Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 35 (6.9.1912)
- Date
- 1912-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 5. . Nr. 35. Der Amerikanische Handelsminister Nagl hat dieser Tage einen Erlaß herausgegeben, der mit Rücksicht auf die große jüdische Auswanderung verdient, auch in den jüdischen Kreisen bekannt gegeben zu werden. Laut diesem Erlasse erlangen die Kinder jener amerikanischen Einwanderer, welche das amerikanische Bürgerrecht erworben haben, gleichfalls das amerikanische Bürgerrecht von dem Momente an, da sie ihr ursprüngliches Heimatsland verlassen. Diese Verfügung ist deshalb von großer Wichtigkeit, weil besonders jüdische Familienväter oft selbst Nach Amerika auswanderu, und lassen ihre Familienmitglieder so lange in der alten Heimat zurück vis sie sich in der neuen Welt eine Existenz gegründet haben. Oft ist das Familienhanpt bereits im Besitze der amerikanischen Bürgerdoknmente, während die Familie noch im Lande der Bedrückung weilt. Es sind nun Fälle vorgekommen, daß Mitglieder der Familie eines solchen eingewanderten Bürgers in Newyork ans irgend einem Grunde nicht ans Land gelassen wurden, was ganze Familientragödien zur Folge hatte. Durch die neue Verfügung des Handelsministers werden solche traurige Fälle in Zukunft ausgeschlossen sein. Ans drrSerlinrr jüdischen Gemeinde. Bekanntlich wurde zu Beginn des heurigen Jahres von orthodoxen Mitgliedern der Berliner Gemeinde eine Petition an die beiden Häuser des preußischen Landtages, sowie an die königl. preußische Regierung überreicht, deren Inhalt in einer Repräsentamensitzung der Berliner jüdischen Gemeinde scharf kritisiert wltrde. Zur Abwehr der bei diesem Anlasse gegen die Orthodoxen erhobenen Vorwürfe, veröffentlicht der Vorstand des Vereines zur Erhaltung des überlieferten Judentums nachstehetide Erklärung: In der Sitzung der Repräsentantenversammlnng der Berliner Jüdischen Gemeinde am 30. Juni 1912, wurde seitens einer Anzahl Repräsentanten eine Interpellation an den Gemeiudevorstand gerichtet, die sich u. a. mit' der Petition beschäftigte, welche seitens des Vorstandes unseres Vereines zur Erhaltung des überlieferten Judentums ani 3. März 1912 an die beiden Häuser des preußischen Landtages und an die Königl. Staatsregierung gerichtet worden war. Die Kritik, welche unsere Petition sowohl seitens der Interpellanten wie des Gemeindevorstandes erfahren hat, zwingt uns, gegenüber unseren Mitgliedern wie gegenüber der jüdischen Oeffentlichkeit, die folgende Erklärung abzugeben. 1. Unsere Petition haben wir eingereicht kraft des jedem preußischen Staatsbürger verfassungsmäßig zustehenden Rechtes. (Artikel 32 der Verfassungsurkunde für den preußischen Staat.) Gegen jeden Versuch einer Schmälerung dieses verfassungsmäßigen Rechtes müssen wir von vornherein Verwahrung einlegen. 2. Die von dem Begründer der Interpellation, Herrn Dr. Kalischer aufgestellte Behauptung: „Es gibt andere Wege, die Erfüllung wirklich religiöser Wünsche zu erlangen; sie sind bei den Gemeindebehörden noch nie vergebens geäußert worden, wenn es in ihrer Macht lag, sie zu erfüllen" steht, wie Herrn Dr. Kalischer bekannt sein mußte, mit den Tatsachen in schneidendem Widerspruch. Es seien in aller Kürze nur einige Punkte erwähnt, zti denen unser Verein innerhalb der letzte:: Jahre Vorstellungen bei dem Gemeindevorstand erhoben hat. s.) Gesuch, auf dem Friedhofe in Weißensee bei Gelegenheit der Errichtung einer neuen Leichenhalle eine Einrichtung zu treffen, die auch den Ko hanim den Eintritt in die talle ermöglicht. rötest unseres Vereines, gegen die Annahme der Dr. Cohn'schen Stiftung, die auf die S a b b a t h e n t w e i h int g seitens jüdischer Handwerkslehrlinge eine Prämie in Gestalt beträchtlicher G e l d u n t e r st ü tz n n g e i: aus setzt, c) Wunsch um Enthebung des Herrn Dr. Kellermann von seinem Ilmte als Religionslehrer der jüdischen Gemeinde, nachdem