Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 37 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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: , Luhatschowitz. Ihrem Ende zu geht die Saison. . Ihren frühzeitigen Abschluß bewirkten die anhaltenden Regengüsse und die herannaheuden jüdischen Feste, welche, einen großen Teil des Kurpnbliküuis zur vorzeitigen Abreise bestimmten. Ein Rückblick auf dieses bietet manche lehrreiche Momente. Interessant war der Anblick der freundschaftlich, kollegial miteinander verkehrenden Rabbiner aus Ungarn, Böhmen und Mähren, welche den verschiedenen religiösen Richtungen angehören. Alle beteten, gemeinschaftlich, einer wurde nach dem anderen znr Thora gerufen; keiner machte Prioritätsrechte geltend. Diese hier herrschenden idyllischen Zustände ergötzten besonders die Laien aus Ungarn,- denen ein ^anz anderes Bild ans ihrer Heimat vörschwebte. wo der orthodoxe Rabbiner dem neologen aus dem Wege geht. Sprach man mn dem Hochgeachteten Oberrabbiner Koppel Reich, Budapest, über dieses Thema, über die anznstrebendeEinheit und Bereinigung Israels, gegen welche die Orthodoxen sich ablehnend verhalten, da brach er die ^Debatte mit dem Einwande ab, daß in Ungarn ganz andere Verhältnisse bestehen, über welche der Auswärtige nicht urteilen kann. Jedes Wort dieses Nestors der ungarischen Rabbiner war wohl bedacht. — Weniger zurückhaltend äußerte sich der Rabbiner aus Szerdahely, der in der talmudischen Disputation in dem Juwelier G u t f e l d aus Antwerpen einen ebenbürtigen Partner fand. Ferner weilten hier zum Kurgebrauche Rabbiner P s e r h o f e r, Sereth; N o s e n f e l d, Freistadt; Fischer, Karlsbnrg, N e u m a n n, Chambokret; Seidl, Galanta; Frei, Snrany; K o h n, Csorna; Schlesinger, Raoika; Schreiber, Ossad; Dr. Siam a n t, Trencssn; Dr. S ch ö n w a l d, Tapolza; Dr- H i l l e l, Leipnik; Dr. Hoff, Biseiiz; Dr. Krakauer, Komotan; Reich, Verbo; Dr. R o s e nb e r g, Nenstadtl; R e i ch, Ban; der Wunderrabbi I u n g r e i s. Die Stammgäste Schick, Karcza. und Stein, Tirnau, gegen deren Schriften von den Zeloten der Bannfluch ausgesprochen wurde, blieben fort, um Konflikten auszuweichen. Die Kantoren waren vertreten durch Oberkantor H e l e r, Brünn, und S t ö s l e r. Ransnitz. Beim Festgottesdienst am 18. August fungierte Herr Lanterbach ans Przemysl. Diese Feier fand in einer Restauration statt, da es leider hier noch an einem Bethause fehlt. Ein vom Badearzre Dr. Frankl veranstalteter Vortragsabend ergab einen bedeutenden Beitrag zum Tempelfond. Mitwirkten Dir. Arnold Kohn ans Budapest und Prof. Dr. Frankl, Reichenberg. St. jur. I n n g begrüßte die Versammlung mit einer hebräischen, von Dr. Frankl- Grün verfaßten Ansprache. Hoffentlich wird dieser Bau, der ein dringendes Bedürfnis für alle Kurgäste ist, im nächsten Jahre anfgeführt werden. Jüdische Bühne. Direktion M. Siegler. „Hotel Stefanie", II., Taborüraße 12. Ab Samstag, den 21. September. Neu. „Der wahre Jude". Operette in 4 Bildern von I. Latainer. Musik von .I. Spiwak. — Sonntag, den 22. September 1912, nachmittag, halb 4 Uhr. Ermäßigte Preise. „Die Nachtwandlerin". Komödie in vier Bildern von I. Latainer. — Studenten zahlen an Wochentagen ermäßigte 'Preise. — In Vorbereitung : „S chwue bei d e r T h o i r e". Sadbutlstichter. (Eine Geschichte in Briefe n.) Von Jda Bock 1. Liebe Freundin! Es ist ja wirklich sehr hübsch hier, aber ich kann mich doch nicht zurechtfinden. Tante bemüht -sich ja, mir den Aufenthalt möglichst angenehm zu gestalten und alle übrigen überbieten sich in Aufmerksamkelten gegen mich. In den fünf Tagen, die ich hier bin, habe ich unglaublich viel gesehen und gehört. Zweimal war ich im Theater, einmal bei einem Konzert, im Museum u. s. w. Die Stunden stiegen nur so und ich habe nicht Zeit,' viel au daheim zu denken. Behalte mich lieb. Deine Marga. 2. Liebe Hedi! Ist das Heimweh? Ich fühle mich hier wahrhaftig noch wohler als zu Hanse, sehe auch vorzüglich aus. Und doch fehlt mir etwas. Dir will ichs verraten. Aber, bitte, lächle nicht und erzähle es auch keinem. Vor allem meinen Geschwistern, den Kindern meiner Mama nicht, dienlich ein albernes, veraltetes Gänschen nennen würden: Freitag abend habe ich geweint. Marga.. 3. Liebe Freundin! Ich soll bei einer Theateraufführung Mitwirken, habe eine große Rolle erhalten. Das wird herrlich! -Gestern sagte ein Fräulein zu mir: — „Niemand würde glauben, daß Sie auf dem Land erzogen sind." Ich bin ganz stolz daraus. In Eile! Marga. 