Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 35 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 35. der deutschen Juden" geprägt. Eine Schrift von ihm, die unter dem gleichen Titel erschienen ist (München, Ernst Reinhardt, 1911) hat viel Aufsehen erregt. Außer vielen Anhängern, die — mochten sie die einzelnen Ausführungen der Theilhaberschen Schrift auch noch so kritisch betrachten — im Prinzip seine Idee für richtig hielten, sind ihr leidenschaftliche Gegner erwachsen. die mit weit besseren Waffen als Theilhaber ihre, vielleicht nicht immer ebenso gute, Sache zu verteidigen wußten. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Im Durchschnitt der Jahre 1876/80 trafen auf 1000 preußische Inden noch 32-4 Geburten, auf 1000 hessische 33-3 und aus 1000 bayerische 31-6. Im Durchschnitt der Jahre 1906/09 in den nämlichen Staaten 17'29, 16-27 und 19-07. Das sagt genug! Wir Häven es also innerhalb 3 Jahrzehnten überall mit einem Rückgang um mehr als 33% bis zu 50°/0 zu tim. Was sind nun die Ursachen dieser Erscheinung? Hierfür lassen sich eine Reihe von Momenten als Gründe angeben. Segall har in seiner wertvollen Schrift „Die beruflichen und sozialen Verhältnisse der Inden in Deutschland"*) — teilweise natürlich nach dem Vorgang anderer — auf eine große Anzahl von Erscheinungen, die hier umspielen, hingewieseu. Wir nennen nur die bedeutendsten: den Verlust aus Wanderungen, aus Taufen und Mischehen. Allein alle diese Verluste spielen keine ausschlaggebende Rolle. Was die Geburten ans Mischehen betrifft, so habe ich nachgewiesen, daß durch sie heute jährlich etwa 3—40/0 den Geburten von jüdischen Ehegatten dem Judentum verloren gehen. Auch der Verlust infolge der Wanderungen kann nicht als überwiegende Ursache angesehen werden. Schon vor den 60er Fahren des vergangenen Jahrhunderts haben zahlreiche Juden Deutschland den Rücken gekehrt, und doch war — eine interessante Erscheinung :— im Jahre 1860 die Geburtenziffer der Juden in Deutschland noch gerade so groß, wie die der sie umgebenden Bevölkerung. Und wenn auch die 80er Jahre und der Anfang der 90er Jahre eine erhöhte Judenauswandernng gebracht haben, so steht dem ./gegenüber,, daß seit 1895 allein in Preußen zirka 20.000 Inden bis zum Jahre 1910 mehr eiugewandert als ausgewandert sind, und doch ist der Geburtenrückgang nicht anfznhalten gewesen. Ausschlaggebend ist vielmehr ein anderer Grund: Die Abnahme des Zeugnngswillens und des Willens zu gebären. Woher kommt nun diese Erscheinung? Es ist ganz zweifellos, daß sich die Abnahme des Zeugnngswillens in allen sozial besser gestellten Schichten eines Volkes zeigt, daß diese Erscheinung, weil sich die sozial bessergestellten Schichten in erster Linie in den Städten stnden, in überwiegendem Maße Stadterscheinung ist, und ebenso zweifellos ist es, daß die Juden sowohl zu den wohlhabenderen Schichten als auch zu der Stadtbevölkerung ein Kontingent stellen, das größer ist, als ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechen würde. Allein ihre soziale Lage und ihr Anteil an der Stadtbevölkerung, die wieder nur die Abnahme des Zeugnngswillens erklären, die man aber nicht, wie Segall, als selbständige Ursachen neben diese stellen darf, wenn anders man nicht, wie Inspektor Bräsig, die Armut mit der Pauvert« erklären will, hätten nie vermocht, ein orthodoxes Judentum in die Bahn des Neomalthusianismns zu zwingen. Die Juden befanden sich vor dem Jahre 1860 durchschnittlich schon in den gleichen günstigen Verhältnissen, wenn sie auch nicht in so hohem Grade Stadtbewohner waren wie heute. Allein solange ihnen ein starkes Festhalten an der hergebrachten Satzung es unmöglich machte, sich über das „Seid fruchtbar und; mehret euch" ohne Gewissensbisse hinwegzusetzen, halte ihre günstige soziale Lage nicht, das Sinken der Fruchtbarkeit im Gefolge, das ihr sonst auf dem Fuße zu folgen pflegt. Erst als in den 60er Jahren aus einer Reihe von Gründen eine immer stärkere Abkehr von der Religion oder zum mindesten von der Strenggläubigkeit eintrat, vermochten die sozialen Faktoren auf einmal ihre Wirkung zu tun.. Und die Abkehr von der Religion, der Rationalismus, hat so wie ein Heft 9 der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden. Berlin 1912. Diesem Buch sind im folgenden, wenn nicht ein anderes ausdrücklich gesagt