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Die Wahrheit · 1912-11-01 · Heft 42 (1.11.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 42 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 42. Ju Anlehnung an eine Gebetstelle, die in dreifacher Bitte um die Erhaltung des jüdischen Volkes fleht, erörtert der Referent drei Aufgaben der neuen Organisation. Sie will arbeiten an der Behebung des wirtschaftlichen Elends in Ländern der Not. Wohl arbeiten daran auch andere Organisationen, ihre Verdienste sollen nicht verkanur werden; aber Tatsache ist, daß ein großer Teil der östlichen Glaubensgenossen zn den bestehenden Organisationen kein Vertrauen gefaßt hat. Die wirtschaftliche Frage hängt innig mit der Kultursrage zusammen. Darum muß die Lösung von einer Seite kommen, von der die Notleidenden wissen, daß sie über die religiösen Werte so denkt wie diese selbst. Für die bestehenden Organisationen sind die Hilfsbedürftigen Objekte der Fürsorge, in der „Agndah" sollen sie-Subjekte der Hilfe sein, sollen ihr Schicksal durch Abstimmung selbst ordnen Helsen. Ein besonderes Augenmerk ist auf die Emigranten zu richten. Es wandern aus den Ländern der Not jährlich viele Tausende in überseeische Länder. Viele gehen dem Judentum verloren, weil es ihnen an sittlichem Halt fehlt und auch an Gelegenheit, die Forderungen des jüdischen Religionsgesetzes zu beobachten, §ier hat die Orthodoxie die Pflicht zu wirken. Sie will und muß an der materiellen Erhaltung des Judentums arbeiten. Die Anstellung jüdischer Bergarbeiter in den Kohlengruben Schlesiens, die die Sabbath- und Speisegesetze dabei beobachten können, zeigt, daß auch auf diesem Gebiete vieles erreicht werden kann. Eine zweite Aufgabe ist, die früher vorhandene, nun aber verlorene ideele Einheit der jüdischen Gemeinschaft herzustellen. Die Entfremdung zwischen Ost und West ist zu groß geworden. Der Ostjude glaubt gar nicht, daß im Westen wahre Thora-Trene lebt. Der Westjiide stellt sich den östlichen Bruder als kulturlosen, ivirklichkeitssremden Menschen vor. Das ist ein ungesunder Zustand. Es schlummert im Ostjudentume eine große Summe von Intelligenz, die durch Organisation der jüdischen Allgemeinheit dienstbar gemacht werden kann. Als dritte Ausgabe die für die „Agndah" charakteristisch und ihr erst ihr besonderes Gepräge verleiht, ist die Mission alle sich bietenden Ausgaben im Geiste des gesetzestreuen Judentums' zu lösen, für Erhaltung desselben zu arbeiten. Die Jugend in West-Enropa wendet sich vielfach vom traditionellen Judentum ab. weil dieses zu wenig au den großen praktischen Fragen des Tages arbeitet. Die Jugend will aber, sich ans diesem Gebiete betätigen. Die Jugend im Osten dagegen wird geblendet vom Glanze der europäischen Kultur, die sie oft aus glaubensseindlichen Quellen kennen lernt, geht dem väterlichen Erbe verloren. Da kann nur die Verbindung des Ostens mit dem Westen helfen. Der kultnrgesättigteWesten kann zeigen, daß er, im Besitze der Zeitkultnr, das Judentum zu halten versteht, daß das Judentum keiner Kultur zu- .rücksteht. Die Jugend des Westens wird ein Arbeitsfeld gewinnen und rhrerseils Gelegenheit haben, den reichen Thoraschatz des Ostens bewundern und erstreben zu lernen. Die j,Agudah" tritt nicht als Kampforganisation aus. Sie wendet sich an alle thora- und gesetzestreuen Gesinnte und fordert sie zur Mitarbeit aus." Stürmischer Beifall folgte den Worten des Redners. In der nun anschließenden Diskusiion nahm Herr Dr. Heinrich Schreiber das Wort, der die Grüße und Wünsche der Kultusgemeinde überbrachte. Die Herren Rabbiner D r. F e u ch t w a n g, Stern, B e r h a r d, Hofbauer traten in warmen Worten für die „Agndah" ein. Herr P l a s chkes ist für die „Agudah", doch wünscht er die Pflege des nationalen Gedankens. Großes Interesse erregen die Ausführungen des Herrn Isidor A