Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 38 (4.10.1912)
- Date
- 1912-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nnd Administration: Wien, 11/, Nvvaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/IV. Hnaöhänflige. Iertschnft für Mische Aerugspnet»: Äuiizjätnig.lv 1*.— Halbjährig.K 7.— Administrarion 4938 II. 8. k. österr. Vosisparkasia- Vcheck-Koiilo dir. 100.918. Interesten. Für NnltnSbeainte: tUiuijiiibviii.IC 10. — Inserate: _ Die viermal gesvaltene Nonpareille-Zeile 25 Helle:. Erscheint jeden Ilreitag. Für Ausland: Abonnementsnnd JnsertionS- (Mtiii)iätn-iu.& Wurf betrage stnd in Wien zahlbar und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 ülnbel oder IO K«». Milieu, 4 Oktober N»12 Inhalt: Der unvollendete Glaube. — Aus der Woche. — „Vornehmer" Antisemitismus. — Jüdischer Adel in Ungarn. — Die Ausgrabungen der deutschen archäologischen Gesellschaft aus assyrisch-palästinensischem Boden. — Verschiedene Nachrichten. — Publikationen des österr.-ung. Kantoren-Vereines. — Feuilleton: „Sabbarhlichter". Abonnements-Einladung. Aie geehrten Kerren Aöonnenlen werden uw umgehende Erneuerung des Köonnements für das amt. Kktoöer 1912 öegonnene 4. HuartaL ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Mnterörechung erleide. Der nuvollendete Glaube. Graf Sternberg, den die Wiener Christlichsozialen vor nicht langer Zeit noch als einen der ihrigen reklamierten und bejubelten, qualifiziert sich immer entschiedener als eine Art österreichischer Tolstoi. Besonders klar ist dies in einem am 12. September l. I. aus seiner Feder stammenden Feuilleton zu erkennen, das im „Neuen Wiener Tagblan" erschien. Er konstatiert darin, daß die Griechen mid Römer trotz ihrer hohen klassischen Bildung eine barbarische Auffassung von der Menschenwürde besaßen, zu der die Inden im strikten Gegensätze standen. Und nach einer Parallele zwischen Jupiter und Jehowa kommt Graf Sternberg zn folgendem Schlüsse: „Es ist also kein Zweifel, daß die mosaische Lehre die reinste und edelste Lehre des Altertums war." Nach Graf Sternberg besaß jedoch das anserwählte Volk einen „unvollendeten Glauben", weil der Messias erst kommen sollte. Nun ist -es nirgends nachgewiesen worden, daß die sogenannten ersten Christen wesentlich etwas anderes als — Juden gewesen seien. Ja, geschichtlich ist es erwiesen, daß diese in den ersten Jahrhunderten noch die jüdisch-mosaischen Gebote, sogar die Beschneidung, beibehielten, sie feierten noch den Sabbath, alle jüdischen Feiertage und beteten in der geheiligten hebräischen Sprache. — Der von der griechischen und römischen Eigenart verschiedene religiöse Kult der Inden war es auch nicht, welcher die blutige Gegnerschaft und. den tötlichen Haß der klassischen Völker hervorries, waren doch die Völker des Altertums in Sachen des Glaubens und der Art der Gottesverehrung ungleich toleranter als die ans ihre Lehre eifersüchtigen Inden. Es siel ihnen in der Regel gar nicht ein, die Gottheiten der unterjochten Völker zn entthronen, ja sie gestatten ihnen oft Eingang in ihren eigenen Kultus. Ausschließlich die Lehre von der Abstammung aller Menschen von einem Elternpaare —, die Lehre von der Gleichwertigkeit aller Menschen, die Lehre von der Brüderlichkeit aller und ihrer'Gleichheit vor dem Göttesgesetze, die Lehre von der Liebespflicht gegen alle Menschen und ganz besonders gegen die Armen und vom harten Schicksale Verfolgten war es, welche die Augst und folgerichtig auch die ungezügelte Wut der Mächtigen und Regierenden heraussorderte, weil dieses allumfassende Liebesgebot die Gewaltherrschaft der griechischen und später römischen militärischen Staatsversassttng zn vernichten drohte und die Majorität der Bevölkerung zu revolutionieren geeignet schien. Diese Lehren waren es auch, welche den Haß der Römer gegen das Judentnm, später auch gegen das Christentum lenkten, als sich dasselbe in den äußeren Kultussormeu bereits sehr den heidnischen genähert und angepaßt hatte. Hatten doch die Christen die Lehre von der Menschenliebe als eine spezifischchristliche erklärt und dieselbe der jüdischen Lehre abgesprochen, obgleich sie dieselbe dem jüdischen Schrifttum entlehnt hatten. So lange das Christentum nicht von den Regierenden anerkannt wurde, waren es anch hauptsächlich die Sklaven und Unterdrückten, welche die neue Lehre annahmen, welcher Vorgang dadurch erleichtert und beschleunigt wurde, weil die ersten Bischöfe und religiösen Führer der Christen das Tor weit öffneten und durch Beseitigung aller strengen Religionssormen der jüdischen Mutterreligion den Masseneintritt wesentlich erleichterten. Dieses schnelle Wachstum des jungen Christentums hatte aber unstreitig — sozialen Charakter. Dies gibt anch Gras Sternberg zn, denn er schreibtr^Der Weg, den das Christentum nahm, führte über die leidende Menschheit." „Die Beati possidentes, die Kapitalisten, die Sklavenbesitzer und die Leiter der brutalen Staatsgewalt stellten sich desto mehr in Gegensatz zu der Lehre der Liebe und Barmherzigkeit, je größer die Werbekrast des Christentums wurde." Eine wissenschaftliche Unaufrichtigkeit begeht aber Graf Sternberg, wenn er die schandbaren Gewalttaten der heidnischen Römer, z. B. die Krenzigllng von 20.000 Sklaven in Sizilien an einem Tage, aufzeigt, aber über die Gewalttaten der Ansbreiter des Christentums, beispielsweise über die schreckliche Ausrottung der heidnischen Sachsen durch Karl den Großen — schweigt. Wer aber derartigen blutigen Gewalttätigkeiten gegenüber seine Angen nicht verschließt, der kann nicht restlos „bewundernd auf die geleistete Arbeit der christlichen Lehre emporblicken." Graf Sternberg gibt aber zn, daß „selbst im christlichen Glauben viel heidnisches Beiwerk zurückblieb, weil eben die Menschheit den unendlichen Abstand zwischen Gott und der Welt ohne M i t t e l w e s e n nicht Überdrücken konnte. Und so blieb den Kirchenvätern nichts anderes übrig, als die beste-