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Die Wahrheit · 1912-08-23 · Heft 33 (23.8.1912) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1912
Issue
Heft 33 (23.8.1912)
Date
1912-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit m. 33. :.... Dem zurzeit in Zürichs tagenden. Internationalen Kongreß . des- Weltbundes gegen die Vivisektion .und für Tierschutz wurde - auch eine Tagesordnung auf Mißbilligung des Schlichtens, von tierschützlerrscher- Seite, vorgelegt. Der Kongreß lehnte -es aber nach .kurzer Verhandlung ab, sich in diesem Sinne auszusprechen. - * . * . ' - r <*.. .- . . V - . Eine gelungene Verwechslung gab dieser Tage Anlaß zu den - seltsamsten Kommentaren in einem großen Teil der . allgemeinen wie der jüdischen Presse. Es war nämlich gemeldet! worden, der Papst , habe in einer «Enzyklika den Bischöfen Südamerikas empfohlen sich der dortigen Juden besonders anznnehmen. Das wurde fast allgemein dahin ansgelegt, als habe der Papst damit sagen wollen, man solle die Inden für den Katholizismus zu gewinnen suchen. Nun stellt sich aber heraus, daß die ganze Geschichte auf einem Schreibfehler beruht. Der Korrespondent hat aus.„Jndi" „Judei", aus Indianern Juden gemacht! * * 4- Die „Franks. Ztg." veröffentlicht einen ausführlichen Artikel: „Die Blntlegende in Rußland", der folgende Schlußworte enthält. Der erste Ritualmvrdprozeß vor einem Schwurgericht kam 1878 zur Verhandlung, als einige Juden des Dorses Satschcher wegen Mordversuchs angeklagt waren. Die Anklageschrift wies darauf hin, daß das Verbrechen kurz vor der jüdischen Osterfeier verübt worden sei. Dies gab dem Verteidiger Anlaß zu eingehender Untersuchung der Blntlegende. Das Kreisgericht sprach die Angeklagten frei; ' der Staatsanwalt appellierte, zog aber die Appellation noch vor deren Erledigung zurück. Einen glücklichen Ausgang hatte auch der in Wilna 1900 eingeleitete Prozeß gegen den Barbier Blondes, der zu rituellen Zwecken eine christliche Dienstmagd zu ermorden versucht haben sollte. Die Anklageschrift hielt aber den Ritualmord nicht ausdrücklich aufrecht. In der ersten Verhandlung vor dein Kreisgericht, 'die bei Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, wurde Blondes verurteilt. bei einer zweiten Verhandlung aber sprachen ihn die Geschworuen desselben Gerichts frei (1902). Trotz der unleugbar weiten Verbreitung der Blutlegende unler dem russischen Volk ist es also noch niemals gelungen, einen Ritualmordprozeß zu dem Abschluß zu bringen, den die Antisemiten wünschen. Darum darf aber die Gefahr, die den russischen Inden droht nicht unterschätzt werden. Die Ereignisse in Kiew zeigen deutlich genug, daß die Verbrecher mit der Möglichkeit einer Judenhetze zu rechnen wissen. Geringfügige Nebennmstände. schon die Zeit vor Ostern, reichen ans, um bei jedem Mord den öffentlichen Verdacht auf die Juden zu lenken. Es ist daher dankenswert, daß der russische Jurist Julius Hessen die Geschichte der bisherigen Ritualmordprozesse in einem kleinen Werk znsammengestell: hat (Moskau, Verlag Sowremennja Problemy 1912), das jedem unbefangenen Russen die Augen über die Haltlosigkeit der Legende, nicht minder aber auch über ihre öffentlich-rechtliche Bedeutung öffnen muß. -i- * * Mittlerweile nehmen die Beschränkungen der Judenrechte in Rußland immer mehr z,l. Die im Rayon wohnenden jüdischen Kaufleute, denen das Recht verbürgt ist, sich geschäftshalber vorübergehend auch im Innern des Landes anfznhalten, werden auf Beschluß des Ministeriums vom Jahre 1913 ab einer Bestimmung unterworfen, die dazu angetan ist, ihnen sowie dem Geschästsstande im Lande empfindlichen Schaden, zuzufügen. Es ist für diese Kaufleute eine eigene Registratur eingerichtet worden, deren Ausgabe es sein wird, die Aufenthaltszeit der Kaufleute außerhalb des Rayons genau zu überwachen und die Dauer dieses Aufenthaltes nach Bedürfnis, d.' h. nach Belieben der Beamten zu verkürzen oder zu verlängern. Damit wird den russischen Beamten eine neue unversiegbare Einnahmegueüe geschaffen und den jüdischen Kanfleuten ein hartes Joch auferlegt. Diese Bestimmung hat denn auch in allen jüdischen Kreisen die größte Bestürzung hervorgerufen. Auch die Ausweisungen werden immer zahlreicher und großzügiger. Die patriotische Siegespalme errang