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Die Wahrheit · 1912-10-18 · Heft 40 (18.10.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 40 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. .40. Die Wahrhett Seite A. Unter den intellektuellen Fortschritten des verflossenen Äährhnllderts ist auch ein sehr fragwürdiger; Karl Gutzkow hat -schon die Wahrnehmung gemacht: „Im 18. Jahrhundert hatten Die Menschen eine Leidenschaft, sich gegenseitig groß und beöeulend zu finden, im neunzehnten kann man sich nicht genug dis ins armseligste auatomisieren." Das ist es, was in der 'Tat heute ans geistigem, insbesondere literarischem Gebiete zum Schibboleth geworden ist: die anatomische und seelische Differenzierung der Menschen. Je mehr Trennungsmerkmale zwischen -den einzelnen Individuen von den Herren sezierern Menschheit -entdeckt werden, desto größer die Freude. Es scheint in der Tat zuweilen, als ob das grimmige Wort Nietzsches sich Geltung -«erschaffen-wolle: „Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden — auch ihr Wahnsinn bricht an uns ans." Die gelehrten und ungelehrten Herren, die sich im Schweiße ihres Angesichtes ab- Mühen, immer neue Gefühls- und Empfiudnngsabweichuugen zwischen den einzelnen Individuen ausfindig zu machen, vergessen nllr, daß es das schlechteste Mittel ist, in den Herzen anderer zu lesen, wenn man sich bemüht, das seinige zu verbergen. Sie vergessen, daß wir alle. „Könige und Bettler, Denker und Bauer, nur arme blinde Würmer sind, die nichts wissen". -Sie vergessen, daß schon Kant ans die Frage, ob die Menschengattnng als eine gute öder schlimme anznsehen sei, sehr skeptisch .geantwortet hat, „daß damit nicht viel zn prahlen sei", daß -Goethe (in „Wilhelm Meister") zur Selbstbescheidung mahnt: „Mache ein Organ aus dir und warte, was für eine Stelle dir die Menschheit im allgemeinen Leben wohlmeinend zugestehen werde." Wir leben nach Kant im Zeitalter der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht im Zustande der Moralisierung. „Bei dem jetzigen Zustande der Menschen kann man sagen, daß das Glück der Staaten mit dem Elende der 'Menschen wachse." Wäre es da nicht in der Tat ein ungleich 'höheres und menschenwürdigeres Ziel, dem warmherzigen Appell .Jfflands an die Menschheit nachzustreben: „Wir alle wollen -ansleihen an die Menschheit mit Rat und Rat. Bleibt hier Ilud da ein Schuldner aus — macht nichts. Die Menschheit!kann nie Bankerott machen." Dreißig Jahre antisemitischer Bewegung. Seit über drei Jahrzehnten steht nun in Deutschland die sogenannte Jndenfrage auf der Tagesordnung, und man sollte .-meinen, daß die Gegner der Inden aus der langen ununterbrochenen Kette von Mißerfolgen wenigstens die eine Lehre geschöpft hätten, daß der Weg, ans dem sie die Unschädlichmachung der verhaßten „Fremdlinge" erreichen wollen, nicht znm Ziele führt. Daß 'Gegenteil ist jedoch der Fall. In trotziger Verblendung beharren sie auf den alten verbrauchten Schlagworten und den Agitations- Methoden, die ihnen eine Niederlage nach der anderen gebracht, .und welche die erdrückende Mehrheit des deutschen Volkes stets auf das nachdrücklichste abgelehnt hat. wie noch die jüngsten Reichstagswahlen wiederum mit aller Deutlichkeit gezeigt haben. Mit der stumpfsinnigen Monotonie indischer Gebetsmnhlen wiederholen sie die abgeleierte Phrase: „Die Inden