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Die Wahrheit · 1912-10-18 · Heft 40 (18.10.1912) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 40 (18.10.1912)
Date
1912-10-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40. Die Wahrheit S t r a ß b arge r, Bezirksrabbiner, Ulm. Dr. Tänzer, Bezirksrabbiner, Göppingen. Dr. Tawrogi, Rabbiner, Kreuznach, Dr. Vogelstein, Rabbiner. Königsberg i. Pr. Dr. Weyl, Rabbiner. Berlin. Dr. Wiener, Rabbiner, Stettin. Dr. Wilde, Rabbiner, Magdeburg. Dr. Worms, Rabbiner, Stettin. Weg mit den alten zehn Geboten. Von A. Stößler,-Olmütz. So hallt der Ruf einiger Phantasten ans dem Reiche herüber. Der Dekalog, der erleuchtend durch die ganze zivilisierte Menschheit strahlt, soll auf einmal unmodern geworden sein. Man sei, so heißt es, endlich zilr Ueberzeugung gekommen, daß die alten zehn Gebote dem modernen Zeitgeiste nicht mehr entsprechen und daß es daher notwendig erscheint, für unsere heutigen religiösen und sittlichen Anschauungen einen neuen!! Dekalog zu schaffen. Welch' wahnwitziges Unterfangen menschlichen Hirngespinnstes?! Die Gesetze eines Solon und Lykurg liegen im finsteren Schachte der Vergangenheit begraben, die ehernen Gesetzestafeln des mächtigen Rom sind spurlos verschwunden; aber die „zehn Gebote" die der Menschheit geoffenbart wurden, haben die Stürme der Zeiten überdauert, sind heute noch die Grundlage der wahren Gesittung aller Völker geworden und haben ihren Einfluß auf die Entwicklung des Menschengeschlechtes mit eherner Macht ausgeübt. Welch' ein Geist allgemeiner Ethik zum Heile und physischen Gedeihen jedes einzelnen Erdbewohners und der menschlichen Gemeinschaft weht doch durch diese alten zehn göttlichen Aussprüche! Wie groß und erhaben steht doch diese Lehre — was man soll und nicht soll — da! Wiewohl sie schon mehr als drei Jahrtausende alt ist, so vermögen wir nicht sie uns erhabener und geläuterter vorzustellen. Und wahrlich, die gesamte soziale Weltordnnng würde bis in ihre innersten Fugen erschüttert, Gesetz und Recht müßten zusammenbrechen, Eigentum und Ehre, Wahrheit und Gerechtigkeit wären jeder Willkür preisgegeben, wenn dieser Spruch am Sinai nicht erschollen wäre. Von der Richtigkeit dieser Anschauung werden wir felsenfest überzeugt, wenn wir unsere alten zehn Gebote den neu fabrizierten kritisch gegenüberstellen. Diese, von Herrn Dr. Lipsius verfaßten und als besonders zeitgemäß der Menschheit anempfohlenen Gebote lauten, wie folgt: 1. Du sollst die Wahrheit Hochhalten und über alles dir selber treu bleiben. 2. Du sollst dein Leben weihen dem Dienste der Menschheit, damit du über dich selbst hinauswachsest und dein Werk Bestand habe auf Erden. 3. Du sollst heilig halten die Natur, denn sie wird den nicht ungestraft lassen, der ihre Gebote mißachtet. 4. Du sollst nicht fürchten der Mächtigen Zorn, der Unfehlbaren Tadel und der Menge Gespött. 5. Du sollst nicht au die Vergangenheit, sondern an die Zukunft glauben. 6. Du sollst nicht den Erfolg anbeten, sondern der Menschen und Taten inneren Wert prüfen. 7. Du sollst nicht nach Gold jagen, sondern nach Wissenschaft. Schönheit und Reichtum des Herzens. 8. Du sollst deine Zeit auskanfen in ernster Arbeit, aber des Lebens edle Gaben genießen mit frohen Sinnen. 