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Die Wahrheit · 1912-08-30 · Heft 34 (30.8.1912) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 34 (30.8.1912)
Date
1912-08-30
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 34. Die Wahrheit Seite ö. Gemeinde seinen huldvollsten Dank für ihre Gefühle auszudrücken und daß - er für deren Wohl die besten Wünsche hege, besonders, da er deren Wohltätigkeitssiun und Solidaritätsgefühl wohl kenne. * ' * Die große Erdbebenkatastrophe, von welcher die Türkei heimgesucht wurde, hat eine Anzahl jüdischer Gemeinden in den von dem Erdbeben betroffenen Stadien zerstört. Sowohl längs der Marmaraküste als auch in den Städten der Dardanellen Galipolis, Rodosto, Demotika rc. haben die jüdischen Gemeinden den vollständigen Verlust ihrer öffentlichen Anstalten zu beklagen. Besonders stark wurde das jüdische Viertel in Galipolis von dem Elementarereignis heimgefncht. Erst im vorigen Jahre hat die dortige jüdische Gemeinde unter schweren Opfern eine neue Synagoge und eine neue Schule erbaut, die jetzt durch das Erdbeben zerstört wurden. Die Zahl der jüdischen Obdachlosen in dem Erdbebengebiet ist. eine überaus große und es ist bezeichnend für die Armut dieser Inden, daß, während die anderen Religionsgenossenschaften. wie die Griechen, Mohammedaner n. a. sofort eine Hilfsaktion in Szene setzten, die jüdischen Opfer des Erdbebens zunächst ohne jede momentane Hilfe blieben. (Mittlerweile hat bereits der „Hilfsverein der deutschen Juden" eine Hilfsaktion für die Opfer der Erdbebenkatastrophe eingeleitet. Die Red.) •t* Eine Episode, die mit den olympischen Spielen im Zusammenhang steht, verdient, allgemein bekannt zu werden. Auf dem Dampfer „Finland" der Red Star Line war als Gast des Kolonel Thompson, des Vorsitzenden des amerikanischen Komitees für die olympischen Spiele. Herr Felix I. Friedheim ans Cöthen. Am 12. Juli stürzte ein schwedischer Matrose des Dampfers vom obersten Verdeck in die See und wäre sicherlich ertrunken, da er des Schwimmens nicht mächtig war, wenn ihm nicht Herr Friedheim sofort nachgesprungen wäre. Es gelang ihm, den Ertrinkenden so lange über Wasser zu halten, bis beide von einer Pinasse anfgenommen wurden. Dem Retter wurden auf dem Dampfer stürmische Ovationen bereitet. Leider hat er sich beim Rettungswerk ziemlich bedeutende Verletzungen an beiden Händen zugezogeu. Die Tat des Herrn Friedheim ist umsomehr anzuerkennen, als sich an Bord des „Finland" sämtliche amerikanische Athleten befanden, darunter die besten Schwimmer der Welt. * * •I* Eine der schönsten Schöpfungen der englischen Juden während der letzten zwei Jahrzehnten ist die Jewish Lad's Brigade, eine jüdische Jugendvereinignng mit streng militärischem Aufbau. Sie verdankt, wie der „Welt" aus London mitgeteilt wird, ihr Entstehen dem unvergeßlichen Oberst Goldsmid. der als Haupt der englischen Chowewe Zion auch diese nach militärischem Muster organisierte. Aber schon der Ursprung der Jewish Lad's Brigade bezeugt, daß sie kein Ausstnß englischpatriotischer Hurra-Stimmung war, sondern zur Förderung jüdischer Interessen ins Leben gerufen wurde. Die Brigade rekrutiert sich vornehmlich aus der schulentwachsenen Jugend, für welche die stramme Manneszucht, körperliche Ausbildung und geistiger Gemeinsinn, wie sie in der Brigade gepflegt werden, von. nachhaltiger Wirkung im späteren Leben sein werden. Besonders in einem Lande wie England, das wohl von den Schäden des Militarismus verschont geblieben ist, aber auch nicht seine Vorzüge genießt, ist der Einfluß einer solchen Organisation wie der Jewish Lad's Brigade von hervorragender Bedeutung für das junge Geschlecht. Die Brigade hat daher auch bei vielen Anklang gefunden und von der englischen Metropole wurde sie in die Provinzen und nachher in verschiedene Teile der Kolonien verpflanzt. Seit 17 Jahren ziehen die Mitglieder der Brigade jeden Sommer auf 14 Tage aufs Land, wo sie in regelrechter, soldatenmäßiger Weise in einem Feldlager nntergebracht werden. Die frische Luft, die regelmäßige Kost, die straffe Disziplin und nicht zu allerletzt das gesellige Verhältnis zwischen den „Offizieren". die gewöhnlich aus den besten Familien stammen und den Jungen, die ihren Vorgesetzten so manches im gewöhnlichen Leben zu verdanken haben, üben ihren Einfluß aus, der nicht so leicht verwischt wird. Dieses Jahr wurde der Versuch gemacht, alle Vereine im Laude in einem Feldlager zu vereinigen und die Jungen von verschiedenen Teilen Englands, Schottlands und Irlands fanden sich im Seebad Deal zusammen. 