4. Liebe Hedi! Unbegreiflich! Seit Vaters Wiederverheiratnng habe ich mich darriach gesehnt, für längere Zeit verreisen zu können. Mein Lieblingswunsch wurde jetzt erfüllt und nun ist mir doch so schwer ums Herz. Nach Hause möchte ich ja nicht. Erst seit wenigen Stunden beherrscht mich dieses beengende Gefühl. „Fehlen Ihnen denn die Sabbathlichter gar nicht?" Die hübsche Brünette mit den klugen ernsten Augen sah mich forschend an. Ich wollte verneinen, brachte aber kein Wort hervor und saß beklommenen Herzens da. Ich glaube, meine Augen wurden feucht. Sie lachten, und Tante sagte' erstaunt: „Das hätte ich nie gedacht. Bei Euch zn Hanse ist man doch darüber hinaus. Hält man ,denn überhaupt noch was?'' „Nein," sagte ich rasch, „Sabbathlichter aber haben wir doch." Und es war, als wenn ich dies Wdrt mit besonderer Liebe umfänge, als schlösse es all die Erinnerung ein, die meine fromme Mutter in mir zurückließ. Ob ich Dirs schon sagte? Seit mehr als drei Jahren bereite ich allwöchentlich Leuchter und Kerzen vor. Als die gute alte Resi, die mit Mutter ins Haus gekommen war, erkrankte, forderte sie mich dazu auf, und als Mama zu uns kam und immer wieder ans Zünden vergaß, übertrug mir Vater dieses Amt. Die Leuchter sind ein Erbstück und sind mein eigen. Mutter hat sie von ihrer Urgroßmutter bekommen und hielt sie hoch in Ehren. Nun stehen sie daheim und wundern sich, daß ich sie nicht herabhole und denken vielleicht vergangener Tage, in denen Ururgroßmutter in ihrem Goldhäubchen vor ihnen stand und den Segeusspruch sagte. Resi erzählte mir oft von ihr, wenn sie das alte Silberzeug putzte oder wenn wir an laugen Freitagabenden allein in der Stube saßen, die vom Kerzenlicht freundlich erhellt wurde. Meine Phantasie verwob Ururgroßmutter mit Goldhaube und Silberleuchter so miteinander, daß ich mir sie auch jetzt nicht anders vorstellen kann. Es dunkelt bereits nnmerklich. Die Straßenlaternen brennen schon. Der Laden gegenüber wird geschlossen. Ich lese den Namen auf seiner Tafel: Nathan Weiß. Wo Vater jetzt weilen mag. Seine Geschäftsreise führt ihn weit über Stokholm. Marga. Liebe Freundin! Es ist alles wie umgewandelt. Ich werde ununterbrochen geneckt, lache dazu und wünsche doch, daß sie damit aufhörten. Je mehr sie alles Jüdische ins Lächerliche ziehen, je eindringlicher sie mir zn beweisen suchen, wie albern es sei, an dem Gerümpel festzuhalten, desto ängstlicher, liebevoller klammert sich mein Herz an jede Erinnerung, die mir ans meiner Kindheit herüberdämmert. Ich schlafe jetzt schlecht und wenn ich wach daliege, ziehen bekannte Bilder an mir vorüber, lassen hundert andere emporleuchten, die sich aus längst entschwundenen Tagen irgendwo in mir erhalten haben. Die einzelnen Feste in ihrem Glanz, ich sehe sie wieder, werde von ihrer Stimmung erfaßt, empfinde voll ihre Weihe. Und vor jedem dieser Feste sehe ich meine fromme, kleine Mutter in ihrem Sabbathkleide am weißgedeckten Tische stehen und Lichter zünden und ich winziges Ding stehe auf einem Stuhle neben ihr und freue mich der strahlenden Kerzen. Marga. (Fortsetzung folgt.) Austritte uns dem Judentum. H u m p l i k Anrou, geb. 3. Juli 1884 iu Wien, XIX., Sickenberggasse 13, Deutsch Irma, geb. 22. November 1882 in Ungarn, Wien, XV.. Dingelstüdtgaffe 4. __ Rosenberg Theresia, Bankbeamtin, geb. 13. Juli 1881 in Wien, IX., Währingerstraße 82. F ü r st Walter, Student, geb. 1. Mai 1895 in Wien, H., Taborstr. 8. Urich Moritz, Student, geb. 25. Mai 1891 in der Bukowina, IX., D'Orsaygasse 7. Groß mann Kusimier, Kaufmann, geb. 15. April 1882 in Rußland, IX., Alserstraße 20. L e d e r e r Aloisia, geb. 11. Jänner 1886 in Petschau. B a n i st e a n Dr. Herrmann Henri. Schriftsteller, geb. 6. August 1857 in Rumänien. Wien, VII., Kirchengaffe 44. Fried Edgar. Studenr, geb. 22. Mai 1894 in Wien, VH.. Kaiserstr. 34. B a n i st e a n Henriette geb. Lieberls, Privat, geb. 1. September 1871 in Rumänien, VII., Kirchengaffe 44. Streußler-Siräußler Eugen, Kaufmann, geb. 31. Jänner 1887 in Wien, VII, Lindengape 4. Kalmus Otto, Fabrikant, geb. 29. Oktober 1876 in Deutschland, Wien, I.. Babenbergerstraße 1. Singer Emilie, Selchfleischverschleißerin, geb. 28. Mai 1883 in Wien, VI., Stumpergaffe 48. Robitschek Isidor, Fächermachergehilfe, geb. 1. März 1371 in Wien, XVI., Hasnerstraße 56. Der Sukkoth-Feiertage halber erscheint die nächste Nummer am 4. Oktober.