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Die Wahrheit · 1912-09-06 · Heft 35 (6.9.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 35 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit: Nr. 35'. gegen das Judentum verknüpft, so sei ihm angelegentlich zur Lektüre das Werk: „Randglossen zum Buche des Lebens", in dem der ebenfalls von ihm mit Recht als eine Zierde der deutschen Romanliteratnr genannte Gerhart v. Amnytor unter anderem folgendes politisch-religiöse Bekenntnis ablegt: „Vergessen wir nicht, daß das Judentum schon eine Kultur mit höchster und sinnigster Knnstpflege besaß, als unsere rötlichgelockten Vorfahren noch auf der Bärenhaut um ihre Weiber würfelten, so daß der volle Kranz des Wissens und der wahren Bildung unserer Tage durch reichste Blüten aus dem Judentum untermischt ist." „Zur Zeit, als in unserem deutschen Lande der finstere Aberglaube und die roheste Unwissenheit ihre nächtlichen Schwingen über die Geister breiteten, blühte die jüdische Literatur in tropenhafter Schöne und Fruchtbarkeit, und als der Vorfahr des „Hep! Hep!" rufenden Junkers — des Schreibens unkundig — seinen Namenszug noch mit dem Schwertknauf abdruckte und beglaubigte, haben schon Namen, wie Jehuda Halevi, Abraham ben Chija, Mose ben Esra und Maimonides einen guten Klang gehabt und die Glanzepoche jüdischer Leistungen in der Nationalliteratur, Gesetzeskunde. Mathematik, Medizin, Astronomie und Philosophie bezeichnet!" „Den Geist nähren, das ist Religion", hat einst Bettina v. Arnim gesagt. Die „Kreuzzeitung" und ihre Gesinnungsgenossen nähren aber nicht den Geist, sondern den Hatz und die Vorurteile eiuer barbarischen Zeit, in der wir — nach den Worten des Freiherrn v. Pückler-Muskau (Tutti-Frutti, Teil I, S. 221) — „zu unserer ewigen Schmach eine zahlreiche Klasse unserer Mitmenschen verfolgten und erst selbst verderbten, um sie nachher dieser Verderbnis wegen anklagen zu können. Heute hat sich leider ein sehr großer Teil des deutschen Adels von diesem mittelalterlichen Vorurteil noch immer nicht frei machen können, das Nikolaus Lenau (Nikolaus Niembsch Edler zu Strehlenau) in einem Gedicht also kennzeichnet: „Ein kaltes, plumpes, blödes Ungeheuer, Das Herzen frißt und saugt Gehirne trocken. Das ewig wälzt, ein träger Wiederkäuer. Des Elends mittelalterliche Brocken. Harpunen in die Schuppen starrer Satzung! Und Dolche noch, die Menschheit zu erlösen! Kein blutend Herz dem Untier mehr znr Atzung! Messias Zorn! o komm, erschlag den Bösen)-" Dem deutschen Adel aber, dessen historische Verdienste in der Vergangenheit kein objektiv Denkender ableugneu wird, würde auch das deutsche Volk freudig wieder seine Sympathien zuwenden, wenn es in immer größerem Umfange der Mahnung E. Ch. v. Kleists („Frühling") folgen wollte: „0 mehret derjenigen Heil, die eure Fittiche suchen, Deckt sie, gleich brütenden Adlern. Verwandelt die Schwerter in Sicheln, Erhebt die Weisheit im Kittel und trocknet die Zähren der Tugend." Die selbstgerechten Lobredner des Adels sollten nie vergessen die Mahnung, die einer seiner edelsten Sprossen, Ulrich v. Hutten, an seine Standesgenossen gerichtet hat: „Mir ist' es nicht genug, mit den Verdiensten und dem Ruhm meiner Vorfahren zu glänzen. Ich verachte den Adel, welchem bloß das Glück der Geburt erteilt, und der nicht durch persönliche Verdienste erworben und unterstützt ist. Ich will mich womöglich selbst adeln und aus meine Nachkommen etwas fortpflanzen, was ich nicht von meinen Voreltern empfangen habe. Vergebens bewahren diejenigen ihren Stammbaum, die sich durch keine persönliche Tat den Adel erwarben. Eine Zierde zwar ist das Alter des Geschlechts, aber eigentlich doch nur eine Aufforderung, den Ahnen ähnlich zu werden. Die Tugend ist der Maßstab des echten Adels." Wie weltenfern steht aber heute der größte Teil des Adels diesem Ideal eines wahrhaften -Edelmannes, wie es Ulrich von Hutten ansgestellt hat? Der heutige Junker liebt, wie nahezu jeder Versammlungsbericht der agrarischen Presse beweist, eine frische, fröhliche Judenhatz und verlangt stürmisch Ausnahmegesetze gegen die Juden, während doch der größte preußische Staatsmann vor 100 Jahren, Freiherr v.