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Die Wahrheit · 1912-10-04 · Heft 38 (4.10.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 38 (4.10.1912)
Date
1912-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 38. Seite 4. Die he n den heidnischen Gewohnheiten und Auffassungen zu christianisieren". Gras Sternberg bekennt auch, daß „der Apparat der Kirche ebenfalls die Merkmale menschlicher Schwäche trage", und daß „zahllose Verirrungen und ungezählte Verbrechen oft im Namen Christi, aber nie im Geiste Christi vollsührt wurden." Einverstanden. Doch wie stellt sich Herr Gras Sternberg gegenwärtig der christlich-sozial-antisemitischen Partei, gegenüber, welche den Judenhaß als vereinbar mit der christlichen Lehre von der allgemeinen Menschenliebe erklärt, welche den armen arbeitswilligen Inden boykottiert und ihm nur gemeinsame Lasten, aber keine Rechte znbilligen will, welche sogar mittelalterlichen Volkswahu von rituellen Blutbeschuldigungen auszufachen sucht, und einem armen jüdischen Justizopfer beharrlich jeden Rechtsweg, der aus dem Kerker führet! könnte, verrammelt? Herr Graf Sternberg möge dem Freimut des Fragestellers vergeben, aber nach seiner Meinung gibt es gegenwärlig noch Millionen ungerecht bedrückter, unschuldiger Menschen, die keinesfalls bereit sind, folgende Behauptungen als wahr anznerkennen: „Dem Schwächsten und Aermsten wird derselbe Rechtsschutz wie dem Mächtigsten und Reichsten gesichert. Das Leben, die Gesundheit und die Freiheit jedes Einzelnen wird gewährleistet. Der Kamps gegen Hunger und Armut wird mit Erfolg geführt." Auch vergaß es Graf Sternberg zu erwähnen, daß auch die Juden allezeit neben den angelsächsischen Christen au der „Pflege des Herzens und der Entwicklung des Mitgefühls" tätigen Anteil genommen haben. So lange aber die auch den Christen sakrosankten Prophezeihungen Jesaias nicht , ausgeführt erscheinen, die da lauten: „Und sie werden nmschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Wurfspieße zu Winzermessern, es wird dann keine Nation mehr gegen die andere das Schwert erheben und sie werden die Kriegskunst nicht mehr lernen." Ferner: „Und es ruht der Wolf mit dem Schafe, der Parder lagert sich neben das Zicklein,. das Kalb, der junge Löwe und das Masttier sind beisammen und ein kleiner Knabe führt sie. Die Kuh und der Bär weiden zusammen, es lagern miteinander ihre Jungen und der Löwe frißt Stroh gleich dem Rinde. Es spielt der Säugling beim Loche der Natter und nach der Höhle der Otter streckt der Entwöhnte seine Hand aus. Sie verderben nicht und tun nichts Böses auf meinem ganzen heiligen Berge, denn erfüllt ist die Erde von der Erkenntnis des Ewigen, wie das Wasser das Meer bedeckt", solange kann wohl auch Graf Sternberg jene Juden nicht verdammen, die den Messias noch erwarten, zumal es auch Millionen christlicher Arier gibt, die dies mit den gläubigen Juden um die Weite mit sehnsuchtsvollem Herzen tun. Wohl muß aber jeder Wahrheitsliebende und Klarseheude erkennen. daß die wirtschaftlich Starken allezeit und innerhalb jeder Religionsform den Gedanken der Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen verrieten und wie Pest haßten. Sie sind es, welche in diesem Belange Judentum und Christentum fälschten und ihres edelsten Kernes beraubten. N. L. Aus der Woche. Während am Horizonte der äußeren Politik drohende Kriegswolken anfsteigen und an der südöstlichen Grenze unserer Monarchie die Balkanvölker zum Waffentanz mit der Türkei aufzuspielen beginnen, bietet der Ausblick auf die innere Politik auch wenig Erfreuliches. Schwarz ist dermalen Trumpf in Oesterreich und unter dem Schutze dieser in den höchsten Kreisen favorisierten Richtung hat die christlichsoziale Partei - in Wien manche Avancen zu verzeichnen. Vereint mit den deutschnationalen Wotananbetern ist es ihnen in den letzten Tagen gelungen, ein Gemeinderats- und mehrere Bezirksratsmandate wiederzueroberu und es ist fast als ein-Wunder zu bezeichnen, daß sie bei der Reichsrats-Ersatzwahl im HI. Wiener Bezirke, die am 1. Oktober stattfand, gegenüber den Sozialdemokraten unterlegen find. Die treue Waffenbrüderschaft der Christlichsozialen mit den Deutschradikaleu hat sich auch bei