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Die Wahrheit · 1912-09-20 · Heft 37 (20.9.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 37 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr, 37,Die Wahrheit 5 breite 9. Das „Nsiloh^-Gebet wurde immer von unserem alten «Gemeinderäbbiner vorgetragen, kud als der alte greise Räbi baS; Kadiscli=(5&e6et zu Neiloh begann, erwartete man etwas ^Fürchterliches. Unser Rabbi hatte itämlich die Gewohnheit, wenn' man "zur ^JOlo^:?8aoh loriu Schaar, bees Neilas Schaar, ki fono hajaum (Oeffne uns die Himmelspforte, bevor sie sich schließet, dieweil sich neigt der Dag) gelangte, den greisen Köpf ganz im Talis eingewickelt, auf den „Urnid^ zn legen und so mrinNtenlang zu weinen wie ein kleines Kind. Die ganze Gemeinde weinte natürlich mit. Dieser Moment wird mir unver- .geßlich bleiben. Selbst Michad, der ^0re1", der alljährlich bestellt wurde, die schmelzenden Kerzen anfznrichten und die während des Tages von Zuglüften ansgelöschten zn Neiloh wieder an- Lnzüllden, pflegte auch mitzuweinen mit der armen Jndengemeinde. ,,^acrha8aum leohajim ban^irn hol bne brisecho!!“ pflegte der greise Rabi schon mit dem letzten Kraftaufwand ansznschreien und die ganze Gemeinde war einer ohakimo fcauwo sicher. Noch ein einzigesmal ertönte das ^Lol ha8ohotor^ und wenn die Sterne schon am dunkeln Himmel funkelten, da stand hie ganze Gemeinde, mit den Ueberresteu der Ne8ohnmo-Lichter in den Händen und begrüßte den Neumond auf dem großen, -freien Platze vor der alten Synagoge. W i eit, erew Jom hakudausch 5673. Die Inden nnd das deutsche Wirtschaftsleben der Gegenwart. -Von Rechtsanwalt Dr. jur.. phil., oec. publ. Rudolf Wassermann (Nürnberg-Berlin). *) Wohin haben sich aber nunmehr die Inden gewendet? Haben sie sich etwa dem Warennnd Produktenhandel mehr als bisher zngewendet. der ja auch früher schon zn ihren Domänen gehörte? Diese Frage muß verneint werden. 1.09.000 Inden, die 1895 im Waren- und Produktenhandel tätig waren, stehen 1907 118.000 gegenüber. Eine Zunahme von 9%, der eine Zunahme der Gesamtbevölkerung von 46% gegennbersteht. So kommt es, daß im Warennnd Produktenhandel 1907 nur noch '8'l°/0 Juden erwerbstätig waren gegen 10*9% im Jahre 1895. Ebenso sieht es im Handlungs-, Bermittlungsnnd Agenturengewerbe usw. aus. Hier betrug der Anteil der Inden 1895 noch 18*8%, heute beträgt er nur noch 15*2%. Auch hier ist also ihr Einfluß im Sinken begriffen. Das ist alles ganz erklärlich, wenn man die moderne Wirtschaftsentwicklnng begreift. Die .Juden waren vorzugsweise im kleinen und mittleren Detailhandel sehr stark beteiligt, dessen Daseinsbedingnngen in der neuesten Zeit von den verschiedensten Seiten untergraben werden. Die Worte „Konsumvereine" und „Genossenschaften" mögen die eine Gefahr kennzeichnen, die dem Detailhandel droht. Versandgeschäfte und Warenhäuser sind die andere Gefahr. Dazu kommt, daß die Großhändler mit Jndnstriennd Großproduzenten Massenliefernngsverträge abschließen, und die ausgekanften Waren mit Ansschaltnng der selbständigen aber preisvertenernden Warenhäuser ans Publikum unwittelbar abznsetzen versuchen. Kapitalismus ist eben ein Chronos, der seine eigenen Kinder verzehrt! Da ist für einen jüdischen Detailhandel kein Platz mehr. Es sank denn auch die Zahl der selbständigen Inden im Warennnd Produktenhandel von 1895 bis 1907 von 62.000 ans 01.000, was zwar sehr wenig, was aber doch von Bedeutung ist, da unter normalen Umständen naturgemäß eine starke Vermehrung hätte eintreten müssen. Ebenso wenig kann davon eine Rede sein, daß sich die Juden in besonders starkem Maße den freien Berufen zugewandt hätten. 1895 waren 14.641 Inden im öffentlichen Dienst und freien Berufen tätig, 1907 sind es 18^848. 1895 waren es 6*14% aller beruflich tätigen Inden, 1908 6*54%. Ihr Anteil ist also ziemlich konstant geblieben. Und nun soll von der neuen und eigenartigen Erscheinung, . die uns das letzte Jahrzehnt gebracht hat, die Rede sein. Das deutsche Judentum ist in die Industrie eingeströmt. Ein paar Zahlen: 1895 waren 45.995 erwerbstätige Juden in der *) Aus den „Preußischen Jahrbüchern". Industrie tätig, 1907 62.995. 