Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1912
- Issue
- Heft 33 (23.8.1912)
- Date
- 1912-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 33. Stellen gebracht. Da aber die christliche Bevölkerung die Mehrheit bildet und über bessere Verbindnngen verfügt und christliche Bewerber in Fülle da sind, und da bedauerlicherweise auch jüdische Chefs den christlichen Bewerber des Renommees wegen bevorzugen, so ist es soweit gekommen, daß die Zukunft unserer Jugend einige Besorgnis einflößen muß. Kann man aber diesen traurigen Tatsachen wirksam entgegenarbeiten? In den Staatsämtern hat .es von jeher nicht besonders viele Juden gegeben. Diplomatie und Verwaltung, dann alle Stellen von der fünften Rangsklasse auswärts sind ihnen stets verschlossen geblieben. Bei den Finanzlaudes-Direktionen, bei Gericht,, in den Bau- und Staatsbahnämtern gibt es noch einige Juden, ganz wenige in der siebenten und sechsten, vielleicht einen oder gar keinen in der Hofratsklasse. Bloß an den Hochschulen finden wir einige hervorragende Gelehrte dieses Ranges, aber auch hier wird, trotz aller leuchtenden Bedeutsamkeit, dafür gesorgt, daß die jüdischen Professoren nicht überhandnehmen. Dozenten läßt man — die Wissenschaft soll ja frei sein — noch zu, auch den Titel ..außerordentlicher Professor" verleiht mau noch gar zu alten und leider gar zu tüchtigen jüdischen Dozenten — das kostet bekanntlich gar nichts' aber weiter ist die Lehre und die Wissenschaft genau so dem Antisemitismus unterworfen, wie alle anderen öffentlichen Stellen. Jüdische Mittelschuldirektoren gibt es überhaupt nicht, auch wenn die Mehrheit der Schüler jüdisch ist, jüdische Professoren warten jahrelang auf eine Supplentur und wenn sie -eine haben, daun bleiben sie ewig in der lieimteii Rangsklasse. Jüdische Fach- und Volksschullehrer gibt es fast nur von früher her, der Nachwuchs ist derart spärlich, daß mau bald in Verlegenheit sein wird,, in Schulen mit jüdischer Majorität einen jüdischen Leiter ernennen zu können. Die schlechten Aussichten im Lehrfach treiben also die meisten einem aussichtsreicheren Beruf zu. So sind die juristischen Fakultäten, die Handels- und Fachschulen dermalen die von Inden am meisten frequentierten Anstalten. Beim Heer und bei der Marine — das typische Bedauern; Militärärzte werden nur im seltensten Falle aus den jüdischen Bewerbern gewählt und taufen will man sich ja doch nicht, wenn man etwas wie Ehrgefühl im Leibe hat; also wieder Jus und wieder Handel. An diesen Häfen ist unsere Jugend gelandet. Aber auch diese beiden können auf die Dauer nicht alle aufnehmen. Die staatlichen Stellen sind ausnahmslos Protektionsstellen. Reichsratsabgeordnete, natürlich christliche, haben ihre Verbindungen und sorgen für Verwandte und Bekannte, hohe Beamte halten natürlich freie Stellen für ihre Sorgenkinder in Evidenz, beim Land und bei den Gemeindeämtern ist es ebenso und erst unlängst hat der Wiener Bürgermeister einem Interpellanten geantwortet: Wenn der Sohn eines Stadtrates tüchtig ist, sehe ich nicht ein, warum mau ihn ttichl anstellen soll. Das ist gewiß richtig, wenn es auch ein wenig nach Protektionswirtschafl riecht, aber wir haben am meisten darunter zu leiden. Denn die jüdischen Stellensuchenden sind zumeist keine Söhne von Stadträten, auch nicht von Reichsralsabgeordneteu oder höheren Beamten und so haben sie viele, viele Leidenswege zu wandern, bis sie endlich bei einem Advokaten, in einer Bank, Versicherungsgesellschaft, oder in einem Comptoir Unterkommen. Und auch diese jungen Leute müssen besonders gute Referenzen und auch ein klein wenig Protektion haben, denn ohne diese kommt man heute auch nicht bei einer Kultusgemeinde unter, das einzige Gebiet, wo ein Jude sozusagen noch ein Recht auf ein Unterkommen hätte. Aber das Anbot ist leider viel, viel zu groß und die Nachfrage viel zu klein und so kommt es, daß die freien Posten von Hunderten gestürmt werden, und wer will es da den Chefs verargen, wenn sie unter so vielen gerade diejenigen wählen, die besonders empfohlen sind? Was sollen