Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 38 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 38- Zhnen meinen Dank und, wenn Sie das einem viel Jüngeren gestatten wollen, meine Anerkennung auszusprechen für Ihre ausführliche, tiefdringende, ruhige, höchst gerechte und durchaus offene Behandlung des schwierigen Problems. Mit diesem, Ihrem vorläufig abschließenden Aufsatze ist die ganze Serie der Erörterungen, wie ich glaube, wirklich zu einem bedeutenden Dokument geworden, das seine Wirkung üben muß, und ich bin überzeugt, daß die künftigen Debatten durch den Ton Ihrer Ausführungen ein für alle Male auf ein würdiges Niveau gehoben worden find.-" - Daß sich das „Berliner Tageblatt" bemüht, mich als Antisemiten zu diskreditieren, überrascht mich nach nieinen verschiedenen Kritiken seiner Redaktion und Geschäftsführung nicht. Der Kunstwart hat aber durch sein ganzes erstes Vierteljahrhnndert stets auch jüdische Mitarbeiter gehabt, hat sie heute und wird sie behalten. Wie ich das Problem sehe, habe ich gelegentlich der „Aussprache mit Juden" in meinem Blatt so fixiert: „Die Arbeit von Inden und Nichtjuden derart zu organisieren, daß beide.ihre, der menschlichen Gemeinschaft nützlichen Vorzüge höchstmöglichst entwickeln können, während sie sich gegenseitig mindestmöglich hemmen." Wichtiger als die Theorie erscheine mir das Oeffnen von Sprechplätzen, wie das derKnnstwart für sein Teil versucht hat, solchen, die ermöglichen, offen, fachlich und ruhig an weit hörbarer Stelle auch mit dem Gegner zn sprechen. Daß wir uns zu einer Aussprache in Sachlichkeit und mit Achtung vor abweichenden Meinungen bei der gegenwärtigen Gereiztheit und Ueberempfindlicheit auf. beiden Seiten erziehen müssen, habe ich gleichfalls als meine Meinung dort ausgesprochen. Ferd. Avenarius. Jüdischer Adel n» Ungarn. Gelegentlich der Baronisierung des berühmten ungarischen Chirurgen Professor v. Herczel brachte das „Neue Wr. Journal" eine Zusammenstellung des jüdischen Adels in Ungarn, die auch in unserem Leserkreise mit großem Interesse ausgenommen werden dürfte. In keinem Lande, so .schreibt das genannte Blatt, gibt es einen zahlreicheren jüdischen Adel als in Ungarn. Jüdische Adelige sind ja schließlich auch in Oesterreich keine besondere Rarität, jüdische Freiherren aber in Oesterreich bedeutend seltener als in Ungarn. Die folgenden Zeilen wurden auch aus dem Anlasse geschrieben, daß jüngst wieder einem Juden die ungarische Baronie verliehen wurde: dem berühmten Chirurgen Professor Emanuel v. Herczel. Benutzen wir die Gelegenheit und befassen wir uns ein wenig mit der jüdischen Aristokratie Ungarns. Vielfach werden auch solche Familien dem jüdischen Adel beigezählt, die sich selber seit längerer Zeit nicht mehr als zum Judentum gehörig betrachten. (Diese sind mit einem * bezeichnet.) So können die sreiherrlichen Familien v. H a r k a n y i und v. K o r a u y i beispielsweise nicht mehr als jüdische gelten, denn sie leben bereits in zweiter und dritter Generation als Christen. Die Barone Harkanyi sind Magnatenhausmitglieder, die Koranyis werden unter den Pairs von Ungarn vorläufig nur durch den Professor Friedrich Korauyi vertreten. Die beiden Söhne — Alexander, gleich seinem Vater ein großer Arzt, und Friedrich, Sektionsrat im Finanzministerium — dürsten aber bald folgen. Jüngeren Datums dagegen ist das Christentum der Barone O r o s d y, D i r s z t a y, L ö v a y und W o d i a n e r. Die Wodian er v. Capri ora sind eine alte Bankiersfamilie; ihr letzter lebender Sproß, der alte Baron Albert Wodianer, ist Junggeselle. Wird er einst zu seinen Vätern versammelt, so wird die Familie im Mannesstamme erloschen sein: die erste unter den jüdischen Baronsfamilien Ungarns, vor deren Gruft das Wappenschild umgekehrt wird. Die Barone Lövay haben ihre Krone von ihrem als Hagestolz verstorbenen Onkel Heinrich ererbt, einem der Begründer der Ersten ungarischen allgemeinen Versicherungsgesellschaft. Die Dirsztays — ans dem Hause Fisch l — sind Finanzbarone und leben in Wien. Baron Philipp Orosdy, dessen Vater Chef der großen Exportfirma Orosdy, Back L Komp, war, ist der Schwiegersohn des Barons Peter Herzog. Zn den ehemalig jüdischen