Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 41 (25.10.1912)
- Date
- 1912-10-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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ahnheit Redaktion und Sldministration: Wien, II i ^'covaragasse 27 Tclrvhon: Redaktion 5509/1V. Hbmiuiftrariou 4938 II. JnJ'vrate: Die viermal gejvaitcnc Sionpareiile-Zeiie 25 Heiler. > AbonnemenlSnnd Jnierlionrbetröge sind in Lilien zahlbar und klagbar. K. k. üslerr. Bostsparkafla? Schekt-Itonlo gir. 100.918. U«akhanglKe Sertfchrift für Mische Antere^eu. Erscheint jeden Kr ei tag. Uolto: isst. Wahrheit,!* ViVmiJjlit»virt.>4 >*.— Halbiiidrig.K 7 — iSiu: MnUii-briuiite: iMniitiiibviii.K io Fiir Vluvltiiib: t&luu jtiiDviu ...... 8 Mt»rk ')hit>el oder Ui 41 Wie». 23. Oktober N»t2. Inhalt: Dr. Lecher und der Encharistische Kongreß* — Kreuz und Halbmond und Juden. — Krieg und Religion. — Rabbiner Dr. Joachim Jakob Ünger. — Jakob B. Brandeis. — Ans der Wiener Kultusgemeinde. — Allgemeine jüdische Kolonisations-Organisation. — Deutschtum und Judentum. — Oesterr.-uugar. Kantoreu-Verein. — 25jähriges Dienstjubiläum. — Verschiedene Nachrichten. Dr. Krcher und der Encharistische Kongreß. Die letzte Nummer der Brünner „Montagszeitnng" brachte unter obiger Marke einen beachtenswerten Artikel bezüglich der Rede des Dr. Lecher in der letzten Delegationssitzung, den wir hier seinem wesentlichen Inhalt nach wiedergeben: Dr. Lecher hat in der österr. Delegatioussitzuug wieder einmal eine Rede losgelassen, die im ganzen wohl sachlich gehalten, aber doch als Würze manchen Schlager aufweist, die alle das gemeinsam haben, daß sie trotz der Rede Geflunker in hrem Sinne recht unklar bleiben. So sprach er zuerst mit Bezug ans unsere Stellung zu den gegenwärtigen Wirren in den Balkanländern, daß diejenigen Herren Delegierten, die zugunsten der Katholiken, namentlich der hartbedrängten Albanesen, ans dem Rechtstitel unseres Kaiserhauses über den katholischen Klerus in Albanien eine Intervention verlangen,. uns im Gegensatz „zur gesamten orthodoxen Welt" brachten. Was Dr. Lecher aber unter der „gesamten orthodoxen Welt" versteht, ob vielleicht die Zeloten aller in Oesterreich wohnhaften Religionen oder Konfessionen als die eigentlichen Orthodoxen — zu denen wohl auch der Abgeordnete nnd Delegierte Pfarrer Lang zählt — oder vielleicht nur die Griechisch- Katholischen im Gegensätze zu den Römisch-Katholischen, d. i. ans seiner Rede nicht zu entnehmen, also bei dem hellen Wortgeflunker „bleibt dunkel der Rede Sinn". Dann meint er wieder: „Schließlich ist das Blut, namentlich bei jungen Völkern immer stärker, als das Taufwasser." Dieser Satz war in der „Neuen Freien. Presse" sogar durchschossen gesetzt, also gewiß vom Sprecher selbst als Kernspruch unterstrichen. Auch hier ist der Worte Sinn nicht klar. In welchem Verhältnisse steht denn das Taufwasser zum Blute der jungen Völker? Das Taufwasser wird bekanntlich in neuerer Zeit den Juden, also einem alten Volke als Heilmittel gegen alle moralischen Schäden empfohlen. Dr. Lecher wollte vielleicht hiemit den Gegensatz zwischen Islam und Christentum in einem packenden Bilde ansdrncken. Dieses Bild weiß sich gar Manches nicht zu deuten. Bei diesem Bilde von Blut und Wasser fiel mir wahrlich eine alte schon seit vier Jahrzehnten gottseelige Tante ein, von der ich, so oft ich als Student nach Hanse kam, oder vom Hanse abreiste und zum Abschiede ein Obolus in die Hand gedrückt bekam und ihr zum Lohn dafür einen Kuß auf Wange und Hand drückte, den Spruch zu hören bekam: „Ja Blut ist doch kein Wasser." Diese Worte tönten mir beim Lesen der Lecherschen Rede immer in den Ohren wieder. Ja, die alte Tante, die seit einem halben Jahrhundert in Gott seelig ruht, .wird sich über die Rede Dr. Lechers — wenn sie davon erfährt — höchlich freuen, der allein sie es verdankt, daß sie und ihr Leibspruch in der Erinnerung ihres Neffen wieder geweckt nnd so durch die Zeitung verewigt wurde. Auch noch ein anderer Schlager aus dieser Rede verdient registriert zu werden. Es ist dies der vom En ch ar i st i s ch en Kongress e. Der Delegierte Dr. Kramarz hatte nämlich einige Tage früher im Delegationsansfchuffe in einer Apostrofierung an den Fürsten Sckwarzenberg ausgerufen: „Wie kann man vom Encharistischen Kongreß Weggehen und die christlichen Völker den Türken preisgeben?" Diesen packenden Satz zitiert Dr. Lecher in seiner Rede wortgetreu nnd hat dadurch den Schlager Kramarzs zu seinem eigenen gemacht und ihm so die Ewigkeit gesichert. Er rechnet es dem Minister des Aenßereu Grafen Berchtold als Verdienst an, daß er sich der Aufforderung des Grafen Schwarzenbergs gegenüber „als schwerhörig gezeigt" nnd diesem Rufe nicht gefolgt ist, eine Schwerhörigkeit, die ihm gewiß eher als Verdienst, nie als Makel augerechnet werden kann. Dr. Lecher meint aber, dieser treffende Ausruf des Dr. Kramarz entstamme nicht ans dessen religiöser, sondern aus seiner nationalen Ueberzengnng, indem er nach der „Neuen Freien Presse" wörtlich sagte: „Wenn Dr. Kramarz dieses Moment so besonders betonte, so stammte es wohl nicht allein ans der gewiß von ihm tief empfundenen religiösen Ueberzengnng, sondern es spielte vielleicht im Unterbewnßksein der Gedanke einer captatio benevolenfciae für die slavische Sache mit." Auch in dieser Snpponierung mag Dr. Lecher recht haben. Aber wir glauben, es wäre wohl verdienstlicher für den Grafen Berchtold als Minister des Aenßereu, wenn er sich gegenüber der Aufforderung des Fürsten Schwarzenberg oder der bisher unbeantwortet gebliebenen Interpellation des Delegierten Pfarrers Lang weniger als schwerhörig, sondern als entschieden ablehnend gezeigt hätte; denn in unserer Zeit dürfen keine Religionskriege, keine Krenzzüge mehr gepredigt werden. Wenn Dr. Lechers Rede zum Schluffe in eine Liebeshymne für die Friedenspolitik des Grafen Berchtold und feines Vorgängers, des Grafen Aehrenthal ansklingi, so glauben wir ihm die Lektüre des Artikels „Graf Aehrenthal als Psalmift" empfehlen zu können, ein Artikel, der vor einiger Zeit in diesem Blatte erschienen ist, das sich auch mehrfach in objektiver Weise mit dem Encharistischen Kongreß beschäftigte. D. E—n.