1895 19*3% allererwerbs tätigen Juden, 1907 21*87%. Und. fassen wir den Anteil der Juden am Unternehmertum ins Auge, so ergeben sich folgende Zahlen : IN der Wäschekonfektlon sind 18*580/o aller Unternehmer Juden, in der Branntweinbrennerei I2%t nt der Sprengstoffindustrie 10%, in der Papierindustrie, in der Glasindustrie, in der Industrie der chemischen Präparate zwischen 9 und 10%, in der Industrie der Farbe, des Tabaks, der Erzgewinnung, des Glashütteuwesens und der Spinnerei zwischen 5 und 9%, in der Lichtsabrikanon, in der Weberei, in Apothekenbetriebeu, in Buchdruckereibelriebeu ltnd in Hüttenbetriebeu 4 bis 5%, in der Spitzenfabrikation, in der Steiukohlengewinnuug, in Eisengießereien, elektrotechnischen und Photographenbetrieben, in der Strumpffabrikation, in der Maschinen-, in der Steinzeug-, Röhrennnd Antomobilfabrikanon zwischen 2 nnd 4%. Was sind nltn die Ursachen dieser Erscheinungen? Da ist zunächst negativ zn sagen*. Die Znrückdrängnng der Juden im Geldnnd Kreditwesen hat notwendig dazil führen müssen, daß die Inden sich anderen Bernfszweigen znwendeten. Aber dazu kommt noch ein anderes. In der Jnditstrie dominiert heute die bureaukratische Verwaltung noch nicht so stark wie im Bankwesen. In vielen Zweigen gibt es noch Neuland. Der Konunerzialis» mus steht noch in voller Blüte. Wenn Segall ausführk, die Tatsache, daß sich die Juden in stärkerem Maße der Jnditstrie zuwenden, steht im Hellen Widerspruch mit der von judenfeindlicher Seite allerorts ttnd allerseits ansgestellten Behauptung, die Juden seien ein Schackervolk und besäßen einen „ausgeprägten Handelsgeist", so ist das natürlich nur bedingt richtig! Allerdings ist damit die Behauptung entkräftet, daß die Jllden nur da etwas zu leisten vermöchten, wo es zn schachern gäbe, und daß sie nicht imstande wären, selbst Werte zu schaffen. Allein ihr Eindringen in die Industrie erfolgt nicht, weil ihnen ihr „Handelsgeist" abhanden gekommen ist, sondern — weil sie ihn noch besitzen. Hier ist die Stelle, wo heute der „Handelsgeist" vom Bnreaukratismns noch nicht überwältigt ist, wo er sich, wenn überhaupt, noch zn entfalten vermag. 4. Wie verhält es sich nun mit der sozialen Schichtung innerhalb der einzelnen Berufe? Hierzu ist einiges schon gesagt. Znsammenfasseud läßt sich noch folgendes bemerket!:. Die Zahl der Selbständigen hat abgenommen. Die Lohnarbeiterschicht ist mächtig gewachsen. Als Mittelglied zwischen beide hat sich ein Stand von Privatbeamteu eingeschoben, und eildlich haben die Frauen als Wirtschaftssnbjekt immer mehr an Bedeutung gewonnen. Hierin unterscheiden sich die Inden in nichts von der sie umgebenden Bevölkerung. Im einzelnen sind natürlich Unterschiede vorhanden. Allem auch heute schon sind z. B. 210/0 aller jüdischen Erwerbstätigen in eder Industrie Angestellte und schon 36% Arbeiter. Bei der übrig n Bevölkerung sind allerdings 76% Arbeiter. Man sieht, daß heilte der jüdische Arbeiter keine sporadisch anftretende Erscheinung mehr ist.' Wenn aber auch im einzelnen zwischen der sozialen Gliederung der ' Juden und jener der Gesamtbevölkerung noch ein Unterschied . besteht, so beginnt doch allmählich, wie bei der Berufsgliederung — nicht nur Deutschland entivickelt sich zum „Industriestaat", auch die deutschen Juden entwickeln sich immer mehr zu Industriellen! — so anch bei der sozialen Schichtung eine Annähernng an die Gesamtbevölkerung. Hier wie dort sinkt in allen Bernfsgrnppen der Anteil der Selbständigen, steigt die Schicht der Angestellten, sowie der mithelfenden Familienangehörigen und Lohnarbeiter bei gleichzeitiger kräftiger Anteilnahme des weiblichen Geschlechtes am Wirtschaftskampf. Die Jndnstrie nivelliert! Sie verwischt den Unterschied, der zwischen der jüdischen Bevölkerung und ihrer Umgebung bestanden hat. Das kann anch gar nicht anders sein. „Die spezifisch kapitalistischen Züge des Wirtschaftslebens, die dem jüdischen Charakter adäquat sind" — das ist ein Ausdruck von Sombart — breiten sich eben immer mehr aus, und so muß allmählich eine gewisse Annäherung stattfinden. So rundet sich uns denn allmählich das Bild. Regierungsrat Knöpfet, der verdienstvolle Bearbeiter der hessischen Landesstatistik, hat kürzlich das Wort Rnppins an den Schluß seiner Ausführungen gestellt, daß die Juden gewissermaßen das Baro-

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