Baronssamilien können auch die Barone S chey v. Koromla gezählt werden. Von den Familien, die jüdisch blieben, sind unter den Baronen zu nennen: , Die K o r nfelds. Die Magnatenhausmitgliedschaft und die Baronie hatte noch der Vater der jetzigen Barone, Siegmnnd Kornfeld, Generaldirektor der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank, der vor wenigen Jahren starb, erhalten. Von seinen drei Kindern ist Baron Paul Direktor der Bank, die sein Vater zu so hoher Blüte gebracht hat, Baron Moritz. Direktor der Maschinenabriken und Schiffswerften Ganz-Danubius. Ihre Schwester, Baronesse Mizzi, ist die Gattin des Direktors der Königlichen Fluß- und Seeschiffahrtsgesellschaft, des Ritters v. Domony. — Die Madarassy-Beck gehören ebenfalls zu dem finanziellen Adel Ungarns. Baron Max ist Präsident des Verwaltnngsrates der Ungarischen Eskompte- und Wechslerbank, sein Sohn Baron Marcel, Generaldirektor derselben Bank. Baron Julius, ein Sohn des verstorbenen Barons Ferdinand ist Generaldirektor der Ungarischen Hypothekenbank und Reichstagsabgeordneter. — Die Kohners sind Jndustriebarone. sehr reich und sehr wohltätig. Baron Adolf ist ein großer Mnsikfrennd, selbst ausübender Künstler, überdies einer, der eifrigsten Gemäldesammler und ein seiner Kenner. Seine Galerie ist berühmt. Baron Engen ist in der vornehmen Lebewelt bekannt, dabei aber der gewiegteste und arbeitsfrendigste Kanfmann und. Großindustrielle. Baron.Alfred ist gleich den eben Genannten Teilhaber der Firma, Baron Willy ist der leidenschaftlichste Trabersportsmann und Rennstallbesitzer. — Die Hatvanys. Ebenfalls Jndustriebarone, Spezialität: Zucker. Gehören zu den größten Produzenten und Raffineuren Europas. Steinreich. Baron Alexander ist Magnatenhausmitglied; von den Söhnen des Barons Josef ist Ludwig der bekannte Aesthetiker und Schriftsteller, Franz ein begabter Maler. Beider Onkel, Baron Karl, ist vor kurzem zum Christentum übertreten und aus der Firma (Jg. Deutsch & Söhne) geschieden. — Die Schosbergers. Zweite und dritte Generation. Die Baronie hatte noch der alte Sigmund Schosberger erhalten, einer der größten Kaufherren Ungarns. Von seinen zwei Söhnen ist Baron Ferdinand dem Vater vor geraumer Zeit im Tode gefolgt. Er hinterließ nur zwei Töchter, deren eine, Baroneß Klara, an den Sohn des Chefredakteurs Singer vom „Pester Lloyd". Direktor Karl Singer, verheiratet ist. Die Neffen Siegmunds, Ludwig und Rudolf, erhielten die Baronie nachträglich. — Die Guttm an n v. Gelse. Steinreiche Holzbarone. Die Töchter des alten Barons Wilhelm, Lily und Steffi, sind in der Budapester Gesellschaft sehr bekannt. Baroneß Steffi ist die Gattin ihres Vetters, des Barons Artur Guttmann, Baroneß Lily war eine verehelichte Baronin v. Madarassy-Beck. — Die Groedels. Gleich den Guttmanns Holzbarone, vielfache Millionäre. Die Barone Hermann, Bernhard und Albert sind die Chefs der Weltfirma Gebrüder Groedel. — Die Herzogs. Aeltere Baronie. Tabakmillionäre. Der alte Baron Peter ist häufig Jagdgast des Kaisers in Gödöllö. Trotz seiner 76 Jahre ein wetterfester Hochtourist, der die höchsten Spitzen der Tatra nimmt- Zugleich ein Musikfreund, der seit 53 Jahren noch kein Konzert der Philharmoniker versäumt hat. Sem Sohn, Baron Moritz Leopold, ist ein gewaltiger Sportsman vor dem Herrn. — Die Poppers sind Holzbarone. Baron E. Armin hat sich aber vom Geschäfte zurückgezogen und lebt als Privatmann in Budapest. — Die Kn ff n er s. Hier weiß man von dieser österreichischen Familie nur so viel, daß Baron Karl die ungarische Baronie in Anerkennung seiner Verdienste um die Hebung der Znckerindustrie Ungarns erhalten hat. •— Die Ohrensteins v. Beocsin. Zementbarone. Schwer , reich. Junge Baronie, älterer Adel. — Die Herczel s. Im Mannesstamme nur durch den Baron Emanuel und seinen Sohn Baron Paul vertreten. Leibarzt des Erzherzogs Josef und der meisten hocharistokratischen Familien, ist Professor Baron Herczel einer der größten und berühmtesten Chirurgen Europas, Primarius des Sankt-Rochus-Krankenhanses und Leiter und Eigentümer einer Privatheilaustalt. Er ist allemal ordentlich glücklich, wenn er das schier unglaubliche Problem gelöst hat, die Zeit zum Mittagessen zn gewinnen.