sich diesmal der Chersoner Gouverneur, Herr von Grevenitz. Er annullierte einfach aus« eigener Machtvollkommenheit das bekannte.Stolypinische Wohurechtsziikular und verfügte über mehr als 10,000 Juden, die kraft dieses Zirkulars auf dem Lande leben, die kurzfristige Ausweisung. Daß die Vollstreckung dieser Maßregel den völligen wirtschaftlichen Ruin für -die Betreffenden« die von dem in dieser Kornkammer Rußlands sehr ausgedehnten Getreide- Handel leben," bedeuten ' würde, braucht nicht erst > gesagt zu werden. Man sollte aber glauben, daß die Rücksicht ans die Interessen der Landwirtschaft der mit der freiest Konkurrenz eines lebhaften Vermittlerdienstes die günstigen Absatzbedingnngen abgeschnitten werden, nufere weißen Satrapen von dieser unsinnigen Aktion abhalten würde. Allein, unsere idealistischgesiunten Vaterlandsreiter kennen keine merkaiitilen Interessen, wenn, die Ehre und der Ruhm des Vaterlandes aus dem Spiele stehen. Besonders bedroht ist die jüdische Bevölkerungvon Ntkolajew, wo von 23.000 Juden etwa die Hälfte' verjagt werden dürftest. * * . - Zur Entlastung der durch die Mordaffaire Rosenthal so arg kompromittierten New-Norker Polizei versuchte Bürgermeister Gayuor die Schuld der zutage getretenen Korruption auf die „degenerierten Ausländer" zu wälzen, wodurch die Angelegenheit eine Wendung erhielt, die dem auch in Ämerika steigenden Antisemitismus neue Nahrung zuführen mußte. Dieser Umstand veranlaßte das Exekutiv-Komitee der New-Iorker Gemeinde in einer ad hoc einberufenen Sitzung, die * gegen das gesamte Judentum gerichteten Angriffe abznwehren und gleichzeitig über Abhilfsmaßregeln zu beschließen. Den Vorsitz führte Dr. Magnes und weiters nahmen an der Sitzung die Herren Jakob Schiff, Adolf L e v is o h n, M. O. Margit l i e s, Louis Marshall, Professor Friedländer, Felix W a r b n r g, Cyrus S u l z b e r g e r teil. Dr. Magnes führte folgendes ans: „Der Mayor dieser Stadt benützt sein hohes Amt, um Angriffe gegen die Fremden zu richten. Er sagt, daß jeder Name, der mit dem Falle Rosenthal in Verbindung steht, auf die „entarteten Ansläuder* hinweist. Es sind unglücklicherweise Entartete, aber was hat der Ausländer damit zu tun? Inwiefern ist diese Stigmatisierung geeignet, die Situation zu klären? Besagt sie, daß etwa nur Ausländer nnter den .Spielern auzutreffen sind? Wie steht es mit den Consields und anderen, deren Gebnrtszengnis auf die unverfälschteste, beste amerikanische Gesellschaft hinweist? Will der Mayor behaupten, daß wir es den Ausländern verdanken, wenn wir korrumpierte Politiker haben?- Was sagt der Mayor zu den Enthüllungen der Detektives in Ohio, wo eine waschechte eingeborene Gemeinschaft kompromittiert dasteht? Oder will der Mayor etwa behaupten, daß die Ausländer die Polizei von New-Iork korrumpiert haben? Ist es nicht umgekehrt die Polizei, welche die Fremden äusgebeutet hat? Uebrigens wurden fast alle diese, jungen Leute in Amerika geboren und unter dem Einflüsse amerikanischer Atmosphäre erzogen. Wo hört der Fremde auf und wo beginnt der Eingeborene? Etwa in dem Augenblicke, da er die korrupte amerikanische Politik erlernt und die Lehren seiner ..ausländischen" Väter vergißt, die niemals Spieler und korrupte Politiker waren? Mir scheint es, daß gerade unsere korrupte Politik und wahrscheinlich einige unserer amerikanischen Institutionen es sind, die die Verantwortung tragen." Am Schlüsse der Beratungen wurde folgender Beschluß einstimmig gefaßt: „Da kürzlich gewisse Skandale ans Licht gekommen sind, in welche Individuen verwickelt sind, die Juden sein sollen, und da diese Skandale einen entsetzlichen Grad von moralischem und politischem Niedergange in dieser Stadt enthüllt haben, so wird beschlossen, ^daß wir, als Bürger der Stadt und als Juden, mit tiefster Entrüstung* die Profanierung des jüdischen Namens betrachten, die durch diese Ereignisse veranlaßt worden ist, und dadurch, daß Inden in Praktiken und Laster verwickelt sind, die bis vor wenigen Jahren unter unseren Leuten absolut unbekannt waren; es wird ferner beschlossen, daß die jüdische Gemeinde Schritte ergreife, um ein Vigilanz-Komitee "zu bilden, welches sich bemühen soll, das Gewissen der Bürgerschaft aufzurüttelu.

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