u st e r l i tz, der sich als Misrachist bekannte. Er begrüßte es mit Freuden, daß die „Agudah" keine Kampforganisation gegen andere Organisationen im Judentume sein. Er hoffe in beiden, sowohl in der „Agudah" als auch in der „Misrachi" ersprießlich arbeiten zu können. Ju einer glänzenden, Replik bespricht Herr Rabbiner Dr. Klein alle vorgebrachten Bemerkungen. Vorsitzender sagt unter rauschendem Beifall der Versammlung dem Redner den. wärmsten Dank und schließt die Versammlung. Nachdem sich eine große Anzahl von Mitgliedern der „Aguda" angeschloffen halten, fand im Pinkas Restauration (Hotel Newyork) ein gemütliches Abendeffen statt, das von zahlreichen Reden gewürzt, bis Mitternacht währte. Merem der Saööatfreunde Wien. . Mittwoch, den 23. Oktober l. I. veranstaltete der Verein der Sabbathfreunde einen Vortragsabend, an welchem Herr Dr. Arnold Klein, Rabbiner aus Nürnberg, der dem Wiener Publikum von seiner glänzenden Rede in der Versammlung der „Agndah" her bekannt war, über „Die Zukunft des Judentums und der Sabbath" sprach. Lange vor der festgesetzten Stunde war der Saal bis aus das letzte Plätzchen gefüllt. Der Obmann Herr Moritz Felsenburg eröffnete die,Versammlung mit einem kurzen Bericht über die diesjährige Bereinstätigkeit und erteilte dem Referenten das Wort. Herr Rabbiner Dr. Klein, stürmisch begrüßt, führte Folgendes aus: „Während man früher die Lebenskraft des jüdischen Volkes anstaunte, seine Zukunft als fraglos ansah, wurde in der letzten Zeit die Zukunft des Judentums als Problem behandelt. Erst durch den Rückgang des alten gläubigen Judentums wurde die früher feststehende Tatsache zur Frage. Die Erhaltung eines selbständigen geistigen Seins ist für die Erhaltung des Jndentumes Voranssetzuiig. Für das traditionelle Judentum ist der geistige Inhalt 8er alte, der gegebene; es ist bereit dafür jedes Opfer zu bringen, somit ist ihm seine Erhaltung kein Problem. Wohl muß man bedacht sein, in der Ungunst der Verhältniffe Vorkehrungen gegen die Schwierigkeiten zu treffen, die dem alten traditionellen' Judentum sich entgegenstellen. Eine solche Schutzmaßregel bilden die bestehenden Vereine der Sabbathfreunde. ' Der Sabbätt) Nimmt eine derartige zentrale Stellung im Judentume und in seinem Gesetze ein, daß trotz der gleichen Verbindlichkeit aller Gebote, für ihn besondere Vorkehrungen gerechtfertigt erscheinen. Der Sabbath> drückt das Wesen des Judentums am klarsten aus; wer alsofür die Erhaltung des Sabdathes sorgt, sorgt damit auch für die Er- - Haltung des Judentums: wer den Sabbath gefährdet, gefährdet auch das Judentum." Referent führt dann im einzelnen die Gefahren aus, vondenen der Sabbath bedroht ist. ^Zunächst ist er praktisch gefährdet vom den Schwachen. Dieselben hängen noch innerlich am Jndentum; sie üben noch dessen Gebräuche und Vorschriften, auch die aus den Sabbath bezüglichen; doch sie entweihen ihn, wenn auch schweren Herzens, durch ihre gewerbliche, durch ihre Erwerbarbeit. Sie sind inkonsequent, doch die Inkonsequenz wird, früher oder später überwunden, u. zw. nach der negativem Seite. Allmählich werden dieErinnernngen an derenJugend undJugendleben verblassen, man verläßt die Uebnng der väterlichen Lehre; für die Kinder wird das Jndentum ein inhaltloser Begriff und sie mehren die Reihen derer, die das Judentum leicht verlassen. Theoretische Gegner des Sabbath sind diejenigen, die den Sabbath als bloßen Ruhetag, als bloße soziale Einrichtung bezeichnen. Sie bringen die Frage, ob der Sabbath verlegbaxist, absichtlich oder unabsichtlich auf die Tagesordnung. Als entschiedenste Gegner des Sabbath müffen ferner diejenigen, die. wie die Vertreter des „liberalen Judentums in Deutschland", den Sabbath erhalten zu wollen vorgeben, sogar die Erwerbsarbeit für verloren erklären, schließlich aber erklären — anstatt für den Sabbath in seiner Reinheit