Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 40 (18.10.1912)
- Date
- 1912-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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fceite. 8. Die Wahrheit. Nr. 40. streben seiner Eltern nicht darauf gerichtet war, ihn zum Kantor ausbilden zu lassen, hat ihn in der. Folge das Schicksal doch «Ulf den Kantorberuf gelenkt. Oberkantor Schechter hat durch Unterricht bei den hervorragendsten Kantoren Rußlands reiche Fachkenntnisse gesammelt und im Laufe seines Wirkens machte er durch die Residenzstädte Rußlands, Oesterreichs, Frankreichs und Englands eine Studienreise, um die vornehmsten und bestqualifizierten Kantoren zu hören. Bis zum 1. August 1895 wirkte er als Oberkantor zunächst in Kremenczug, Odessa, Przemysl und Budapest und dann vom 1. August 1896 bis heule, d. i. durch eine mehr als 16jährige Periode, ununterbrochen bei der hiesigen israel. Kultusgemeinde. Unermüdet, würde- und aufopferungsvoll, sowohl die alte Tradition wie das moderne Kantorat beherrschend, und dabei stets streng feine fromme Lebensweise einhaltend, übt dieser Mann mit seiner unverwüstlichen- Stimme gegenwärtig seine Funktion, wie dies von den maßgebendsten Autoritäten wiederholt anerkannt wurde, unübertroffen ans. Sein brillanter und weihevoller Vortrag hat den Tempelbesuch in unserer Gemeinde derart gehoben, daß alles, ohne Unterschied, ob orthodox oder nichtorthodox, dem Tempel znströmt, sobald man weiß, daß Schechter vorträgt. Wenngleich Oberkamor Schechter auf seine 30jährige Vergangenheit mit Stolz zurückblicken kann, erfreut er sich noch immer des vollsten Besitzes seiner großen und prächtigen Stimmmittel. Zum Ruhme des Oberkantors Schechter sei noch sein diesjähriger, geradezu sensalionsvoller Vortrag während der hohen Feiertage hervorgehoben und betont, daß die Tempelbesucher solchen, wie immer, auch diesmal als einzig dastehend anerkannten. Obwohl Oberkantor Schechter sein Jubiläum am Simches- Thora-Feste nur im engsten Familienkreise beging, erschienen bei ihm doch unzählige Freunde und Verehrer, um ihm ihre Glückwünsche zu überbringen und ebenso groß war die Schar der telegraphischen und brieflichen Gratulanten. Auch wir beglückwünschen ihn zu seinem- 30jährigeu Wirken und möge es ihm vergönnt sein, noch lange zum Wohle und Nutzen unserer israel. Gemeinde, wie bisher, zu wirken. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß Oberkantor Schechter aus Anlaß seines 30jährigen Wirkens ein kantorales Werk fertiggestellt hat, das durch seine Vollkommenheit imponieren muß. Es ist dies ein Selbstlehrer für Kantoren über sämtliche während des ganzen Jahres vorkommenden Gebeten und sonstigen kantoraleu Funktionen. Jeder, der nur über musikalische Kenntnisse und Stimmmittel verfügt, kann sich unter Zuhilfenahme dieses Werkes selbst zum Kantor ausbilden. Josef Grob. Einige Worte zn seiner zehnjährigen schriftstellerischen Tätigkeit von H. Löw-Bogel. Im Jahre 1901 bezog ein ans dem Osten, kommendes, rituell verheiratetes Ehepaar —er war 20 Jahre, sie 19 Jahre alt — eines jener Quartiere des zwanzigsten Wiener Bezirkes, welche in Herzl's Altneuland so ergreifend geschildert sind. Dieses Paar war Josef Grob und seine Frau. Seinen Lebensunterhalt bildeten der Dirigenteuposten, welchen Josef Grob in einem Vereinstempel mit dem Gehalte in der Höhe einer Kabinetsmiete erhielt, und die Schneiderei, welche seine Frau schon als Mädchen erlernt hatte. Allem das Heim dieses so schwer kämpfenden Paares wandelte sich bald in eine Stätte der Fröhlichkeit und der Poesie, der jüdischen Poesie. Das Neueste auf dem Gebiete der jüdischen Literatur wußte er trotz seiner kärglichen Mittel immer aussindig zu machen und mit einem wahren Heißhunger warf er sich auf die Werke der großen jüdischen Dichter der neuesten Zeit. Er blieb aber nicht beim bloßen Aufnehmen stehen, sondern er überging gleich zur Produktivität und verarbeitete den in sich aufgenommenen Stoff und die Bilder feiner nächsten Umgebung in herrlichen Feuilletons und Artikeln, die er in verschiedenen Zeitungen Amerikas, Rußlands, Rumäniens und Galiziens veröffentlichte. In allen diesen Zeitungen wird jetzt sein zehnjähriges schriftstellerisches Jubiläum gefeiert