Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 37 (20.9.1912)
- Date
- 1912-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion nud Administration: Wien, II/, Nuvaragasse 27 Televhon: Redaktion 5509/1V. - Administration 4938/11. Unabhängige Hertfchrift für jüöische föeiutvfrpvei#: Glliizi>iv>ig.K 14.— Halbiüh»!,,.K 7.— K. k. üsterr. Postsvarkaffa- Scveck-Konro Nr. 100.918. Interesten. Fiir JliiltU'Sbrmute: «Kouzjäbria.K tu Inserate: Die viermal gesvaltcne Ronpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Kreilng. Für -)ln<?ltiud: Abonnementsnnd JnierrionSberräge find in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist WahrheitI“ .8 Mark i> Miuori oder Iti ffrca. Ur. 37 Wien. 20. September 1912. Inhalt: Ich habe verziehen. — Rückblick auf das Jahr 5672. — Zum Friedensschlüsse in Czernowitz. — Der Encharistische Kongreß und der. 133. Psalm. — „In der alten Synagoge." — Die Juden und das deutsche Wirtschaftsleben. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Sabbathlichrer". Ich have verziehen. Bon Dr. M. H. Friedländer. „Und Gort sprach: Ich habe verziehen, wie du gesagt". (4. Dt. 14, 20). Wenn eilt edler Fürst, ein hochherziger Landesvater, dessen ganzes Streben dahin gerichtet ist, das Heil und Wohl seiner Laudeskinder nach, jeder Richtung zu fördern, ein Freudenfest feiert, welch innigen, aufrichtigen und lebhaften Anteil nehmen an demselben die Bürger des Staates, wie wetteifern sie gleichsam miteinander, um den allbeliebten und allverehrten Landesfürsten einen überaus glänzenden Empfang zu bereiten, ihm Ovationen darzubringen und entsprechende Beweise ihrer Loyalität, Opferwilligkeit und Vaterlandsliebe zu liefern. Dieser Jubel, der im ganzen Reiche herrscht, wie die Ovationen, die dem Fürsten anläßlich seines Jubiläumsfestes dargebracht werden, erfreuen fein Vaterherz in solch' hohem Maße, daß er sich veranlaßt sieht,,nach einigen Tagen, den Bürgern seines Reiches seinen herzlichen Dank auszusprechen und auch jenen Landeskiudern, die es gewagt hatten, sich gegen seine geheiligte Person in Wort und Schrift zu vergehen, Amnestie zu erteilen. Es ertönt das Wort Solachti „Ich habe verziehen!" Auch der große edle Menschenvater, von dem es heißt: „Gütig ist der Ewige gegen Alle, er erbarmt sich aller seiner Geschöpfe", feiert alljährlich ein Freudenfest, Rösch ha schonoh genannt, und da erscheinen wir, seine Kinder, im Festgewande geschmückt vor ihm in den geheiligten Hallen unserer Gotteshäuser, um ihm einen überaus glänzenden Empfang zu bereiten, Ovationen darznbringen, ihn zu feiern, zn verehren, zu verherrlichen. „Malcliiaus“ Hnldignngstöne erschallen und verkünden es laut und vernehmlich, daß Gott allein der König aller Könige, der Schöpfer aller Wesen, der Vater aller Menschen, der Lenker aller Geschicke sei. Wir beugen das Knie vor ihm und geben der Erwartung Raum Wehojo Adonai lemelech al kol hoorez, daß die Zeit herannahen werde, du alle Menschen zur Einsicht kommen und die Ueberzeugung gewinnen werden, daß es nur einen einig-einzigen weltregierenden und welterhaltenden Gott gibt. Diese Ovationen und Huldigungen erfreuen sein Vaterherz in solch' hohem Maße, daß er nach wenigen Tagen, (am 10. Tischri) am dom Kippur, Amnestie erteilt: aa^i? "isa1 ntn ara '2 „An diesem Tage wird , man euch versöhnen, euch zn-reinigen von allen euren Sünden". Es ertönt das Wort „Solachti“ „Ich habe verziehen". Warum aber, so hören wir gar viele Skeptiker fragen, ist unsere Lage trotz der uns alljährlich erteilten Amnestie noch immer eine solch' trostlose, daß wir versucht wären, mir dem klagenden Propheten anszurnfen: „Die Ernte i ft vorüber, der Sommer ist dahin, uns aber ist doch nicht geholfen?" Abgesehen davon, daß unser Herz von inneru Leiden. Sorgen und Schmerzen mannigfacher Art gequält und gefoltert wird, werden wir noch von äußeren Widersachern mehr denn zuvor in Wort und Schrift unausgesetzt angegriffen, verleumdet, verdächtigt und verunglimpft. Ist die Welt ohne Gott, ohne Vorsehung? Jedoch, geehrte Leser, klagen wir nur nicht die Gottheit an! „Gott ist kein Menscb, daß er lüge, kein Erdensohn, daß er trüge. 'Was er spricht, hält er, was er verheißt, läßt er in Erfüllung gehen". Ja, „Gott ist gerecht, was er tut, ist wohl getan." Beherzigen wir vielmehr das Wort unserer Weisen: (Berach. 5) 'in rtppaa wstrsr rbi? paa p-na-v anrr hkh bk Wenn der Mensch schwer geprüft und hart heimgesncht wird, soll er vor allem in sich blicken, seine Taten und Handlungen prüfen, vielleicht hat er im Laufe der Zeit den einen oder den anderen seiner Nebenmenschen gekränkt, beleidigt, miskreditiert und verleumdet, denn derartige Sünden werden am härtesten bestraft. — Wie der irdische Fürst anläßlich seines Freudenfestes nur jenen Verurteilten Amnestie erteilt, die sich in Wort und Schrift gegen seine geheiligte Person vergangen haben, ebenso verzeiht der Allgütige, der König aller Könige, nach der tiefsinnigen Bemerkung unserer Weisen, am Versöhnungstage nur jenen Sündern, die seine religiösen Vorschriften verletzt haben und nunmehr diese begangenen Fehler ernst bereuen; nsaa art*’ aipab dir paipm-rap während jene Sünder, die sich gegen ihre Nebenmenschen vergangen haben, mögen sie noch so viel am Versöhnungstage beten und fasten, keine Amnestie zn erwarten haben, es sei denn, sie bestreben sich ernstlich, die verletzten und beleidigten Mitmenschen zu besänftigen und die Beschädigten zufrieden zu stellen, so daß diese ihnen die Hand zur Versöhnung zu reichen gern bereit sind, ans paw nrray f?a» irvan ritt nsmu? -tp “iaaa a-n"> irs man1? (Tal. Joma 86). Und da fragt man noch: „Warum müssen wir trotz der uns verheißenen Versöhnung so viel leiden?" Israel hat sich vergangen. Neid, Mißgunst und Rachsucht haben die Bande gelockert, die Jahrhunderte lang hunderte miteinander in Liebe und Freundschaft verbunden hatten. Die vielgerühmte brüderliche Teilnahme ist znm großen Teil ans Israels Mitte geschwunden. Da gibt es gar viele im heutigen Judentum, die für Assimilation schwärmen, immer nur nach außen gravitieren und sehr gern bereit sind, für fremde Zwecke die größten Opfer zu bringen, wn sich in nichtjüdischen Kreisen Ehrenstellen