und Heiligkeit zu kämpsen — es gehe auch so, man müsse den Sabbath aller Erschwerungen zeitgemäß entkleiden. Diese theoretischen Gegner können ihre Auffassung nur im offenen Gegensatz gegen die Quelle, gegen die heilige Schrift, vertreten. Der Sabbath ist ausdrücklich und deutlich angegeben. Er ist als Zeichen zwischen Gott und Israel. „Damit ihr wisset, daß Ich, der Ewige, euch heilige." Er bezeugt in sinnfälliger Weise die theozentrische Anschauung des Judentums, im Gegensatz zur anthropozentischen der' übrigen Völker. Der Sabbath geht von Gott ans und soll dem Menschen seine Stellung und seine Pflichten zeigen. Indem wir den Sabbath hütete bezeugen wir, daß wir Gott als Schöpfer anerkennen, daß wir Gottes Diener sind, daß wir von der Erde und deren Darbietungen nur den Gebrauch machen dürfen, den er uns gestattet. Nur wer den Sabbath in allen seinen traditionellen Vorschriften einhält, gibt damit Zengenschaft für seinen Schöpfer. Wer ihn als bloßen Ruhetag ansieht, betrachtet das Judeutum höchstens als ethische Vorschrift. Wer also den Sabbath angreift, greift das innerste Wesen des Judentums an. Gerade weil heute der Erwerbsgedanke überwuchert, muß der Jude sein Jndentum besonders hüten. Je schwerer der Sabbath zu halten ist, desto nötiger ist er. Es genügt alsonicht, den Sabbath selbst zu feiern, er muß auch dazu mithelsen, daß andere ihn mitfeiern können. Diejenigen, die schwach genug sind, .selbst diese Pflicht nicht zu erfüllen, sollen aus Liebe zum angestammten Judentum, diese Kerntruppe, die Sabbathfeiernden fördern und ihnen die Erfüllung ihrer Pflicht leichter zu machen sich bestreben. Alle, insbesondere die in einflußreichen gesellschaftlichen und öffentlichen Stellungen, müssen bestrebt sein, gesetzliche Maßnahmen zu fördern, die den Sabbathfeiernden die Opfer erleichtern. Wer für die Erhaltung des Sabbath einsteht, steht ein für die Erhaltung, für die Zukunft des Judentums. Stürmischer, nicht endenwollender Beifall folgte den Worten des Redners. Der Vorsitzende dankte den Erschienenen,, insbesondere den Herren Rabbinern, Knltnsvorstehern, Professoren und anderen illnstren Gästen und schließt mit dem Appell, die Worte des Referenten zu beherzigen und die Ziele des Vereines der Sabbathfreunde zu fördern. Nach Schluß der Versammlung vereinigten sich viele Teilnehmer" derselben im Restaurant Pinkas (Hotel Newyork) zu einem gemeinschaftlichen- Abendessen, das durch geistvolle Reden der Herren Wolf Pappenheim, Bezirksrat Back, Dr. I. S. Bloch, Dr. Reiniger, Fels e u b n r g. und Rabbiner Dr. Klein sowie durch 'die glänzenden musikalischen Borträge des Oberkantör Müller gewürzt wurde. Deutschtum nud Judentum. (Schluß.) Genau-so, wie Hamerling es vorausgesagt hat, ist es gekommen. Einzelne akademische Berufe sind — zumal in Großstädten — in der Tat die Domänen der von der Mehrzahl der staatlichen Aemter ausgeschlossenen jüdischen Akademiker geworden, und nun schreit alle Welt über die Ueberflntnng des Aerzte- oder des Anwaltstandes durch das Judentum. Und gerade die sogenannten gebildeten Gesellschaftskreise gehen mit dem schlechtesten Beispiel voran, gleichsam als wollten sie das Wort desbedeutendsten Staatsrechtslehrers Rudolf von Jhering heute — nach 32 Jahren. — aufs neue bestätigen: „Es ist zu begreifen, daß der Pöbel sich leicht gegen die Juden aufhetzem läßt, daß aber auch Leute, die den gebildeteren Kreisen angehören, an dieser Gemeinheit sich beteiligen, ist schwer zu begreifen und gereicht unserer Nation nicht zu Ehre." Noch heute braucht Hermann Heiberg von seinem am 23. August 18Z1 über die antisemitische Bewegung gefällten Verdikt, auch nicht ein Titelchen hinwegznnehmen: „Alles wird in einen Topf geworfen und der miserabelste Bursche maßt sich an, über den edelsten Juden die Achsel zu

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