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Die Wahrheit · 1912-08-30 · Heft 34 (30.8.1912) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 34 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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feeite 8. Die Wahrheit. 9ir.' 34. » Der berühmte Theologe H. Holtzmann schreibt iu der „Ztsch. für praktische Theologie" (VII. S. 334 f.): „Im neuen Testament ist kern Abschnitt, der so sehr das klassische Muster einer Jugendschrist genannt werden könnte, wie die Geschichte Josefs, diese populärste aller biblischen Historien, die sich darum auch zum guten Teile im Kreis der Familie bewegt. Keine neutestamemliche Erzählung reicht, was Kindlichkeit betrifft, an sie heran. Die Parabel vom verlorenen Sohn setzt schon viel bitteren Geschmack vom Leben voraus, um verstanden zu werden. Ehe sie an die Reihe kommt — und dieser Fall ist typisch für eine Menge analoger Fälle, — muß die einerseits reichere, andererseits aher doch auch unendlich einfachere Geschichte vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn des alten Testaments nach allen Seiten, die sie einer katechetischen Behandlung bietet, dnrchgesprochen sein. Welch eine Fülle sittlich religiöser Wahrheit ist hier in einer überaus zu Herzen sprechenden Form zusammengedrangt. Die Wirkungen der Kindesliebe, der Großmut, des Gottvertranens und andererseits der häusliche Jammer, die Gewissensangst als Fluch der Sünde, das wirkliche Leben mit seinen unerbittlichen Härten und die gleichwohl dasselbe beherrschende göttliche Weltordnung, wie ist das alles so anschaulich und ergreifend dargestellt, wie überzeugend tritt aus der ganzen Geschichte uns die Wahrheit entgegen, daß es keine wahre Sittlichkeit gibt ohne ein lebendiges Gottesbewußtsein." Friedrich Cnrtius vergleicht in seiner Schrift über Heinrich Gelzer Altes und neues Testament: „Das Neue Testament hat seine notwendige Ergänzung in dem Alten Testament. Hier ist vor allem der genieinsame Grundgedanke des Staatsrechtes und der Politik, die Persönlichkeit des Volkes, mit einer genialen Sicherheit und Klarheit vorgetragen, wie sonst nur in den Schriften der römischen Juristen . . Die soziale Weisheit des Alten Testamentes rühmte vor einigen Jahren in der „Allgem. konservativen Monatsschrift für das christliche Deutschland" Pastor Albrecht Romann. Er schließt mit den Worten: „Industrie und Kunstgewerbe stand höher als der Handel. Bezalel und Ahaliab, die Baumeister der Stiftshütte, galten als vom Geiste Gottes besonders erfüllt. Doch auch diese Tätigkeiten' bilden nicht die eigentliche Grundlage des Staates. Die blieb der Ackerbau. Nicht die Geld-, sondern die Feldwirtschaft bildeten das Fundament, ans dem das Gebäude ruhte. So sehen wir: die ganze Tendenz der mosaischen Gesetzgebung geht nicht aus imgemessene Vermehrung, sondert! auf Erhaltung und Befestigung des Besitzes, suchte dem fieberhaften Erwerbssinn die Türen zuzuschließen, begünstigte ein stilles, befriedigtes, gesichertes und mäßiges Leben, suchte dem Versinken der Masse in Not zu steuern. Die vielgepriesenen Gesetzgebungen eines Lykurg und Solon halten weder, was Weisheit und was wahre Humanität betrifft, einen Vergleich mit der mosaischen Gesetzgebung auch nur von ferne aus. Auch heutzutage können unsere Politiker nichts Besseres tun, als bei diesem Meisterwerke in die Schule zu gehen." Die katholische Kirche steht ebenfalls fest zum Alten Testament. Erst in diesen Tagen (10. 7.) leitete die „Kölnische Volks-Ztg." einen Artikel, der sich mit der oben erwähnten Rundfrage des Pastors Stendel beschäftigte, mit den Warten ein: „Jahrtausende hat das gewaltige Gesetz, das Moses im Austrage Jehovas den Juden verkündete und das mit lapidarer Wucht dem Sterblichen sagt, was er soll und was er nicht soll, der Menschheit unschätzbare Dienste geleistet. Es hat ihr den Grenzweg gezeigt zwischen dem Guten und dem Bösen, den Weg aus der Finsternis zum Lichte. Die Kultur der christlichen Welt ist groß geworden an diesem Gesetze, wie das Judentum an ihm groß geworden war. Bei dieser Gelegenheit sei auch gleich eine der Antworten wiedergegeben, die Stendel erhalten hat; sie stammt von dem Leipziger Philosophen und Psychologen Wilhelm Wundt, einem unserer bedeutendsten Denker, dem man aber gewiß keine besondere Vorliebe für das