Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 42 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 5. Nr. 42. Ueberschrift: „Der Ritualmord ml Andrei Iustschinski. Ein Werk der Chassidim in Kiew. Hütet, Christen, eure Kinder!" Unter den Bildern sind die herausfordernden Unterschriften: „Das Haupt des von den verfluchten Juden gewarteten Knaben Andrei Iustschinski nebst den Spuren der rituellen Stiche." Dann folgen zahlreiche erlogene Angaben über frühere Ritualmorde, die jedesmal mit irgend einem aufwieglerischen Sprüchlein verseheil sind. Nach dem Sammelsnrinm dieser aufreizenden Notizen und Sentenzen kommt dann fast unvermittelt ein fürchterliches, „echtrussisches Geschimpfe" über die fortschrittlichen Dnmakandidaten der Stadt Kiew und eine pogromistische Empfehlung der patriotischen Kandidaten, zweier gänzlich unbedeütender und charakterloser Männer. Bemerkenswert ist aber die bestimmte Versichermtg in diesem Flugblatt, daß der Ritnalmordprozeß demnächst bestimmt stattfinden würde. Die ganze ergänzende Untersuchung war also nur eine Komödie, um die europäische öffentliche Meinung zu beruhigen. Die Untersuchungsbehörden konnten nach den aufsehenerregenden Maienthüllnngen nicht mehr stumme Zuschauer bleiben. Da wurde denn der Untersuchungsrichter für besonders wichtige Angelegenheiten, Maschkewitsch, zitiert, um gleichsam der Gerechtigkeit freien Spielraum zu gewähren. Monatelang hat denn die Nachnntersnchnng gewährt und zum Schluß war Maschkewitsch Wochen hindurch verschwunden. Dann kam Stscheglowitow nach Kiew, hatte eine Unterredung mit dem als Ritnalmordankläger engagierten Staatsanwalt Tschaplinsky, und nach wie vor blieb der unschuldige Beilis in Haft. Was nur hinter den Kulissen Vorgehen mag? * * * Trotz dieser wenig erfreulichen Vorgänge glaubt man in Petersburger politischen Kreisen wahrznnehmen, daß die russische Regierung in allerjnngster Zeit ihre Taktik in Bezug auf die Ausweisung der Juden aus den Städten und Dörfern ein wenig geändert hat: Der Minister des Innern hat mehreren Gouverneuren gegenüber den Standpunkt der Regierung kundgetan, daß die in letzter Zeit überhandnehmenden Massen-Ausweisungen von Inden im Gesetze nicht begründet erscheinen. Im Ministerinm des Innern zeigt sich jetzt eher auch eine Geneigtheit, den Bittgesuchen ausgewiesener Juden um Aushebung des Ausweisungsbefehles Folge zu leisten. Der Staatssekretär Charusin hat gerade in den letzten Tagen dem Chersnner Gouverneur den telegrafischen Befehl erteilt, die für die nächste Zeit in Aussicht genommene und bereits festgesetzte Vertreibung der Inden ans den Dörfern der Gouvernements zu sistieren, beziehungsweise nicht zur Durchführung zu bringen. Welchen Motiven diese plötzliche Wendung in der Politik der russischen Regierung entsprungen ist, ist nicht bekannt. * Die amerikanischen Blätter publizieren jetzt einen Brief, den Oskar Strauß, der Kandidat der Rooseveltpartei für die Gonvernenrstelle im Staate New-Iork/ au den Präsidenten einer jüdischen Gemeinde gerichtet hat. Der Präsident der „Ahabeth-Ackiim-Synagoge" in Buffalo gratulierte Oskar Strauß im Namen seiner Gemeinde zu seiner Kandidatur und bat ihn gleichzeitig um ein Schreiben, welches der Präsident der genannten Gemeinde während des Jomkippnr-Gottesdienstes in der Synagoge zur Verlesung bringen wolle. Hierauf richtete Oskar Strauß an den Briefschreiber das folgende äußerst charakteristische Schreiben: „Ich danke Ihnen sehr für Ihr Schreiben und das meiner Kandidatur entgegengebrachte lebhafte Interesse. Ich bin überzeugt, daß Ihr Ersuchen um' ein Schreiben, das in Ihrer Synagoge am heiligen Jomkippur zur Verlesung gebracht werden soll, den besten Absichten entsprungen ist. Ich will jedoch die heiligen Ideale dieses heiligen Tages nicht durch meine Kandidatur und ihre Förderung profanieren. Als gute Amerikaner sollten nur uns alle davor hüten, die Religion mit der Politik und die'Politik mit der Religion zu verquicken. Ich bitte bloß meine Mitbürger aller Konfessionen, daß d.ie einen mir ihre Unterstützung nicht deshalb entziehen mögen, weil ich nicht, ihrer Religion angehöre, und die anderen wieder, daß sie mir ihre.