Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 42 (1.11.1912)
- Date
- 1912-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Wie aus Budapest gemeldet wird, hat jüngst unter Vorsitz des Hosrat Szekely eine Sitzung des Komitees zur Förderung der Einigung des ungarischen Judentums stattgefunden. Man beschloß aus eine einheitliche Autonomie „unter Wahrung der jüdischen Institutionen" hinznwirken und einen großen Kongreß aus den Februar nächsten Jahres einzuberusen. Inzwischen wird ein Aibeilskomitee konstituiert und in Budapest ein Zentralbnrean der Einheitsbewegung eingerichtet. Im Anschluß an den Bericht über die in unserem Blatte kürzlich gemeldete Audienz der Vertreter der ungarischen Orthodoxie bei Sr. Majestät dem Kaiser in Wien, bringt der „Israelit" eine überaus interessante Reminiszenz. Es war im Kongreßjahre 1869. Die Orthodoxen in Ungarn wehrten sich vergebens gegen das ihnen aufgezwnngene Kongreßstatut und da sie bei der Regierung ihre eigene Organisation nicht durchsetzen konnten, erschien ihnen als letzter Rettungsanker eine Audienz bei Sr. Majestät, die ihnen auch gewährt wurde. Geführt vom Bal Ksaw Soser und Rabbi Menachem Katz Proßniz erschien die Deputation, in deren Mitte auch Rabbi Gottlieb Fischer — der ob seines grenzenlosen Zidkns bekannte Raw ans Weißenburg — sich befand, int Audienzsaal Seiner Majestät, des noch jetzt lebenden Kaisers und Königs. Als nun Seine Majestät erschien und der Sprecher der Deputation .in klarer Weise die Bitte derselben vortragen wollte, erscholl aus dem Hintergründe ein stilles Schluchzen, das von Sekunde zu Sekunde anschwoll und bald den weiten, kalten Märmorranm mit heftigem Weinen erfüllte. Die Teilnehmer der Deputation, die soeben beim Obersthofmeister ein Extraordinarium über die Hofetikette genommen hatten, waren über diesen impulsiven Gefühlsausbruch des Rabbi . Gottlieb Fischer, der alle Dämme der höfischen Etikette durchbrochen hatte, ganz entsetzt. Sie glaubten schon, daß durch dieses Extempore alle ihre Hoffnungen schmählich zusammengebrocheu seien. Da wandte sich urplötzlich Seine Majestät nach dem Hintergrund und fragte ganz sanft mit väterlicher Stimme nach dem Grunde der unfreiwilligen Tränen. Als er dann von Rabbi Gottlieb Fischer, der sich nur schwer erholen konnte, erfuhr, daß der lange ^znrückgedämmte Schmerz ob des gewaltigen Gewissenszwanges und.' der gefährdeten Jüdischkeit, die die Seele seines Lebens und d.as Leben seiner Seele sei, zum elementaren Ausbruch gelangte/ däff' diese gewaltige Seelenpein' nach Hilfe schreie und die Rettung nur vom König allein erhoffe, da blinkte eine Träne im Auge des Königs. Er beruhigte den immer heftiger schluchzenden Rabbi Gottlieb Fischer und versicherte die Deputation Seines Schutzes. Die Sanktionierung der Statuten der „Schomre Hadas", die sogenannte Autonomie der ungarländischen Orthodoxie wurde in der nächsten Woche gewährt. . . . * * * Die Kluft zwischen der Zentrale der Alliance Jsraslite Universelle in Paris und einem Teile der deutschen Mitglieder wird immer größer und es scheint fast ausgeschlossen, daß es wieder zu einer Einigung kommt. In einer außerordentlichen Sitzung des Zentralkomitees vom 16. d. M. wurde seitens des letzteren folgende Erklärung abgegeben: а) „Das Zentralkomitee hat .seinen festen Willen kundgegeben, einer unfruchtbaren Agitation, die nur allzulange gedauert hat, ein Ende zu machen und solche Projekte ein für allemal zu verwerfen, die nicht allein gegen die Statuten, sondern auch gegen den Geist der A. I. U. überhaupt verstoßen. б) Das Zentralkomitee würde jedes Projekt willkommen heißen, das auf Grund der Statuten und der früheren Beschlüsse des Zentralkomitees dahiit zielen würde, ein engeres Zusammenwirken der Mitglieder der A. I. U. in Deutschland zu ermöglichen und das weitere Gedeihen des gemeinsam zum Besten des Judentums unternommenen Werkes'zu fördern geeignet wäre." Der erste Passus der Erklärung richtet sich gegen das von der ehemaligen Leitung des deutschen Bureaus gebildete Landeskomitee, das uns um Veröffentlichnng folgenden Commnniqnes ersucht: „Das d e u ts ch e L a n d es ko m i tee der Allgemeinen israelitischen Allianz hat in seiner Tagung am 23. den Anträgen der Generalversammlungen von Berlin und Kattowitz folgend, beschlossen, sich als selbständige Organisation anszugestalten. Die Debatte ergab Uebereinstimmung darüber, daß nur eine geschlossene deutsche Landesorganisation in der Lage sei, die Tätigkeit der Allianz in Deutschland aufrecht zu erhalten. Der angeblich) im Interesse des Friedens jetzt wieder von Paris gemachte Versuch, Deutschland in kleine Bezirkskomitees zu zerlegen, die keine Rechte haben und nur Jnkassoftellen sein würden, wird niemals den Frieden herbeiführett können; er bezweckt lediglich, den Paris nnangenehmen Fortschritt des deutschen Landeskomitees anfzuhalten und die Mitglieder einzuschläfern. Ader die deutschen Mitglieder würden sich jetzt nicht mehr Hinhalten lassen; sie verlangen unbedingte Klarheit und sie können sich Klarheit nur schaffen, wenn sie sich einmütig hinter das. deutsche Landeskomitee stellen. Wolle Paris wirklich den Frieden,