Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 41 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte 4. Die Wahrheit. Nr. 41. Kren; nnd Halbmond und Inden. Von Josef Grob, Wien. Die Wiener Christlichsozialen haben doch, wie der „Deutsch" sagt, ä Gewure. Immer und überall, wo man es gar nicht erwarten und glauben kann, schaffen sie sich einen Juden zum Sündenbock. Spuckt, der Himmel auf den Eucharisten-Kongreß herunter, so ist es ein Judeustreich; hat man im vorigen Jahre am 17. September fast alle jüdischen Geschäfte in der Josefstadt geplündert, die Spiegelscheiben zertrümmert, bei welchem Anlaß aus Versehen auch einige christliche Scheiben eingeschlagen wurden, so mar dies das Werk der Juden; fahren die Wiener Lueger-Chassidim nach London zu Besuch nnö der Empfang füllt nicht so marktschreierisch aus, wie es. die Wiener Rathausherren erwartet haben, nu — sennen doch ewade die Inden daran schuld. Das ist schon sozusagen eine Wiener Spezialität, überall mrd bei jed^r Gelegenheit, den Inden die Schuld zuzuschreiben, und es wird, fürchte ich. nicht lange dauern und die Wiener werden die Juden dafür verantwortlich machen, weil der Vorbeter im Stefansdom zum Schachris-Gebet am Sonntag heiser wurde Das Neueste vom Neuesten aber ist das Ankoppeln eines Juden an Kreuz und Halbmond. Alle bösen Dinge sind drei. Die Balkanherren haben zur Verhüllung der Raubmordschande ein Mäntelchen erfunden und heißen es: „Kreuz gegen Halbmond". Der blutige Krieg soll angeblich den einzigen Zweck haben, die unterdrückten Christen vom Türkenjoch zu befreien — und, wie pflegte Schmile. der Schulklopfer, zu sagen, als er einst sah, wie sich Zwei dnrchprügelten?:\ „Das saan Klepp, g'rad so. wie ich es mit meinem Schnlhammer am Hanstor mache!" „Schmile", sagte ihm ein Nebenstehender, „dos sennen Petsch". ..Haas mer es ä so", sagte Schmile, „geklopft wird doch." Wie gesagt: die Ursache, der Grund, das Warum, das alles ist Nebensache. Italien wollte ganze Waggouladungen europäischer Kultur nach Afrika verpflanzen, Bulgarien, Griechenland und Serbien, und wie alle die anderen Befreier der Bedrückten heißen, wollen den Christen in der Türkei eine Erlösung bringen. Die Hauptsache: man klopft, und junges Menschenblut fließt wie Wasser. Was das alles aber mit den Juden zu tun hat, ist wirklich eine Frage, auf die nur die Schmierer der Wiener schwarzen Presse eine Antwort zu geben in der Lage wären. Und die Herren sind auch keine „Schlemiels" und bevor noch das Blutvergießen recht angefangen hat, haben sie schon herausgefunden, daß die Juden gegen den Balkankrieg sind, weil sie es nicht haben wollen, daß die geknechteten Christen in der Türkei befreitwerden. In diesem Sinne läßt sich in den „Wiener Neuesten Nachrichten" ein ..Kein Antisemit" zeichnender Antisemit unter dem Titel „Gleiches Recht" folgendermaßen vernehmen : Herr Redakteur! Erlauben Sie mir, auf ein eigenartiges und, wie mir scheinen will, wohl beachtenswertes Verhältnis aufmerksam zu machen. Die Juden überall in Europa haben seit dem Ansgang des 18. Jahrhunderts und mehr noch seit 1848 immer und überall nach Gleichberechtigung mit ihren christlichen Mitbürgern geschrien. Praktisch gesprochen, haben sie ihr Ziel erreicht. Mit Ausnahme der Türkei und Rußlands gibt es heute kein Land in Europa, in dem sie nicht ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt und alle staatsbürgerlichen Rechte genießen. Dagegen gibt es heute noch ein großes Land in Europa, in dem den Christen aller Konfessionen nicht nur die staatsbürgerliche, sondern auch die bürgerliche Gleichberechtigung versagt ist. Dieses Land ist die Türkei, in der die Christen noch heute den ärgsten gesetzlichen Beschränkungen unterworfen sind. So bedeutet z. B. heute noch vor Gericht erst die Aussage von drei, in gewissen Fällen erst die Aussage von sieben Christen so viel wie die eines Moslim vor Gericht. Der christliche Landmann ist den Bedrückungen und Erpressungen der Behörden und ihrer Organe vollkommen schutzlos preisgegeben. Von den Christenmassakres. die gelegentlich stattfinden und die