aber diejenigen machen, die nicht besonders hervorragende Vorzüge und gar keine Empfehlungen besitzen? j Sie wandern ins Ausland, sie gehen nach Amerika, oder; sie nehmen was immer, um nur nicht Hungers zu sterben. Und gar viele junge Leute, die mau unter den Fahnenflüchtigen des Judentums findet, haben vielleicht, weil sie doch nicht Selbstmord begehen wollten, die Taufe als letzten Rettungsanker gewählt. Man soll sie doch nicht zn rasch verurteilen, denn ein Teil der Schuld fällt auf diejenigen, die den jüdischen Stellensuchendeu keine Existenzmöglichkert bieten. Darum mögen die maßgebenden jüdischen Stellen, besonders die Gemeinden und großen Wohlfahrtsvereine dieser Erscheinung ihr erhöhtes Augenmerk znwenden und mit Hilfe der Enqueten und der statistischen Daten eine Zentrale der Stellenvermittlung in Wien mit Filialen in den größeren Provinzstädten errichten, damit die Zukunft der jüdischen Jugend nicht ein Spiel der Willkür und der Protektion werde. Noch gibt die drohende Erscheinung nicht offenen Anlaß zur Besorgnis, aber—es könnte bald zu spät werden. A. H. L. Ans der Woche. Vom Bureau der Wiener Allianz erhalten wir folgende Mitteilung: Während-des Monates Juli 1912 wurden von der Zentrale der Israelitischen Allianz in Wien insgesamt 137 Emigranten, davon 128 russische und 9 rumänische weiterbefördert u. zw. 21 nach Argentinien,. 66. nach den Vereinigten Staaten, 13 nach Canada, 3 nach England, 29 nach Frankreich (nach den beiden letztgenannten Ländern in jedem einzelnen Falle nach vorherigem Briefwechsel mit den Hilfskomitees in London, beziehungsweise Paris wegen der Existenzmöglichkeit der betreffenden Einwanderer), 5 nach verschiedenen anderen Ländern. In die Heimat znrückbefördert wurden 13 Rückwanderer. Während des Aufenthaltes in Wien wurden im Juli für 43 Personen zusammen 122 Tage Logis und volle Verpflegung gezahlt und an 95 Emigranten insgesamt 285 Speisemarken für* bie Israelitische Volksküche ansgegeben. ' Warn nng. Bereits dreimal wurde während dieses Sommers das Bureau der Israelitischen'Allianz davon verständigt, daß größere Gruppen angeblich russischer Emigranten von Ort zu Ort durch Oesterreich und Ungarn nach Zigeunerart mit Pferd und Wagen wandern und Spenden sammeln. Nach eingezogenen genauen. Erkundigungen handelte es sich jedesmal um professionelle Wanderbettler, die sich in der Bukowina und in Galizien von Zeit zn Zeit unter Ausnützung des- Mitleides mit unseren verfolgten Glaubensgenossen auf eine Schnorr-Reise. begeben. Für die wirklich durch die. schweren Judenverfolgungen znm Verlassen der Heimat gezwungenen russischen Emigranten ist die Hilfsaktion dnrch-die Israelitische Allianz und ihre Filialen und Schutzkomitees an der Grenze so geordnet, daß ein Wandern und Spendensammeln von Ort zu Ort ganz ausgeschlossen ist. Die Wohltäter, welche unseren bedrängten Glaubensgenossen ans Rußland Hilfe leisten wollen, tun am besten ihre hochherzigen Spenden an die Israel. Allianz. Wien, II., Untere' Donaustraße 33, zu senden. * * * Einer der hervorragendsten Publizisten der tschechischen. Realistenpartei Dr. Jan Herben äußerte sich in Prager Blättern zur Frage des Verhältnisses zwischen I ii b e n und Tscheche n. Er bezeichnet die I u d e n als N a t i o n, deren Geschichte und Schicksale viel Gemeinsames mit der Entwicklung des tschechifche ü Volkes habe. Diese Aehnlichkeit des Schicksals sollte eigentlich feiner Meinung nach gegenseitige Sympathien zur Folge haben. Diese Sympathien, wenn sie gegenseitig und dauernd sein sollen, müssen aber auf gegenseitigem V e f ft ä n b lt i s der Eigenart des anderen Teiles aufgebant sein. Aber auch Dr. Herben fehlt es an dem vollkommenen Verständnis für, die jüdische Eigenart. Er läßt sich, bloß auf die Kenntnis der ä n ß e r e n Schicksale hin, zu Analogieschlüssen verleiten, die in der Logik bekanntlich nicht allzu -hoch eingeschätzt werdend Er meint, weil die Juden zerstreut sind, könne ihre Wiedergeburt keine neue n a t i o u a l e Renaissance bewirken, da diese auch bei den Tschechen an einem