Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 42 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 7. Nr. 42 Die Wahrheit Meister, der den Juden nicht die kleinste Dienerstelle in der Millionenstadt verleiht, der hungernde Hausierer bis zur Verzweiflung bedrängt, nahm mit tiefen Bücklingen das großartige jüdische Geschenk entgegen, und gedachte „der Manen der edlen Frau, die ein nachahmenswertes Beispiel gegeben hat". Es gibt freilich auch Fälle, in denen jüdische Stiftungen von den christlichsozialen Machthabern in Wien nur mit Widerwillen angenommen werden. Im Testament des verstorbenen Wiener Rothschild wurden 20 Millionen Kronen für die Errichtung eines Spitales bestimmt, das in Döbling, dem gesündesten Wiener Bezirke, erbaut und Nervenkranken jeder Konfession gewidmet sein sollte! Aber die antisemitischen Stimmen wurden sogleich laut, man verwahrte sich unter hunderterlei Vorwänden gegen diesen Ban und bewilligte endlich am anderen Ende Wiens, weit an der Grenze, .einen Platz für das Spital, während in Döbling gnädigst eine — Anfnahmestelle gestattet wurde! Ans dem Wege nach Iernsalem. Reisebriefe von Rabbiner Dr. Arniand Kaminka. I. Venedig-Alexandrien, 15. Oktober 1912. An Bord des Dampfers „Schleswig". Die Satten und die Hungrigen gedenken Jerusalems: im Tischgebete wird dessen Wiedererbauung ersteht und am Schlüsse des großen Fasttages bedeutet die Erinnerung Jerusalems, von Posannenschall begleitet, das Ende der Kasteiung. Morgens, nachmittags und abends wenden alle Gemeinden Israels in Ost und West, Süd und Nord, ihr Gesicht den fernen heiligen Stätten zu, wo ihre ruhmreichen Vorfahren gewandelt; wo die fortgeschrittensten sozialen Gedanken und ethischen Forderungen der Menschheit ihren vollendeten, für ewige Zeiten giltigen Ausdruck in prophetischen Reden fanden; wo die ganze Skala menschlicher Lyrik, „torrts 1a, lyre“, ein für allemal im Psalmenbuch erklungen ist. Von den vier Strömen, die aus dem Garten Eden fließen, nmrauscht der erste Strom das Land „Chawila". Chawila — sagt der Midrasch —- das vom Edenstrom umflossene, das ist das Land des Harrens und Hoflens, das israelitische Land, das Land der Zukunft. „Dort ist das Gold",— das will sagen: Von dort ist ein Wort an die Menschheit ergangen, das ihren köstlichsten Schatz bildet." In unseren Tagen wird so viel gereist, und das Reisen ist für die finanziell nicht zu sehr beengten Menschen so leicht und bequem, daß es kein Jude, der Stammesgefühl und Liebe zu seiner Religion besitzt, versäumen sollte, wenigstens einmal im Leben das Land seiner Ahnen anfznsuchen. Namentlich wird es als selbstverständlich erachtet werden, daß ein beruflich dem Judentum dienender Rabbiner, der den ganzen Sommer — man kann sagen: während der „kältesten" Jahreszeit— an sein Amt gekettet war, den wohlverdienten Herbsturlaub dazu verwendet, Palästina zu besuchen. Mit den eleganten Dampfern des Norddeutschen Lloyd, die jetzt (neben den Schiffen des Oesterr. Lloyd von Triest) von Venedig und Neapel nach Alexandrien verkehren, ist die Reise zugleich eine Erholung und ein Vergnügen. Der Haken, den die Sache für einen Rabbiner hat, besteht freilich in der Einschränkung der sonst in unglaublicher Fülle gebotenen Verpflegung auf der Reise. Aber auch dafür ist Abhilfe geboten. Unter Aufsicht eines orthodoxen Rabbiners in Deutschland werden koschere Konserven fabriziert, mit welchen die stets entgegenkommende Direktion des Bremer Lloyd (im übrigen auch der Oest. Lloyd) auf Wunsch der Passagiere ihre Dampfer für die Reise versieht. Ob nun diese Nahrung ein besonderer Genuß ist? Im Talmud gibt es zwei Meinungen darüber, ob man bei Erfüllung eines Gebotes, sagen wir: bei einer ethischen, den Lohn in. sich selbst tragenden Handlung überhaupt einen Genuß suchen darf. Ist dies nicht oder in nur sehr mäßiger Weise gestattet, so ist natürlich auch die Konserven-Verpflegung vollkommen am Platze. Da der Dampfer nach Alexandrien Sonntag früh abging, so verbrachten wir den Sabbath in Venedig. Mein angenehmer Reisegenosse ist der unter den jüngeren Rabbinern in Deutschland als Seefahrer bereits vorteilhaft bekannte (ebenso wie manche Rabbiner der alten Zeit als „Fahrer im Meere des Talmud" einen Namen hatten) Dr. Georg Wilde in Magdeburg. Die herrlichste Sonne beleuchtete den Oaual grande, und gerade war es der Sabbath, an