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Die Wahrheit · 1912-09-06 · Heft 35 (6.9.1912) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 35 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 85 Die Wahrheit Sette 7. -wohlhabender Personen steht heute auch ein hart um seine 'Existenz kämpfender^Mittelstand und selbst ein Proletariat gegenüber. Die Ausführungen, die Segall hierüber macht, sind zutreffend. 3. Sombart hat bereits darauf hingewiesen, daß sich in neuerer Zeit eine Veränderung der Stellung der Inden im deutschen Wirtschaftsleben vollzieht. Er hat gesagt, daß, wenn .nicht alle Anzeichen trügen, sich allem Anschein nach der Einfluß der deutschen Inden zu verringern beginne. Ein Symptom sieht -er insbesondere darin, daß in den wichtigsten Stellungen, z. B. in den Direktorialposten oder in den Anfsichtsratsstellen der Banken die jüdischen Namen immer seltener werden. Und er hat folgende Gründe hiefnr anzngeben gewußt: Einerseits hätten sich -die Nichtjuden den Anforderungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems mehr angepaßt; sie haben „gelernt". Die Inden hingegen Hütten durch die Veränderungen, die ihr äußeres Schicksal erfahren hat (Besserung ihrer bürgerlichen Stellung, Abnahme Des religiösen Sinnes), ans äußeren und inneren Gründen einen Teil Der ihnen früher eigenen Befähigung znm Kapitalismus eingebüßt. Ferner hätten sich die sachlichen Bedingungen, unter Denen gewirtschafret wird, geändert: Die kapitalistischen Unternehmungen (man denke an unsere Großbanken!) wandelten sich anehr und mehr in bnreankratische Verwaltungen um, die nicht mehr in gleichem Maße wie früher spezifische Händlereigenschaften heischten, derBnreankratismus seiandieStelle desKommerzialismns getreten. Und wo der Bnreaukratismns hinkommt, ist die Mission Der Inden stets zu Ende gewesen! Wie sehen nun die Tatsachen ans? Im Geldhandel waren im Jahre 1895 4654 Inden tätig, 1907 sind es 5251. Dem steht gegenüber, daß von der Gesamtbevölkerung 1805 33-689 ihr Brot in diesem Wirtschaftszweig erwarben und 1907 66.338. Bei den Juden also eine Zunahme seit 1895 um 14"^; bei den -Christen um 97"/g, oder anders ansgedrücklj: in 12 Jahren ist der Anteil der Juden am Geldhandel von 13'8°/o auf 7-9°/g -gefallen, und insbesondere ist die Zahl der Inden, die im Geldhandel selbständig-tätig sind, von 1977 ans 1851 gesunken. Die .Zahl der Direktoren und Betriebsleiter ist allerdings von 2528 auf 3197 gestiegen, was sich daraus erklärt, daß bisherige Privatbankiers, die ihre Geschäfte au Banken veräußerten, häufig -als Direktoren (Prokuristen usw.) in den Dienst der Banken traten. Diese Tatsachen können gar nicht stark genug unterstrichen werden. Geht doch daraus hervor, daß 12 Jahre genügt, um die Bedeutung des jüdischen Elements für den Geldhandel, soweit sich dieselbe quantitativ erfassen läßt, fast auf die Hälfte seines bisherigen Einfinsses zurückzudrängen. Da hat natürlich -auch mancherlei mitgespielt, was Sombart nicht in Betracht .zieht oder doch znm mindesten, nicht ausdrücklich erwähnt. Der Großbetrieb, d. h. die Konzentration int Bankwesen, hat den 'Privatbankierstand dezimiert. Es ist selbstverständlich, daß dabei, nachdem von jeher der Privatbankierftand eine Hauptdomäne der Juden war, die Inden ganz besonders betroffen wurden. 'Dazu kam die Entwicklung einer dem Privatbankier feindlichen -Gesetzgebung und manches andere. (Schluß folgt.) Adel und Judentum im deutsche» Geistesleben. Adelig fein, heißt eine adelige Gesinnung haben. Jenny von Gustedt. In der „Kreuzzeitung" hat ein Herr Ernst Kämpfer die ^Kritik, die Graf Siegfried Bernstorff im „B. T." an der mangelnden geistigen Beweglichkeit und dem geringen Anteil des deutschen Adels an der Förderung der geistigen Güter der Nation geübt hat, durch Aufstellung einer langen Liste von adeligen Literatnrgrößen zu entkräften gesucht. Nun wird es keinem halbwegs gebildeten Menschen einfallen, in Abrede stellen .zu wollen, daß auf dem deutschen Parnaß auch der deutsche Adel in durchaus würdiger Weise und in respektablem Umfang 'vertreten ist. Die Liste des Herrn Kämpfer ist sogar höchst