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Die Wahrheit · 1912-09-06 · Heft 35 (6.9.1912) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 35 (6.9.1912)
Date
1912-09-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit. Nr. 35. dierten Maßnahmen, welche bestimmt waren, die Anordnungen des Landesschulrates unwirksam zu machen, bereits zur Ausführung gebracht worden seien. Der Landesschulrat hat nun in einem Sonntag herausgegebenen, heute veröffentlichten Erlaß die Verfügungen des Stadtschulrates aufgehoben und die Wiederherstellung des früheren Zustandes angeordnet. Der Landesschulrat erklärt in seinem in Abwesenheit des Landeschess Grafen von Meran vom Hofrat v. Görz gezeichneten Erlaß, daß zu einer Schnlspreugeländernng derzeit keinerlei genügende .Veranlassung gegeben sei nnd zur Feststellung ihrer Notwendigkeit erst das Ergebnis der diesjährigen Einschreibungen auf Grund der bisher in Geltung bestandenen Schnliprengel-Einteilung abzuwarten sei. Aus diesem Grunde seien die Aufnahmen in die Schulen vorläufig in der bisherigen Weise vorzunehmen, darauf an Hand der gewonnenen Erfahrungen etwa erforderliche Verfügungen im Rahmen der bestehenden Gesetze zu treffen, beziehungsweise vom Stadtschulrat in Antrag zu bringen. Der Stadtschulrat hat sich diesen neuesten Bestimmungen der Vorgesetzten Behörde abermals nicht gefügt. In einem heute an die deutschen Schulleitungen gerichteten Erlaß werden die Lester der zur Konzentrierung der katholischen Schuljugend bestimmt gewesenen Anstalten in der Siebenbürgerstraße nnd Bahnhofstraße angewiesen, alle, also auch die jüdischen, vom heutigen Tage an sich meldenden Kinder aus den von ihrem Sprengel kürzlich abgetrennten Stadtteilen unter dem Vorbehalt nachträglicher Ausschulung einzuschreiben, die Schulen in der Altgasse, und der Klokucka hingegen haben die Kinder, welche ans den ihren Schulsprengeln angegliederten Stadtteilen bereits eingeschrieben wurden, in Evidenz zu halten, ohne weitere Einschreibungen entgegenznnehmen. Chronologisch geordnet sind in dem Schulstreite bisher folgende Verordnungen ergangen: Am 24. Juli der Erlaß des Stadtschulrates, daß alle christlichen Kinder in die Schulen Bahnhofstraße und Siebenbürgerstraße einzuschulen feien; am 17. August ein Erlaß des Landesschulrates, wodurch diese Anordnung außer Kraft gesetzt wird; am 26. August ein Stadtschulratserlaß. welcher den Schulleitern eine Einwirkung auf die christlichen Eltern nahelegt; am 27. August ein zweiter Erlaß, wodurch von den Sprengeln der beiden erwähnten Schulen Stadtgebiete abgetrennt werden, um die Zahl der jüdischen Schüler zu vermindern und Platz für die dahin einzuschulenden Kinder zu schaffen; am 31. August ein Landesfchulratserlaß, welcher dem Stadtschulrat einen Bericht über diese Verfügung abfordert; am 1. September ein abermaliger Erlaß, welcher die Schulsprengeländerung annulliert; endlich heute der Stadtschulratserlaß, der diese Korrektur abermals zu Paralysieren bestrebt ist. Wenn man bedenkt, daß die jüdische Bevölkerung von Czernowitz mehr als 75 Prozent zur Erhaltung des städtischen Schulwesens beiträgt, dann erscheint der Gewaltakt der Stadtfchulbehörden noch viel krasser nnd es ist um so begreiflicher, wenn die jüdischen. Eltern gegen die jesuitischen Kniffe der konfessionellen Hetzer mit aller Entschiedenheit protestieren und sich -energisch dagegen wehren, daß ihre Kinder entfernte Schulen anfsuchen sollen, die nicht in ihrem Schulsprengel liegen. * * Im Jahre 1897 leitete der Vorsteher der Essegg-Oberftädter Kultusgemeinde, Herr Dr. Hugo Spitzer, eine Aktion ein, um die Eliminierung des besonderen Judeneides ans dem Prozeßverfahren im Wege der Gesetzgebung zu erwirken. Trotzdem seine an den Landtag der Königreiche Kroatien-Slavonien und Dalmatien gerichtete, erschöpfend motivierte Petition von allen Kultusgemeinden gutgeheißen und unterstützt und auch vom Landtage der Regierung zirr Würdigung abgetreten wurde, wollte die Sache nicht vorwärts kommen. Die Landesregierung arbeitete zwar wiederholt Entwürfe aus, allein der stete Regierungs¬ und Systemwechsel brachte es mit sich, daß keiner dieser Entwürfe Gesetz wurde, ja nicht einmal zur verfassungsmäßigen Behandlung vor den Landtag kam. Nun hat der königliche Kommissär in Kroatien-Slavonien, Exzellenz