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Die Wahrheit · 1912-10-25 · Heft 41 (25.10.1912) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 41 (25.10.1912)
Date
1912-10-25
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 5. ,.Nr'. 41. ist. Das wird wohl niemand bestreiten. Darum schließen nach jüdischer Anschauung — Religion, die das größte Wohl und Heil der Menschheit ist, und Krieg einander aus. Religion und Krieg, Altar und Schwert sind Gegensätze. 3. Safra la Sajfa, wei Safrala Safra (Aboda sarah 176). Schon iit der Schrift wird auf diesen Gegensatz hingewiesen: „Hast du dein Schwert über dem Altar geschwungen, so hast dn ihn entweiht." (Exod. 20, 25.) Der König David durfte den Tempel, die heiligste Stätte der Religion nicht bauen, weil er viele Kriege geführt : Und viel Blut vergossen hatte. (Chronik 28, 3.) Er, der große Kriegsmann, ordnete noch auf. dem Sterbebette an, daß öie;v$iut[cf)ulb feinet Feldherrn Joab, der „im Kriege vergossenes Blut zur Friedenszeit gerächt hatte", nicht ungeahndet bleibe./ (I. Könige 2, 5). Des Feldherrn Abuars frühzeitiger und/gewaltsamer Tod durch die Hand Joabs wird vom Midrasch als Strafe dafür hingestellt, daß er, wenn auch zur Zeit des Krieges, das Leben feiner Krieger unnützer- oder gar mntwilligerweise igeopsert hat. (Nidr. Nab. 3. B. M. 26. 4. C. M. 23.) Im Talmud wird überdies noch erklärt, die Schrift habe darum verboten, beim Baue des Altares Eisen zu verwenden, weil das Eisen die Bestimmung habe, das Menschenleben zu verkürzen/: der Altar hingegen es zu verlängern. Darum sollen sie nicht miteinander in Berührung kommen. (Nidotb 36.) Die Religion ist dazu berufen, den Krieg womöglich zu verhindern, die Uebel des Krieges fo weit als möglich zu mildern, die Wunden, die er schlägt, zu heilen, aber nicht den Krieg, die Wut und den Fanatismus anzufachen. Daran zu erinnern, ist umfo zeitgemäßer, als im gegenwärtigen Kriege sich Feinde gegenübersteheu. die nicht bloß der Rasse und der Abstammung, sondern auch der Religion nach voneinander verschieden sind. Wann - wird schon die wirkliche messianische Zeit Hereinbrechen, von/der die alten, jüdischen Propheten Jesaia (2, 4), Micha (4, 3) verkündet haben: „Und sie werden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Speere zu Wmzermessern schmieden und kein Volk wird gegen ein anderes das Schwert tragen und nicht werden sie mehr die Kriegskunst lernen". Diese Zeit herbeizuführen, muß jede Religion als ihre heiligste Ausgabe ansehen. Rabbiner Dr Joachim Jakob Unger. Um die vierte Morgenstunde des verstossenen 16. Oktober wurde kurz vor seinem 86. Geburtstage dieser bedeutende Gelehrte, Menschenfreund und Seelenhirte der Jglauer jüdischen Gemeinde plötzlich durch den Tod uns allen 'entrissen. Am Vorabend war der Verewigte noch bei der Abendandacht im prächtigen Tempel gewesen, den er vor 49 Jahren eiugeweiht hatte und den er früh und abends bei jedem Wetter als Erster ausgesucht und in welchem er das Wort Gottes unermüdlich verkündet hatte. 52. Jahre hatte der Verewigte den Jglauer Posten inne und blieb seiner Gemeinde, die er gewissermaßen großgezogen, bis zum Tode, der allen unerwartet kam, treu, und war und blieb das Ideal eines Seeleuhirten und Lehrers seiner zahlreichen Schüler, von denen viele höchst ehrenhafte Stellungen einnehmeu. Diese hatten noch im Vorjahre zum 50. Amtsjubiläum Dr. Ungers hebräische Dichtungen in neuer Prachtausgabe — bei R. Löwit in Wien — mit Einholung der Erlaubnis des Autors herausgegeben, die einzige Ehrung, die der Verewigte annahm, und bildet diese Jubelausgabe ein klassisches Dichtungs-. werk, das dem verewigten Autor außer seinen Predigtsammlnngen und exegetischen Arbeiten zum besonderen Ruhme gereicht. Wie das feinste Gold wird die heilige Sprache in diesen Liedern gleich den modernsten Poesien kunstvoll bearbeitet, und der Kenner unserer jüdischen Poesie wird entzückt, wenn er Unger's „Bl iggajon be-chinnor“ durchstndiert und sich in deren Geist vertieft. Und stattlich ist die Zahl wissenschaftlicher und belehrender Werke und Aufsätze, die seit mehr als 60 Jahren von Dr. Unger erschienen