dem die Taube in der Arche Noahs mit dem Oelblatt im Schnabel erscheint, als wir die unzähligen Nachkommen dieser Taube ans dem märchenhaften Markusplatze promenieren sahen — in der Wnnderstadt, die mit ihren aus dem Wasser ragenden Palästen und dem Menschengedränge in den wirren Gäßchen selbst so sehr an die Arche erinnert. Wir besuchten die drei Synagogen, der Spagnolen, der Levantiner, der Italiener. Alle sind schön ansgestattet. Alamemor an der Westseite, die Thora und der größte Teil der Gebete wird mit dem Gesichte ins Haus vorgetragen; nur bei den Spagnolen, im schönsten Gotleshanse, ist im Westen eine Orgel und der Vorbeter steht bei der heiligen Lade. Der Besuch ist sehr gering — tout comme chez nous. „Sie werden sehen", sagte ich zu meinem Reisegenossen, „man wird uns fragen, ob wir Kohen oder Levi sind; da wir leider die nicht sind, so wird der Tempeldiener mit Verachtung über uns hinweggehen." So wars. Als einfache Israeliten und da wir inkognito gekommen waren, werden wir nicht zur Thora gerufen. Die Inden sind für den Adel, für das Prädikat „von", die Baronie oder — im Tempel — für die Abstammung vom Priesterstamm. Tags vorher hatten wir am Lido den jüdischen Friedhof besticht. Sehr schöne und geschmackvolle Grabdenkmäler, auch soweit sie ans den letzten Jahren stammen, zumeist mit hebräischen Inschriften geschmückt, legen Zeugnis ab, daß das Hebräische bei den Juden in Italien noch immer in Ehren gehalten wird. Von Religiosität ist freilich wenig zu finden. Im Restaurant des Lazzar Fano war es Freitag abend ein Ereignis, das Alle in Erstaunen setzte, als man uns „Kiddnsch" machen sah. Dagegen sahen wir dort ein hebräisches Psalmenbnch, erst vor wenigen- Jahren in Livorno schön gedruckt und offenbar sehr verbreitet, wo zu den einzelnen Kapiteln in Abschriften angegeben ist, wozu sie sich als probate Mittel eignen, z. B.: Psalm . 2: Gegen Sturm auf dem Meere. Psalm 3: Gegen Kopfschmerzen. Psalm 6: Gegen Zahnschmerzen. Psalm 16: Um einen Dieb zu finden. Psalm 63: Für geschäftliche Erfolge. Psalm 67: Gegen Fieber. (Man erinnert sich an die Anekdote von den Magenpsalmen). Am 13. Oktober schifften wir uns nach Alexandrien ein. Aersammtung der „Agudaty-Iisroel" m Wien. Montag, den 21. Oktober l. I. fand im Festsaale des Hotel „Continental" eine große Versammlung der „Agudath-Jisroel" statt. Sie war für halb 8 Uhr abends anberaumt und schon lange vor der festgesetzten Stunde war der Saal von Gästen überfüllt. Die Eröffnung der Versammlung verzögerte sich bis 8 Uhr, weil zur selben Zeit die Ueberführnng der Leiche des Herrn Simon B u ch w a l d stattfand nnd Biele dem edlen Toten das letzte Geleite gaben. Der Vorsitzende Dr. Reiniger widmete nach Eröffnung dem Verstorbenen einen herzlichen und tiefempfundeneil Nachruf nnd hob seine besonderen Verdienste um die Fürsorge armer Kranker nnd deren rituelle Verköstigung hervor. Die Versammlung hörte in tiefer Bewegung den Nachruf stehend an. Auf den Gegenstand der Versammlung übergehend, begrüßte der Vorsitzende die Erschienenen, namentlich die Herren Rabbiner. Kantoren, Kultusvorsteher, Bereinsleitungen, Profefforen, Vertreter der Presse und andere Gäste. Er stellte der Versammlung Herrn Dr. Arnold Klein, Rabbiner aus Nürnberg, vor, der durch seine Vorträge der „Agudah" schon manchen Erfolg gebracht und sich auch hier in uneigennütziger Weise in deren Dienst stellte. Von stürmischem Beifalle begrüßt, ergriff der Referent das Wort um über das Thema „Die Weltorganisation der gesetzestreuen Jndenheit" zu sprechen. Der Redner, führte etwa Folgendes aus: „Der Gedanke der „Agudah" — des Zusammenschlusses aller gesetzestreuen Juden — sei n'.cht künstlich in das Volk getragen, sondern auf dem Urboden jüdischen Pflichtbewußtseins und Lebensdranges in der Volksseele selbst entstanden. Man hört von Leuten die Bemerkung, diese Idee sei ihnen auch gekommen, sie hätten sie schon längst ausgesprochen. — In Kattowitz konnte man feststellen, wie tief empfunden die Sehnsucht nach dieser Neuschöpfung ist. Mit elementarer Gewalt brach aus dem Herzen der Versammelten die Zustimmung zur Konstituierung hervor. Nicht zaghaftes, kühles Abwägen, sondern das Bewußtsein: die „Agudah" wird entstehen und bestehen, weil sie da sein muß — gab der „Agudah" Dasein. Was sind die Ziele, die Aufgaben, die sich die „Agudah" zu stellen hat?