v. Guvaj, eine Landes-Gesetzgebungskommission eingesetzt, welcher von kroatisch-slavonischen Juden Vorsteher Dr. Hugo Spitzer. Abgeordneter Dr. Ludwig Schwarz (Agram) nnd Bankdirektor Otto Weißmayer (Esfegg) als Mitglieder angehören, und eine der ersten Arbeiten dieser Kommission war die Schaffung eines Gesetzes zur Abschaffung des Jndeneides. Der von der Kommission entsendete Ausschuß,, dessen Präsident Abgeordneter Domherr Dr. Radicevic und Vizepräsident Kultusvorsteher Dr. Spitzer ist, hat in seiner am 20. Juli d. I. abgehaltenen Sitzung die Regierungsvorlage in Verhandlung gezogen und mit einigen Abänderungen angenommen, so daß bei dem demnächst zu erwartenden Zusammentritt des Landtages das Gesetz, mit welchem der Jndeneid in Kroatien - Slavonien abgeschaffl wird, endlich zur Tat werden wird. * * * Angesichts des kürzlich veröffentlichten Erlasses des österreichischen Kriegsministers betreffs der Beschränkungen bei Beförderungen zum Reserveoffizier erscheint der vor wenigen Tagen im „Berl. Tagbl." vom Abgeordneten Georg Gothein veröffentlichte Artikel über die Zurücksetzung der Juden im preußischen Heere von besonderer Aktnellität. Darin werden die Debatten des letzten Reichstages noch einmal behandelt, die Fälle kritisiert, wegen deren zwei Juden ausgeschlossen wurden, nnd die Antworten des Kriegsministers einer scharfen Kritik unterzogen. Es wird namentlich betont, daß die Konfession das einzig, wirkliche Hindernis der Beförderung bilde, daß die Taufe alle sogenannten Gründe vernichtete. Der beachtenswerte Artikel, der den Ausschluß der Juden als „verfassungswidrig" kennzeichnet, schließt mit folgenden Sätzen: Daß darunter die innere Wahrhaftigkeit, das Gefühl für Recht wie für Ehre, das auf der Wahrheit und Ehrlichkeit beruht, schwer leiden muß, ist klar. Daß aber auch das Ansehen des Offizierskorps bei anderen Nationen leidet, die den Antisemitismus, diese Schmach des Jahrhunderts, wie ihn Kaiser Friedrich genannt hat, als eine traurige Knlturrückständigkeit empfinden, müßte man sich auch in den leitenden Kreisen unseres Heeres sagen. - . . Ist es schon ein schreiendes Unrecht, daß man der Religionszugehörigkeit wegen einen. Teil unserer Mitbürger von der Offizierslaufbahn ansschließt, so ist doch die Nichtzulassung zum Reserveoffizier das Unerhörteste. Denn jeder einzelne muß dienen; er hat nicht die Wahl, es zu tun oder zu lassen. Wenn ihn aber der Staat zum Herresdienft zwingt, so muß er ihm unbedingt anch die Möglichkeit geben, die Stellungen darin zu erlangen, die jedem anderen zugänglich sind. Der Ausschluß der Juden mm der Stellung eines Reserveoffiziers ist der schreiendste Akt der Ungerechtigkeit, den die Reaktion fertiggebracht hat; er ist ein ständiger Bruch der Verfassung, ein Hohn auf den Begriff des Rechtsstaates, ein Rückfall in die Unkultur, der Preußen an die Seite des von den echtrnssischen Leuten geleiteten Rußland stellt. Es ist ein Zustand, den die große Mehrheit des Reichstages stets aufs schärfste mißbilligt hat, den sie mit Scham empfindet, den zu ändern sie aber bisher nicht den Entschluß gefaßt hat. Dieser Entschluß müßte darin bestehen, jedem Kriegsminister das Gehalt zu verweigern, der nicht radikale Abhilfe schafft, der nur mit Worten, nicht aber mit Taten die Verfassung einhält. - * Gegenwärtig sollen zwischen dem Richter' Leon Sanders, Präsident vom Hllfsverein für die jüdischen Emigranten in New-Iork, nnd Vertretern der großen Organisation in Berlin, Paris und London Verhandlungen stattsinden behufs Regelung der Aus- und Dnrchwandernng der europäischen Inden. Namentlich soll dafür gesorgt werden, daß die Einwanderung von New- Iork ab- und mehr nach dem Westen Amerikas hingelenkt werde. Ob eine Einigung zwischen den einzelnen jüdischen Organisationen in Europa erzielt werden wird, bleibt noch abzuwarten, da bisher bei allen ähnlichen Bestrebungen jede gemeinsame Aktion an der Frage gescheitert ist, welche der Organisationen die Führung in derselben zu übernehmen hätte. Wie von eingeweihter Seite gemeldet wird, ist es nicht ausgeschlossen, daß Richter Sanders nach Beendigung seiner Konferenzen sich auch nach Galizien und Ungarn begeben wird, um anch die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennen zu lernen. * -i- *

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