Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 39 (10.10.1912)
- Date
- 1912-10-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Sidministratiou: Wien, II/, Nvvaragasir 27 Televbon: Siedaktion 5509/1V. Adminisirarioil 4938 II. R. I. üsterr. Postsvarkasia- Schect-Konlo 3tr. 100.918. JiiJeratc: Die viermal gcsvaltene Ronparcille-Zeiie 25 Heller. AboilnemeiilS- und JnjertiouSbeiräge sind in Wien zahlbar und klagbar. nakhangige Aertfchnft für Mische Interessen. Vezugsfret»: Gunzjiibrig.K 14.— Halbjiivria.K 7.— Fiil.' NiiltttSsittimte: iW.unj.iövi,t ...... K 10.— Erscheint jeden Areitng. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Für Ausland: tillanzlittNlg.8 Mark ß Nknvet oder Iß Are». Ar 89 Wie». 10. Oktober Inhalt: Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum. — Jüdischer Adel in Ungarn.— Bericht des Friedeusausschusses. — 25jähriges Amtsjubiläum. — Soziale Probleme in Palästina. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Sabbathlichter". Die geehrten Kerren Köonnenten werden ersucht, den taufenden und event. restlichen Aöonnewentsöetrag umgehend einsenden zu wollen. Richtlinien;u einen» Programm für das liberale Indentnm. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands hat nunmehr nach jahrelangen Beratungen die Richtlinien zu einem Programm für das liberale Judentum aufgestellt, die wir unter Vorbehalt einer nachträglichen eingehenden Besprechung im folgenden zum Abdruck bringen. I. „Das liberale Judentum" erblickt das Wesen der jüdischen Religion in ihren, ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten, welche die geschichtliche Bestimmung haben, Weltreligiou zu werden. H. ' Die ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgebote der jüdischen Religion, in denen alle Zeiten und Richtungen des Judentums übereiustimmeu, sind: I. Die Lehre von dem einig-einzigen, reingeistigen, heiligen Gott, dem Gott der Gerechtigkeit und Liebe. 2. Die Lehre von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen und der Unsterblichkeit seiner Seele, von seiner Kraft zur sittlichen Freiheit und seiner Bestimmung zu immer höherer sittlicher und geistiger Vervollkommnung fortzuschreiten. 3. Die Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen.und der Bestimmung der Menschheit, dem messianischen Friedeusideale durch Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe immer näher zu kommen. HL Die von der Vorsehung bestimmte Aufgabe Israels ist es. seine Religion in ihrer Reinheit zu bewahren und zu verkünden, durch die lebendige Kraft des Beispiels und der opferwilligen Hingabe zu bezeugen und so für die Herbeiführung des Gottesreiches auf Erden zu wirken. IV. Die geschichtliche Grundlage der jüdischen Religion ist die heilige Schrift, sowie die von ihr ausgehende Weiterbildung des Judentums im nachbiblischen Schrifttum, Talmud, rabbinischer und religionsphilvsophischer Literatur bis auf die Gegenwart. Die historisch-kritische Würdigung dieser Religionsurkunden ist der Wissenschaft des Judentums als eine ihrer Aufgaben zuzuweisen. V. Als geschichtliche Religion hat das Judentum seinen ewigen Wahrheiten und sittlichen Grundgeboten Ausdruck gegeben auch in geschichtlich bedingten Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen. Jedes Geschlecht hat den Glauben der Väter in den ihm eigentümlichen religiösen Vorstellungen und Ausdrucksformen sich zu eigen gemacht. Das liberale Judentum steht deshalb auf dem Standpunkt der Anerkennung einer fortschreitenden Entwicklung, kraft deren jede Zeit im Judentum das Recht und die Pflicht hat, bei Wahrung seines wesentlichen Gehaltes geschichtlich bedingte Glaubensvorstellungen und Erscheinungsformen anfzugeben, fortzubilden oder neue zu schaffen. VI. Besonders ernst tritt diese Pflicht an die Gegenwart heran. Durch den Eintritt der Inden in die geistige Kultur und die soziale Lebensgemeinschaft einer Zeit, die durch neugewonnene Erkenntnisse ihren geistigen Gesichtskreis erweitert und eine Umwälzung auf allen Gebieten des Lebens erfahren hat. sind viele überlieferte Vorstellungen, Einrichtungen und Bräuche aus dem Bewußtsein und dem Leben geschwunden und haben somit ihren Inhalt und ihre Bedeutung verloren. Diese in der Gegenwart sich vollziehende Entwicklung stellt uns vor die große und verantwortungsvolle Aufgabe, zu den geschichtlich bedingten Glanbensvorstellungen und Erscheinungsformen Stellung zu nehmen. VII. Glaubensvorstellungen. welche die Reinheit der jüdischen Gotteslehre trüben, sind aus dem Lehrinhalt der jüdischen Religion ausznscheiden. * VIEL Angesichts der großen Bedeutung der Erscheinungsformen für das religiöse Leben und die Erhaltung der jüdischen Religion sind in pietätvoller Anlehnung an' die Vergangenheit alle diejenigen Einrichtungen und Bräuche zu bewahren und neu zu beleben, die noch heute den Einzelnen in lebendige Beziehung zu Gott setzen, ihn immer wieder an seine sittliche Lebensaufgabe erinnern und in sein Alltagsleben Momente der Ruhe und Selbstbestimmung bringen, die das Familienleben heiligen, dem jüdischen Hans seine eigentümliche Weihe und Stimmung geben und der Pietät gegen Lebende und Verstorbene Ausdruck verleihen, die das Band der Glaubensgemeinschaft festigen, die Glaubenstrene stärken und ein edles jüdisches Selbstbewnßtsein wachrufen. Vorschriften, die diesen Bedingungen nicht entsprechen, haben keine verpflichtende Kraft. IX. Gemäß diesen Grundsätzen sind für das religiöse Leben des Einzelnen die folgenden Forderungen unerläßlich: 1. Sabbath und Feste, diese Träger der bedeutendsten religiösen Gedanken und Erinnerungen, sind durch häusliche Feier und durch Besuch des Gottesdienstes weihevoll zu begehen. An ihnen soll alles vermieden werden, was ihre würdige Feier stört; was dieselbe nicht beeinträchtigt, kann nicht als verboten gelten. Daher haben alle aus der Ausdehnung des Ruhe-