenden Beratungen über die Feststellung der Mitgliedschaft. Einerseits wurde allgemein betont, daß in erster 'Reihe auf die Bestimmungen der Statuten Rücksicht genommen und eine Schädigung der Vereinskasse verhindert werden müsse, und andererseits trat beim Vorstande das Bestreben .zutage, jenen Mitgliedern, auf welche der § 15, 3 a, der .Statuten Anwendung finden sollte, noch eine Möglichkeit zum Begleiche der Rückstände zu bieten und sie vor dem Verluste der Mitgliedschaft zu bewahren. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, an die rückständigen Mitglieder noch eine letzte Aufforderung zu richten, , ihren Verpflichtungen dem Vereine gegenüber nachznkommen, -oder ihren Austritt anzumelden. Betreffs Begleich der Rückstände wird der Vorstand, über Ansuchen der betreffenden Mitglieder, Zahlnngserleichterungen gewähren, jedoch strenge auf .pünktliche Zahlung der laufenden Beiträge beharren. Nach Erschöpfung der Tagesordnung und Skizziernug -der demnächst in Angriff zu nehmenden Arbeiten wurde die Sitzung vom Vorsitzenden geschlossen. Zn den in der vorigen Sitzung anläßlich des 60. Geburtstages des Präsidenten Oberkantor I. Bauer gezeichneten Spenden -für . die Vereinskasse meldeten die Vorstandsmitglieder S. Dünmann und I. Schleifer noch weitere Beträge an. so daß ans diesem Anlasse der Vereiuskasse K 270.— zngewendet lvnrden. Sabbathlichter. (Eine Geschichte in Briefe n.) Bon Jdl» Bock. (Fortsetznng.) 20 Liebe Hedi! Vetter Fritz behauptet steif und fest, ich hätte mich in den letzten Tagen gründlich verändert. Die väterliche -Art, mit der mich Doktor Fink behandelt, gibt ihnen Stoff zu neuen Neckerein. Diesmal lache ich aber wirklich mit. Ich glaube, ich bin wieder vom Herzen fröhlich geworden, habe das dunkle Gefühl, von einem Menschen verstanden und richtig beurteilt .zu werden. Marga. Liebe Hedi! Nein, nein! Wenn auch du lachst, erzähl ich Dir wirklich uichls! Schwärmtest Du nicht schon oft und hörte ich Dir nicht immer andächtig zu und folgte ernst dem Fluge Deiner Phantasie? Aber sieh mal. soweit haben sie mich schon gebracht, daß ich mir einbilde, selbst Du müßtest spöttisch den Mund verziehen, wenn ich nur vom Dollar beginne. So oft er an nnserm Hause vorübergeht, was ja mitunter stündlich geschieht, werde ich ans Fenster gerufen. Freilich gehe ich nicht, kann aber doch nicht verhindern, daß meine Wangen brenn» rot werden. Biegt er gar in unser Tor ein, was jeden zweiten Tag vorkommt, muß ich schleunigst das Zimmer verlassen, um den neckenden, spottenden, lachenden Blicken meiner Verwandten zu entgehen. Alle außer Grete haben sich gegen mich verschworen, sogar die einfältige Jette, das Stubenmädchen, ist mit im Bunde. Heute ordnete ich den Bücherschrank in meinem Zimmer. Da tritt sie schnell ein: „Es klingelt nnd ich bitrft' grad den Salon, habe den Schuh unten, bitt schön. Fäulein Marga, möchten Sie öffnen?" Ich tn's. Es ist der Doktor. Er reicht mir die Hand, hält sie, während er mich fragt, weshalb ich noch nicht gekommen sei, seine Mutter habe mich erwartet. Natürlich waren gleich sämtliche Türen ausgerissen worden und ich fühlte fünf Paar boshafte Angen ans mir ruhen, konnte vor Verlegenheit kaum anworten. „Marga wollte sich eben das Vergnügen machen, da hatte sie das Malheur sich an einem Nagel zu ritzen, mußte sich die Hand verbinden nnd konnte einige Tage keinen Handschuh darüber ziehen," erklärte Tante. „Zeigen Sie doch mein Kind, ist's schon gut?" Wie unverschämt sie mich fixierten! 22 Marga. Liebe Freundin! Frau Fiuk^hatte um mich geschickt. Ich wäre sonst nicht hinüber gegangen. Sie ist eine noch rüstige sehr liebe, einfache Dame, bei der ich mich sofort so wohl fühlte, als wäre sie mir schon seit langem eng befreundet. Sie betrachtete mich bei meinem Eintritt feuchten Auges nnd sagte mit .zuckendem Munde: „O. wie Sie ihr ähnlich sind! Man könnte glauben, sie stünde vor einem." Dann erzählte sie mir viel von Mutter. Wie lieb sie einander gehabt hätten und welch ein sinniges, frommes Kind sie gewsen sei. von dem man nie ein unfeines oder taktloses Wort hörte. Der Doktor war nicht zu Hause. So saßen wir denn auf dem kleinen braunen Ledersofa, und ich horchte aus die Stimme der Vergangenheit und wurde seltsam ergriffen und eingesponnen. Grete kam, um mich ins Theater zu holen. Ich stand wie träumend aus, küßte der guten Frau die Hand und fand es für selbstverständlich, daß sie mich herzlich in die Arme schloß. „Freilag abend sind Sie unser Gast, liebe Marga. Kommen Sie, bitte rechtzeitig." Welch friedvolle Atmosphäre, Hedi! Ich war daheim. Weißt du, was das bedeutet? Hedi, nicht einmal in meinem Vaterhanse bin ich seit Jahren daheim. 2a Marga. Liebe Freundin! Schrieb ich Dir, daß mir Frau Fink auch von meinen Großeltern erzählte, die, wie du weißt, seit elf Jahren in Amerika sind? Wenn wir doch Freitag wieder allein wären! Ich möchte noch so vieles erfahren und fürchte, daß die Anwesenheit des Doktors mir meine Unbefangenheit rauben könnte. Es ist doch nicht recht von meinen Verwandten, daß sie mich stets mit ihm necken. Unverzeihlich ist es! Man sollte mit derlei wirklich keinen Scherz treiben. Nun verdrießt es mich schon. 24. Marga. Liebe Hedi! Also höre: Das Dienstmädchen öffnete und sagte, ich möchte nur eintreteu, Fran Fink sei in der Synagoge, werde aber bald kommen. Ehe ich's mich versah, stand ich mit gefalteten Händen da . . Sabbathlichter! Sabbathweiüe! Denke Dir meine Überraschung! Ans dem Tische standen meine Leuchter. So dachte ich nämlich und begriff nicht, wieso sie hergekommen waren. Ich schaute sie nur immerwährend an und Urgroßmutter mit der Goldhaube stand neben mir nnd schüttelte erstaunt das liebe Köpfchen. Dann hob sie die Hände und ihre freundlichen Lippen murmelten fromm den «segensspruch. Meine Phantasie ging wieder mit mir durch. Ich fuhr zusammen. (Fortsetzung folgt.)

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