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Die Wahrheit · 1912-09-20 · Heft 37 (20.9.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 37 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8.. .. Die Wahtheit. Nr. 37. „Erhebet Eure Hände zu dem Heiligentume empor", als das Ziel ihrer' langen Wanderung. Die von mir auf,Grund des Kapitel 130 ausgesprochene Ansicht, daß do.rt der Beisatz : , das Heiligtum, im Texte nicht vorkommt und nur snpponiert sei, ist irrig. ~ ’‘'vV;V-’’ Es zeigt aber von einer homiletischen Meisterschaft das Wort : „ZumHeiligtum" in den Ausdruck »zum Allerheiligsten" zu umwandeln,, uni so den Satz für den Eucharistischen Gedanken verwerten zu können. Schließlich sei noch erwähnt, ,däß Professor Wolfsgrüber, den ich im Leben nie gekannt, nie gesehen, mir auf meine Zuschrift, die ich als Unbekannter ohne Scheu an ihn gerichtet, für die ich fast den Vorwurf der Ueberhebung fürchtete, nebst der sachlichen Aufklärung in echt bescheidener Weise als Gelehrter noch folgende anerkennende Worte schrieb: „Aufrichtigen Dank für Ihre wertvollen Sendungen. Sie interessieren mich sehr. Denn ich habe die ganze Reihe der letzten Sonntage zum Thema gehabt: „Encharistische Psalmen." Dr. E—li. „In der alten Synagoge". Von Josef Grob, Wien. Es ist schon ziemlich lauge her, da hatte ich noch in der alten Synagoge gebetet. Die alle Schul in unserem Städtchen haue keine Türme, keine Kuppeln, auch keine kreuzartigen Verzierungen an den Fenstern, wie sie in den neuen, großstädtischen, jüdischen Tempeln zu sehen sind. Kein einziger Ziegelstein wurde zu diesem Syuagogenbau, der schon über 100 Jahre steht, verwendet, da die ganze alte Schul aus Holz gezimmert war. Das Schindeldach wurde im Laufe der Zeit an manchen Stellen grün, und der Sommerregen, der Gärten und Wiesen unseres Städtchens befruchtet, unseren Ringplatz und die Nebengäßchen in Sümpfe verwandelt, brachte auch verschiedene Gewächse auf dem Dache unserer alten Synagoge zum Sprießen, so daß manche faulen Ziegenböcke, denen es vielleicht zu umständlich war, die Wiesen außerhalb des Städtchens aufzusuchen, an dem Nahrungsfutter des alten Schuldaches ihr Genügen fanden. Das Alter der Zeit drückte das Dach immer tiefer und tiefer zu Boden, so daß es die Ziegen nicht viel Anstrengung kostete, ein kleiner Sprung und ein „klinjan“ Ziegen spazierte in Gottes freier Natur auf das Dach unser alten Schul. Das Innere nuferer alten Synagoge ist sehr leicht zn beschreiben. Außer einigen Hängeleuchtern aus Kupfer, am Plafond mit Stricken befestigt, bestand die innere Einrichtung hauptsächlich aus vielen Holzständern, von denen sehr viele fast immer feucht waren, teils infolge des Regens, der an mehreren Stellen durch das Dach in das Schuliunere einen Weg gefunden, teils von den jüdischen Tränen, die bei uns in der alten Schul fast bei jedem Gottesdienste reichlich fließen. Ein großer, alter Ständerneben dem „Uron Kaudescb“, das war der „Umid“. Derselbe war fast ganz mit „Cbelew“ betropft, ein Zeichen, daß selbst die „PLIo-Kerzen“ in der alten Synagoge zu weinen pflegten. Wir hatten in unserer Schul keinen Kantor und keinen Chor. Bei uns hatte man keinen Begriff von solchen Sachen. Daß auch keine Orgel den Gottesdienst störte, braucht wohl nicht erwähnt zu werden. Unsere Juden meinten, eine Orgel beim Gottesdienste ist „Cbukas' bagoi“ und ich glaube, daß sie noch heute derselben Meinung sind. Unser „Baal Tfilo“ war „Beb Toifke Gremore-Melamed “, ein großer, magerer Jnd, trocken, wie ein „Lxilow“, mit einem, trotz seines Mannesalters ganz winzig kleinen Spitzbärtchen, gerade wie der „Putim“ beim „Essrog“. Das ganze Jahr, üb Sommer oder Winter, hatte er um den' Hals einen roten Shawl und niemals sah mau Reb Toifke ohne diesen Shawl.. Dafür hatte er aber eine Stimme, oder wie „Unsere" zu sagen pflegten, ein „Kol“ K'sebaagas^-Arie, wie das Brüllen eines Löwen. jjSehawäs anijim ato tiscbma, zaakas hadol tak- ■scbiw wsoscbia“ pflegte Toifke so mächtig anfznschreien, daß wenn dieser gewaltige Ton im Himmel nicht erhört wurde, es schwer zu hoffen ist, daß es jemals in unserem Städtchen