ist, die Zahlenangaben entnommen. Auch sind feine Ausführungen mehrfach wörtlich,benützt. sterbender Simson —so habe ich dies auch schon an anderer Stelle ansgedrückt — das Judentum der Entvölkerungsgefahr ausgesetzt. Diese Tatsachen,; die für jeden Inden — aber auch für jeden Nichtjnden — sehr bedenklich sind, hört man in den Kreisen des liberalen Judentums doppelt ungern. Muß man sich doch sagen: An die Stelle eines strenggläubigen Judentums haben mir allerdings ein modernes, freigeistiges zu setzen gewußt. Die Form ist uns heute nichts mehr, der Inhalt alles. Allein wir haben mit der Form doch auch ein Stück vom Inhalt mit hinweggerisfen: den Glauben an die gottgewollte Fruchtbarkeit. Genommen haben wir sie, wiedergeben können wir sie unserem Volke nicht mehr! Und weiter. Unter den heutigen Umständen ist an eine Erhaltung des westeuropäischen Jndentums, verbunden mit einer vollständigen Assimilation, nicht mehr zu denken. Ohne Einwanderung stirbt das deutsche Jndentnm ans. Soweit hat Theilhaber recht. Mit Einwanderung wird es sich niemals vollständig assimilieren. Daran denkt wohl auch Segall, wenn er in seiner Publikation die für ein offizielles Zahlenwerk recht subjektive Bemerkung macht, daß er das Bevölkerungsproblem untersuchen wolle, „weil es erforderlich ist, den „Vorwurf" zu entkräften, daß die deutschen Inden gewissermaßen absichtlich an ihrem Niedergang schuld sind, und weil man nur so die Mittel und Wege erfahren kann, welche zu einer Heilung führen können." 2. Man muß alles das festhalten, was wir ausgeführt haben, wenn man an eine Betrachtung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der deutschen Inden in der Gegenwart, die durch Veröffentlichung der deutschen Berufsstatistik von 1907 erleichtert worden ist, herantreten will. Es ist selbstverständlich, daß sich infolge der geringen Geburtenzunahme der deutschen Inden auch die Zahl der beruflich tätigen Inden nur in geringerem Maße vermehren konnte als bei der übrigen Bevölkerung. Ist die Familie klein, brauchen und können überhaupt nicht so zahlreiche Angehörige wirtschaftlich .tätig sein, als in einer größeren Familie. Aber es ist unzutreffend, wie dies Naumann in der „Hilfe" getan hat, dies darauf allein zurückznsühren, daß das jüdische Element im ganzen zurückgeht. Es ist ein VerdienstSegalls, den wahren Kausalzusammenhang klar und schärf herausgearbeitet zu haben. Weitaus der größte Teil der nichtjüdischen Bevölkerung ist bekanntlich landwirtschaftlich und industriell tätig (28-65 ft- 42*75%)*), während die Inden hauptsächlich im Handelsstand vertreten sind (50-56°/o) **), erst in den letzten Jahrzehnten sich der Industrie zuwenden (21-87%)**) und außerdem noch die freien Berufe bervorzugen (6-54%)**). Nun ist folgendes zu beachten ^Landwirtschaft und Industrie sind zwei Bernfszweige, in denen Personen im jugendlichen Alter und weiblichen Geschlechtes, welche ja das Hauptkontingent zur Gruppe der „Angehörigen" stellen, in größerem Umfange beschäftigt werden können. Namentlich die Industrie mit ihren starken Arbeitermassen nimmt immer mehr die weiblichen Arbeitskräfte auf. Dagegen setzen Handel sowohl wie freie Berufe zur beruflichen Betätigung ein höheres Alter voraus und und dem weiblichen Geschlecht nicht in so hohen: Maße zugänglich wie Landwirtschaft und Industrie. Bei den Juden hat sich nun seit der letzten Berufszählung nur eine Verschiebung vom Handel zur Industrie vollzogen und dies auch nur in den Schichten der Selbständigen und Angestellten. — Ein Arbeiterstand hat sich nicht entwickelt. — Die Beteiligung an den freien Bernsen ist gestiegen. Allein jetzt tritt auch schon bei ihnen das weibliche Element in den Wirtschaftskampf ein. Das weibliche Element im Wirtschaftskampf? Gewiß, 1905 waren von den weiblichen deutschen Inden nur 21*97%.erwerbstätig, 1907 sind es bereits 30%. Wie reimt sich das aber mit der. so oft geschilderten, zuletzt auch von Sombart betonten größeren Wohlhabenheit der Juden zusammen? Da ist denn zu sagen: Es ist richtig, daß ans jüdischer Seite im Verhältnis zur Bevölkerungsanzahl größere Vermögensansammlungen anzutreffen sind, als dem Anteil der Juden an der Ges.amtbevölkernng entspricht. Allein, einer nicht unbeträchtlichen Anzahl reicher und *) sc. aller Erwerbstätigen. **) sc. aller jüdischen Erwerbstätigen. ,,,