Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 33 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Die Wadrheü Sette 7. Nr: 33 •jo daß es zur Erkenntnis der moralischen und politischen Korruption kommt, für die der Fall Rosenthal nur ein Symptom ist; es wird ferner beschlossen, daß die jüdische Gemeinde mit allen Kräften aufrichtige, öffentliche und private Bemühungen, die Verzweigungen des zur Untersuchung stehenden Lasters aufzndecken, unterstütze; es wird endlich beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Schritte ergreife, ein Bureau für Information und Untersuchung ins Leben zu , rufen, in dessen Räumen, Nr. 356 zweite Ave., Mitteilungen über korrupte Zustände entgegengeuommen werden." MnKeldxng gegen dnsAtteTestnment. Das Problem der „Germanisiernng" der Religion beschäftigt schon seit langem alle erlenchteren Geister des Rassenantisemitismus nud um den unleugbaren Zusammenhang des 'Christentums mit dem Judentum zu verwischen, wurde von Seiten der antisemitischen Wotananbeter wiederholt die Forderung gestellt, das alte Testament aus dem christlichen Religions-Unterricht zu beseitigen. Selbstverständlich blieb diese Forderung nicht ohne Widerspruch, es entwickelte sich eine ansgebreitete Polemik über diese Frage, und es dürste nicht ohne Interesse auch für die Leser eines jüdischen Blattes sein, wenn wir einiges ans! .dieser Kontroverse nachstehend wiedergeben: Vor einiger Zeit ist eine kleine Schrift mit der „Germanisierung. der Religion" von Haus vonWolzogen erschienen, die die polemischen Aenßeruugen eines Guido von List, 'Philipp Stansf. Willi Pastor, Ernst Wächter gegen den Bibelglanben zusammenstelll. Die „Kreuz-Ztg." faßte beu Inhalt der Schrift wie folgt zusammen: «Hier wird in aller Kürze von den Verirrungen des modernen Germanismus berichtet, der aus Wissenschaft und Schwärmerei eine germanische Urreligiou äufbanen möchtezu Nutz und Frommen der heutigen Deutschen, die das Christentum als eine Verirrung ins Judentum, als eine Verunreinigung germanischen Wesens mit orientalischer Knechtsreligion erkannt zu haben glauben." Was nun die Frage der Ausmerzung einzelner anstößiger Stellen des Alten Testaments im Religionsunterricht anlangt, so ist schon oft genug mit Recht darauf hingewiesen worden, daß der Wunsch, diese Geschichten aus dem Unterricht fortzulasseu, weil sie „blutrünstig" sind, mindestens so lange ungerechtfertigt ist, als man in der Geschichtsstunde griechische und römische Sagen erzählt, die sicherlich ebenso „blutrünstig" wie «mythisch" sind. Das jüdische Volk gehörte nun einmal zu den Orientalen nnd orientalische Sagen sind ebenso bluttriefend wie orientalische Geschichte. Verrat und Untreue feiern übrigens auch im Nibelungenlied wahre Orgien, und Richard Wagner hat in der „Walküre" die Blutschande mit einem poetischen Schimmer umkleidet. . Die „tlnanstündigenGeschichten" (Lots Töchter und Sodoms Päderastie) stehen wohl außerhalb der Diskussion, sie finden sich unseres Wissens übrigens nicht in den Lehrplänen der Volksschule. Die Frage, ob der Religionsunterricht in der Schule nicht von einemgroßen Ballast von veralteten nnd dem jugendlichen Verständnis fernliegenden Erzählungen, wie sie sich im Alten und Neuen Testament in Hülle und Fülle finden, zweckmäßig zu entlasten sei, bleibt als pädagogisches Problem selbst- •.verstättdlich durchaus diskutabel. Man wird auch unter den Gegnern der Bibel unterscheiden müssen zwischen jenen, die ans fanatischem Judenhaß gegen das Alte Testament austürmen, ttitb den Anhängern einer •freieren religiösen Auffassung, den Kirchlich-Liberalen, Freireligiösen, Monisten usw., die das Alte und Nene Testament als religiöse Glaubensquelle ablehueu, weil sie in einem nnüber- Hrückbaren Gegensatz zu den unantastbaren Ergebnissen der Wissenschaft stehen. Man würde z. B. dem Hamburger Pastor Stendel, der im Verein mit seinen Freunden vor einigen 'Wochen den allerdings erfolglos gebliebenen Antrag bei der Hamburger Kirchenbehörde gestellt hat, die zehn Gebote zu modernisieren, bitter unrecht tun, wollte man ihn den vulgären 'Bibelhassern -zugesellen: Stendel ist ein Theologe von wahrhaft vornehmem Charakter, der zudem seinen Abscheu