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Die Wahrheit · 1912-09-13 · Heft 36 (13.9.1912) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 36 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ar. 36. - - Die Seiten. 11 Äer Kindersegen im m e r ein wahre? Glück genannt zu werden? Zst man dessen gewiß, daß. man dieaKinder alle großziehen werde? .Sehen, wft: nicht gar oft die. schönsten. und herrlichsten ^Knospen welk zur Erde fallen, ehe .sie sich erschließen? Sind die Eltern überhaupt berechtigt mit Bestimmtheit zu erwarten, daß esihnen gelingen werde, ihre SPrößlinge zu würdigen, nützlichen und geachteten Mitgliedern der menschlichen 'Gesellschaft Herauzubilden und von ihnen einst liebevoll behandelt, geehrt und geschätzt zu werden?' O. wie viele Eltern, die für die Erziehung ihrer Kinder die größten, oft unerschwinglichen Dpfer gebracht, sahen sich im hohen Greisenalter in ihren Erwartungen getäuscht, bitter getäuscht! ..Eher kann ein Vater zehn Kinder, als zehn Kinder einen Vater erhalten". nm uibn ..aua nnwa aiia „Ist meine aufrichtige Liebe und Treue dir nicht wertvoller als die Liebe von zehn Kindern?" So labend und erquickend diese trostreichen Worte Elkana's auf das betrübte Gemüt Channa's gewirkt haben mochten, ihren -tiefen Schmerz vollständig zu entfernen waren sie nicht imstande, dennder sehnlichste Herzenswunsch Channa's war — nicht etwa eine reiche vornehme, allgemein bewunderte und gefeierte Frau — sondern eine glückliche Mutter eines großen hochverdienten Lehrers in Israel zu werden. — Sie verfügte sich daher ins Gotteshaus, ging in eine Ecke, wo sie von niemandem beachtet zu werden glaubte, und suchte in Inbrünstigem Gebete ihr schmerzerfülltes Herz vor Gott, dem großen edlen.Menschenvater ansznschütten. Nicht aus Eitelkeit, nicht in der Absicht um -einst ihre Kinder als prahlerische Anshüngeschilde zu gebrauchen, bat sie um den Kindersegen, sondern einzig nnd allein ans reiner Begeisterung für den Glauben der Vater, für die Lehre und -Ehre Israels; denn sie war von der Ueberzengnng durchdrungen, daß das Judentum, das berufen wurde, „ein Reich von Priestern zu sein", nur dann vor völligem Untergange geschützt werden 'kann, wenn die frommen Mütter in Israel unausgesetzt bestrebt und bemüht sein werden ihren Kindern eine treffliche, streng religiöse Erziehung angedeihen und überhaupt ihre Söhne zu würdigen, gottbegeisterten Lehrern heranbilden zu lassen. Sie bat daher: „Ewiger Zebaoth.! Wenn du das Elend deiner Magd ansehen, dich meiner erinnern nnd mich mit einem Sohne beglücken wirst, so soll er sein Leben lang dem Ewigen geweiht sein, damit er ein Lehrer Israels, ein Träger der Thora, eine Säule des Judentums werde." Dies war der sehnlichste Wunsch, von dem ihr Herz erfüllt gewesen, ohne daß sie ihn durch lautes Vortragen und Jammern zur öffentlichen Kenntnis gebracht hätte. nannnuntr 'ab nbipi my: mna® pn nab bv mana n'.n nam -nnapb 'bi? „Channa hegte blos im Herzen ihren Wunsch, ihre Lippen bewegten sich kaum, ihre Stimme ward nicht vernommen." Der Priester Eli. der wohl während seiner langjährigen Amtstätigkeit - öfters Gelegenheit, gefunden, Frauen unter ähnlichen Umständen im Gotteshause während ihres Gebetes zu beobachten nnd zu sehen, wie sie ihrem Schmerz durch lautes Schluchzen. Jammern und Weinen Ausdruck verliehen, war -überrascht und erstaunt, als er die Channa, die wre eine Säule regungsnnd bewegungslos dastand, in solch ruhiger, kaum hörbarer Weise ihre Wünsche dem himmlischen Vater vortragen -sah. Ach. dachte er, diese Frau mag wohl berauscht, betäubt fein, sonst würde sie ja. nicht ihre Aufregung und ihren Schmerz so leicht unterdrücken, sich beherrschen und bemeistern können. -Er rief ihr daher zurechtweisend zu: „Wie lange noch wirst du hier an geheiligter Stätte im berauschten Zustande verweilen?" Sie aber entgegnete ihm: C, mein Herr! Ein schwermütiges Weib bin ich wohl, aber dennoch habe ich weder Wein, noch irgend ein anderes berauschendes und betäubendes Mittel genommen, ich habe nur mein herz vor Gott ansgeschüttet; halte .mich' ja nicht für ein niedriges, gemeines Weib, das im berauschten Zustande im Gotteshause zu erscheinen, sich erkühnt, ich habe nur mein Leid dem Vater droben geklagt, der Herz und Nieren prüft, dem man nicht die Herzenswünsche durch