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Die Wahrheit · 1912-09-13 · Heft 36 (13.9.1912) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 36 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 36. Die Wahrheit Seite 9. Drei Jahrzehnte sinds. Als frischgebackeuer Lehrer, dessen -Brust von Zukunflsträttmeugeschwellt war, die sich nie realisieren sollte, folgte ich dem Rufe einer altehrwürdigen Gemeinde, üie sich dazumal einer zweiklassigen, trefflich geleiteten, von nahezu hundert Schülern besuchten Schule rühmen konnte. Die Schnlchroniken werden bestätigen, ob wir unseren Platz ansge- -füllt haben. Der Feuereifer, mit welchem die meisten Lehrer jener Zeit in idealem Wettbewerb ihrem hehren Berufe nach- ^ingen, entsprang den reinsten, uneigennützigsten Motiven, was doch am besten dadurch bewiesen wird, daß wir nach jahrelanger Tätigkeit ans dem erlittenen Schiffbruch nichts als Silberhaare gerettet haben. Es liegt mir fern, an dieser Stelle Rekrimination^n gegen jene vermeintlichen Großen und Mächtigen zu erheben, die ad majorem ipsorum gloriam ihre .Kräfte daran setzten, unseren konfessionellen Schulen das Lebenslicht ansznblasen. Ich gebe zu, daß manchen dieser Anstalten Gebresten anhafteten und daß an manchem Jugendbildner — zumal ans dem Anslande geholten — der Pulsschlag der Zeit unberührt vorüberging. Statt jedoch solche Schulen, sofern sie schon der Reform bedurften, zu modernisieren, dem Zeitgeiste anznpassen, für eine intensive Pflege der Landessprache und der -Realien zu sorgen, hat mau sie samt und sonders einfach von der Bildfläche verschwinden lassen. Das war doch viel leichter. "Die schließliche Entlassung der im Schul- und Vorbeterdienste ergrauten Lehrer, mit welcher das herostatische Werk gekrönt wurde, bot schon keine Schwierigkeit. Diese Entlassung wurde diesmal mit Stimmeneinhelligkeit beschlossen, während bei sonstigen lUmzügen, denen der jüdische Lehrer jederzeit ansgesetzt war, schon die Separatgelüste des Herrn Volfftehers, beziehtingsweife dessen Gemahlin, genügten. Und nun, Ihr Herren, die Ihr den falschen Propheten so williges Ohr geliehen, verspüret Ihr schon die Wunden, die Lhr nicht uns, sondern Euch selbst beigebracht? Gestehet es nur, sie jucken schon, sie prickeln, sie brennen sogar! Nicht im Bilde, durch Anschauung, indem ich Tatsächliches anführe, will dch Euch die desolaten Zustände illustrieren, wie solche derzeit in kleineren Knltusgemeinden vorherrschen, Zustände, die geeignet -sind, die maßgebenden Faktoren aus ihrer Indolenz zu wecken, noch ehe es zn spät wird. Vages Experimentieren, das Halbheiten schafft, wird stets versagen und wenn drei Talmudthora- Schulen noch ins Leben gerufen werden. Dem Grundnbel — wo dieses steckt, ist jedem bekannt — muß zu Leibe gerückt werden, dieses muß man znförderst zn beheben trachten, dann 4ommt die Sanierung von selbst. Einer katastrophalen Zukunft geht unsere Jugend entgegen, -wenn unsere Herren Konsulen sich nicht rechtzeitig ihrer Pflicht entsinnen,. . Folgender Dialog, den ich wortgetreu wiedergebe, diene als, Beleg, wie es um den. jüdischen Religionsunterricht auf dem Lande bestellt ist. .Es war zwei oder drei Tage vor dem Peßachfeste, da richtet ein mir unbekannter Glaubensgenosse, den ich in die --Gilde der Fleischer oder Prodnkrenhändler einreihen würde, in der Niklasstraße an mich die bedeutungsvolle Frage, wo er ein größeres Quantum koscherer Magronen kaufen könnte. Zumal ich selbst den Weg in die Tuchmachergasse einschlug, woselbst wie jedem Magrouenvertilger bekannt, Frau Regiua Z. dieses Produkt in bester Qualität stets am Lager fuhrt, veranlaßte ich den koscheren Magrouensucber, mir zu folgen. Eine Zeitlang, schritten wir, zwei Philosophen gleich, still und wortlos nebeneinander her. Plötzlich löste sich das Zünglein meines Begleiters und er ließ: sich also vernehmen: - „Wir Juden sind doch e gebenschtes Volk! Acht Tog Peßach hat mer uns gegeben, acht Tog sollen mer Mazzes essen! Lwa Tog wären nicht genug gewesen? Wos meinen Sie?" forschte er fragend mich ans. „Nun, die so denken, wie Sie, mein Herr, würden gewiß auch zwei Tage nicht halten," gab ich unwillig zur Antwort. Doch die Neugier zn erfahren, wer denn eigentlich der Erleuchtete sei, in dem solche religiöse Skrupel anftauchen, ward mächtiger, als der unsprünglich,, gefaßte Vorsatz, mich in keinen weiteren "Disput einzulassen und . so raffte ich mich zu der Frage auf: „Mit wem habe ich die Ehre?" Er