Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 42 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Die Wahrheit »Seite 9 Nr. 42 Zacken, gar ihn za beschimpfen, weil ihn selbst seine Mutter, ~anit flachsfarbenem Haar versehen, das Leben gab. Ohne Zweifel ein unglaubliches Verdienst." Gewiß wird niemand. der die trostlose geistige Oede des Antisemitismus kennt, die Forderung des großen Homeriden F. A. Wolf: „Habe Geist", etwa auch an die publizistischen und agitatorischen Wortführer des Antisemitismus richten wollen, da man — nach dem bekannten Bibelwort —- ja nicht Feigen von den Disteln ernten kann. Der witzige Franz Sandvoß .(Tautippos) hat einmal das hübsche Wort geprägt: „Die Judenfrage ist die gerechteste Strafe der deutschen Dummheit, diese ist leider keine Frage." Varnhageu von Ense, der die Sachsen offenbar nicht leiden-konnte — vielleicht gerade deswegen. weil schon zu seiner Zeit die „Hellen' Lachsen sich als Gegner des Judentums hervortaten — hat einst gefragt: .„Wieviel Juden sind denn in Sachsen, daß diese Lnmpenchristen so große Furcht haben?", und auf die Antwort: „Keine achthundert", etwas malitiös hierzu bemerkt: „So wenig, nur -achthundert! Ja. dann wundert's mich nicht, daß die Sachsen so dumm geblieben sind. — Die müßten sich expreß welche ausbitten, damit mehr Gescheitheit ins Land kommt!" Der Wunsch des etwas temperamentvollen Menschheitsfrenndes ist -ja erfreulicherweise in Erfüllung gegangen, auch ohne daß es -dieses drastischen Mittels bedurft hätte; der gesunde Sinn der sächsischen Bevölkerung hat die antisemitischen Volksverführer -eben sehr bald erkannt und ihnen den Lanfpaß gegeben. Gleichwohl ist auch heute noch die für jeden Kulturfreuud ^betrübliche Tatsache zu verzeichnen, daß eine Bewegung, deren „dunkler Geist des Fanatismus und der Verfolgung" — nach den Worten Karl Schurz' — „die menschliche Erleuchtung des 19. Jahrhunderts beschimpft", der sich „an das dümmste 'Vorurteil und die blindeste Leidenschaft" wendet, heute noch immer als Gespenst sein Unwesen treiben kann, ein deutlicher Beweis dafür,'wieviel die Phrase über die Menschen vermag. 'Und darin liegt auch eine gewisse Schwierigkeit gegenüber der antisemitischen Bewegung. Schon Rudolf Virchow hat in einer Rede (Februar 1893) mit Recht hervorgehvben: „Der Antisemitismus ist so verstockt und verhornt, daß die Stelle gar nicht zu finden ist, wo man ihm ans Leben kann; man weiß nicht, was die Leute eigentlich wollen. Der eine Antisemit ist immer ganz anders als der andere, ein Programm, ein formulierter Gedanke ist nicht im Antisemitismus enthalten. Man darf sich nicht vorstellen, der Antisemitismus sei ein Begriff, er ist nichts weiter als ein Gespenst, welches in -dieser Zeit umgeht." Je ungeheuerlicher, grundloser und lächerlicher die Beschuldigungen sind, die man gegen die Inden erhebt, desto -williger werden sie geglaubt. Von Zeit zu Zeit taucht selbst die abgeschmackte Ritnalmordlüge wieder aus der Versenkung empor, und die führenden Organe der Antisemiten („Dentschsoz. 'Blätter", „Hammer" u. s. w.) entblöden sich nicht, damit an die rohesten Instinkte des Pöbels zu appellieren. Man kann es Theodor Mommsen daher wohl nachsützlen, wenn der Ekel über das demagogische Treiben der antisemitischen Hetzer ihn, zu dem heftigen Wort hinriß: „Kanaille bleibt Kanaille, und der Anti- -semitismns ist die Gesinnung der Kanaille." Nichts kennzeichnet den wissenschaftlichen Bankerott der ganzen antisemitischen Bewegung besser als die Tatsache, daß die führende politische Gruppe, die deutsch-soziale P a r t e i, in ihrer Ratlosigkeit keinen anderen Ausweg findet, .^als einen Neudruck der berüchtigten Hetzbroschüre von Sanitätsrat Dr. Stille: „Der Kampf gegen das Judentum" in einer Massenausiage zu verbreiten, worin an die rohe Gewalt appelliert wird, „weil die Macht der Inden mit ihrem Geldbesitz in unheimlicher Progression wächst und weil bald überhaupt keine friedliche, sondern nur noch eine revolutionäre, gewaltätige Lösung mehr möglich sein wird". 