vor jeglicher Art Rassen-, Klassen- und Glaubenshaß schon wiederholt in unzweideutigen Worten Ausdruck gegeben hat. Nun hat auch Herr Professor Delitzsch, der kleine Sohn eines großen Gelehrten, anläßlich der Babel- und Bibel-Kontroverse mit frommem Eifer sein Scheitlein zum Scheiterhaufen des Alten Testaments herbeitragey zu sollen geglaubt. Er knüpfte an Jesajas an 63, 1—6, an: «Fürwahr, ein nach Sprache, Stil und Gesinnung echt bedninisches Schlacht- und Triumphlied. Nein! Dieser Spruch und hundert andere prophetische Sprüche voll unauslöschlichen Hasses gegen die Völker ringsum: gegen Edom und Moab, Ässnr und Babel, Tyrus und Aegypten, zumeist Meisterstücke hebräischer Rhetorik, sollen den ethischen Prophetisinus Israels, wohl gar in seiner Höhenlage repräsentieren! Diese ans ganz bestimmten Zeitverhälurissen heraus geborenen Ergüsse politischer Eifersucht und, vom menschlichen Standpunkt aus, vielleicht begreistichen leidenschaftlichen Hasses längst untergegangener Generationen sollen auch uns Kindern des zwanzigsten Jahrhunderts nach.Christus, sollen auch den abendländischen und christlichen Völkern noch als Religionsbuch dienen zur Sittigung und Erbauung! Statt uns „mit Dank bewundernd" zu versenken in das Walten Gottes in unserm eigenen Volke von der germanischen Urzeit her bis ans diesen Tag, fahren wir ans Unkenntnis. Gleichgültigkeit oder Verblendung fort, jenen altisraelitischen Orakeln einen „Ofsenbarnngs"-Charakter zuznerkennen, der weder im Lichte der Wissenschaft noch in dem der Religion oder Ethik standhält. Je tiefer ich mich versenkein den Geist des alttestamentlicheu prophetischen Schrifttums, desto banger wird mir bei Jahve, der die Völker mit seinem unersättlichen Zornesschwert hinschlachtet, der nur ein Lieblingskind hat, dagegen alle anderen Nationen der Nacht, der Schande, dem Untergange preisgibt. der schon zu Abraham sprach (1. Moses 12, 7): «ich will segnen, die dich segnen, und die dich verwünschen, verfluchen" — ich nehme meine Zuflucht 511 dem, der im Leben nnd im Sterben gelehrt hat: «segnet, die euch fluchen", und berge mich voll Bertraneus und Frendigkeit nud ernsten Strebens nach sittlicher Vervollkommnung in den Gott, zu welchem uns Jesus zu beten gelehrt hat. der ein liebender mib gerechter Vater ist über alle Menschen auf Erden." Ein protestantischer Theologe Pastor einer. Dr. Moritz Schwalb hat dem Babel- und Bibelspezialisten daraufhin nicht schlecht gedient: «Diese Worte, namentlich die dem Buche Jesajas entnommenen, haben mich an eine ganze Reihe neutestamentlicher Stellen erinnert, die, wie es scheint, dem Gedächtnis auch theologisch gebildeter Christen leicht entschwinden. Im Buche der Offenbarung Johannis — also in einer wahrscheinlich echten Schrift des Lieblingsjüngers Jesu — wird der zur Bestrafung „Babels", d. h. Roms, zurückkehrende Christus dargestellt, wie er an der Spitze eines himmlischen Heeres ans einem weißen Rosse reitet. Sein Gewand ist mit Blut bespritzt, beim er hat „die Kelter des göttlichen Zornes getreten" (gerade so wie Jahwe in seiner Jesajanischen Rede) und. das aus jener Kelter fließende Blut, das Blut des Tieres (d. h. Neros nnd seiner Verehrer) umflntet die Stadt in einem Umkreise von 1600 Stadien und reicht den Rossen des messianischen Heeres bis au die Zügel. (Kap. 14 nnd 19) Jesus von Nazareth selbst, der geschichtliche Christus, nennt gelegentlich die Heiden «Hündlein", „Hunde", vielleicht gar „Schweine". Den Heiden, die gar viel um das tägliche Brot sorgen und lange Gebete plappern, stellt er seine Israeliten gegenüber, «deren Vater weiß, was sie bedürfen, ehe sie ihn darum bitten", nnd die deshalb, als seine Kinder, „vor allem nach Gottes Reich trachten sollen". (Matth. Kap. 6, 7. 15.) Am Schlich des Evangeliums des Marcus und an gar vielen Stellen des «zartesten" und, wie man sagt, liebevollsten Evangeliums des Johannes erklärt Christus (allerdings nicht der geschichtliche), daß alle, die nicht an ihn glauben, dem Gerichte, dem Tode, dem Zorne Gottes rettungslos verfallen sind. Nur ihn ihm, nur in „seinem Namen ist Heil zu finden". Außer ihm ist nur ewiger Tod und Verdammnis. l-Nur die Christen sind Kinder des himmlischen Vaters. Das