192v au der Zähl waren sie in Zelten nntergebracht und die Proviantierung dieser kleinen Armee gmg ohne die geringste Stockung vonstatten. Auch vom höheren Standpunkte war es eine glückliche Idee, diese jüdischen Burschen von allen Enden des Landes zusammenzubringen und sie im Feldgottesdienft in gemeinsamer Andacht zu vereinigen. Die Haltung der Jungen war vorzüglich und ihr Kommandant. Oberst Sir Frederic Nathan (ein Bruder des Sir Matthew Nathan), konnte sie mit Recht loben. Die Jewish Lady's Brigade verdient in jeder Hinsicht Nachahmung in anderen Ländern. * * * Im „Uuivers Jsraelite" steht ein „offener Brief" an den Ministerpräsidenten Poincare, der bekanntlich vor kurzem nacb Rußland reiste. Der Brief ist witzig, enthält aber im scherzhafteil Stil die ernstesten Dinge. Hier einzelne Stellen daraus: „Sorgen Sie für einen Paß. Die Vereiniglen Staaten habeii den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt, weil Rußland sein Visum den Pässen amerikanischer Bürger versagte. Verlangt Ihr, russischer Kollege der auswärtigen Angelegenheiten, was rechtens ist, daß die französische Republik die russische Antolratie gegen Amerika unterstützt, so versprechen sie ihm, daß Sie das tun wollen. Rußland denkt ohne auswärtige Juden anszukommen. es kann auch ohne sie triumphieren. Der russische Kriegsmiuister wird vou Jhneu verlangen, daß alle Ernennungen des französischen Generalftabes der Genehmigung des Zaren unterliegen. Versprechen Sie es ihm, das ist diirchaus in der Ordnung. Denken Sie endlich daran, daß in Kiew ein unschuldiger Jude im Gefängnis für das Verbrechen eines anderen büßt, daß eine Gemeinschaft für das Verbrechen dieses Unschuldigen haftbar gemacht wird und daß selbst Zivilrichter auf höheren Befehl einen Unschuldigen verdammen können. Klären Sie Ihren Kollegen, den Justizminister auf. was Ihnen ja leicht sein wird, wie man in Frankreich eine derartige Justizkabale entwirrt hat. Zum Schluß noch ein Wort, Herr Ministerpräsident. Sie bringen zweifelsohne französisches Geld nach Rußland: Achtung vor Taschendieben." Es kann keine blutigere Satire auf das unnatürliche französischrussische Bündnis geben, das ja in diesen Tagen durch eine Marinekouvention gefestigt und erweitert worden ist, als diesen köstlichen offenen Brief. Ä- * Die Konsequenzen der unsinnigen Judenverfolgungen in Rußland für die Wissenschaft legt Professor Dr. E. Metschnikoff, dessen epochemachende Forschungen auf dem Gebiete der „Krankheit" des Alters jüngst von sich reden machten, in einem Artikel der „Franks. Ztg.": „Der Kampf gegen die senile Degeneration" (5. 8. 1912) an eitlem drastischen Fall dar: „Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, einige Worte einzuschalten, wenn sie auch keineswegs die Frage über die Darmgifte und die Senilität direkt angehen. Daß es mir gelungen ist, in der Person des Herrn Dr. Wollermann einen vorzüglichen Mitarbeiter zu gewinnen, verdanke ich dem Umstand, daß er russischer Israelit ist und daß ihm daher die Gelehrtenkarriere in Rußland verschlossen ist. Wenn er in Rußland bliebe, so wäre ihm, gleich einem anderen meiner Mitarbeiter, Doktor Bezredko, der sich bereits einen bedeutenden Namen in der Wissenschaft erworben hat, das traurige Los beschieden, praktischer Arzt sein zu müsseil, ohne innere Neigung zur Praxis. Sein Trieb zur Wissenschaft würde unfruchtbar bleiben und verkümmern, ein bitteres Gefühl unverdienter Kränkung zurücklassend. So vollzieht sich in Rußland der Prozeß, sich der Talente zu entledigen." 4- * Zur Beilis-Affaire teilt die „N. I. K." folgendes mit: Untersuchungsrichter Maschkewitsch, der mit der erneute» Untersuchung in Sachen der Ermordung Juschtschinskis beauftragt wurde, soll seine Tätigkeit bereits abgeschlossen haben. Bor einigen Taget! begab er sich in Begleitung des Staatsanwaltes der Kiewer Gerichtskammer, Tschaplinsky, des Staatsanwaltes des Kreisgerichtes, Saziepin, und von Vertretern der Polizei nach Sägorowschtschina, wo er die Fundstelle der Leiche Juschtschinskys, wie auch die Ziegelfabrik Saizews (wo Beilis bekanntlich als Angestellter diente) und die Amgegend genau

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