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Die Wahrheit · 1912-10-18 · Heft 40 (18.10.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 40 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 40. „Das Individuum und die Bewertung menschlicher Existenzen" hin, in dem dieser hervorragende Denker die Frage stellt, ob man einen blöden Bauernjungen opfern darf, um Shakespeare am Leben erhalten zu können. Und er verneint sie mit aller Entschiedenheit. „Meiner Entscheidung", sagt Popper, „liegt eben die Ansicht oder das Gefühl zugrunde, daß die Listen; eines lebenwolleuden Menschen etwas so Großes, Unersetzliches, für ihn Unendliches und eine an sich so bedeutende Tatsache sei, daß das Leben auch des unbedeutendsten Individuums jeder Nützlichkeit- oder Schönheilsleistung gegenüber als ein Unendliches zu gelten hat, von der also jede nur endliche Größe an Wert verschwindet." Adler bemerkt dazu, daß Popper durchaus nicht gegen Windmühlen kämpfe, da schon Carlyle das Wort gesprochen: „Welchen Engländer, den je unser Land erzeugte, welche Millionen Engländer würden wir nicht lieber hingeben, als Shakespare?" Er selbst schließt sich der Ansicht Poppers vollkommen an und begründet deren Richtigkeit in einer von gesundem Menschenverstände und wahrer Menschlichkeit eingegebenen Auseinandersetzung. Aus dieser seien hier nur folgende Stellen angeführt: „Jedes Leben ist Selbstzweck. Der lebende Mensch ist die Gegenwart und zugleich die unbegrenzte Zukunft. Nun, Sir George, der Knabe, den Sie verbrennen lassen wollen, ist ein Künstler gewesen, der uns das Meisterwerk der Gegenwart gegeben hätte. Umsonst, daß Sie es leugnen wollen! Und wäre es nicht der Knabe selbst gewesen, so hätten seine Enkel das Große vollbracht." * Als ich das bezeichnete Feuilleton las, sielen mir sofort mehrere Erzählungen und Aussprüche im Talmud ein, die eine große Analogie mit dem in demselben erörterten Thema haben und jedenfalls alle dort zum Ausdrucke gebrachten Ideen und Gedanken enthalten. Im Talmud (Baba mezia 62a) wird nämlich die Frage aufgeworfen: Wenn zwei Personen durch eine Wüste ziehen, der eine ist im Besitze eines Gefäßes mit Wasser, das aber nur. hinreicht, um ihn allein vor dem Tode des Verdurstens zu schützen, gäbe er auch dem anderen davon, so müßten beide ganz sicher sterben. Ben Patura lehrte, daß es besser sei, daß beide sterben, als daß der eine den Tod des anderen ruhig ansehe. R. Akiba hingegen lehrte später das Umgekehrte, denn er meinte, es stehe geschrieben: „Es lebe dein Bruder mit dir", d. h. dein eigenes Leben steht in erster Reihe, du hast nicht die Psticht, dein Leben zur Rettung eines anderen hinzugeben, wenn dein Leben dadurch nicht bloß in Gefahr kommt, sondern ganz sicher verloren geht, umso weniger in diesem Falle, wo der andere trotz der eigenen Aufopferung ebenfalls zugrunde ginge. R. Samuel Edels (Meharscha) bemerkt dazu, daß auch R. Akiba der Ansicht Ben Paturas zustimmt, wenn das Wasser beiden gehören würde. Zu Raba, wird im Talmud (Pesachim 25b. Synhedrin 74a und Joma 82 b) ferner erzählt, kam einmal ein Mann, der bei ihm anfragte, ob er einen Menschen töten dürfe, weil der Gewalthaber der Stadt ihm das befohlen und bei Verweigerung des Gehorsams mit dem sicheren Tode gedroht habe? Raba gab ihm zur Antwort: „Wer sagt, daß dein Blut röter ist (d. h. edler, einen größeren Wert hat), als das Blut jenes Mannes, den du töten sollst, vielleicht ist dessen Blut röter, du mußt, wenn es sein muß, den Tod erleiden und darfst keinen Mord begehen." Ein an diese Erzählung anknüpfender talmudischer Ausspruch lautet: „Es gibt kein Ding und möge es noch so groß und kostbar sein, auch kein religiöses Verbot, mit Ausnahme von Mord, Unzucht und Götzendienst, das höher stünde, als die Rettung und Erhaltung eines Menschenlebens; nur die drei genannten Verbote sollen selbst zur Erhaltung des eigenen Lebens nicht übertreten werden. (Joma 82a.) Von der unermeßlichen Bewertung des Menschenlebens zeugt besonders folgender talmudischer Ausspruch: „Wer ein Menschenleben zerstört, dem wird es von Gott so angerechnet, als hätte er eine ganze Welt zerstört; und wer ein