sind unser Anglück", die der Urheber dieses Schlagwortes heute wahrscheinlich selbst schon längst außer Kurs gesetzt hätte. Wenn in einer vielleicht nicht allznferuen Zukunft, nachdem der nationalistische Rausch verflogen sein wird, aus dem Intoleranz und Rassenhochmul heute ihre stärksten Säfte ziehen, eine Geschichte der Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland geschrieben werden wird, so wird diese kein Ruhmesblatt in der Kulturgeschichte des deutschen Volkes bilden. Daß das Land der Dichter und Deuker, das Vaterland eines Schiller, Goethe, Lessiug, Kant und Fichte, das auf das ruhmvolle Jahrhundert der Änfklärung zurückblickt, das auf wirtschaftlichem Gebiete alle anderen Staaten überflügelt hat, einer so geist- und sinnlosen Bewegung wie dem Antisemitismus über ein Vierteljahrhundert auch nnr die Diskussionsmöglichkeit gewährt hat, wird -einem späteren Historiker unfaßbar erscheinen. (Schluß folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien» Freitag abend, am 18. Oktober 1912, Predigt des Herrn Rabb. Dr. M. Rosen mann im Leopoldstädter Tempel. Wien. Montag, den 14. d. M. wurde eine Abordnung der ungarischen Orthodoxen, bestehend aus dem Präsidenten Adolf F r a n k, den Obercabbinern Reich und Akiba Schreiber, dem Konsulenten H art» st e i n und dem Advokaten Dr. K a b a, vom Kaiser in Audienz empfangen und überbrachte dem Monarchen die Huldigung der israel. Orthodoxen in Ungarn zum 40sährrgen Gedenktag der Gewährung der Autonomie. Oberrabbiner königl. Rat Reich erhielt die Erlaubnis, den Segen über das Haupt des Kaisers zn sprechen. Auf die Ansprache des Präsidenten erwiderte der Kaiser ungarisch: „Den Mir im Namen der ungarischen israelitischen Kofession überbrachten Ausdruck der Huldigung nehme Ich mit Dank entgegen. Es gereicht Mix zur Freude, daß Sie im. Rahmen der von Mir genehmigten Organisation die religiösen Gefühle gepflegt und auch in patriotischer Richtung gewirkt und gearbeitet habe». Seien Sie Meiner weiteren Huld und Meines weiteren Schutzes überzeugt." Wien. Am 12. d. M. fand im Stadt-Tempel ein überaus feierlicher Akt statt. Nach alter patriarchalischer Sitte trat Herr Siegnmud Springer zur Tora und ließ seiner Gattin, geborenen Freiin von Rothschild, einen Mischeberach macken, den Herr Oberkantor Fuchs in erhebender Weise zum Bortrag brachte. Hierauf sprach Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n in ergreifenden Worten den Segen für die junge Murrer und für das Kind, das den Namen Bettina erhielt. Dr. G ü d e m a n n gab hiebei dem Wunsche Ausdruck. Vater und Mutter mögen das Kind im alten, patriarchalischen Sinne erziehen und das Kind möge heramoachseu zur Freude seiner Eltern und zur Ehre des Judentums. Der Vater des Kindes, Herr Springer, spendete hieraus zu wohltätigen Zwecken L 1500.—. Wien. (Chewra Kadis cha Wien.) In der am 15. Oktober l. I. startgehabten Sitzung des Vorstandes der Chewra Kadischa hielt der Präsident, Herr Salo Cohn, dem verewigten Vorstands- und Ehrenmitgliede der ChewraKadischa, Herrn S. Heit, einen tiefempfuichenen Nachruf. welcher von deit Anwesenden zuui Zeichen der Trauer stehend angehört und dem Protokolle eiuverleibt wurüe. Zum Schriftführer an Stelle des Dahingeschiedenen wurde einhellig das Vorstandsmitglied. Herr Jakob Kann, gewählt. Dienstag, den 22. Oktober l. I. findet um 6 Uhr abends im