der Stichwahl in Neutitschein gezeigt, wo zum Schluffe auch die Deutschfortschrittlichen mittaten, um dem erklärten Judenfeind zum Siege zu verhelfen. Wahrheit. Da ihr eigener Vorteil nicht mehr in Betracht kam, hatte natürlicher Weise jede weitere Rücksichtnahme auf ihre politische Gesinnungs- und Kampfgenossen jüdischer Konfession aufgehört. So wird den Juden in Böhmen und Mähren der Dank für geleistete Dienste quittiert. * * * Beim nächsten Zusammentritt des ungarischen Parlaments wird auch der Budgetposten des Finanzministers: „Ergänzung der Seelsorgerbezüge und ihre Alterszulagen" in Beratung gezogen und aller Wahrscheinlichkeit nach auch bewilligt werden. Wird die präliminierte Summe im Sinne des Entwurfes erledigt und zur Verteilung gelangen, dann gehen die orthodoxen Rabbinen, die in erster Linie auf Ergänzung ihres Hungergehaltes angewiesen sind, ganz leer ans. Sie haben nicht den vom Staat geforderten Bildungsgrad, die durch das amtlich legalisierte Reifezeugnis bestätigte „Intelligenz" und bleiben darum völlig unberücksichtigt. Die heillosen Szenen im ungarischen Parlament haben die Möglichkeit einer Diskussion für die nächsten Wochen ausgeschlossen und so haben die betroffenen Rabbiner Zeit gewonnen, für ihre berechtigte Forderung den üblichen Instanzenweg zu beschreiten. Am 7. Oktober werden sie, wie der „Israelit" mitteilt, zu einer Konferenz znsammentreten, um darüber zu beraten und die entscheidenden Schritte einzuleiten. * # * Die „Deutsche medizinische Wochenschrift" bespricht an der Hand genauer, statistischer Daten den auffallenden Mangel an Militärärzten im deutschen Heere und gelangt hierbei zu folgenden Schlußbemerkuugen: . Es wird schwer sein, diesem Mangel an /Militärärzten vollständig abzuhelfen; allein, eine Besserung wäre zu erwarten, wenn den israelitischen Aerzten die Militärkarrierre wieder offen stünde. Seit Jahren sind Inden in Preußen zum aktiven Sanitätsoffizierskorps nicht zugelassen. Die Gründe für diese Zurücksetzung sind nicht verständlich. Die Kaiser-Wilhelm-Akademie hat vor dreißig Jahren noch Juden als militärärztliche Aspiranten ausgenommen und Generalarzt a. D. Dr. Körting berichtet in der „Deutschen medizinischen Wochenschrift", 1911, Nr. 15, daß er seinerzeit befreundete Beziehungen mit jüdischen aktiven Militärärzten unterhalten habe, von denen einer später als Generalarzt und Garnisonsarzt. den Abschied nahm. Derselbe Autor streift in dem erwähnten Artikel die Judeufrage und bemerkt, „daß die jüdischen Aerzte sich durchaus zu Militärärzten qualifizieren, freilich müßten sie ihre Stellung gegenüber dem Offizierskorps sich selber schaffen und das würde ihnen schwerer werden, als ihren christlichen Kollegen." Es ist hohe Zeit, daß die Vorurteile gegenüber den Juden schwinden. Die jüdischen Aerzte sind weit und breit im Zivilverhältnis angesehen, der weitaus größte Teil wird auch durch Charakter, Haltung, Auftreten—von der ärztlichen Durchbildung ganz abgesehen — im Sauitätsoffizierskorps bestehen können. Man mache doch endlich einmal den Versuch und verschließe nicht ängstlich, von längst überholten Vorurteilen erfüllt, den Juden die militärürztliche Laufbahn. Sollte es einmal zum Kriege kommen, was hoffentlich in absehbarer Zeit nicht eintreteu wird, dann .ist die oberste Militärbehörde gezwungen, die Reservesanitätsoffiziere heranzuziehen und Juden ebenso wie Christen mit maßgebenden Stellen zu betrauen. Die Stellung der Militärärzte ist heute eine hochgeachtete; sie leisten wissenschaftlich zum großen Teil Hervorragendes, die Besoldung ist vollkommen ausreichend. Wenn Körting bemerkt, daß es den jüdischen Aerzten schwer fallen würde, sich im Sanitätsoffizierskorps und den Offizieren gegenüber eine Stellung zu schaffen, so^ glaube ich, daß gerade die jüdischen Aerzte es als eine Ehrensache betrachten werden, mit ihren christlichen Kollegen ' in Wettstreit zu treten. * * ■ * Das Zentralkomite der Pariser Allianz hat in seiner Sitzung vom 4. September beschlossen, von der Annahme der Statuten einer neuen Organisation in Deutschland, die den Namen „Deutsches Komitee der A. I. U." führen sollte, Abstand zu nehmen. :

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