einen wohlhabenden Juden geben,. wird.Z<Ielbstverständlich waren eK die hohen Feiertage, wo. Reb Toifke, feine Stimmmittel erst recht, zur Geltung brachst. t Z Pei üiis in,der alten Synagoge brauchte man keine Entreekarten für „Bo8ob-ba8obono^, „Jom Kippur^, auch waren keine Polizeileute dazu' berufen,, den Armen--den...Weg zu Gott. abzNsperren. .Unsere 'alteZSchul war nicht theaterartig eilige-- richtet, mit Sitzplätzen erster niid zweiter Klasse, wie .es heute in der' Großstadt üblich ist. Jeder hatte seinen „Stuhl", wie er sie Von Urureltern geerbt hat und frei war der Weg zu unserem Gott für Groß und Klein. Erew Jom bakudauscb, iueint die rote Sonnenkngel. von hinter dem Turme der polnischen Kirche ihre letzten Strahlen unserem Städtchen spendete, sah man von allen Ecken und Endem weiße, gespensterartige Gestalten in der Richtung zur alten- Synagoge sich bewegen. Der Fußboden unserer Schul war mitfrischem Stroh bedeckt, an der Türe stand der „8obarne8“ mit. einem Riemen bewaffnet und jeder der Ankommenden legte sich, ohne den.geringsten Widerstand zu leisten, hin, um vom Schamos die üblichen 30 „Malkaus“ zu empfangen. So pflegten sich unsere Juden zum „Jom. badin“ vorznbei eiten. Die vielen „Ke8obnrno“-Lichter, die jeder mit sich mit-- zubringen pflegte, ersparten unserer armen Gemeinde die Unkosten der elektrischen Beleuchtung, von welcher man bei unsim Städtchen vielleicht noch heute keine Ahnung hat. Im übrigen waren mir die Kerzen viel . sympathischer, als die moderneir Beleuchtnngsapparate, besonders waren es die Wachskerzen. Bei den meisten derselben kippte der Docht um, die Wachsmasse floß, in Strömen auf den Kerzentisch. Wir Buben pflegten nachher die Wachsmasse zusammenzuklanbeu, um daraus verschiedene Figuren zu formen, einen Hund, eine Katze, eine Ziege und was konnte man nicht sonst ans dieser Masse kneten. Meinem Chederkollegen gelang es sogar, unseren Rebbe Toifke Melamed aus Wachs zu formen. Es ist somit kein Wunder, wenn nach unseren damaligen Kinderstegriffen die „Ke8obnmo“-Lichter ans Wachs eine viel wichtigere Erfindung waren, als die großen, bogenartigen, elektrischen Lampen, von denen die Kinder reim gar nichts haben können. Nun kehren wir zurück zur alten Schul. Die Schul war voll, jedes Winkerl war. besetzt, sogar vom Kindern. Bei uns Pflegte man zu „Kol nidre“ auch Kinder in Schul mitzunehmen und nicht mit dem Fräulein spazieren zm schicken. Vom Gesichte eines jeden blickte unermeßliche Andacht.. Es schien, als ob die göttliche „Scbcbino“ in unserer altem Synagoge richte. Reb Toifke begann das „Kol nidre“, zuerst leise, dann mächtiger, nachher noch stärker, mit solch einem jämmerlichen „Nigim“, daß es mich fror. Beim ^Jaale“-Gebet war fast kein einziger melodischer Ton zu hören; nur ein Schluchzen vernahm mau. Von allen Seiten her vereinigte sich das Jammern zu einer tieferschütternden „Jelolo“,- wie man sie nur in einem kleinen Judenstädtchen des Ostens hören kann. Ganz „Kubol“ weinte. Ich stand an der Seite meines Vaters und reichlich rannen dessen Tränen auf meine kleine Hand, mit der ich des Vaters „Macbsor“ am Ständer festzuhalten Pflegte. Die Aelteren der Gemeinde blieben nach Kol nidre in Schul, sagten die ganze Nacht „Tbilim“ und andere Gebete. Als ich um 6 Uhr morgens mit meiner Mutter nach dem Wege znr Schul war, hörten wir schon von der Ferne Reb- Toifkes Kol. Bei uns-in der alten Synagoge sah man keine glänzenden Zylinderhüte, keine schwarzen Fräcke, keine Brillaninadeln und' keine Straußfedern. Bei uns kaufte- Man keine Blumensträuße am Versöhnnngstage, auch vertrieb man sich nicht dieZeit mit „Zeitunglesen". Bei uns machte man keine Pansen am Jom- Kippur; man benötigte keine Erfrischungen, anch ging man nicht denganzen beiligen Tag Lust schnappen. Bei uns in dem alten Schul standen sie in aller Frühe schon im weißen Kittel, den großen Tales ganz über den Kopf, so daß man nicht nnterscheiden'-konnte, wer Reb Bornch und wer Reb Sornch ist;, alle sahen sich gleich, weiße Gespenster, die schluchzten und weinten den ganzen heiligen Tag.

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