Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 33 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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■m. 33. Die Wahrheit Seite 6^. von vornherein geschlossenen Volkskörper vor sich gegangen sei. ä-/: - *; - n-Den diversen Judenfeinden ist das Judenelend in Galizien noch nicht groß genug und so wird von allen Seiten das Volk gegen -die Juden anfgestachelt. An>der Spitze der Brunnenvergifter marschiert die Wiener Reichspost, die jüngst einen von Judenhaß triefenden, tendenziösen Artikel über die Jndaisierungder galizischen Lehranstalten brachteder offenbar den Zwecke verfolgt, die Ruthenen gegen die Juden aufzuhetzen, damit die Christlichsozialen auch in Galizien an dem entstehenden Brande ihre Suppe kochen können. Und nicht minder auch wird in polnischen Blättern , gegen die Inden geschürt. So sind letztens in zwei stark verbreiteten polnischen Volkszeitungen, in der „Gazeta ojczysta“ und „Gazeta; ludowa“, judenfeindliche Artikel erschienen, wie sie-gehässiger nicht fein könnten. In beiden Zeitungen, die für die polnischen Bauern in Westgalizien bestimmt sind, werden die Juden als Volksaussauger, Betrüger und Schwindler dargestellt, bei welchen die armen Bauern als Sklaven zum Frondienst verkauft sind. Das ganze Land steht — laut Behauptung dieser Blätter — unter der Herrschaft der Juden- und diesem Zustande muß ein Ende gemacht werden. In demselbem Sinne schreibt auch das offizielle Organ des galizischen Landesausschnsses, welches vom Abg. Stefczyk, einemeinstußreichen polnischen. Politiker, redigiert wird. Auch in diesem offiziellen Organe, das für die bäuerlichen Raiffeisenkassen bestimmt ist, wird auf die dringende Notwendigkeit hingewiesen, sich von der jüdischen „Herrschaft" zu befreien. Und das meist gelesene galizische Blatt, „Slowo polskie“, das Organ der Allpolen, läßt keinen Tag vergehen, ohne die Juden, anzugreifen und gegen sie die polnische Bevölkerung aufzureizen. Bedenkt man, daß „Slowo polskie“ hierzulande die führende Zeitung ist und auf die materielle Unterstützung der jüdischen Leser, angewiesen ist, wird man leicht eine Vorstellung davon haben, in welch gehässiger, judeufeindlicher Weise die anderen ausgesprochen antisemitischen Zeitungen die Juden fortwährend beschimpfen und bekämpfen. * * * Im Gegensätze zum katholischen Klerus in Oesterreich, der dem Antisemitismus die Wege in die vornehmsten Kreise gebahnt hat, zeichnen sich die ungarischen Kirchenfürsten zumeist durch hohe Toleranz ans. In diesem Sinne haben wir letzhin vom Bischöfe Baltasar berichtet und kürzlich gab der Bischof Alexander Baksay neuerdings ein Beispiel seiner edlen Gesinnung. Demselben wurde anläßlich seines achtzigsten Geburtstages und des 40-jährigen Jubiläums seiner Seelsorgerwirksamkeit in Kn n ß en t m i k lö s von Seiner Majestät das Großkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen und aus diesem Anlasse wurden ihm allseitig herzliche Ovationen bereitet. Zahlreiche Deputationen der reformierten, der katholischen, der israelitischen Religionsgemeinden, sowie der politischen Behörden gaben ihre Sympathien und ihre Wertschätzung für den edlen Kirchenfürsten Ausdruck und auf im Namen der jüdischen Deputation vom Gemeindepräses Max Bauer gehaltene Ansprache gab Bischof Dr. B aksay folgende Antwort: „Geehrte Herren! Mit Dank empfange ich den Beweis der seitens der israelitischen Kultnsgemeinde mir gegenüber gehegten Sympathien. Ich bitte Sie, meinen tiefen Dank bei Ihren Lieben zu verdolmetschen und auch davon überzeugt zu sein, daß ich den segensreichen Einstuß der Eintracht zwischen den einzelnen Gemeindemitgliedern auf die Förderung der religiösen Ziele stets hochschätze. Ebenso erfüllt esmich mit Freude, wenn die Gefühle der Liebe und des Vertrauens gegen mich und gegen meine Gemeinde zum Ausdruck gelangen. Mit den Worten Moses schließe ich meinen Dank: Du wirst gesegnet sein in der Stadt und auf dem Felde, es werden gesegnet sein Dein Krug und Dein Milchgefäß, Deine Kinder, Kindeskinder und Brüder!" Budapester Zeitungen berichten von einer rührenden Szene, die sich vor kurzem vor einer Synagoge in Ofen abspielte. Der Gottesdienst war gerade zu Ende, der Tempeldiener ging ^gerade daran, die Synagoge zu schließen, als er amSyuagogeneingange zwei. Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, im Alter von 8—10 Jahren sah, die schert um sich blickten. „Was sucht Ihr hier?" ruft der Tempeldiener, worauf das kleine Mädchen traurig antwortete: ' Unser kleiner Bruder ist sehrsehr krank und wir möchten für ihn eine Messe lesen lassen." „Eine Messe?" frng der Tempeldiener. „Mein Kind, hier ist eine jüdische Synagoge und Messen pflegt man nur in katholischen Kirchen zu lesen. Vielleicht sucht ihr eine katholische Kirche." „Nein", sagte mutig das Mädchen. „Wir sind absichtlich hierher gekommen in den jüdischen Tempel. Hier wollen wir zu Gott flehen, denn es scheint mir. daß er hier näher ist. Ich bitte Sie, guter Mann, betet für unser Brüderchen, damit es nicht sterbe." Dieses kindliche Flehen rührte den alten Schames so sehr, daß er von dieser merkwürdigen Szene dem Rabbiner Meldung erstattete. Dieser gab sofort den Auftrag, ein Minjan zusammenzurufen und für das kranke Kind Gebete zu verrichten. Die Kinder wohnten diesem Gottesdienste bis zum Ende an nnd gingen dann nach Hanse, wo sie ihren Eltern meldeten, daß sie im jüdischen Tempel eine Messe lesen ließen. Einige Tage nach diesem Vorfälle erhielt der Präsident der Gemeinde einen Brief, in welchem der Vater des kranken Kindes, ein ehrbarer Schmiedemeister, mit dankerfülltem Herzen die Mitteilung macht, daß das kranke Kind, für welches die kleinen Geschwister im jüdischen Tempel eine .-Messe" lesen ließen, sich außer Gefahr befinde... * * * Aus Anlaß eines Zwischenfalles zwischen dem General A m e g l i o und dem Großrabbiner von Rhodus hatte sich der dortigen Juden die Furcht bemächtigt, daß ihre Gleichberechtigung von den neuen Herren auf der Insel nicht werde respektiert werden. Dr. Ferrnggio Servi, der Herausgeber der italienischen Zeitschrift „Vessillo Jsraelitieo", die in Turin seit sechzig Jahren erscheint, wandte sich brieflich an den Ministerpräsidenten Giolitti, um sich über den Vorfall zu beschweren und eine ausdrückliche Erklärung über die Gleichberechtigung der Juden in den von Italien eroberten türkischen Gebieten von maßgebendster Stelle zu erhallen. Giolitti beantwortete diese Eingabe mit folgendem Brief: „In Ihrem Schreiben vom 14. Juli haben Sie anerkannt, daß die Juden in Italien vollständige Gleichberechtigung mit den Angehörigen anderer religiösen Bekenntnisse genießen und die höchsten Stellungen erreichen, von mir aber eine meiner Ansicht nach überflüssige Bestätigung verlangt, die sich auf die Gleichberechtigung der in den neuen italienischen Provinzen wohnenden Inden bezieht. Ich kann mich einfach auf die Grundsätze berufen, die, aus dem freisinnigen Piemont herübergenommen, die Verfassung des Königreiches Italien beseelen, auf die Anerkenuuug der Gleichheit und auf die vollkommene Achtung aller Religionen, wie sie seit mehr als 50 Jahren die gesetzgeberische Tätigkeit und das Regierungswerk in Italien ausgezeichnet hat. Ich brauche nur auf die Behandlung, die Italien den nichtkatholischen Untertanen der erythräischen Kolonie und der Somaliküste angedeihen läßt und ans die Zeugenschaft aller italienischen Juden hinzuweisen, von denen viele verdienterweise zu hohen Stellungen gelangt sind nnd das Vertrauen der Staatsgewalt genießen. Die Juden der neuen italienischen Provinzen können also sehr zufrieden sein, unter dem Schutze unserer freisinnigen Institutionen leben zu dürfen." Die Zeitschrift „Vessilo Jsraelitieo" begleitete diesen Brief mit warmen Dankesworten an die Adresse des italienischen Ministerpräsidenten und fordert die Juden der neuen italienischen Provinzen auf, mit derselben Begeisterung, mit der sie das italienische Heer begrüßt hatten, den Zivil- und Militärbehörden ihre Aufgabe zu erleichtern. Die italienische Fahne sei das Symbol der Zivilisation, um das sich die Glaubensgenossen jener Gebiete scharen müßten, die von den tapferen Soldaten Italiens erobert worden seien. 4- * *