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Die Wahrheit · 1912-08-30 · Heft 34 (30.8.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 34 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite. 6.' Die Wahrheit' Nr. 34.' besichtigte. Sehr befremdend wirkte die Tatsache, daß her berüchtigte Hooliganenhäuptling, Student Golubiew, an der Besichtigung tätigen, ja sogar führenden Anteil genommen hat. Am folgenden Tage wurde Wjera Tscheberiak. die bekanntlich von Brasul-Bruschkowsky und dem gewesenen Chef der Geheimpolizei Krassowsky als die Anstifterin uitb Hauptmitschnldige des Mordes bezeichnet wurde, vom Untersuchungsrichter Maschkewitsch vernommen. Frau Tscheberiak will sich übrigens in die Rolle einer Angeklagten durchaus nicht schicken. Und so hat sie denn dieser Tage gegen Krassowsky einen Prozeß wegen Verleumdung angestrengt. Und es scheint, daß Herrn Krassowsky seine schlecht angebrachte Wahrheitsliebe teuer zu stehen kommen wird. Bekanntlich war Herr Krassowsky ursprünglich mit der Leitung der Untersuchung in der Juschlschinsky-Angelegenheit betraut worden. Da er aber für einen russischen Kriminalbeamten „taktlose" Geradlinigkeit bekundet hatte, so wurde er später, als in maßgebenden Kreisen die Parole des Ritualmordes ansgegeben wurde, einsach beseitigt. Er setzte aber seine Recherchen privatim fort, bis er schließlich mit Brasul-Bruschkowsky den wahren Tätern auf die Spur kam. Da mau seine frappanten Indizien nicht gut. ignorieren konnte, so entschloß man sich, wenn auch ungern, dazu, eine erneute Untersuchung des Knabenmordes anzuordnen, schwor aber dem unbequemen Wahrheitsjäger bittere Rache. Und so wurde denn plötzlich gegen den gewesenen Kriminalbeamten das Verfahren wegen eines angeblich vor Jahren begangenen Dienstverbrechens eingeleitet. Auf diese Weife sollte die Zuverlässigkeit feiner Enthüllungen in Zweifel gezogen werden. Dieser Tage wurde nun Krassowsky verhaftet. In der Muße der Einzelhaft wird er Betrachtungen über die Aufgaben und Pflichten eines russischen Kriminalbeamten anstellen können. $ £ * Der New-Iorker Richter Justice Goff hatte vorige Woche ein interessantes Gesuch ans Namensänderung zu erledigen. Das Gesuch stammt von dem ältesten Enkel des bei der „Titanics- Katastrophe verunglückten Isidor Strauß und lautet folgendermaßen : „Ich beabsichtige, meinen Namen in Isidor Strauß nmzuändern, weil mein Vater der älteste Sohn des verewigten Isidor Strauß ist und .ich fein ältester Enkel bin. Die Mitglieder der Familie des Heimgegangenen Isidor Strauß haben den sehnlichsten Wunsch, daß der Name des Isidor Strauß in der Familie ununterbrochen forlbestehe und jetzt von seinem ältesten Enkel getragen werde. Der Bittsteller ist überzeugt, daß diese Namensänderung ihm wesentlich zu Nutz und Frommen dienen werde, da er das Andenken au seinen verstorbenen Großvater so hoch in Ehren hält, daß schon die Tatsache allein, daß er einen solchen Namen trägt, für ihn ein Ansporn sein wird, diesen Namen bis an sein Lebensende in Ehren und unbefleckt zn erhalten. Josse I. Strauß. Krief ans Kaden. Mit dem 18. August, welcher Tag stets eine der glänzendsten festlichen Veranstaltungen der Stadt Baden bringt, kann mau wohl die erste Hälfte der erst im November endenden Saison als abgeschlossen betrachten, und es dürfte daher noch nicht zu spät. Ihnen einen Brief aus Baden zu schreiben. Wie gewöhnlich haben unsere Glaubensgenossen auch heuer das größte Kontingent zu dem Kur- und Badelebeu gestellt und wie immer ist eine Saison in Baden nichts anderes als eine Fortsetzung der Hauptallee des Wiener Praters, des Stadtparks und des Budapester Stadtwäldchens. Unsere ungarischen Brüder stehen hier durchaus nicht auf dem I u st h - (ameut)-Staudpunkte und vereinigen sich friedlich mit den Cisleithauieru zu einer gemeinsamen Bank (im Kurparke), ja sie liefern noch mehr als 35 Prozent zum gemeinsamen Haushalte des österreichisch-(ungarifchen) Kurortes Baden .... Im Tohuwabohu der Sprachen klingen deutsch, ungarisch, jüdisch und hebräisch besonders heraus. Letzteres ist ganz ernst gemeint, denn in der Tat ist gegenwärtig ein kleiner Klub von Rabbinern hier — man nennt ihn irrtümlich den. Polenklub welcher