'An einer anderen Stelle wird diese Drohung wiederholt, da „keine andere Möglichkeit, die faktische Judenherrschaft abzuschütteln, mehr bliebe, als offene blutige Revolution". Das deutsche Volk in seiner überwiegenden Mehrheit wie .auch die Inden werden diese Rodomontaden, die nur der Ausfluß einer ohnmächtigen Wut sind, sehr kühl lassen. Der Antisemitismus ist eine Volkskraukheit, deren Heilung nicht so schnell von statten geht, man muß Geduld hahen. Und wenn man auch nicht der Meinung Otto Roq nettes zu sein braucht, der den Antisemitismus für etwas nur Abgeschmacktes und Törichtes hielt, „für die Weltentwicklung nicht wichtiger als etwa die K a r t v ffe lkr a n k h e i t, und vorübergehend wie diese", so werden doch alle Freunde von Gesittung und Kultur auch fernerhin ans dem Posten bleiben müssen und, eingedenk der Worte Manzonis: „Wahrheiten können nur dann in die Ueberzellgungen der Menschen übergehen, wenn sie beständig wiederholt werden", unermüdlich mit der Fackel der Aufklärung in den finsteren Höhlen des Aberglaubens und des Fanatismns hineinlenchten. Sie werden die ehrlichen Gegner mit den Gründen der Vernunft zu überzeugen suchen, den gewissenlosen Verleumder aber an den Pranger stellen; sie werden dabei freilich zuweilen auch vor einem kräftigen Wort nicht znrückschrecken dürfen, eingedenk der Mahnung Th. Mommsens, „den groben Fälschungen und Verdrehungen der Antisemiten im einzelnen zu antworten und auf den groben Klotz einen groben Keil zn setzen". Uerschiedene Uachrichlen Wien. Se. Majestät der Kaiser hat dem kaiserlichen Rate Herrn Sigmund K anders, Vorstandsnnrglied und Vertreter der Wiener isr. Kultusgemeuide. das Ritterkreuz des Franz Joses-Ordens verliehen. Wien. Freitag, den 1. Novemver 1912 abends Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Jnl. M. B a ch. im Leovoldstädrer-Tempel. Wie». Sonntag, den 3. November 1912, 5 Uhr abends, findet im Tempel VIII. Neudeggergasie 12 eine Gedächtnisfeier für den verstorbenen Vizepräsidenten Herrn Jacob Modern statt. Wien. Das Zentral-Wahlkomitee für die Kultnswahlen 1912 hat sich am 28. Oktober konstituiert und die Herren: Dr. Jakob O r »st e i n, Hof- und Gerichtsadvokat, zum Präsidenten, Dr. Josef W i n t e r n i tz und Josef Sch aal mann, zn Vizepräsidenten. MorizBaum und Albert Frankl zu Schriftführern gewählt. Es wurde ferner ein ans elf Herren bestehendes Exeknriv-Komitee, mit dem Rechte der Ergänzung bis auf 15 Mitglieder, enlsender. Kandidaturen wollen bei dem Zemral-Wahlkomitee IX., Universitätsstraße 8. angemeldet werden. Wien. (Zum Hinscheiden Rabb. Dr. I. I. Ungers.) Mit den leitenden Männern unserer Großgemeinde und den Gelehrten in ihrer Mitte stand der Verewigte in steter inniger Beziehung und erfreute sich hier besonderer Hochachtung nnd Wertschätzung. In keiner unserer öffentlichen Bibliotheken, von der k. k. Hos- und Fldei-Kvmmiß-Bibliothek augesangen, fehlen Dr. Ungers hebräische und deutsche wissenschaftliche Arbeiten nnd Werke. Der Zufall wollte es, daß gerade an seinem Sterbetage au die Hörer der Wiener Israel. Theologischen Lehranstalt dieJubelansgabe der. geistvollen nnd inhaltsreichen Hebräischen Dichtungen des Verewigten als wertvolle Widmung zur Verteilung gelaugten. Der nächste Tag brachte die Tranernachricht. die alle, die Dr. Unger persönlich oder ans seinen Schriften kannten, tiefbetrübre. — Beim Bormittags-Jugend- Gottesdienste am verflosienen Sabbat „Wajera" im Stadttempel — zu dessen 50jährigem Gründungs-Jubiläum im Jahre 187k Dr. Unger s. Z. eine herrliche Dichtung der Wiener Gemeinde gewidmet — erwähnte Professor Antscherl des hochverehrten Lehrers nnd Freundes seiner zahlreichen Schüler und seiner Beziehungen zu nuferer großen Gemeinde; die Worte machten tiefen Eindruck. Das Andenken an den Verewigten wird in der dankbaren Nachwelt stets sortleben. Wien. Der Vater des im H. Bezirke bekannten Cafetiers Josef Blau, Herr Adolf Blau. Schächter der israel. Kultusgemeiude, feierte nach überstandeuer längerer Krankheit am 31. Oktober mit seiner Gattin Regina im Kreise seiner nächsten Angehörigen seine goldene Hochzeit. In der Wohnung des Jubelpaares, H. Bez.. Robertgasse 1, fanden sich viele Gratulanten ein. Wien. Ein unübersetzbarer Zug von Trauergästen bewegte sich Montag, den 21. Oktober um 7 Uhr abends, vom Trauerhause, in der Rembrandtstraße mit dem Sarge Simon Bnctzwalds, eines der edelsten und besten Männer unserer Wiener jüdischen Gemeinde, znm Tempelhof der' „Talmud-Thora" in der Malzgaffe. Im Sterbehanse nahm Herr Varkany. der Schwiegersohn des Verstorbenen, in ergreifender Rede von diesem Abschied, kein Auge blieb dabei tränenleer. Eine edle Gattin, die an allen frommen, menschenfreundlichen Arbeiten und Schöpfungen ihres Mannes regen Anteil nahm nnd ebensolche drei gute Töchter mit ihren Familien nnd unzähligen Freunde und Verehrer beweinen Herrn Buchwald, der nach dreitägiger Krankheit im 80. Lebensjahre, in der Nacht vom 20. zum 21. d. M. verschied. Der Wiener Knltnsvorstand unter Führung seines Vizepräsidenten des Herrn Landesschulrates Dr. Gustav K o h n, die Chewra-