nannte mir Namen und Wohnort, wobei er besonders hervorhob. daß er nach Sitz, und Stimme im Kultusvorstande habe. Respektvoll, wie es einem emeritierten Kultusdiener geziemt, wagte ich an den Dignitär die Frage: „Sie haben also in Ihrer Gemeinde einen Rabbiner?" „Gewiß! Aber fragen Sie nur nicht, was für einen! Jetzt werden wir ihm gerade kündigen." „Aus welchen Gründen? wenn ich fragen darf." »Hast e Frag. Sechshundert Gulden Gehalt zahlen mer ihm und wert ist er as oßer sechshundert Kreuzer. Er ist ka Chafen, er ist ak Lehrer. Und so eppes soll mer sechshundert Gulden zahlen?" „Da beabsichtigen Sie also einen anderen, tüchtigeren Rabbiner aufzunehmen?" „Fallt uns nischt ein. Unser Schames wird die Masse besser treffen wie der Rebbe. Er bat sich übrigens diese Tog' auch ein Zeugnis verschafft, daß er kann unterrichten Religion." „Alle Achtung vor Ihrem Schames! Ein Mann, wie ihn Ihre Gemeinde brauchen kann! Aber wird auch die Hauptmanufchast Ihren Schames als Rabbiner oder Rabbiner-Stellvertreter bestätigen?" „Wir fragen nicht, wir zahlen, nicht die Hanptmannschaft". Ich wußte genug. Zu hören, wie die geistige Versumpfung so rasch um sich greifen konnte, preßte mir schier das Herz zusammen. Froh, daß wir uns dem Ziele näherten, ließ ich mirs nicht nehmen, zum Abschiede unseren Antirabbiner foppend zn fragen: „Sie gedenken wohl, mit einem Teil der Magronen, die Sie jetzt kaufen werden, den Herren Rabbiner zn überraschen?" „Daß ich meschugge war.! Nipisch, wenn er will, konn er hoben?" entrang es sich seiner leutseligen Brust. „Hier ist Regina Z. Hier bekommen Sie koschere Magronen, auch für acht Tage. Gut Jomtow! Grüßen Sie mir Ihren Schames!" Verschiedene Nachrichten. Wien. (EmigraIIte n-F ürsorge der Israel. Altianz zu Wien.) Während des Monates August 1912 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 144 Emigranten, davon 138 russische und 6 rumänische, weiterbesördert und zwar 78 nach den Bereinigten Staaten, 23 nach Argentinien, 1 nach Canada. 13 nach England. 22 nach Frankreich (nach den beiden letztgenannten Ländern in jedem einzelnen Falle nach vorherigem Briefwechsel mit den Hilfskomitees in London bezw. Paris wegen der Existenzinöglichkeit der betreffenden Einwanderer), 7 nach verschiedenen anderen Ländern. In die Heimat zurückerfördert wurden 19 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im August für 64 Personen zusammen 246 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt und an 81 Emigranten insgesamt 214 Sveisemarken für die Israel. Volksküche ausgegeben. Von Jänner bis Ende August 1912 wurden insgesamt von Wien aus 790 russische und rumänische Emlgrailten nach überseeischen, bezw. westeuropäischen Ländern weiterbesördert und 146 Rückwanderer repatriiert. Wien. In Anwesenheit zahlreicher Festgäste fand Sonntag, den 8. d. M., ll Uhr vormittags, die feierliche Grundsteinlegung des „Kaiser Franz Josef I. H n l d i g n u g s t e m v e l s" des Bethansvereines „Am Bolkert" statt. Zur Feier waren erschienen: Der Präsident der Knlcusgemeinde Dr. Alfred Stern mir den Vizepräsidenten Landesschulrat Dr. Gustav K o h n und Hofrar Dr. R a p p a p o r t, die Kulmsvorsteher kais. Rat Sigm. K anders und Architekt G a r t n e r, die Sekretäre kais. Rat Dr. Lieben und Dr. Adler, Amtsleirer Braun, der gesamte Vorstand des Bethansvereines mit dem Obmann Adolf S ch r a m e k mrd dem Erbauer des GotteShanfes Architekt Reifer, Vertreter verschiedener Vereine und zahlreiche Gemeindemitglieder. Die Feier wurde mit einem Festysalm, in wirkungsvoller Weise durch Oberkantor G. i b l i ch m a n n und dem verstärkten Chor exekutiert, eingeleiret, worauf Obmann S ch r a m e k die Festgäste begrüßte und in einer Darstellung der Geschichte des Tempelvereiues allen jenen Dank sagte, dle zur Förderung des neuen Gotteshauses beitrugen. Nach der Weiherede des Vereinsrabbiners A b e l e s wurde der Grundstein an jener Stelle eillgesetzt, wo sich das Oraun hakauclesch erheben wird, worauf die üblichen Hammerschläge der anwesenden Honoratioren folgten. Mit Abslugung der Volkshymne schloß die schöne Feier. Wien. (Enthüllung des Grabdenkmals für weiland Oberkantor Bsla Gntmann.) Trotz des strömenden Regens hatte sich Sonntag, deu 8. d. M., 12 Uhr mittags, eine große Anzahl von Gemeindemitgiiedern, Freunden und Kollegen des so früh verblichenen und beliebten Oberkantors an seiner Grabstätte am Zentral-

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