sich seitwärts von. dem auf- und abflutenden Strome der eleganten Spaziergänger gebildet hat und in unverfälschtem losoüarrn dnünnässod. konversiert. Geradezu rührend ist es zu beobachten, wie scheu sich unsere Brüder aus gewissen Ländern vor den Menschen zurückziehen, trotzdem ihr Geist, ihr Witz und ihre Satire viele von den modern gekleideten, sogenannten Gebildeten tief in den Schatten stellen könnte. Als Beweis hiefür sei ein kleines erlauschtes Gespräch im nachfolgenden wiedergegebeu: Der Eine fragt den Andern, was diese „Mazewos" hier im Kurpark bedeuten. Der Andere, offenbar schon ein „Moderner" antwortet, diese Mazewos seien Monumente von Kaiser Josef II. und dem Dichter Grillparzer. Auf die naive Frage, wieso diese „Monumenter" 'da in den Kurpark hinxinkommen, erklärte der Andere: „Kaiser Josef war ein Menschenfreund. Er hat die Menschen vom Joche der Sklaverei befreit, hat die Robot aufhoben, so daß die Menschen nicht soviel arbeiten brauchen, und weil wir Juden da frei hernmziehen dürfen, hat man den edlen' Kaiser Josef hergestellt. Und Grillparzer hat ein Buch geschrieben „Weh dem, der lügt!" Weil hier so viele Lugner und Aufschneider' herumgehen, steht der Grillparzer da, damit sich die Menschen erinnern an: Weh dem, der lügt!" Trotz der rassenantisemitisch schillernden Badener Gemeindcvertretnng kann man sich nicht über Religionsbehinderung beklagen. Am Schabes sitzt mancher ehrwürdige Alte im Kurparke auf einer Bank, umgeben von Lebenslust und uneingeschränkter. Lebensfreiheit, und verrichtet aus dem Sidur sein Mussaphgebet, auf der Rudolfshöhe beim Aeskulaptempel betet eine alte Dame andächtig, ohne daß sie irgendwie behelligt würden. Was mich aber wundert, ist die Tatsache, daß in dem Lesesaal im Kurpark kein einziges jüdisches Blatt aufliegt, trotzdem das Lesepnblikum zum großen Teile sich für solche Blätter interessiert. Ich bemerke das Interesse daran, daß „Die Wahrheit", welche ich jedesmal auf meine spezielle Bitte im Lesesaal anflegen lasse, sehr stark gelesen wird. Es ist zwar in guter Gesellschaft verpönt, vom Wetter zu sprechen, aber der heurige Wettergott zwingt uns, auch seiner, wenn auch nicht mit Ehrerbietung, zu gedenken. Die Huudstage haben sich prompt eingestellt mit einer — Hundekälte, so daß viele schon an Abreise dachten. Unser gütiger Kaiser jedoch stellte sich auch diesmal — wie immer als Friedensvermittler ein, denn das „Kaiserwetter" vom 18. August versöhnte die erbitterten Gemüter und wir verdanken unserem Monarchen — so bemerkt man allgemein — das jetzt anhaltende, schöne Wetter, so daß die meisten unserer Brüder und Schwestern in Israel die Jom« tairwim hier zu feiern gedenken. Gestern sprach ich Herrn Professor Julius Epstein, der sich wieder in die Oeffentlichkeit wagt. Ich interviewte ihn für „Die Wahrheit". Er gab mir ausdrücklich die Erlaubnis, über ihn zu schreiben, und zwar nur seine eigenen Worte: „Ich bin viel zu wenig eitel und fühle mich sehr überschätzt, wenn man mir Ovationen bringt und mich dazu mit Brahms vergleicht. Ich wäre beinahe gestorben und es hätte nicht viel gefehlt, so hätte man, anstatt mir zn gratulieren, meiner Frau kondolieren müssen. Man soll doch einen 80 jährigen Menschen in Ruhe lassen". Auf meine Bemerkung, daß der Jubilar unbescheiden bescheiden sei, lachteerund nannte es ein gutes Wort.'Von den vielen Gratulationen, die ihm zukamen, hob er freudig die der Wiener Kultnsgemeinde hervor. Es hätte ihn sicher auch gefreut, wenn die Badener Kultnsgemeinde ihm ein Zeichen ihrer Verehrung gegeben hätte, da er seit Jahrzehnten seinen Sommer in Baden zubringt. Zu einem höchst komischen qui pro quo gab eine leicht begreifliche Ramenstäuschung Anlaß. Ein sehr frommer Herr aus der Provinz, der mit seiner Tochter Julienne hier zur Kur weilt, ließ sich, durch den Namen Isidor verleitet, in der Restauration des Kurhauses, dessen Pächter Isidor Ruß heißt, zum Mittagessen nieder. Er glaubte, wer Isidor heißt, müsse unbedingt ein Jude sein, und angesichts der auserlesenen jüdischen Mittagsgäste, die er dort versammelt fand, gab.es-für Ihn keinen Zweifel mehr, daß er sich in einer der berühmten rituellen

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