9. Du sollst fremdes Fühlen schonen und fremde Ueberzengungen achten. IO. Du sollst feststehen in deinem Willen und das Herz nicht siegen lassen über deinen Verstand. Es ist entschieden tief zu bedauern, daß ernst denkende Männer sich dazu hergeben, solch' abgedroschenen und räthselhaften Ideen das Wort zu reden. - Wenn auch einige dieser Sätze mit unseren Anschauungen übereinstimmen mögen, so sind sie aber längst bekannte Aussprüche, welche auf dem weitnmfassenden Gebiete der Nächstenliebe des öfteren schon zum Gegenstände philosophischer Betrachtungen unterzogen worden sind. Seite &. Es ist eine Tatsache der Weltgeschichte und noch mehr des inneren Bewußtseins, daß der Mensch ans sich selbst unfähig ist, das Wahre vollständig zu erkennen und das Gute frei und unbehindert zu vollziehen. Verirrung des Verstandes und des Herzens ist mehr oder weniger aller Menschen Anteil. Was der Eine aus sich für wahr und gut hält, das scheint dem Anderen oft irrtümlich und böse zu sein. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, daß alles Elend in der menschlichen Gesellschaft nur durch direkte oder indirekte Verletzung oder Außerachtlassung des Geistes der sinaitifchen Prinzipien entstand. Kein imbefangener Denker oder Forscher hal ein Recht, dies in Abrede stellen zu wollen. Und wie das Sonnenlicht durch einen hell glänzenden Meteor nicht überstrahlt oder beseitigt werden kann, so kann eine göttliche Offenbarung durch eine andere, spätere nicht aufgehoben und ihrer Autoritär nicht beraubt werden. Sehr richtig bemerkt Herr Dr. Rosenak-Bremen, daß er es (unter Hinweis auf den Ansspruch 5) sehr bezweifle, ob die neuen „zehn Gebote" in Druck erschienen wären, wenn es nicht längst vor uns einen klugen Mann gegeben hätte, der die Drnckertypen erfnndeti hat. Die Fundameutalsätze unseres Tekalogs werden niemals durch andere ersetzt oder verdrängt werden können, am allerwenigsten von diesen saftlosen und recht zwerghaften neuen zehn Aussprüchen. Wie aber dieses Unternehmen auch von evangelischer Seite gewürdigt und eingeschätzt wurde, ersehen wir aus einer der letzten Folgen des „Hamburger isr. Familienblattes". Da heißt es in der humoristischen Kritik des Pastor Viktor: „Mit den ägyptischen Pyramiden Bin ich schon längst nicht zufrieden. Ich werde mal etwas Besseres bauen, Daß die Leute d'ran ihr Wunder schauen." So sprach der Maurer Friedrich Helle Und nahm sich Winkelmaß und Kelle Und bauete dann Sand und Stein Ganz pyramidal in die Welt hinein. In Handumdrehen war der Bau zu Ende, Und Friedrich rieb sich mit Stolz die Hände Und sprach: „Ich hätte selbst nicht gedacht, Daß man so leicht Pyramiden macht." Da kam ein kleiner Sturm heran. Der neue Bau zu wackeln begann. Er stürzte zusammen, er brach ganz ein. Und Friedrich sah betrübt darein. Da tröstet ihn ein Freund und spricht: „Mach nur nicht so'n verdutzt Gesicht. Du bist gewiß ein guter Mann, Der kleine Häuschen bauen kann; Doch Pyramiden — nun wein' nur nicht — Pyramiden bauen, das kannst dn nicht!" Von da verschwand mit Blitzesschnelle Ins frühere Dunkel der Maurer Helle. Die Dkmerinny des Menschenlebens Hube» nnd drüben. Von Prof. M. Stark. Dieser Tage ging durch die Blätter eine aus englischen Zeitungen übernommene Notiz, die von dem Kunstenthnsiasten Sir George Birkwood berichtete, daß er auf die Frage, ob er ans einem brennenden Hanse die Sixtinische Madonna oder ein lebendes Kind retten würde, einfach geantwortet: ..Die Madonna", und der bekannte englische Schriftsteller Bernard Shaw ihm kurzweg zugestimmt habe. Diese Notiz veranlaßte den rühmlichst bekannten Dichter Friedrich Adler in einem im „Prager Tagblatt" erschienenen Feuilleton: „Madonna oder Kind" der aufgeworfenen Frage näher zu treten und sie im Lichte der Vernunft nnd Menschlichkeit zu betrachten. Adler weist auf ein Buch Josef Poppers (Lykeus)

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