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Die Wahrheit · 1912-09-13 · Heft 36 (13.9.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 36 (13.9.1912)
Date
1912-09-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sene 8. Die Wahrheit. Nr. 36. dam, Utrecht, Leyden'und Kopenhag en, welche sämtlich die Mutbeschuldigung.als ganz ungerechtfertigt zurückwiesen. Mau sieht also aus dem Verhalten der genannten Kirchenfürsteu, daß nicht die Kirche als solche fanatische Hasserin ist, ' immer sind es neue, übereifrige, einzelne Elemente, die hierallerdings ungleich, mehr Schaden zu stiften vermögen, als in irgendeinem sonstigen Wirkungskreise. So betrübend es auch ist, daß in Europa noch im Jahre 1783 eine Hexe (in Posen) verbrannt werden konnte, so muß doch dem gegenüber als ein — wenn auch sehr geringer — Fortschritt anerkanul werden, daß heute wohl nicht mehr ein päpstlicher Legat an seinen Papst berichten dürfte, wie anläßlich der Erstürmung der Albigeuserstadt Beziöres am 22. Juli 1209: „Wir haben weder Stand, noch Alter, noch Geschlecht geschont, ungefähr 20.000 fielen durch das Schwert. Die ganze Gegend ist verwüstet und verbrannt; so hat die Rache Gottes f u r ch t b a r g e w ü t e t". Ebenso glauben wir gerne, daß heute nicht mehr durch einen einzigen Inquisitor 10.209 Menschen lebendig verbrannt werden könnten (Torqnemada) — von den übrigen 6900 teils in Kerkern gestorbenen, teils entflohenen, aber gleichfalls zum Fenertode sowie von den übrigen 97.400 zu Vermögenskonfiskatiouen und sonstigen Strafen Verurteilten abgesehen — weiters halten wir es für mindestens unwahrscheinlich, daß aus vornehmlich religiösen Gründen — die „wirtschaftlichen" Vorwände bestehen leider noch immer — Austreibungen, verbunden mit den unmenschlichsten Grausamkeiten, aus der Heimat statlfinden könnten; so 1492 etwa 800.000 Inden, 1502 au 2 Millionen Mauren, 1509—1510 abermals etwa 2 Millionen sogenannte Manresken (Nachkommen von Mauren, die zwar das Christeutnm angenommen hatten, welchen man aber trotzdem mißtraute), sämtlich in Spanien — die unzähligen Austreibungen aus anderen Ländern und Städten bis in die Neuzeit ungerechnet — wobei allüberall die furchtbarste Willkür und Unsitllichkeit seitens der Behörden und jedes einzelnen Peinigers an den Tag gelegt wurde. Auch glauben wir ja gerne, daß es heute kanm mehr anginge, daß Päpste Dynasten ihrer Verfassungs- und anderen.Eide einfach entbinden könnten; endlich möchten wir wohl zugeben, daß Menschen für Elementar- und für soziale Katastrophen nicht mehr büßen könnten (für Erdbeben, Blitzschläge, n. zw. sowohl Juden wie auch Christen, für die Pest, 1348—50, wobei die Juden als „Brunnenvergifter'" behandelt wurden, für die Trockenheit 1506 in Spanien, was für die Inden ein furchtbares Massacre nach sich zog) und ähnliches mehr . . . allein heute noch haben wir schlagende Beweise unglaublichen Tiefstandes der öffentlichen Moral unter uns, die immer noch das Schlimmste befürchten lassen. In kurzer Reihenfolge hatte das „gebildete" Europa seine T i s z a - E s z l a r e r-, Z a n t e n e r-, P o l n a e r-, D r e yf u s- und K o n i tz e r-Affairen, im Osten spielten sich 1881 die furchtbaren Exzesse von Kiew und Odessa, 1903 in K i s ch e n e w und neuerdings 1905—06 wieder in Kischene w, in H o m e l, Odessa, W a r s ch a u und vielen anderen Orten vor unseren entsetzten Blicken ab. Und mittelalterlich weht es uns au, wenn wir die Beweisführung betrachten, auf Grund deren Leopold H i l s n e r ans P o l n a z w e i e r M o r dtaten schuldig erkannt werden konnte. Unter dem Zeichen des Ritualmordes einsetzend, bildete dieser Prozeß den Geschästsantisemiten den hochwillkommenen Anlaß, ihr Mütchen an einem schutzlosen Menschen zu kühlen, und es gelang ihnen, die zu ihren Zwecken erforderliche Stimmung bei den Volksgerichtshöfen von Pi sek und Kutten b erg umso leichter zu erzeugen, als der Boden durch journalistische und anderweitige Wühlarbeit genügend vorbereitet war. In einer Bevölkerung, die bereits früher einen Beweis ihrer Gemtttstiefe