lautes Sch r e i e n zu Gehör bringen muß, da er schon die Gedanken des Menschen kennt. Als Eli diese von Seelengröße .zeugende Antwort vernahm, entgegnete er ihr in ehrerbietigster 'Weise: „So ziehe denn in Frieden, der Gott Israels wird dir verleihen, was du von ihm erbeten hast. Das Gebet eines solch edlen. ,frompM,gottbegeisterteu; Weibes muß; Erhöruug und Gewährung finden. Wie, ein ' duftender Balsamhauch wirkten besänftigend und ermutigend diese trostreichen Worte des Propheten Eli auf das Gemüt der frommen Channa. Sie sprach: „Möge deine. Dienerin ferner Gnade in deinen Angen finden." Sodann ging . sie ihres Weges,' nahm Speise zu sich und ihr Aussehen zeigte keinen Kummer mehr. — ' Nach einer Zeit ging die Prophezeiung Elis in Erfüllung. Channa wurde die glückliche Mutter eines mit körperlicher Schönheit wie mit ungewöhnlichen Geistesgaben reich geschmüchen -Sohnes,-den sie Samuel nannte, „denn von Gott habe ich ihn erbeten". Und wie benahm sich jetzt Channa in ihrem Glücke? Ließ sie jetzt ihre Nebenfran es fühlen, daß sie nunmehr die glücklichste Gattin und Mutter der Welt sei? Nichts von alledem. Während Sarah in dem Momente, als sie sah, daß, Jsmael ihren Sohn Jsak zu kränken und zu höhnen sich erkühnte, ihrem Gatten znrief: „Jage fort die Magd samt ihrem Sohn", ließ Channa die Kinder ihrer Nebenfrau Penina unbehelligt und unbelästigt im Hause und gab ihr eigenes Kind znr Ausbildung in die Fremde, Nachdem Samuel entwöhnt wurde, so erzählt uns die Schrift, nahm ihn seine Mutter mit nach Schnloh und übergab ihn dort der Prophetenschule, die unter Aufsicht Elis stand, bei welcher Gelegenheit sie ihre Dankbarkeit nicht nur durch Opfer, sondern auch durch ein tiefempfundenes, gedankenreiches Gebet znm Ausdruck brachte. . „Und Channa betete und sprach: Froh wallt mein Herz zu dir, o Gott! Mein Mut erhebt sich durch Gott! Nun kann ich auftun meinen Mund vor meinen Feinden, denn ich erfreue mich deiner Hilfe. Keiner ist so heilig wie der Ewige, denn niemand ist ja außer dir, es ist kein Hirt und Fels wie unser Gott." Nicht das sogenannte Schicksal, sondern der ewig lebende Gott regiert die Welt. „Ihr Glückbegünstigten! Führet nur keine so stolzen Reden, kein Trotz entfahre eurem Munde, denn wisset, daß die Welt nicht dem blinden Zufall, nicht dem launenhaften Spiele eines regellosen Schicksals preisgegeben sei, sondern 'n nun bu. daß es einen Gott gibt, einen a l l w i s s e n d e n Gott, der allein der Schöpfer und Erhalter des Weltalls ist, der die Tugend belohnt und das Laster bestraft. Ihr sehet ja, daß gar oft der Bogen der stolzen Helden bricht, während Schwächlinge sich mit Kraft umgürten können, daß die Uebersatten ums Brot sich verdingen müssen, wahrend jene, die sonst hungern und darben mußten, nunmehr ein kummerloses, sorgenfreies Leben führen, daß die Kinderlose endlich Mutter von sieben Kindern geworden, während die Kinderreiche dahinwelkt. Ja. es gibt nur einen einzigen Gott, und dieser ist es, der tötet und belebet, der arm und reich macht, der erniedrigt und auch erhöhet." — Und weil Channa unter allen Umständen und in allen Verhältnissen ihres Lebens so fest und unerschütterlich an Gott geglaubt, auf Gott vertraut und überhaupt das Leben nicht im materiellen Sinne, sondern im Lichte der Ewigkeit betrachtet hatte, deshalb ertrug sie geduldig nnd gottergeben das härteste Geschick ohne zu verzagen, und besaß auch die Kraft und Selbstbeherrschung, das Glück zu ertragen, ohne stolz, hochnnd übermütig zu werden. Es war daher eine vortreffliche Anordnung unserer Weisen, daß alljährlich am Rc^Qb-basobono-Feste in den Gotteshäusern die Lebensgeschichte Channas als Haftora verlesen wird, damit die frommen Mütter in Israel sich bestreben, im Sinne nnd im Geiste der Prophetenmutter Channa ihre Kinder zu erziehen, sie für den Glauben der Väter zn begeistern und znm Thorastudium anznhalten. Wahrlich, man würde auch in der modernen Zeit bei der Jugend mehr heiliges Leben nnd weniger törichtes Streben, mehr religiöse Begeisterung und weniger Verzweiflung, mehr Entschlossenheit und weniger Zerflossenheit, mehr Anhänglichkeit und weniger Treulosigkeit finden, wenn sie frühzeitig im Elternhause eine strengreligiöse, echt jüdische Erziehung genießen möchte.

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