Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 38 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 7. Die D o cz ys. Braucht man den Wienern den Baron Ludwig Doczy vorznstellen? Wer ihn nicht nach seinem berühmten „Kuß" kennt, sollte wissen, daß dieser Schriftsteller jahrzehntelang der Vertrauensmann des großen Andrassy und Sektionschef im Miiiisterium des Auswärtigen war, er, der Sohn des armen kleinen Juden Dux in Dentschkreutz . . . Sein Sohn freilich heißt schon Pierre und ist Hofsekrelär im Minifterinm des Aenßern. Der jüngste ungarische Baron, der indes eher unter die Harkanyis und Koranyis zu zählen ist, ist — der ungarische Landesverteidigungsminister Baron Samuel Hazai ... Ueber die ungarische jüdische Nobility kann natürlich nicht so ausführlich berichtet werden wie über die Barone. Denn es gibt gegenüber den etwa zwanzig ungarischen jüdischen Baronssamilien nach oberflächlicher Schätzung etwa zweihnndertfünfzig oder gar dreihundert geadelte jüdische Familien in Ungarn. Ihre Genealogie anznführen, bedürfte es eines dicken Bandes. Auch will diese kleine Arbeit nichts anderes sein als der Versuch einer einfachen Zusammenstellung des jüdischen Adels in Ungarn, und beileibe kein Semi-Gotha. (Schluß folgt.) Die Ansgralmngen der deutschen archäologischen Gesellschaft anf assyrijch-palastineustschem Kode«. Von A. Stößler, Olmütz. Aus dem ergiebigen Materiale der teilweise erfolgten Ausgrabungen der deutschen archäologischen Gesellschaft in Palästina hat ein neuentdecktes Grab aus der Zeit vor der Zerstörung Jerusalems mein besonderes Interesse erweckt. Ich habe mich der Mühe unterzogen, die entgifferten und in einem Fachblatte reproduzierten Inschriften der freigelegten Steinsärge in ethnologischer Beziehung des näheren zu beleuchten. Vor allem kann mit großer Wahrscheinlichkeit konstatiert werden, daß die mit hebräischen, aramäischen und griechischen Lettern in einem Grabe am Oelberge aufgefnndenen Steinsärge etwa 2000 Jahre im Schoße der Erde gelegen sein dürften. Die meisten alten Felsgräber der Umgebung Jerusalems finden sich in nordwestlicher Richtung von der Stadt. Insbesondere die Umgebung des Oelberges ist reichlich mit solchen besetzt, da eben dort ein weicher, leicht zu bearbeitender Fels an vielen Stellen vorhanden ist. Viele derselben sind längst aufgedeckt und liegen offen zutage. Man entdeckt jedoch gelegentlich immer wieder neue, die viele Jahrhunderte unberührt unter der Erde gelegen sind mit fast ganz vermoderten Gebeinen, Steinsärgen, Tränenkrügchen, Lämpchen, kleinen Schmnckgegenständen u. s. w. Auf solche stieß man auf dem Gute des syrischen Waisenhauses des öfteren. Es galt, die verschüttete Oeffnnng eines vor mehreren Jahren entdeckten Grabes zwecks näherer Untersnchnng desselben frei zu legen. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich dicht daneben eine weitere Grabhöhle mit seltenem Inhalte. Diese neuentdeckte Grabhöhle, so wird mitgeteilt, war mit einem großen Stein fest verschlossen. Die Fngen zwischen Verschlußstein und Grabtüre waren mit Steinscherben und Erdmörtel sorgfältig ausgefüllt. Denselben von der Stelle zil schaffen, war für die Arbeiter, welche die Grabarbeiten auszuführen hatten, keine geringe Aufgabe. Nach Freilegung des Grabes bemerkte man vor allem in der Ecke rechts vom Eingänge zur Gruft zwei sorgfältig mit Steindeckeln verschlossene, 70 bis 80 cm lange Särge ans ganz weichem Kalkstein, wie man ihn in der Gegend von- Jerusalem sehr häufig findet. Dann konnte man erkennen, daß von der Grnftkammer fünf Schiebgräber ausgingen, welche alle in horizontaler Richtung gelegen waren. Jedes dieser Schiebgräber war mit einer Steinplatte fest verschlossen. Drei derselben waren leer, in zweien waren je zwei Steinsärge in etwa derselben Größe wie die. in der Kammer selbst Vorgefundenen. Diese letzteren Särge bargen menschliche Gebeine, die allerdings ganz vermodert und zerfallen waren. Alle Särge tragen auf einer Breitseite hübsche Verzierungen, Rosetten rc., wie man sie häufig auf solchen Sargen