Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 42 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 42. Die Wahrheit Unterdrückungssucht in der Aera der Modernisteuriecherei und behandelt eingehend die Fälle Wahrmund und Ehrhardt. Nicht nur aus der Partei, auch „aus dem Bruderreiche ist die Liebe entflohen". Professoren und offizielle literarische Vertreter der christlichen Lehre denunzieren: „Mag einer noch so viel Frömmigteit und Eifer haben, mag er in Liebe zu Religion und Kirche glühen, hinweg mit ihm. Er denkt." Den tieferen Grund für die Wiener Niederlage der Christlichsozialen bei den Reichsratswahlen erblickt Scheicher darin, daß „die Partei zu einem Teile ans die schiefe Ebene geraten ist". Er beklagt die ungebändigte Herrschsucht und Intoleranz" der Parteileitung, namentlich Geßmanns, die „Borkenkäferlarve, die sonst im kerngesunden Samen saß". In diesem rech! reichhaltigen Sündenregister ist dabei eine Hauptsache die schändliche Wahlkorruption, die auch bei den diesjährigen Gemeinderatswahleu wieder wahre Orgien gefeiert hat, noch nicht einmal erwähnt. In Wien sind bei den Reichsratswahlen im vorigen Jahre nicht weniger als 42.807 Reklamationen erhoben worden und trotz aller Infamien bei der Entscheidung mußte mehr als 31.000 stattgegeben werden. Natürlich sind diese erbärmlich schlechten Listen, in denen den Gegnern 30.000 Wähler gestohlen wurden, und an deren Stelle Christlichsoziale eingetragen wurden, wenn sie auch zum Teil nicht wahlberechtigt waren, kein Zufall, sondern bewußte, planmäßige Absicht, den Christlichsvzialen für den Wahltag Vorteile zu sichern und den Gegnern schwere Nachteile znzufügen. Das ist ihnen denn auch allenthalben gelungen, denn, aus sich selbst gestellt — ohne Zuhilfenahme dieser betrügerischen Manipulationen — wäre die christlichsoziale Partei auch im Wiener Gemeinderat trotz der Zutreiberdienste, die ihnen neuerdings die „freiheitlichen" Antisemiten leisten, längst zufammengebrochen. Die Herren K. H. Wolff und seine deutfchnationalen Gesinnungsgenossen empfinden nämlich heute ein auffälliges Anlehnungsbedürfnis an die „Römlinge", gegen die Wolff noch vor wenigen Jahren einen förmlichen Vernichtungskampf gepredigt hat: „Es gibt keinen Frieden, kein Paktieren mit dieser Macht, sondern nur Kampf ans Tod und Leben. Entweder muß es uns gelingen, diese Macht nieder zu ringen, oder wir müssen darauf verzichten, im Sonnenschein der Freiheit uns national zu entwickeln". Zwischen den Alldeutschen Schönererscher Couleur und den Deutschnationalen ist, nachdem im November vorigen Jahres die wüsten Skandalszenen im Reichsrctte zwischen dem deutschradikalen Abgeordneten Hummer und dem alldeutschen Abgeordneten Jro sich ereignet hatten, bei denen die übliche Hundepeitsche die Hauptrolle spielte, der Friede nur äußerlich notdürftig wiederhergestellt. Innerhalb der deutschnationalen Studentenschaft hat sich dagegen der schon seit langem bestehende Zwiespalt zwischen den Anhängern Schönerers und denen Wolffs noch weiter verschärft. Während die Burschenschaften in überwiegender Mehrheit, mit Ausnahme der „Gothia", der Richtung Wolff zuneigen, ist die Mehrheit der Vereine und Verbindungen auf jetten Schönerers. In den meisten Burschenschaften ist den Schöuerer-Mitgliedern nahegelegt worden, ihren Austritt anzumelden. ' , Schönerer und Wolff feierten in diesem Jahre ihren 70., bezw. 50. Geburtstag und die antisemitische Presse ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, diese Gedenktage gebührend zu feiern. Die „Staatsb.-Ztg." (17. 7.12) rühmte Schönerer, den Wolff einst einen „grauhaarigen Schurken" (vergl. „Deutsches Volksblatt", den 22. 3. 