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Die Wahrheit · 1912-09-20 · Heft 37 (20.9.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 37 (20.9.1912)
Date
1912-09-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37. Die Wahrhxil Wird : in dem Artikel ein tiefsinniger -Psalmvers! zitiert,. der im; 433.^oder — mit einer j-eben. Verwechslungvorznbeugen in ^Worten ausgedrückt: „Einhnudertd re i u nddreißi gsten^ —; Mapitel vyrkonimen soll. Der Vers lautet.„In den Nächten erhebet eure Hände, zum 'Allerheiligsten". Ein Satz, dep allerdings das ewige Rätsel des menschlichen Herzens'in sich schließt, daher der weitesten Deutung freien Spielraum. läßt und auch^ -vom Hofprediger Wolfs grub er in. geschickt - - homiletischer Weise für den Eucharistischen Kongreß verwertet wird und in echt poetischer Form nachstehende Deutung erführt: In den Nächtens der geistigen Leiden, der Heimsuchung, der Prüfung, in den Mächten mancherlei Zurücksetzung, Demütigung und Kränkung; in den Mächten der Verstimmung, des'Mangels an Trost, der Dürre des inneren Lebens erhebe deine Hände zum Allerheiligsten". Die Zitierung eines Psalmes im Leitartikel eines politischen Tagblattes ist nichts Alltägliches, sie ähnelt dem Barette ans dem Haupte eines Politikers oder der Bischofsmütze auf dem Haupte eines Staatsmannes. Das macht uns neugierig. Wir gingen der angedenteten Spnr des Psalmes etwas näher nach -und da fanden wir, daß in der Zitation . des Psalmes ein wesentlicher Lapsus unterlaufen sein muß, denn im Kapitel 133 Zommt ein solcher Gedanke gar nicht vor. Derselbe lautet viel- .mehr nach Lnlher: „Siehe, wie fein und lieblich es ist, daß Brüder einträchtig bei einander wohnen. Wie der köstliche Balsam ist. der vom Haupte Aarons herabfließt in seinen ganzen Bart, der herabfließt, in fein Kleid. Wie der Than, der vom Himmel herabfällt auf die Berge Zions. Denn daselbst verleiht der Herr Segen und ' Leben immer und ewiglich". Wir nehmen daher an. daß trotz der Zitation des Kapitels in Worten doch ein Irrtum vorliegt und daß vielleicht ein im benachbarten Kapitel 130 ausgesprochener Gedanke „De proiundis“ gemeint sein mag, ein Psalm, der allerdings in allen »nonotheistischeu Liturgien und auch in der katholischen eine Rolle spielt und öfter zitiert wird. Wer nun diesen Lapsus verschuldet, wer sich hier in der 'Psalmzitation vergriffen, ob der Artikelschreiber oder der Hofprediger, wissen wir allerdings nicht; aber wir vermuten, letzterer, da dem Tagesjournalisten, der ans einer Quelle schöpft, doch nicht zugemutet werden kann, sich zuerst über die Richtigkeit der Angaben seiner Quelle zu informieren. Von einem Theologen aber, dem es doch weder an Muße noch au Gelegenheit fehlt, sich genau zu informieren, laitn man bei einer Psalmziterung wohl mehr Genauigkeit erwarten. Es stimmt aber weder die Zahl noch der Inhalt, denn das Kapitel 130 lautet nach der Vulgata: „D e pro fundis clamavi ad teDomine: Domine exaudi: oratiouem meam. Mea anima -speravit in Domino a custodia matntina nsque ad auroram. — Zn deutsch: „Ans des Herzens Tiefen ruf ich. o Herr, zu Dir, Leih' Dein Ohr wohlgeneigt herab zu mir, O Herr, erhöre meiner Stimme brünstig Flehen, Laß meine Gebete Deinem Ohr nicht entgehen. „Meine Seele sehnet sich, o Herr, gar oft Dich zu erschauen, Oft die Nacht durchwachend bis zum Morgengrauen". Dieser Vers scheint dem vom Hofprediger unter Kapitel 133 Zitiertem Satze unterlegt. Der Beisatz, „Der Heilige oder Allerheiligste" erscheint aber auch nach dem Wortlaute der Vulgata supponiert. Dagegen ist es wohl beachtenswert, daß die Psalmen im Encharistischen Kongresse allerdings eine Rolle spielen/ denn in dem für den 12. d. M. bestimmten Hochamte bilden nach dem publizierten Programme noch zwei andere Psalmen Bestandteile des mit Chorgesang begleiteten Gottesdienstes, und zwar das Offertorium: Sacerdotes mei, sowie das Introitus: Cibavit und das Graduale: Ocuii. Ersteres, dem Psalm 132, Vers 9, entommen, lautet: „Sacerdotes tui Domine, -induant justitiam et sancti tui exsulant: propter David' servum tuum, non avertas faciem Christi tui.