immer vollkommen unbestraft bleiben, will ich weiter gar nicht reden. Nun suchen die Balkanchristen seit langem schon dieses Joch abzuschütteln, und jetz treten die christlichen Balkanstaaten für die Sache ihrer Glaubensgenossen ein. Was sehen wir da nun? Die Inden in Europa, ganz speziell aber in Oesterreich- Ungarn, nehmen überall leidenschaftlich Partei für die Türken, für die Unterdrücker gegen das getretene, entrechtete und zur Verzweiflung getriebene Christenvolk. Für sich verlangen sie überall die Gleichberechtigung. Daß aber der türkische Barbar diese den Christen vorenthäll, das finden sie ganz in der Ordnung, das scheint ihnen sogar sehr gut zu gefallen. Würde es nicht ein Gebot der Dankbarkeit sein gegenüber den christlichen Völkern, die ihnen die Gleichberechtigung gewährt haben, oder doch wenigstens ein Gebot des Anstandes und des Taktes für die Inden, sich dieser Parteinahme gegen die unterdrückten Christen nnd für die türkischen Despoten zu enthalten. Wenn man selbst dilrch den liberalen Gedanken befreit worden ist nnd so viel dadurch profitiert hat, sollte man doch auch selbst den armen Christen gegenüber ein ganz klein wenig Rücksicht üben oder dünken sich die Herrschaften schon so groß, daß für sie weder Dankbarkeit, noch Anstand und Rücksicht mehr gilt? Hochachtnngsvollst Kein Antisemit. Eine große Gnade von diesem nichtantisemitischen Antisemiten ist es jedenfalls, wenn er zngibt, daß in der Türkei und in Rußland die Juden noch nicht dieselben Bürgerrechte wie die christlichen Mitbürger genießen. Ich bin auch sehr wenig geneigt, dem Herrn Nichtantisemiten znzngeben, daß die Juden in den europäischen Ländern wirklich vom Staate so behandelt werden wie die Nichtjnden. Was ich aber diesem über die Inden sich so empörenden Herrn zngeben muß, ist die Tatsache, daß die Juden wirklich ein friedliebendes Volk sind nnd jeden Krieg als eine Barbarei betrachten, ob die Schlacht von einer wilden Horde Chnligans gegen alte, schwache Judengreise und jüdische Wickelkinder in Kischenew geführt oder von mehreren Balkanverbündeten gegen eine nach einem Kampf geschwächte Türkei ausgefochten wird. Wir Juden haben schon diesen unverzeihlichen, spezifisch jüdischen Fehler, daß uns jedes Blutvergießen anekelt. Damit ist aber noch nicht bewiesen, daß die Inden alle Mittel in Bewegung setzen, um den Krieg zu verhindern. Wir könnten es auch nicht, wenn wir sogar wollten; für den Krieg aber uns begeistern, sind wir leider nicht in der Lage, weil wir Inden eben ein Friedensvolk sind ltnb bleiben werden. Wenn die Herren Christlichsozialen im Prinzip wirklich über jeden, der sich für einen Krieg nicht begeistern kann, herfallen, dann sollen sie doch den ehrwürdigen, alten, österreichischen Monarchen,, den friedliebenden Kaiser Franz Josef a bißl znm „Chumisch" nehmen. Oesterreichs Kaiser ist im Prinzip gegen jeden Krieg und ich weiß nicht, ob dieser wahre Friedensfürft vom gegenwärtigen Balkankrieg gar so entzückt ist, wenn es auch heißt: „Kreuz gegen Halbmond!" Wie aber erwähnt, haben die Wiener Christlichsozialen doch ä Gewure. Das, was sie bei der Annexion Bosniens so rühmlichst hervorgehoben und in die große Welt ansgeposaunt haben, nämlich die Friedensliebe unseres Kaisers, das verschweigen sie jetzt ganz einfach. Sie fteffen nur znm Kreuz und Halbmond einen Juden und mit einemmale wird aus dem Balkankrieg eine Jndenfrage heranfbeschworetl. Ja, das muß man zngeben: die Wiener Judenfresser sind Spezialisten in ihrem Fache, sie wissen schon, den Inden herauszubekommen; es ist daher nicht ausgeschlossen, daß vielleicht schon in den nächsten Tagen das Mäntelchen Kreuz gegen Halbmond umgetauft wird in: Christentum gegen Jndentnm. Krieg nnd Religion. Es wäre sehr verlockend und von großer Aktualität die in voriger Nummer von Prof. Stark aufgworfene Frage der Bewertung des Menschenlebens auf das Gebiet des Krieges hinüber zu spielen. Allein, dieser Boden ist gerade jetzt sehr schlüpfrig nnd darum will ich ihn meiden. Nur so viel sei bemerkt, daß auch ein notwendiger Krieg ein Uebel, eine Geißel der Menschheit