12) genannt hat, als einen „Helden der Volkssage", einen „Drachentöter", und verknüpfte diesen Hymnus auf Schönerer mit pöbelhaften Angriffen gegen das österreichische Kaiserhaus und gegen die „lothringische Lotterwirtschaft": „Das Land, m dem Schwarz und Gelb sich die Wage hallen, jener politische Augiasstall, in dem römische Abwässer und höfisch-spanischer Kehricht sich mit slawischem Schutt in Eintracht mischen, mußte einer Kernnatur wie Schönerer den Zorn in die Stirne treiben. Die ganze lothringische Erbärmlichkeit, seitdem sie mit 1866 endgiltig ans sich selbst gestellt' war, trieb einer völkischen und wirtschaftlichen Wüstheit entgegen, die aufzuhalten eine Aufraffung unerschrockener und selbstloser Männer erforderte. Und Ritter Georg v. Schönerer war einer dieser Kühnen, die das Unerhörte wagten und ohne k. konzessionierte Interessen- und Komödienpolitik dem Uebel ■ direkt zu Leibe gingen." Nun ist Schönerer am Abend feines Lebens ein gebrochener Mann und seine Partei auf ein winziges Häuflein von drei Abgeordneten zufanunengeschmolzen, während fein erfolgreicherer Rivale doch wenigstens im Deutschen Nationalverband Sitz und Stimme hat. Aber gerade an diesem Deutschen Nationalverbande erleben die zielbewußten Antisemiten keine reine Freude. Ein Teil der Mitglieder möchte — natürlich nur aus wahltaktischen Gründen — das antisemitische Programm nicht allzu scharf betonen — hatte doch der Abgeordnete Sommer noch bei der jüngsten Reichsratswahl in Neutitschein den jüdischen Wählern das freilich sehr durchsichtige Kompliment gemacht, daß sie „heute noch im feindlichen Kanonendonner aufrecht auf den deutschen Schanzen stehen und mit nicht geringen Opfern deutschen Boden und Besitz schützen helfen". Dagegen wehrten sich aber ganz energisch die Abgeordneten K. H. Wolff und Stransky, und in der „Deutschen Reform" (29. 9.12) vergoß ein „alter Deutschradikaler" blutige Tränen über die unsicheren Kantonisten im Deutschen Nationalverbande. „Zum allgemeinen Erstaunen benahmen und benehmen sich die meisten als Deutschnationale und Antisemiten gewählten Herren Abgeordneten durchaus nicht so, wie man es von ihnen erwartet hat. Nicht einmal bescheidene Leistungen antisemitischer Betätigung stellen sich bei ihnen ein. Im Gegenteil schreibt eine ganze Reihe deutschnationaler Abgeordneter Tag um Tag Leitartikel für jüdische Zeitungen, sogar mit Vorliebe für Organe, deren Spezialität es ist, dem Deutschen Natioualverband möglichst in den Rücken zu fallen. Die eigene dentschnationale Presse, der die Herren ihre Wahl verdanken, wird gering geschätzt. Der jüdische Redakteur wird mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, Mitteilsamkeit und Zuvorkommenheit ausgenommen, während der parteigenossifche dentschnationale Schriftleiter von den Herren vielfach wie ein „Schuhfetzen" behandelt wird. Der schönste Schwabenstreich war unstreitig die Aufnahme zweier Juden in den Deutschen Nationalverband. Sogar deutschnationale Politiker haben dabei Vorschub geleistet, Dr. Redlich und Dr. Licht, die Türe geöffnet und ihnen im Nationalverband so überragenden Einfluß gewährt . . ." Die beiden genannten Abgeordneten stammen zwar von Juden, sind aber längst getauft, was für das rassenantisemitische Blatt natürlich ohne Belang ist. Auf die Christlichsozialen, die „mit den Juden die besten Geschäfte machen", sind die antisemitischen Ultras sehr schlecht zu sprechen. Diese — gelinde gesagt — Vorurteilslosigkeit der Christlichsozialen hat sich in der Tat bei dem Eucharistifchen Kongreß in charakteristischer Beleuchtung gezeigt. Wie schon früher bei den Wahlen den Christlichsozialen größere Mittel von jüdischen Bankdirektoren zugeflossen sein sollen, so hat jetzt — einem on dit zufolge — die allerdings getaufte Exzellenz Dr. Sieghart als Gouverneur der Bodenkreditanstalt für die Zwecke des Eucharistifchen Kongresses die Summe von 600.000 Kronen gezeichnet. Kürzlich hat Franziska v. Wertheimstein, die man die Wiener Rahel v. Barnhagen nennen könnte, ihren herrlichen alten Park der Stadt vermacht, und letztwillig verfügt, daß die wunderbare, mit edlem Geschmack erbaute und geschmückte Villa zu einer Volksbibliothek umgestaltet werde. Die besten Künstler Wiens hatten in diesem Hause, das Rudolf v. Arthaber gebaut und Moriz v. Schwind mit köstlichen Gemälden geziert hat, ein zweites Heim. Wilbrand und Saar genossen in dieser jüdischen Patrizierfamilie liebevolle Gastfreundschaft und holten in diesem feinsinnigen, hochkultivierten Kreise die besten Anregungen. Bauernfeld starb in diesen Mauern. In goldstrotzenden Uniformen, oder befrackt und mit allen Ehrenzeichen behängt, waren nun die antisemitischen Spitzender Gesellschaft versammelt, um den jüdischen Spendern „für diesen köstlichen Schatz zu danken, der die schönsten Blüten des Wiener und des österreichischen Lebens behütet hat, Blüten, die bleibenden weltgeschichtlichen Wert besitzen" . . . Und der Bürger-