Tempel der Innern Stadt eine von der Chewra Kadischa für ihr Vorstands- und Ehrenmitglied. Herrn S. Heit, veranstaltete Trauerandacht statt. Die zahlreichen Freunde und Verehrer des Verewigten werden eingeladen. an dieser Trauerfeier teilzunehmen. Wien. Zum 70. Geburtstage des vor zwei Jahren verstorbeueu Baurates Wilhelm Stiaßuy wurde Dienstag, den 15. d.M. am Ehrengrabe des Verblichenen auf dem Zentralfriedhofe eur Denkmal errichtet und im Beisein zahlreicher Ehrengäste und Abordnungen enthüllt. Es ist ein kleiner Temvel mit pyrainidensörmigem Aussatze über dem Hauptgesimse, der in seinen Formen das Grabdenkmal des Propheten Zacharias im Tale Josaphat wiedergibt. Der Bau soll an das ernste Studium Stiaßuys über die Kultnr und Kunst des heiligen Landes erinnern, auch an den Renaissancestil der Bauten Stiaßuys. Das Material ist feinkörniger, leicht bräunlich getönter Jstrianer Marmor. Das Denkmal ist von Profesior Mayreder ansgeführt, die Steinmetzarbeit von Steinmetzmeister S o nn e » s ch e i n. Im Namen der Gesellschaft zur Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums sprach Hofrat A. Pollitzer. Profesior E h r m a n n würdigte die Verdienste Stiaßuys als Menich wie als Bürger der Stadt. Wien. (Ehrung eines Wiener Rabbiners.) Die Jngendschrifrenkommisiion des Vereines israelitischer Lehrer in Württemberg, welche die Herausgabe eines Jugendbuches plant, richtete dieser Tage an den Rabbiner der Wiener Kultusgemeinde Dr. R o s e n m a n n das ehrenvolle Ersuchen, den Wiederabdruck eines Teiles seines Mannheimer-Esiays (erschienen in Wien 1910 bei R. L ö w i t) in jenem für die Jugend bestimmten Werke zn gestatten. Wien. (Agudas Jisroel.) Am Montag, den 21. Oktober l. I., V28 Uhr abends, Festsaal des „Hotel Continental", Wien, II., Taborstraße 4, wird Herr Rabbiner Dr. Arnold Klein ans Nürnberg über „Die Weltorganisation der gesetzestreueu Judenheit" sprechen. — Gäste, auch Damen willkommen. Wien. (Verein der S a b b a t f r e n n d e.) Am Mittwoch, den 23. Oktober d. I., Va3 Uhr abends. Festsaal des „Hotel Continental", Wien. II.. Taborstraße 4. wird Herr Rabbiner Dr. Arnold Klein aus Nürnberg über „Die Zukunst des Jndenrnms und der Sabbat" sprechen. Gäste, auch Damen willkommen. Herrn Dr. Klein gehr der Rur eines bedeutenden Redners voraus und gibt sich in den hiesigen jüdischen Kreisen lebhaftes Interesse für diese Vorträge kund. Wie». (Kinderbekleidung.) In Verfolg der von der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen angeregten gemeinsamen Aktion in Sachen der Kinderbekleidung findet Montag, den 21. d. M. präzise 7 Uhr abends im Zeremoniensaale der Israelitischen Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasie 4, Parterre, eine allgemein zugängliche Versammlung der sich mit Bekleidung befasienden Vereine statr. Alle Vereine, welche für eine richtige und moderne Behandlung dieses Zweiges der Wohltätigkeit Interesie haben, werden hiemit eingeladen, an dieser Versammlung teilzunehmen. Gleichzeitig wird bekanntgegeben, daß im Büro der Zentralstelle ein permanenter Dienst eingerichtet wurde. Interessenten werden ersucht sich an jedem Sonntag vormittag von 10 bis 12 Uhr einzufinden und werden ihnen in dieser Zeit über alle die Kinderbekleidung betreffenden Anfragen bereitwilligst Auskünfte erteilt werden.

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