dadurch erbracht hatte, daß sie arglose deutsche Ausflügler von einer Glasfabrik ans mit glühenden Glasstangen überfiel, mußte das Auffinden der Leiche der Agnes Hrnza (am 1. April 1899) wie. ein Funken auf eine Pulvermine wirken. Nicht an die verschiedenen Einzelheiten der beiden Verhandlungen in Kattenberg und Pisek sei erinnert — diese bilden geradezu eine Ironie des strafgerichtlichen Verfahrens — es sei lediglich auf die voraus-' gegangene Agitation hi n g e w i e se n, da diese ja die Hanpttriebfeder'für die späteren Prozesse bildete, so daß letztere fast als notwendige Folge anznsehen sind. Und speziell verdient' die Wühlarbeit hervorgehoben zu werden, die von jener Seite ausgmg, zu deren heiligster Pflicht die Verbreitung der Lehre: der Nächstenliebe gehört. ' Wiewohl die. eigentlichen Gerichtsverhandlungen nicht mehr' unter dem ausgesprochenen Gesichtswinkel des Ritnalmordes^ sondern jenem des gemeinen Mordes stattfandenso erwies sich doch die vorausgegangene Fanatisierung und Snggeriernncs. kräftig genug, um Hilsner, der nicht im mindesten des einen Mordes überführt werden konnte, auch sofort des zweiten, jenes der am 17. Juli 1898 verschwundenen Marie Klima schuldig: zu sprechen. — Analog den Hexenprossen, ist auch hier nichl ein einziger stichhältiger Beweis aufzufinden. Der Halsschnitt, die Blutleere, beides findet seine natürliche Erklärung — nur nicht durch den Ritnalmord und nicht durch H i l s n e r. Den einzige Kronzeuge war ein Landmann, der erst nach vier Mo-- naten sich darauf entsinnt, den Angeklagten in unmittelbarer Nähe des Tatortes nmherstreichen gesehen zu haben und ihn. auf die Entfernung von 676 in erkannt haben will — keineswegs aber mit der Mordtat beschäftigt. Anch nicht die geringste Blntspnr weist auf Hilsner hin. — Mit ähnlichen lustigen „Beweisgründen" fanden sich auchseinerzeit die Hexenrichter ab. .Wohl keine Tortur, aber einederartige Massensuggeriernng ist im Prozeß H i l s n e r zu verzeichnen. daß auf die elementarste Forderung, die Verfolgung, der wirklichen Mörder, fast ganz vergesseil wurde. : Anders war es 1772, als in Dondleb (Böhmen) eben-- falls zu Ostern die Leichen eines Mädchens und eines Knaben gefunden wurden. Da gelang es dem energischen Einschreiten der Behörden, den Pöbel im Zaum zu halten, und in kurzer Zeit ward' der wirkliche Mörder, ein Wüstling namens Pank' Kykla, gefaßt und der verdienten Strafe in Königgrätz zngeführt. Alle Versuche, eine Revision dieses schmachvollen Prozesses zu erreichen, zerschellen an den toten Formalismus, wonach neue Momente nötig wären. Bei so ausgesprochen unrichtigen Sentenzen sollte aber doch der oberste Gerichtshof einmütig die Revision durchführen. Allein die Generalproknratur verschanzt sich hinter dem mehr bequemen als richtigen Ansknnftmittel, daß kein Außenstehender legitimiert sei für diese Sache einzntreten. Wohlan denn, wenn der Einzelne oder der einzelne Verein hiezu nicht legitimiert ist. dann die gesamte Menschheit V- — Wir richten daher an die versammelten Kirchenfürsten aller Herren Länder die Aufforderung, im Namen der Menschlichkeil: ihres wahren Amtes zu walten und sich um diesen seit mehr denn 10 Jahren nnschnldig im Kerker Schmachtenden anznnehmen,. dessen Verurteilung zum Tode auch nicht durch den Schatten, eines Beweises gerechtfertigt ist. Vor allem richten wir die Bitte an die Initiatoren des Eucharistischen Kongresses ihren übermächtigen Einfluß im Sinne der Revision geltend zu. machen. Erst dann wird es uns möglich, an die Aufrichtigkeit, ihrer Gesinnung zu glauben! — Wien, 8. September 1912. Bereit! zur A b w e h r d e s A n. t i s e m i t i s m u Zeitbild ans einer böhmische» _ Landgemeinde. In den Mitteilungen des Jsr. Landes-Lehrervereines in, Böhmen wird nachfolgende Skizze veröffentlicht, die die tristen. Verhältnisse in der Mehrzahl der kleinen jüdischen Gemeinden in Böhmen treffend, charakterisiert und seitens aller jener Kreise, denen die Zukunft des Judentums am Herzen liegt, vollste Beachtung finden sollte:

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