Christentum nachsagen kann. Er schreibt: „Der unvergleichliche Wert des Dekälogs' besteht darin daß er in seiner eindrucksvollen Kürze das ehrwürdigste Zeugnis-' für die Unvergänglichkeit der sittlichen Grundsätze selbst ist, daswir besitzen. Ihn verbessern wollen, würde ein Attentat gegen, den Geist der Geschichte, ihn durch einen Dekalog moderner Erfindung nachahmen wollen, ein törichtes Unternehmen sein. Der Religionslehrer mag ihn für unsere Zeit interpretieren, wie dies- Luther für seine getan hat. Von dem Dokument selbst lasse er die Hände." Den gleichen Standpunkt nimmt Fr. Bettex in seinem. Buche: „Natürstndium und Cristentum" ein: „Das unbeugsame eherne Gesetz des Sinai hat sich wiealles Göttliche bewährt. Es hat einen Haufen durch vierhundertjährige Knechtschaft verkommener Sklaven zu einem Volke geschaffen. Es stellte ungeheure Forderungen, wie an den einzelnen so an das ganze Volk, und eben dadurch hat es dasselbe starl gemacht, hat ihm . die Kraft und den Zusammenhalt gegeben, den wir an ihm trotz zweitansendjähriger Erniedrigung und Schmach' heute noch bewundern müssen. Es mögen doch die am Geiste Erblindeten, die im Gesetze Jehovas nur eine spätere Fälschung, zur Zeit Esras zu erblicken vermögen, znsammensitzen und unsauch eine solche Fälschung brauen, die dem deutschen Volke eben das wäre und das gäbe, was jenes Gesetz dem Volke- Israel!" Wir könnten noch eine ganze Reihe von christlichen Theologen anführen, die den hohen ethischen Wert des Alten Testamentes für den Religionsunterricht in geradezu begeisterndem Worten preisen, wollen jedoch, um den Leser nicht zu ermüden, schließen, und zwar mit der Wiedergabe der Kernpunkte eines- Referates, das der bekannte Kieler Kirchenrechtslehrer Professor- D. Baumgarten 1904 in einer Versammlung der „Vereinigung der Freunde der christlichen Welt" über das Thema : „Die Bedeutung des Alten Testamentes im Schulunterrichte" gehalten hat:: „Das Alte Testament muß im Schulunterricht bleiben, weil es die notwendige.und unentbehrliche Vorbereitung auf den neutestamentlichen Unterricht bildet, aber auch in Rücksicht auf seine hohe religiös-ethische Bedeutung. Das Christentum ist seinem Wesen nach eine geschichtliche Religion, gebunden an die Person. Jesu, die nicht nur mit allen Fasern des Herzens und Geistesan das Bundesvolk der Juden gebunden ist,, sondern deren Worte wir auch nur dann ganz verstehen, wenn man ein Verständnis hat für ihr Volk. Das Neue Testament setzt das Alte voraus; nur soweit dieses Jndengesetz und Gesetzeserfüllung betrifft, ist es abgelöst. Jesus selbst hat mit Genialität aus ihm: herausgerissen, was auch für uns von bleibendem Werte ist. den Weg durch die Erkenntnis der Sünde zur Gewißheit der Gnade. Das Neue- Testament, das im wesentlichen auf die Errettung der Einzel-- seele gestimmt ist, kann keinen Ersatz bieten für die Familien- und Volkserziehung, welche das Alte Testament in so wunderbarer Weise zeigt. Dazu kommt seine pädagogisch-poetische Bedeutung für die ersten Stufen des Kindesalters. Die derbe- Natürlichkeit, die Goethe an dem Alten Testament rühmt,- die unbefangene Religiosität, die naive - Art, in der in ihm die- Menschen mit Gott verkehren, sind von unschätzbarem Werten für das Kind. Mit Recht hat man auch die Kenntnis des Alten. Testaments für die literarische und künstlerische Bildung hervorgehoben. Seine Plastik und Erhabenheit kommt der Kunst nn-- mittelbar entgegen." Wie nun der alttestamentliche Religionsunterricht zu er-- teilen ist, ist eine Frage, die nur von pädagogischer Seite beantwortet werden kann. Und die deutsche Lehrerschaft hat diese Frage gerade auch im Hinblick auf die antisemitischem Aspirationen mit aller Deutlichkeit beantwortet. Dem preußischen- Lehrplan für Volksschulen ist im großen und ganzen der Lehr-- plan zngrun-de gelegt, den im Jahre 1902 für die damals schon über 200.000 Volksschnler der Berliner . Gemeindeschulen eine aus hervorragenden Pädagogen bestehende Kommission unter dem Vorsitz und der fleißigen Mitarbeit bedeutender Schulmänner des Kultusministeriums und des brandenburgischeu Provinzialschulkollegiums aufgestellt hat. Danach nehmen sowohl in dem evangelischen wie im katholischen Religionsnnterrichl gerade die von den Antisemiten der verschiedensten Richtungen'

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