und zwar mit gutem Grund. Denn in seinen Artikeln offenbart sich jener große jüdische Schmerz, den solche Juden empfinden, die da wissen, daß die Schechina im Goluth ist. Ja, beim Lesen seiner Aufsätze fühlt man es gleich heraus, daß der Autor dreimal täglich „Wesechesenu enenu beschuweclio leziaun: Laß uns mit eigenen Augen deine Rückkehr nach Zion schauen", mit Inbrunst betet und daß dieses Gebet für ihn keine leere Formel, sondern die große Sehnsucht und Hoffnung seines Volkes ist, die seine Dichterseele in Schwung versetzt. Er verfügt auch über ein großes Maß körniger und urwüchsiger Ironie' und wehe dem Assimilanten oder dein Judenfeinde, der sich. seinen beißenden Spott znzog. Um nur ein einziges Beispiel seiner gelungenen Einfälle anzuführen, mag folgende Stelle aus einem Artikel Josef Grobs erwähnt werden, welchen er anläßlich der Gemeinderatswahlen in Wien schrieb: „Pawelka ist allmächtiger als Gott, denn bis jetzt hat Gott noch keinen Toten lebendig gemacht, wenn er auch die Lebenden sterben läßt. Pawelka aber tötet und belebet, denn am Tage der Wahl läßt er tausende Leute zur Urne schreiten, die schon seit zwanzig Jahren tot sind." Josef Grob ist heute erst 32 Jahre alt und steht daher im Alter, in dem Manche erst beginnen, während er schon aus eine zehnjährige Tätigkeit znrückblicken kann. Möge ihn dieser Gedanke ermutigen auf der betretenen Bahn weiter gn wandeln, zum Heile und Tröste der östlichen Jndenheit und zu seinem eigenen Wohle und Ruhme. Deutschtum und Judentum. Wie femand in unserer Zeit über Inden denkt, was er von ihnen weiß und versteht, was er ihnen gönnt und uns zuwenden möchte, das ist mir eines der wichtigsten Kennzeichen sowohl für das Innere des Menschen als auch für seine weltliche Fähigkeit. Ein Feind und Hasser der Inden kann große und edle Eigenschaften haben, allein er hat dabei auch gewiß einen dunklen Fleck im Herzen oder im Verstände, und fein Wirken im Leben wird auch nicht ohne Stellen sein, wo es lahm mit ihm gehr. Barnhagen v. Ense: Tagebücher. , . Napoleon I., dieser wunderbare Menschenkenner, hat einst das Wort geprägt: „Welch prunkende Lügen haben Glück gemacht und werden es noch machen!" Der große Korse hat zwar dabei sicherlich nicht an den Antisemitismus gedacht — denn er selbst hat den Inden das Ghetto geöffnet und wurde darum von den ans tausendjähriger Knechtschaft Erlösten nicht mit Unrecht als politischer Messias gefeiert —, wie vortrefflich illustriert das Wort aber die geistige Hohlheit der neuzeitlichen antisemitischen Bewegung, mag sie nun auf konfessionellen oder Rassenhaß gegründet sein. Die politischen und wissenschaftlichen Charlatane arbeiten überhaupt nur mit halben Wahrheiten oder verhüllten Unwahrheiten, welche dertzWahrheit so ähnlich sehen, daß es — nach einer hübschen Bemerkung de la Rochefoncaulds — „einen Mangel an Urteil verriete, wenn man sich nicht von ihnen täuschen ließe". Und wer ließe sich nicht— ach so gern! — täuschen? Der Herr Omnis, auf den zu allen Zeiten das Lenausche Wort zugetroffen hat: „Nun muß die Zeit ob Eurer Dummheit gähnen", der große Hanfe ist allerwärts, wie K- T. Weber ihn treffend geschildert hat, „Ochs mit den beiden Hörnern, Aberglauben und Intoleranz; nimmt man sie ihm, so kann man ihn weder hassen noch anspornen, und läßt man sie idm, so richtet er Unglück an. Aber immer ist letzteres doch besser, sobald man dafür sorgt, daß die Ochsentreiber ihre Hörner ablegen." Das ist nun freilich leichter gesagt als getan. Denn nur langsam erhebt sich der Mensch ans dem Irrtum, um sich der Wahrheit zuzuwenden, viel geschwinder kehrt er sich vom Wahren zum Falschen, und es ist leider nicht zu leugnen,, daß eine Scheinwahrheit schon häufiger in der Welt mehr Unheil angestiftet hat, als die nnbestechliche unwiderlegliche volle Wahrheit Gutes zn stiften vermocht hat. Die Wirkungen dieser Scheinwahrheiten sind um so gefährlicher, wenn sie von gewissenlosen Volksverführern als Arzneimittel oder zum mindesten als Salzkörner angepriesen werden, die „Appetit machen sollen, ohne zu sättigen." Bei vielen dieser Charlatane muß die Anmaßung die Stelle der Größe, inhumanes Wesen die eines festen Charakters, und schuftige Gesinnung die Stelle des Geistes vertreten.