K. in Wort und Schrift das Judentum schmähende Aeußernngen getan hatte, und nachdem er durch seine Veröffentlichungen sich zu einem nnverhüllten Pantheismus bekannt, und damit sich selbst außerhalb der Lehre des Judentums gestellt hatte., d) Gesuch um Einrichtung von Jrlgendgortesdiensten an den hohen Festtagen nach dem überlieferten Ritus. Bisher wird der Jugendgottesdienst an diesen Tagen ausschließlich in einer Form abgehalteu, die die Teilnahme gesetzestreuer Kreise ausschließt. Der Erfolg unserer Vorstellungen und Eingaben war in allen diesen Fällen, wo es sich unbestritten um „wirklich religiöse" Wünsche handelte, — die Liste ließe sich noch erheblich verlängern — der gleiche. Die Eingaben wurden zu den Akten gelegt, während wir eine Antwort überhaupt nicht oder erst nach Jahren erhielten. Das ist die Behandlung, die die Gemeindebehörden den Vertretern des überlieferten Judeulums innerhalb der Berliner jüdischen Gemeinde seit Jabreu angedeihen lassen. Durch die geplante Anstellung der besoldeten Vorsteher müßten wir befürchten, daß die zurzeit gegen das überlieferte Judentum verfolgte Praxis, von der wir hofften, daß sie bald eine Aenderung erfahre, für unabsehbare Zeiten verewigt werde. Um das zu verhindern, waren wir gezwungen, dem Vorstand aus dem von ihm zuerst eingeschlagenen Wege zu folgen, und um die Ablehnung des von ihm inspirierten Gesetzentwurfes die beteiligten Körperschaften auzngehen. Ob wir damit wahrhaft jüdische Interessen verletzten oder nicht, vielmehr, wie wir glauben, ihnen in hervorragender Weise gedient haben, darüber haben nicht der Vorstand und die Repräsentanten-Versammlung zu entscheiden; sie sind hier entgegen den elementarsten Rechtsgrnndsätzen Kläger und Richter in einer Person, und ihrem Urteil weroen wir uns nicht beugen. Auch dann nicht, wenn man, wie in jener Sitzung leider geschehen ist, unseren Verein und die Mitglieder unseres Vorstandes durch Schmähungen zu verunglimpfen sucht. Wir legen die Entscheidung über die Berechtigung unseres Vorgehens gegenüber der Jahrzehnte lang systematisch betriebenen Unterdrückung aller Forderungen des überlieferten Judentumes :n die Hände eines größeren Forums: des „Kelal Jisroel." Eine ausführliche Kritik der in jener Sitzung ausgestellten Behauptungen behalten wir uns vor. Die vorliegende, in der ersten nach den Ferien abgehaltenen Sitzung unseres Vorstandes beschlossene Erklärung soll nur einstweilen zeugen, daß wir nicht gewillt sind, jene Angriffe unerwidert zu lassen-. Der Vorstand des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums. I. A.: Moritz A. Loeb, Vorsitzender. Die Inden nnd das deutsche Wirtschaftsleben der Gegenwart. Von Rechtsanwalt Dr. jur., pML, oec. publ. Rudolf Wassermann (Nürnberg-Berlin). *) Unter dem Titel «Das Judentum und die Genesis des modernen Kapitalismus" hat im Januarheft der Preußischen Jahrbücher (55. Jahrg. 1912) der Kieler Historiker Rachfahl sich im Anschluß an Sombarts bekanntes Buch eingehend mit der Bedentnng des jüdischen Elements für das Wirtschaftsleben der deutschen Vergangenheit beschäftigt. Am Schlnsse seiner bedeutsamen Ausführungen ist Rachfahl auch auf die Gegenwart eingegangen. Die Probleme, die er nur angedeutet hat, sollen im folgenden weiter ausgeführt werden. 1. In einem Aufsatz, den ich im Jahre 1908 geschrieben habe und der sin Jahre 1909 in der damals von Wolfs redigierten Zeitschrift für Sozialwissenschaft erschienen ist, habe ich folgende von Rachfahl zitierte Ansicht geäußert: „Die Judenfräge lautet für Deutschland nicht, wie die Antisemiten behaupten :. Wann wird Inda Deutschland unterjocht haben? sondern sie lautet: Wann wird das deutsche Jndentnm sich so verringert haben, daß es für die deutsche Kultur belanglos geworden sein wird?" Felix Theilhaber hat diese Idee übernommen und daraus sein sensationelles Schlagwort vom «Untergang *) Aus den „Preußischen Jahrbüchern".