findet. Die genaue Untersuchung ergab, daß auf drei Särgen Schriftzüge sich befanden, denen großer ethnologischer Wert beigemessen wurde und daher die sofortige Bergung dieser Särge in einen sicheren Raum als notwendig sich erwies. Zunächst konnte man an ihnen bemerken, daß die Schriftzüge nicht eingemeißelt, sondern mit Hilfe eines scharfen Instrumentes mit einem Zuge handschriftlich eingezeichnet waren. Die Entzifferung dieser Inschrift, welche auf einer der Schmalseiten der Särge angebracht war, weicht von der heute gebräuchlichen Schriftform wesentlich ab. Auf einem Sarge steht zunächst in aramäischen Lettern: „Papiashabbesani“, auf dem zweiten „Aminia habbesani“ und ans dem dritten „Chanin habbesani“, d. h. Papias der Besanite. Vesan ist das alte Bethscheau, nördlich am Fuße des Berges Gilbon, aus Sauls Geschichte bekannt, das später wie heute noch Besan und griechisch Skythopolis genannt wurde. Ein Sarg, der die griechische Inschrift „Papias n. Salome", die Skythopoliten, trägt, hat im Griechischen den Namen Anin, ein Unterschied, der nur in der andersartigen Anssprache der hebräischen Namen in der griechischen Sprache begründet ist. Eben dieser Sarg des Anin enthält noch weitere, kleine, undeutliche, flüchtig hingeworfene Schriftzüge, die zum größeren Teile noch nicht gelesen werden konnten. So weit der Bericht. Was läßt sich nun aus diesen- Feststellungen schließen? Vor allem, daß das Grab aus einer Zeit stammt, in der in Palästina nebst dem Hebräischen und Aramäischen auch griechisch gesprochen wurde; das ist aus der Zeit zwischen 300 vor bis 600 nach der gewöhnlichen Zeitrechnung. Ferner, daß es sich um ein jüdisches Grab handelt. Diese Annahme geht nicht nur aus dem Gebrauche der aramäischen Schriftlettern und hebräischen Namen „Chanin" und „Ammia" hervor, sondern wird auch aus dem Fehlen jeglichen christlichen Zeichens in dem Grabe begründet. Christliche alte Gräber hatten gewöhnlich mit Kreuzeszeichen verzierte Tonlämpchen. Dies war hier nicht der Fall. Ist demnach das Grab jüdisch, so stammt es jedenfalls ans der Zeit vor Hadrian. Ein weiterer Umstand berechtigt, dieses Grab vor die Zerstörung Jerusalems zurückzndatieren. und zwar aus dem Grunde, weil selbes sorgfältig verschlossen und seiner ganzen Anlage nach offenbar absichtlich mit Steinen und Erde verschüttet worden ist. Das läßt sich am besten durch eine hereinbrechende Gefahr hinsichtlich der Entweihung der Gräber erklären, wie sie durch das Heranziehen römischer Heere vor. dem Jahre 70 tatsächlich bestand. Damals sind höchstwahrscheinlich diese Gräber verdeckt worden und sind es seither, also nun nahezu 2000 Jahre, geblieben. Daß die Inschrift in hebräischer und griechischer Schrift ausgeführt wurde, weißt 'jedenfalls darauf hin, daß sie aus einer Zeit stammt, in der das Griechische in Palästina recht heimisch geworden war. Dasselbe bestätigt auch die Vergleichung mit einer anderen Steinsarg-Jnschrift, die erst vor kurzem anfgesunden worden ist und sicher ans jener Zeit stammt. Jndeß müssen wir für den Gebrauch unseres Grabes immerhin einen Spielraum von 160 bis 200 Jahren, vom Jahre 70 an zurückgehend. frei lassen; denn die Felsengräber waren eigentlich Familiengräber, die jedenfalls Jahrhunderte lang der Beisetzung der Familienglieder dienten. Unser Grab gehörte der Familie Besani an, welche wahrscheinlich aus Besau nach Jerusalem übersiedelte und von daher ihren Namen hatte. Der Prozeß hinsichtlich der Beisetzung har sich folgendermaßen abgespielt: Nach dem Tode eines Familiengliedes wurde die Leiche in Tuch gewickelt, in einem Schiebgrabe der Familiengruft beigesetzt und die Leffnung derselben mit Steinplatte und Mörtel gut verschlosfen. Hier verblieb der Leichnam solange, bis das Grab für eine weitere Beisetzung gebraucht wurde; mindestens aber zwei Jahre, weil dieser Zeitraum zur vollständigen Verwesung der menschlichen Ueberreste erforderlich ist. Wenn eine neue Leiche beigesetzt wurde, so wurden die Gebeine sorgfältig gesammelt, in einen Steinsarg gelegt und so in der Grabhöhle belassen.