lückenhaft, während andererseits die Schwärmer für strenge Raffeureiuheit des Adels Namen wie Maurice v. Stern wahrscheinlich nur mit sehr gemischten Gefühlen auf dieser Liste verzeichnet sehen werden. Die „Kreuzzeilnng" ist offensichtlich sehr stolz auf diesen Panegyrikns auf den deutschen Adel, ohne auch nur entfernt zu ahnen, welchen Bärendienst ihr dieser bürgerliche Schildhalter des Junkertums erwiesen hat. Denn ein sehr großer Teil, wahrscheinlich die überwiegende Mehrheit der von Herrn Kämpfer namentlich anfgeführteu Zierden der deutschen Literatur aus adeligem Geschlecht, denkt, bezw. dachte über die Indolenz ihrer Slandesgenosien uitd über ihr geringes Interesse an der Förderung von Kunst und Wissenschaft nicht viel anders als Herr Graf Bernstorff. Der „Kreuzzeitung" znm mindesten sollte doch bekannt sein, wie abfällig einer ihrer berühmten Mitarbeiter, Theodor Fontane, ans feinen eigenen schmerzlichen Erfahrungen heraus sich über das literarische Banausentum derjenigen beklagt hat, die er in seinen Dichtungen mit einem Schimmer romantischen Heldentums umkleidet hat. Man kennt sein Gedicht: „An meinem Fünfundsiebzigsten", worin er teils bitter, teils bnmoristisch schildert, wie von den altadelig märkischen Geschlechtern. die er zeitlebens in Büchern und Balladen gefeiert habe, kein einziger seines Ehrentages gedachte, wohl aber desto mehr jener andere von ..fast schon prähistorischem Adel", und das mit der sarkastischen Wendung schließt: „Kommen Sie, Cohn." An eben jenem „fünfundsiebzigsten" schreibt er auch an den befreundeten Hofprediger Jacobi: „Das moderne Berlin hat einen Götzen aus mir gemacht, aber das alte Preußen, daß ich durch mehr als 40 Jahre hier in Kriegsbüchern. Biographien, Land- und Leuteschildernngen und volkstümlichen Gedichten verherrlicht habe, dies „alte Preußen" hat sich kaum gerührt und alles (wie in so vielen Stücken) den Inden überlassen." Andere adelige Schwurzengen des Herrn Kämpfer haben ähnliche traurige Erfahrungen mit der literarischen Interesselosigkeit ihrer Standesgenossen gemacht. Wir erinnern nur an die Aeußerungen des Freiherrn v. Perfall in der „Köln. Ztg.", Fedor v. Zobeltitz' in den „Hamburg. Nachr.", des Freiherrn v. Grotthus im „Türmer", die sämtlich auf den gleichen Ton gestimmt waren. „Ohne Liliencron ist doch unsere ganze moderne Lyrik undenkbar", sagt Herr Kämpfer. Nun, auch Detlev v. Liliencron hat seine schmerzlichen Erfahrungen mit den politischen Gesinnungsgenossen der „Kreuzzeitnng" gemacht. In einem Briefe vom 15. März 1908 klagt er: „Ich habe viele Feuilleton-Artikel über die Ranzow und die Pogwisch bekommen heute. Bald so, bald so! Nur ein sehr Merkwürdiges ist dabei: Alle „teutsche" Blätter wie „Deutsches „Tagblatt" (gemeint ist anscheinend die „Deutsche Tageszeitung"), „Deutsche Warte", ..Nibelnngenschatz", „Deutschland. Deutschland über alles" usw. fallen aufs giftigste über mich her!! Sollte das daher kommen, weil ich das Heine-Denkmal mit unterschrieben habe? Ei ja, ei ja .. ." Vielleicht interessiert es die „Kreuzzeitnng", was ein so glühender Bewunderer des Aristokratentnms wie Professor Kurt Breysig über die in weiten Kreisen des Adels herrschende Mißachtung aller Knnstbestrebungen vor einigen Jahren in seinem Berliner Leibblatt gesagt hat: „Warum sucht der Landadel soviel materielle, so wenig geistige Genüsse auf? Es ist ihm Schande und Schaden zugleich, daß er darin so weit, hinter dem höheren und besitzenden Bürgertum znrückbleibt. Mir ist es ein schon jahrelanger Aerger, daß die Ausstellungen von Kunstwerken aus Privatbesitz, die in Berlin so großen Nutzen stiften, dem Kunstsinn unseres Adels ein schlechthin jammervolles Zeugnis geben. Und.ein Wort im Vertrauen: Fangt hierbei nicht an, wie ihr es liebt, auf die jüdischen Kommerzienräte zu schelten, sondern tut es ihnen lieber gleich. Und wollte man nach guten Büchereien auf unseren Gütern suchen, man müßte wohl ebenso weit wandern, wie nach Bilderschätzen." Da Herr Kämpfer znm Schluß seine Apologie des Adels mit einem an den Haaren herbeigezogenen gehässigen Ausfall

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