“ — Zu deutsch: Seile 7. ir ./Deine Priester werden.sich in das Kleid der Tugend ..... . > hüllen . r Und Deine Frommen werden mit Jubelliedern die v : -; - Luft erfüllen, Alles, um Deines Irenen Dieners, des Königs David, : : u; . willen . Wend'? von, Deinem. Gesalbten niemals ab Dein; Angesicht im stillen. - - Das Introitus: Cibavit (dem Psalm 81, Vers 12, entnommen, lautet: Cibavit eos ex ad ip e frumenti: et de petro melle saturavit eos. — Zn deutsch: „Mit des Weizens üppiger Kost hat er reichlich Dich genährt Und aus dem Felsen Wasser Dir wie Honigseim beschert." Das Graduale: Ocuii (dem Psalm 21 entnommen), lautet: „Ocuii mei semper ad Dominum, quia ipse eveilet de laqueo pedes meos: respice in me et miserere mei, quoniam unicus et pauper sum ego.“ — Zn deutsch: „Mein Auge bleibt stets zum Herrn emporgerichtet, Weil meinen Fuß er vom Netze wieder anfgerichtet, Schau erbarmnugsvoll herab ans mich. Denn einsam und verarmt fühl' ich mich." Daraus geht wohl klar hervor, daß die Psalmen noch immer einen wesentlichen Bestandteil des katholischen Gottesdienstes und auch der Feier des Encharistischen Kongresses bilden, daher der Hofprediger nicht mit Unrecht den encharistischen Gedanken aus den Psalmen abznleiten bestrebt war. Ob ihm aber diese mit oder ohne Beiwerk gelungen, darüber können, wie gezeigt, nur Fachmänner auf biblistischem Gebiete endgiltig entscheiden. Dr. M. Epstein. Nachschrift: Nachdem dieser Artikel bereits dem Drucke übergeben war, kam mir vom Dr. Wolfsgruber. dem ich eine Abschrift des Artikels znr allfälligen Richtigstellung eingesandt hatte, die Verständigung zu, daß er seiner Predigt den Psalm 133 nach der vom Professor Dr. Loch und Dr. Reischl in Regensbnrg 1905 erschienenen Uebersetznng der Vulgata zu Grunde gelegt habe, wo der Vers lautet: „Des Nachts erhebet Eure Hände zu dem Heiligtnme." Es ist dies Kap. 134 nach dem hebr. Texte, das ist des letzten der sogenannten Stufen- oder Wallfahrtlieder ni^rr.i TH7, dessen 2. Vers lautet: nrr 12N21 LQ'-r' inrs „Erhebet Eure Hände zum Heiligtnme und lobet den Herrn." Der vorangehende Vers lautet im hebr. Texte: rt m irn rurr mW» rran ernaijrn \“r ’-qj? b'z Nach Luthers Uebersetznng: „Wohlan lobet den Herrn. Alle Knechte des Herrn, die Ihr stehet im Hause des Herrn des Nachts." In der Vulgata ist aber das Schlußwort des 1. Verses: „in Noctibus“ znm 2. Verse hinübergezogen, sodaß dieser lautet: „In noctibus extollite manus vestras in sancta et benedicite Dominum.“ Daraus wurde mir mm klar, daß Dr. Wolfsgruber tatsächlich seinen Eucharistischen Gedanken nicht, wie ich irrigerweise annahm. dem Kapitel 130 „De profundis“, sondern tatsächlich dem Kapitel 134 nach der Vulgata 133 zu Grunde gelegt hat. Ferner wurde mir klar, daß in der Vulgata in Uebereinftimmung mit der Septuaginta das Wort: „In noctibus“ den Schluß des ersten znm zweiten hinübergezogeu wurde. Solche Textänderungeu kommen in der Septuaginta, daher auch in der Vulgata öfters vor. Während es im hebr. Texte „In den Nächten" den Fuß des 1. Verses bildet, io bildet es nach der Vulgata den Kopf des 2. Verses. Es fragt sich also nur, welcher Text der richtigere ist. Luther schloß sich dem hebr. Texte an. Die meisten Kommentatoren, die diesen Text-Unterschied bereits kannten, haben sich für die Richtigkeit des hebr. Textes ausgesprochen, denn es liegt kein vernünftiger Grund vor, das Lob des Herrn erst in der Nacht anzustimmen, wenigstens sindet sich kein Analogon in den Psalmen, während es viel natürlicher erscheint, daß das letzte dieser Wallfahrtslieder in den Ruf ansklingt, daß alle Diener Gottes, sowohl die, welche bei Tag wie die bei Nacht dem Tempeldienst obliegen, in das . Lob des Herrn einstimmen mögen; daher mit dem Satze schließen:

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