Menschenleben erhält, dem wird es so angerechnet, als hätte er die ganze Welt erhalten. (Lyabvdrüa 37 a, Baba-batra 11b). Diesem Ausspruche liegt nicht bloß der Gedanke zugrunde, daß jedes menschliche Individuum für sich ein Mikrokosmos (Alam katan) ist, sondern auch der von Adler ausgesprochene, daß beim Leben des Individuums auch dessen mögliche Nachkommen in Betracht' kommen. Bemerkt doch der Talmud, daß Gott bei der Zurechtweisung Kains wegen - des von ihm begangenen Brudermordes nicht: Daru uchichu, das Blut deines Bruders (Einzahl), sondern dsias uchielm, Blut in der Mehrzahl (im Hebräischen gibt es eine Mehrzahl dieses Wortes) gesagt habe, -was so viel heißen soll, als Abels Blut und das Blut seiner Nachkommen bis aus Ende, aller Zeiten; . beim mit Abel habe er auch diese, getötet, (ibid.) Die Ansichten Poppers und Adlers, die. gewiß aus ihrem menschlich warm fühlenden Herzen hervorgegangen, stimmen also vollkommen mit den Ansichten und Gefühlen des Talmuds überein. ja, ihre Ideen und Gedanken sind nur eine Wiederholung des schon im Talmud zum Ausdruck Gebrachten. Beide, Popper und Adler, sind zwar deutsche Dichter und Denker, aber ihr BlUt und Gefühl ist jüdisch und darum menschlich. Ihnen gegenüber stehen echte Germanen, Engländer von zweifelloser arischer Abstammung. Auf welcher Seite ist nun die höhere Bewertung des Menschenlebens zu finden? Gärtuer-Kitdnttgsanstalt für jüdische Knaben. Im Sitzungssaale der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hielt am Montag, den 14. Oktober d. J. der Verein zur Hebung der Gewerbe unter Vorsitz seines Präsidenten I. Brod eine Sitzung ab, die sich durch die Anwesenheit zahlreicher Experten zu einer solennen Versammlung gestaltete. Unter anderem waren erschienen die Herren: Kommerzialrat Eduard Wiener für den Verein „B'nai B'rith", kais. Rat Dr. Ascher für die Baron Hirsch-Stiftung, Dr. Friedberger für das Taubstummeninstitnt, Frau Dr. Sophie Grünsfeld, Präsidentin und Frau Sophie Onittner, Vizepräsidentin des „Ferienheim", Herr Dir. Hecht für das Baron Spriugersche Waisenhaus, Oberst Husserl für den Handwerkervereiu, kais. Rat Dr. Krüger für das Kinderheim. Direktor Rudolf Kohn für das Kaiser-Jübilänms-Knabenwaisenhaus, Direktor Waldner für den Waisenhausverein, ferner Herr Kultusvorsteher Dr. Samuely, Privatier Jakob S. Straßberg, Fabrikant Herrmann, der Gesamtvorstand des Vereines zur Hebung der Gewerbe rc. In offizieller Vertretung des Knltnsvorstaudes ist Herr kais. Rat Dr. Lieben erschienen. Ihr Fernbleiben haben entschuldigt die Herren Direktoren S. Heller, Dr. Krenberger. Industrieller Heinrich Mendl und Karl Freund. Der Präsident begrüßte die Versammlung und dankte für die außerordentlich erfreuliche Sympathie, die der Realisierung seines Gedankens, nämlich der Gründung einer Gärtner-Bildungsanstalt für jüdische Knaben mündlich und schriftlich entgegengebracht und die durch das Erscheinen so hervorragender Vertreter von Körperschaften zum Ausdrucke gebracht wurde. Er sprach über die hohe Bedeutung dieser Schöpfung, die dem jüdischen Gewerbestand einen neuen, vorzüglich geeigneten Gewerbszweig eröffnet und verlas die Eingabe, die der Verein bereits im Monate Februar, mit zahlreichen Unterschriften versehen, an den israel. Knltusvorstand entsendete. Der Verein bittet in dieser Eingabe, daß der neu angekaufte Friedhof einen kleinen Teil der Bodenfläche zu Gärtnerzwecken verwenden solle. Die von dem Areale erzielten Produkte sollen teilweise für die Bepflanzung der Friedhöfe sich bewerten und hauptsächlich sollen geeignete Lehrkräfte Gärtnerzöglinge zu tüchtigen Zier-, Handels¬ und Blumengärtuern heranbilden. Auch Frauen würden hier einen lohnenden Erwerb durch. Blnmenhandel gewinnen und würde so aus dem Toteufelde ein neues, segensreiches Leben erwachsen. Nun beschrieb der Präsident in ausführlicher Weise die Einrichtung der Gartenkolonie in Budapest, die von der Regierung als Musterschule geschätzt wird, ferner von der jüdischen Bildungsanftalt in Ahlen und der protestantischen in Wien rc. Es wären heute folgende zwei Fragen zu beantworten:

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