^. Hardenberg, *) best Beratung des Jndenedikts vom 11. März 1812 die denkwürdigen: Worte gesprochen hat.: / „Ich kann kein Gesetz über Inden billigen, das mehr alsöier Worte enthält: „Gleiche Rechte, gleiche Pflichten." Wenn dann die deutschen Juden im Bewußtsein treuer^ staatsbürgerlicher Pflichterfüllung in vielleicht etwas lemperament? voller Weise die Gewährung ihrer vollen staatsbürgerlichen. Rechte verlangen, machen sie sich. ,,lästig" und „nberheben" siesich, während sie doch nur nach den Worten Goethes handeln:. „Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zubekennen. Wer' das Recht auf seiner Seite fühlt, muß derb anftreten; ein höfliches Recht will gar nichts heißen." Darum wäre es zu wünschen, daß eine so weitherzige Auffassung des Judentums, wie wir sie z. B. in Nummer 42-- der „Christlichen Welt" finden,; in den Kreisen der Gebildeten immer mehr Eingang fände. Dort werden eine Reihe von jüdischen Stimmen zur Jndensrage behandelt, denen der Rezensent Fiebig folgende Schlußworte anfügl: „Wir wollten in diesen Zeilen einen Blick tun in die Seele heutiger Inden. Wir sahen hier ein Ringen um Anerkennung der Menschenrechte des Inden, die Sehnsucht nach ungehinderter Betätigung, nach Heimat und Vaterland, nach Verwirklichung, der Ideale der Kultur, der Sittlichkeit, der Religion. In freiem, wissenschaftlichem, philosophischem nnd religiösem Geiste arbeiten alle diese Menschen an der Hebung ihres Volkes nnd der ' Menschheit, ein jeder in der Weise, die seiner Nationalität und Bildung entspricht. Znm teil sind diese Kämpfe der Juden, denen, die auch wir Christen ansznfechten haben, sehr ähnlich.. Trennung von Religion und Staat, Kamps gegen die Orthodoxie: diese Fragen kennen wir-ja nur zu gut. Andererseits sind diese Kämpfe um Nationalität, Heimat, Vaterland spezifisch jüdischer Natur. Das dürfte aber aus den vörgeführten Schriften klar sein, daß das zionistische Ideal, d. h. das Ringen nach einem politisch faßbaren Vaterland, längst nicht überall bei dem heutigen Juden ein Echo findet. Ihr Ideal ist innerlicher, geistiger. Wir freiten uns aller, die nach einem Ideal ringen.. Mit solchen Menschen können wir leben und arbeiten, seien sie Juden oder Christen." *) Dafür muß sich freilich der Vater des Judenediktes vom 11. März 1812 in der Juli-Nummer des „Hammer" (S. 241/242)- in einem Artikel, der die vielversprechende Ueberschrist: „Hardenbergs Verbrechen" trägt, nachsagen lassen, daß er von Juden durch Geld bestochen worden sei. In den Aufzeichnungen der Frau Amalie v. Beguelin,. die zu Hardenberg in Beziehungen gestanden hat, soll sich nämlich folgende^ heute natürlich auf ihre Glanbwüdigkeit nicht näher zu kontrollierende Behauptung finden: „Durch die Trennung von seiner ersten Gemahlin war Hardenberg in große Geldnot versetzt worden, da er ihr Vermögen ihrem Großvater znrückgab und viel Geld in ihre Güter gesteckt hatte, die erst später Früchte tragen konnten. In dieser Verlegenheit kam ungebeten ,ein Jude (der braunschweigische Hofjude Herz Samson) zu ihm und bot ihm eine große Summe zu sehr mäßigen Zinsen an. Diese Hilfe in der Not vergaß der Kanzler später nicht und vergalt sie dem Geschlechte durch die in Preußen bewilligten Freiheiten." Daran schließt der Artikelschreiber des „Hammer" folgenden Stoßseufzer, defien groteske Wirkung wir durch keinen Kommentar abschwächen wollen: „Wir wissen also jetzt mit Sicherheit, daß das Jndengeld, welches in unserer ganzen politischen und sozialen Entwicklung eine so verhängnisvolle Rolle spielt, bereits bei dem ersten Schritt zur Emanzipation der- Juden seinen entscheidenden Einfluß ansgeübt hat. Durch-Judengeld gewonnen, bat Hardenberg mit dem Judenedikt von 1812 den Quell eröffnet, aus dem sich eine Flut unendlicher Leiden über unser Volk und Vaterland ergossen hat. (Vergl. „Kreuzzeitung" von 1892.)" ___ Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien. Das Schuljahr 1912/1913 nimmt Donnerstag, den 10. Oktober seinen Anfang; die Aufnahme-Prüfungen, zu welchen nur die früher schriftlich Angemeldeten zügelasseD werden können, finden Donnerstag, den 11. Oktober statte Die Vorlesungen beginnen Sonntag, den 13. Oktober. Wien, August 1912. Das Kuratorium der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien.

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