-Unterstützung .nicht bloß deshalb zuwenden mögen, weil ich ihr Glaubensgenosse bin. Alle mögen meine Kandidatur nur von dem Gesichtspunkte aus beurteilen, ob ich für das hohe Amt, für welches ich kandidiert wurde, die Eignung besitze oder nicht. Ich habe, wie Sie wissen, die Kandidatur nicht gesucht. Sie erfolgte in Anerkennung meiner Dienste für das Vaterland ohne Rücksicht auf meinen Glauben. Das ist auch so in Ordnung. Und ich werde mir auch alle Mühe geben, daß nichts geschehe, wodurch diese Ehrung Abbruch erleiden könnte, eine Ehrung, die mir an sich wertvoller erscheint, als der eventuelle Erfolg bei den Wahlen. Ich hoffe, daß der Gott Israels, der nicht ruht und nicht schläft, den Mitgliedern Ihrer Gemeinde Gesundheit, Glück und den Segen des heiligen Tages bescheren wird." Gin österreichischer Aulisemttenspiegel. Monsignore Josef Scheicher, der bekannte langjährige Politiker der christlichsozialen Partei, läßt seil Jahren zum Schrecken seiner Parteigenossen einen Band Memoiren nach dem anderen erscheinen, die einen wertvollen Beitrag zur politischen Moral der österreichischen Christlichsozialen bilden. Gewiß spricht ans diesen Aufzeichnungen über seine Erlebnisse und Erfahrungen in und mit der Partei ein gerüttelt Maß von Zorn über seine politische Kaltstellung und Absäglmg als Reicksrals- und Landesausschußmitglied. Aber selbst die „Köln. Volksztg." muß in einer Besprechung des Schlußbandes, in dem Scheicher sich unter anderem auch mit der vernichtenden Wahlniederlage der Wiener Christlichsozialen bei den vorjährigen Reichsratswahlen beschäftigt, anerkennen: „Jammerschade wäre es doch, wenn diese Erlebnisse und Erinnerungen nicht geschrieben worden wären. Sie sind tatsächlich ein Stück Zeitgeschichte, erzählt (und zwar gut erzählt) von einem ehrlichen Demokraten, der alle Dinge beim rechten Namen nennt", oder doch zu nennen sich bemüht. Wenn also selbst ein so gut katholisches nnd christliches Blatt wie die „Köln. Volksztg." trotz mancher Einwendungen gegen Einzelheiten der Darstellung die Kritik, die Scheicher an den Christlichsozialen übt. im großen und ganzen bestehen lassen will, so darf man in diesem Werk in der Tat ein zeitgeschichtliches Dokument von größter Bedeutung erblicken. Und es lohnt sich wirklich, diese Galerie politischer Porträts recht anfmersam gn studieren. Wenn einer den Wiener christlichsozialen Parteiklüngel kennen gelernt hat. so ist es Scheicher gewesen, der den dunkeln Machenschaften dieser Beutepolitiker in die geheimsten Schlupfwinkel nachgespürt ist. Er entwirft von den christlichsozialen Parteigrößen, die sich im Landesansschnß stritten nnd schrien, „daß man manchmal glauben konnte, unter Plattenbrüdern zu sein", eine wahrhaft gemütvolle Schilderung, er erzählt. wie die Landesansschußmitglieder sich an Diäten bereichert haben, wie die Mittel der Gemeinde für prunkvolle Feste und für kostspielige Reisen der Herren Gemeinderäte vergeudet wurden n. s. w. Scheicher hätte in diesem Zusammenhänge. auch an die skandalöse Tatsache erinnern können, daß der christlichsoziale Bürgermeister und Millionär Neumayer vor einiger Zeit ans den Mitteln einer städtischen Stiftung für verarmte Gewerbetreibende seinen eigenen Bruder unterstützte. Ehren-Bielohlawek kommt in diesen .pikanten Beiträgen besonders schlecht weg. Er hat sich unter anderem zu der ungeheuerlichen Behauptung verstiegen, der ehemalige Professor, der gelehrte Herr des St. Pöltner Seminars, könne gar nicht Latein. Scheicher liebt es besonders. Schiller nnd Heine zu zitieren, und sagt von einem Abgeordneten: „Mir ist, als ob ich die Hände aufs Haupt dir legen sollt' ..." Nun beschuldigte Bielohlawek Scheicher. diese Zitate aus Büchners „Geflügelten Worten" genommen zu haben! Wer könnte da nicht mit Herrn Scheicher die Schmach, einen „Bildungsprotzen" wie Bielohlawek. seinen Parteigenossen nennen zu müssen, mit empfinden? Und dann kommen in endloser Folge die anderen christlichsozialen Parteigrößen, die Steiner, Pattai, Axmann nnd Genossen an die Reihe. Mit Zorn nnd mit Entrüstung gedenkt Scheicher der