und vielfach in der kaiserlichen Privatbibliothek Aufnahme gefunden haben. Unermüdlich war Dr. Unger in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und konnte man ihn nach seiner schweren Erkrankung im abgelaufeneu Sommer wieder ganzsrisch und schasfenssreudig bei den Arbeiten sehen. Vergessen wir dabei nicht, daß seine fürsorgliche Gattin, Frau Dr. Johanna Unger, die in ihrer Jugend an der Musterschule ihres Vaters in Jamnitz gelehrt hatte, mit besonderer Liebe und Sorgfalt den hochgelehrten, feinfühligen Gatten durch 50 Jahre betreute und zwei liebevolle Töchter mit ihren Familien seine Freude im Alter bildeten. Alt war er an Jahren, jung und elastisch aber war er an Geist und bleiben seine Briese in markanter hebräischer und deutscher Schrift, an Schüler und Freunde gerichtet, für diese ein wertvolles Denkmal, für das die Empfänger ihm allezeit dankbar bleiben werden. So war denn der verflossene Freitag, der Begrübnistag Dr. Ungers, ein großer Trauertag für ganz Jglau. In den außen mit schwarzer Fahne und innen schwarz dekorierten Tempel in der Schillergasse in Jglau wurde um 9 Uhr morgens der Sarg getragen und vor die heilige Lade gestellt. Die ganze Stadl unter Führung des Bürgermeisters, mit den politischen und Schulbehörden, der Kultnsvostand mit allen Mitgliedern der großen Gemeinde hatten sich eingesnnden und Deputationen von nah und fern waren gekommen, darunter die ehrw. Herren Rabbiner von Brunn, Trebitsch, Pohrlitz, Deulschbrod rc., ebenso die Vorstände der Nachbargemetnden und ungezählte Tranergäste aus weiter Ferne. Oberkantor Weiß und der große Tempelchor unter der Leitung des bewährten Dirigenten Kohn sangen meisterhaft, und der Nachruf des Herrn Rabbiners Dr. L e v y aus Brünn machte tiefen Eiildruck auf die den Tempel dicht füllende Zahl der Anwesenden. Der Sarg wurde sodann aitf den Leichenwagen gehobelt und ein schier unübersehbarer Zug von Menschen folgte dem Sarge zum Friedhof, den Dr. Unger vor vier Jahrzenten eingeweiht hatte. In der herrlichen Zeremonienhalle, vom großen Wiener Architekten Wilhelm Stiaßny erbaut, nahm nach den geistvollen Abschiedsworten des Herrn Rabbiners Dr. Levy auch der Präses kais. Rat Lieblich namens der Gemeinde Abschied von dem teuren Hingeschiedenen, das „Schiwisi" wurde vom Herrn Oberkantor angestimmt und der Sarg unter Trauergesängen zun? Ehrengrabe getragen. Einen rührenden Anblick boten die zahlreichen israelitischen Schüler und Schülerinnen der Jglauer Lehranstalten, die am Friedhof Spalier bildeten und, nachdem der Sarg des greisen Seelsorgers ins Grab gesenkt worden war, dieses traurig umstanden, um von dem allverehrten Meister sich zu verabschieden. Professor Antscherl aus Wien, einstiger Schüler des Verewigten, gab der Trauer aller Schüler um ihren geistigen religiösen Führer beredten Ausdruck. Ein lautes Wehklagen der Jugend war die Antwort, alle Erwachsenen wurden mitgerissen, und dieser tiesergreifende Schluß der imposanten Trauerfeier auf dem Friedhof, den der Hingeschiedene vor mehr als 40 Jahren eingeweiht hatte, zeigte deutlich die Liebe und Verehrung jedes Einzelnen in der Jglailer jüdischen Gemeinde zu dem Lehrer und Führer derselben dilrch volle 52 Jahre. Segen seinem Andenken! Jakob S. Krandeis. Worte der Erinnerung von Rabbiner Dr. I. I. Unger. Zu gleicher Zeit mit der Todesnachricht brachte uns die Post nachfolgenden Beitrag unseres hochgeehrten, nunmehr verstorbenen Mitarbeiters Rabbiner Dr. Unger, der. in den letzten Lebeusstunden niedergeschrieben, gewissermaßen als sein Schwanengesang, erhöhtem Interesse bei unseren Lesern begegnen dürste. Mit besonderer Rührung wird man die einleitenden Worte zu dem Nekrologe über B. Brandeis lesen, wo Dr. Unger, wie vorschauend, den Ausgang seines eigenen, an literarischer Arbeit überaus reichen Lebens treffend zeichnete. (Die Redaktion.) Mit der Feder in der Hand ist der greise Publizist und Verlagsbtichhändler I. B. Brandeis, in Prag, am 20. September l. I. ins Jenseits hiuübergeschlummert. Durch den Hintritt dieses arbeitsfrohen Nestors der jüdischen Buchhändler

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